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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Krawall

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Frage:
Woher kommt Krawall?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Die jüngere Geschichte dieses Wortes ist einfach: 1830 wurden in der Rheinische Presse Unruhen in Hanau als "Krawall" bezeichnet. Dadurch ging dieses Wort in die Literatursprache ein, soll aber in Sachsen und Thüringen schon vor 1800 gebraucht worden sein. Spuren lassen sich angeblich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen.
Die Vorgeschichte ist mal wieder schwierig. Schon Grimm 11,2126 hat 1873 angeknüpft an französisch
charivari 'Katzenmusik, absichtlich erzeugter Lärm als Zeichen der Missbilligung', Nebenform charivalli, provenzalisch caravil. Die neueren Erklärer schließen sich Grimm an. Pfeifer 729 führt das französische Wort auf griechisch καρηβαρία karivaría zurück, das 'schwerer Kopf, Kopfweh' bedeutet, "also eigentlich die Folge des Lärms bezeichnet".
Das ist ein sehr gewundener Weg sowohl in der Wortgestalt als auch in der Bedeutung.
Als Quelle von "Krawall" kann weder
charivalli noch caravil in Frage kommen, denn dann würde man "Scharawall" oder "Karawill" erwarten.
Grimm geht aber noch einen Schritt weiter und erwähnt ein neueres englisches
carboil 'Tumult' und schottisch, d.h. schottisches Englisch carrywarry, kirrywery, das wegen des "double u" nicht aus dem Französischen kommen kann.
Charivari, charivalli, carrywarry, kirrywerry scheinen mir eher lautmalende Bildungen zu sein und erinnern mich an larifari, Gillegalle (Spitzname der Heppenheimer), hokuspokus, lirumlarum, schnippschnapp, holterdipolter: Verdopplungen eines Wortes mit anderen Lauten.
Grimm weist ferner noch darauf hin, dass
kar-, kra- auch sonst in Schallwörtern vorkommt. Er nennt mir unbekannte Zusammensetzungen. Aber wir haben Wörter wie Krähe, krähen, Krach, krakeelen / krakeln, kreischen und mit gr z. B., grölen (alt grâlen 'laut feiern'). Angeblich gibt' eine norddeutsche Variante "krölen". Krawall könnte eine Streckform aus dem alten grâlen sein.
Dazu weiß ich eine interessante Parallele:
johlen und jaulen (zwei Laute statt einem) und noch mal gestreckt hessisch jawwele, so hat man bei uns daheim gesagt zu den Klagetönen des Hundes. Also grâlen > Krawall?
Ist Ihnen aufgefallen, dass die Krach-Wörter oft nicht auf der ersten Silbe betont werden?
Krawáll, krakéelen, Rabátz, Radáu (um 1850 in Berlin aufgekommen, Herkunft unbekannt, erinnert mich an den englischen Rowdy, 1808, Vater unbekannt, Mutter vielleicht row 'Krach').

 

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Datum: 2012

Aktuell: 26.03.2016

 

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