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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Bestätigungsfragen

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Frage:
Ein in der Schweiz arbeitender deutscher Informatiker sagt mir, dass er viel lieber in der Schweiz als in Deutschland arbeite, und zwar wegen des Schweizer „oddr?“ am Satzende. Diese Wendung beinhalte für den Angesprochenen die Möglichkeit des Widerspruchs oder einer anderen Meinung. Dagegen sprächen die Deutschen extrem direktiv.
Ich persönlich habe das „oddr?“,isn’t it?“ oder unser „nicht wahr?“, hessisch „net?“, eigentlich immer als zeitraubende, nicht ernst gemeinte oder das „Ähhh“ vermeidende Floskel empfunden, komme aber nach dieser Aussage ins Grübeln.
Steckt oder steckte da doch etwas an Sprachkultur und Toleranz dahinter?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Wenn man hinter jedem Satz "gell", "n'est ce pas" oder "isn't it" sagt, dann werden durch den exzessiven Gebrauch diese Wörter tatsächlich zu einer Floskel und verlieren an Wert wie zu viel in Umlauf gekommenes Geld. Sparsam eingesetzt haben sie die Funktion einer Bestätigungsfrage, die den Hörer mit einbezieht und ihn nicht nur mit Worten überschüttet.
Es ist aber auch ein wichtiger Unterschied zwischen der gesprochenen und der geschrieben Sprache. Wenn ich mit jemand spreche oder eine Rede halte, habe ich die Menschen im Auge, zu denen ich etwas sage. Bei einem Gespräch rechne ich damit, dass der Andere auch etwas sagen will. Bei einer Rede lässt sich das schwer verwirklichen. Aber ich sehe doch, was die Leute für Gesichter machen, und versuche darauf einzugehen.
Beim Schreiben sehe ich das nicht und bekomme nur zeitverzögert Rückmeldungen, bei Briefen z. B., da muss ich mich auf meine Intuition verlassen, dass ich die richtigen Worte finde und niemand verärgere.
Dazu kommt, dass man beim Sprechen zum Mitdenken Zeit geben muss, das ist der Sinn der Floskeln und Ähs. Aber auch der Ausführlichkeit von dem, was man sagt. Schon die Höflichkeit verlangt, dass man nicht mit der Tür ins Haus fällt, sondern den Gesprächspartner erst mal einstimmt auf das, was kommt. Telegrammstil oder Kasernenhofton wären unhöflich.
Was hier Kultur ist, ist beim Schreiben Unkultur. Da hat man selbst Zeit, um an seinen Formulierungen zu feilen, und der Leser, um das Geschriebene auf sich wirken zu lassen. "Äh" oder "net wohr" sind hier fehl am Platz. Diese Konzentration auf das Wesentliche beim Schreiben hat aber seine Rückwirkungen auf die gesprochene Sprache. Da gewöhnt man sich als schreibgewohnter Mensch leicht einen akademischen Vortragston an, der bei einem Gespräch unangemessen ist, aber auch bei einer Rede. Man muss die Menschen mit denen oder zu denen man spricht, einbeziehen.
Mir hat es sehr geholfen, dass ich meinen Dialekt nicht einfach durch Hochdeutsch ersetzt habe, obwohl ich aus beruflichen Gründen hochdeutsch reden musste. Am Dialekt kann man lernen, wie gesprochene Sprache aufgebaut ist, das sind ja nicht nur eine andere Grammatik und ein paar andere Vokabeln. Ich habe als junger Mensch absichtlich versucht, "akademische" Sachverhalte in Mundart umzusetzen, das lässt sich nicht so einfach Wort für Wort übersetzen, sondern man muss ganz anders formulieren. Das war eine Übung, die mir sehr geholfen hat.

 

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Sprachecke 12.07.2011

 

Datum: 2011

Aktuell: 26.07.2016