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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Notdurft

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Frage:
Woher kommen die seltsamen Wörter Notdurft und Notzucht?

   
Notdurft

Notzucht

 

 

Meine Antwort:

Notdurft ist eine erläuternde Zusammensetzung aus althochdeutsch nōt und durft: eine "Durft" aus Not, nicht aus Verlangen oder Interesse, was dieses Wort auch bedeuten konnte, also "ich muss", nicht "ich will" oder "darf". Bedeuten konnte dieses Wort 'Bedürfnis, Bedarf (Mangel), Not (Zwang), Gehorsam, Notwendiges (was sein muss)', positiv: 'Nutzen' (was die Not wendet), ein Anliegen, das jemand hat (und seine Not wenden kann)'.
Heute ist Notdurft eingeengt auf das "dringende Bedürfnis", dahin zu gehen, wo der Kaiser zu Fuß hingeht "and to wash my hands".
Die alte Bedeutung ist noch zu ahnen in notdürftig, ursprünglich 'nötig', heute 'provisorisch, behelfsmäßig', nur das, was auf die Schnelle getan werden muss und getan werden kann, vielleicht auch schon im Sinne von dürftig 'armselig'.
Durft gehört zu dürfen, heute meist als Hilfsverb gebraucht im Sinn von 'es ist mir erlaubt', althochdeutsch durfan war aber 'brauchen, nötig haben, entbehren, sollen, einen Grund zu etwas haben'.

Auch Notzucht ist ein merkwürdiges Wort, denn Zucht ist etwas ganz anderes, auf Menschen bezogen 'Disziplin' ("Zucht und Ordnung"), hergestellt durch Androhung von Züchtigung 'Strafe, Schläge' - auf Tiere bezogen 'gezielte Fortpflanzung einer Rasse'.
Mittelhochdeutsch nōtziehunge war die 'gewaltsame Entführung und Schändung, im Unterschied zum halblegalen Frauenraub mit Einwilligung der Braut, aber gegen den Willen des Schwiegervaters. Das war in alten Zeiten die einzige Möglichkeit die Frau zu kriegen, die man liebte, wenn man z. B. den Brautpreis nicht bezahlen konnte, aber Manns genug war, sie zu entführen.
Noch drastischer ist nōtzerrunge, nōtzerren. Das Verb von nōtziehunge war althochdeutsch nōtzogōn, davon abgeleitet Notzucht, und davon notzüchtigen.

Germanisch nauþiż 'Not' war etwas Bedrohliches, sogar Lebensgefährliches. Das damit verwandte naus bedeutete im Gotischen 'Leiche', alttschechisch náv 'Hölle'.
Die heutigen Bedeutung sind sehr abgeschwächt, so auch nötigen, 'juristisch: 'unter Androhung von Gewalt zwingen' - meist bleibt's bei der Drohung. In Ostpreußen gab es die Redensart: "Das Essen war nicht schlecht, aber die Nötigung": Wenn man eingeladen war, musste man sich nötigen lassen, überhaupt oder noch mehr zu nehmen. Wenn die Gastgeberin nicht nötigte, blieben die Gäste hungrig.

 

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Datum: 2012

Aktuell: 26.03.2016