Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

drängen / dringen

Email:

   

Frage:
Ich las den Satz "Der Papst dringt in Kuba auf Reformen", das "dringt" hat mich irritiert, hätte es nicht richtiger "drängt in Kuba" oder "drängt Kuba" heißen sollen?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Zunächst ein paar grundsätzliche Überlegungen:

  • Dringen / drang verhält sich zu drängen wie

  • trinken / trank : tränken / tränkte

  • fahren / fuhr : führen / führte

Das erste, starke Verb deutet an, dass man selber etwas tut. Das zweite, schwache, ist aus der Vergangenheitsform abgeleitet und deutet an, dass man dafür sorgt, dass andere etwas tun, also trinken, fahren.

Dieser alte Unterschied ist manchmal verwischt. Bekanntes Beispiel ist das klassische

  • hangen / hing : hängen / hängte (Er hängt die Wäsche auf, sodass sie an der Leine hangt.)

Dringen müsste demnach bedeuten 'sich gegen einen Widerstand vorwärts bewegen', drängen 'jemand gegen (s)einen Widerstand in Bewegung setzen'. Von daher müsste es heißen: "Der Papst drängte Kuba..."

In praktischen Leben ist aber das eine vom anderen schwer zu unterscheiden. Ich denke da an ein Erlebnis beim Heinerfest, da wollte ich in den Herrngarten und musste durch den Engpass vorm Eingang durch. Ich schob und wurde von anderen geschoben. Ich drang durch die Menge und drängte mich nach vorn.

 

Ein Blick in die Sprachgeschichte:

  • Otfried von Weißenburg (9. Jahrhundert):

    • mit heri uns sus hiar engit ioh uzar ther burg dringit = mit dem Heer engt er uns hier so ein und dringt uns aus der Stadt hinaus.

  • Luther:

    • Die sich zu jm dringen vnd gleich vberfallen = die sich zu ihm dringen und gleich überfallen (Anmerkung zu Psalm 34,1)

    • Das er nicht dringet / sondern freundlich locket = dass er nicht dringt, sondern freundlich lockt" (Vorrede zum Neuen Testament)

  • Goethe:

    • Und wenn er dringt (fordert)? ‒ Entschuldigen wir uns (Egmont II)

    • der Menschheit Krone zu erringen, nach der sich alle Sinne dringen (Faust I)

    • sage mir frei: Was dringt dich zu dieser Entschließung (Hermann u. Dorothea 4, 125)

  • Schiller:

    • die Stunde dringt, und rascher Tat bedarf's (Tell IV, 2)

In allen diesen Fällen würde ich drängen für richtig halten und bin selbst überrascht von diesen Befunden.

 

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 2012

Aktuell: 26.07.2016