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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Stute

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Frage:
Haben Sie schon über die Etymologie des Begriffs Stute
geforscht? Homer beschreibt Stuten mit tʰêleas híppous. Ob die Stuten wohl symbolisch als Trägerinnen der zukünftigen Nachkommen gesehen werden?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Wir haben ja im Deutschen einen sehr reichhaltigen Wortschatz für Nutztiere wie Schweine, Rinder und Pferde:

  • Schwein, Sau, Wutz, Eber, Watz, Ferkel; Barg; Keiler, Bache, Frischling

  • Rind, Kuh, Färse, Stier, Bulle, Farren, Kalb; Ochse

  • Pferd, Stute, Hengst, Fohlen, Füllchen; Gaul, Ross; Wallach; Mähre, Klepper; Schimmel, Pony usw.

Das zeigt, wie wichtig diese Tiere waren.

Eine Stut war ursprünglich die Pferdeherde, eigentlich der Aufenthaltsort dieser Tiere (zu stehen). daher Gestüt 'Pferdezuchtanlage' und Stuttgart 'Gestüthof'.

In den Pyrenäen hat ein Pferdezüchter ein weites Gelände für seine Rösser und er nimmt auch Tiere anderer Pferdebesitzer in die "Sommerfrische", das ist gut für die Jungtiere, damit sie in der Herde Benehmen lernen. Er fuhr mit uns zielstrebig mit seinem Geländewagen quer durch den Wald und fand die Pferde an einer bestimmten Stelle, an der sie sich normalerweise aufhalten, wenn sie nicht zum Fressen ausschwärmen. Das war sehr eindrucksvoll und erklärt auch, warum die Herde nach ihrem Standort benannt ist.

Eine Pferdeherde besteht hauptsächlich aus weiblichen und jungen Tieren. So kam es dass zu 1500 Stute die Bedeutung 'einzelnes weibliches Pferd' bekam. Vorher unterschied man marach 'Hengst' und meriha 'Stute'. Marach war vor allem das Streitross des Ritters, genauso kampflustig wie sein Herr. Die Stuten waren für diesen Zweck anscheinend weniger geeignet.  Mit dem Niedergang des Rittertums geriet marach in Vergessenheit, und übrig blieb nur merhe, Mähre in der ritterlichen Bedeutung 'minderwertiges Pferd'.

Mit unserm reich entwickelten Wortschatz für Nutztiere ist unsre Sprache einzigartig. Homer hatte nur das eine Wort híppos, dessen Geschlecht man durch den Artikel unterscheiden konnte: ho híppos war die Normalform, híppos bezeichnete in Sonderfällen das weibliche Tier (weiblicher Artikel , männlich Endung -os). Der Deutlichkeit halber konnte man ársenes híppoi 'männliche' und thêlees híppoi 'weibliche Pferde' schreiben.

Bei Homer muss man bedenken, dass er ja Verse schrieb und unter dem Diktat des Versmaßes stand. Seine Formulierungen mussten in den Versrhythmus passen, und da hat er vielleicht das eine oder andere Mal "thêleas híppous" geschrieben, auch wenn das Geschlecht im Zusammenhang gleichgültig war. Er musste ja die Verszeile voll kriegen. Ich kenne die Stelle nicht.

 

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Datum: 2012

Aktuell: 26.03.2016