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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Atzmann

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Frage:
In der Hessenschau wurde über eine Figur berichtet, die bei Bauarbeiten in der Leonhardskirche gefunden wurde. Es ist ein c. 600 Jahre alter Atzmann, diente als Pulthalter. Was ist das "Atz-" in dieser Bezeichnung?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Von allen Theorien bleibt nur die nachweisbare Tatsache, dass Atzmann Name eines Lesepults in der Kirche ist. Solche Möbelstücke dienen heute noch als Unterlage für die Bibel oder Bibelteile, aus denen im Gottesdienst vorgelesen wird. Früher waren sie oft reich verziert. Beispiel Stadtkirche Freudenstadt: Das sind wohl die vier Evangelisten, die die Buchauflage tragen, soll heißen: Ihr Werk, die Evangelien, sind das Grundgesetz der Kirche.

Auf den Britischen Inseln haben die Trägerfiguren, die ich gesehen habe, die Gestalt eines Adlers, das Symbol des Evangelisten Johannes. Also sollte man annehmen, dass der freundliche Atzmann in Naumburg und seine Kollegen den Evangelisten Matthäus darstellen, der durch einen Menschen oder Engel repräsentiert wird.

Das Mittelhochdeutsche Wörterbuch führt einige Texte aus dem Frankfurter Baumeisterbuch an (heutige Schreibung):

  1. 1380 "9 Batzen für Tuch für einen Atzmann an der Kirchturmuhr"

  2. 1470 "Nachdem (der Prediger) Berthold eingeschärft hatte, dass man nur lebendige Menschen taufen soll, aber keine toten Menschen, Totengebeine, Silber, Gold oder Wachs, so ruft er (der Geistliche) aus: Pfui, Zauberin wegen deines Atzmanns!"

  3. 1470 bei den Ausgaben für eine Kirchturm-Uhr: "12 Batzen für zwei Atzmännchen vorn am Rad, 2 Gulden, um das Rad, an dem die Atzmännchen stehen, zu machen"

Daraus geht hervor, dass Atzmann eine größere oder kleinere menschliche Figur war, als Teil einer Kirchturmuhr (1, 3) oder als Puppe, die getauft werden sollte (2). Mir fallen dazu die mittelalterlichen Koboldfiguren ein, von denen ich neulich in der Sprachecke geschrieben hatte. Ich vermute, dass man sie "weihte", indem man sie taufen ließ. Irgendwelche Zauberpuppen wird man kaum dem Priester zum Taufen gebrachte haben, es waren eher Heiligenfiguren, die durch eine heilige Handlung ihre Würde bekommen sollten. Es kann aber sein, dass eine scheinheilige Zauberin dem Priester eine angebliche Heiligenfigur zum Taufen unterjubeln wollte.

Anscheinend hat man mit solchen Figuren auch versucht, jemand durch Zauberei zu schaden. Im Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens 1,671 wird eine Redensart zitiert: "einem einen Atzmann in Hafen (Topf) setzen" mit der Folge, dass der Betreffende verfault oder verdorrt, die Schwindsucht bekommt. Das kann wörtlich gemeint sein: Man setzt eine Stellvertreterpuppe in einen Topf, wo man sie verwünscht. Oder er soll dort die Vorräte aufessen, so dass der Geschädigte sich wundert, dass sie nicht reichen. Oder symbolisch: Man schickt ihm einen Dämon, der ihn krank macht.

Das scheint mir aber ein Sonderfall zu sein, der weder zu den Figuren an der Uhr noch zum Lesepult passt. Atze ist ein alter Vorname und Atz(e)mann ein Kosename (wie bei "Sohnemann"), heute Familienname. Auch Kobold war zuerst ein Personennamen, später eine Figur und schließlich ein Dämon.

 

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Datum: 2011

Aktuell: 26.03.2016