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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

wissen / kennen

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Frage:

Was ist der Unterschied zwischen wissen und ­kennen?

Wissen gehört zu den Präteritopräsentien, wird also wie Präteritum konjugiert, aber bedeutet Präsens.

Ich habe mir auch überlegt, dass man über die Worte Weisheit, weise, wise, wisdom, eventuell weiterkommt. Wenn ich etwas erfahren habe, bin ich weise, weiß also etwas. Andererseits kommt kennen wohl von noscere, ital. cognoscere und heißt auch wieder 'kennen, kennen lernen.'

 

 

   

 

Meine Antwort:

Ahd. kunnan > können hatte bedeutet 'kennen, wissen verstehen > sich auf etwas verstehen, sich auskennen, zu etwas fähig sein'. Von dem Präteritum kann ist als Kausativum abgeleitet kannjan > kennen 'unterrichten, bekanntmachen'. Kennen deutet daher Fähigkeiten an, die über das bloße Gelernthaben (wissen) hinausgehen.

Beispiele:

  • "Ich weiß eine Adresse, an die Sie sich wenden können", d.h. ich habe die Adresse im Kopf, auf Papier oder elektronisch, aber ich hatte nie mit diesem Menschen zu tun.

  • "Ich kenne jemand", d.h. ich weiß mehr als nur Name und Adresse, ich weiß wie er aussieht, wie er spricht, wie er sich verhält, habe meine Erfahrungen mit ihm gemacht und im Kopf eine ganze Datenbank von Erinnerungen.

Genauso ist es ein Unterschied, ob jemand weiß, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist, oder ob er die Stadt kennt, schon dort war und sich dort zurechtfindet.

Man kann sogar unterscheiden zwischen:

  • "Ich weiß / kann die Verkehrsregeln (kann sie aufsagen und auf Fragen Antwort geben)

  • Ich kenne (und beherzige sie)

  • Ich kann Auto fahren."

  • "Ich weiß, wie man Auto fährt, aber ich kann's nicht mehr".

Wissen ist also mehr eine Sache vom Kopf - Kennen eine der Praxis und des Könnens.

Eine feste Regel lässt sich aber nicht aufstellen und im Sprachgebrauch gibt es viele Überschneidungen, so dass kennen und wissen oft synonym gebraucht werden.

Ein weiterer Unterschied:

  • Kennen ist transitiv, erfordert also ein Akkusativ-Objekt: "Kennst du die Frau da drüben?" "Ich kenne" als Antwort geht nicht, da muss es heißen: "Ich kenne sie."

  • Wissen ist normalerweise intransitiv: "Dein Auto hat einen Platten. - Ich weiß."

    Der Inhalt des Wissens wir angegeben

    • mit einem Präpositionalobjekt: "Ich weiß von deinen Sorgen" (ich weiß, dass du Sorgen hast) :: ich kenne deine Sorgen" (inhaltlich)

    • mit einem erläuternden Nebensatz: "Ich weiß nicht, was soll das bedeuten", "weißt du, wo die Blumen sind?", "ich weiß, dass ich nichts weiß".

    • In der älteren Sprache wird wissen auch transitiv gebraucht: "Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl" (ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, und hoffe dass Gott mich führt) :: "Ich kenne den Weg" (und bin ihn schon oft gegangen).

Der Unterschied wird auch deutlich, wenn wir die Ableitungen betrachten:

  • Kennen:

    • die Kunde (in der alten kausativen Bedeutung 'was bekanntgemacht wurde')

    • der Kunde (eigentlich der Bekannte, der sich hier immer wieder bedienen lässt)

    • der Bekannte (den man kennt)

    • Kundschaft 1. 'das Wissen von', 2. 'Leute, die bedient werden wollen'

    • erkennen 'identifizieren, Zusammenhänge entdecken'

    • erkunden 'erforschen'

    • Urkunde 'ein Dokument, das eine "Erkenntnis" rechtskräftig macht', anerkennen 'als richtig, wahr, rechtskräftig bestätigen'

    • bekennen 'eine Schuld, einen Glaubenssatz anerkennen'

  • Wissen:

    • weise, eigentlich 'wissend', nicht nur Daten, sondern auch die Anwendungen und Erfahrungen

    • Gewissen (ursprünglich 'Bewusstsein') 'Selbstbeurteilung'

    • Weisheit 1. 'wenn man weise ist', 2. 'kluger Gedanke / Ausspruch; Äußerung eines Besserwissers'

    • wohlweislich 'nach reiflicher Überlegung, mit guten Gründen'

    • Bewusstsein 'unmittelbar verfügbares Wissen; Wachzustand; Fähigkeit zur Reflexion und Selbstreflexion'

    • Selbstbewusstsein 1. 'Fähigkeit zur Selbstreflexion, Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen, des sozialen Status', 2. 'betont sicheres Auftreten, zwischen Schüchternheit und Anmaßung'

    • gewiss 'genau wissend, sicher'

    • Witz, eigentlich 'Geistesgegenwart, Schlagfertigkeit (= Mutterwitz)', sodann 'geistreicher Ausspruch', heute meist nur 'Ausspruch, über den man lachen muss; nicht ernst gemeint Formulierung'

    • gewitzt 'schlau, pfiffig, auf seinen Vorteil bedacht'

    • Das Kausativum ist weisen 'zeigen, führen, belehren'.

      • unterweisen 'belehren'

      • beweisen 'die Argumente für eine Behauptung anführen'

      • sich ausweisen 'sich zu erkennen geben, sich identifizieren lassen'

      • Verweis 'Tadel' (wohl im Sinn von 'ein Fehlverhalten erkennen und den Übeltäter zurechtweisen')

Die Rechtschreibung hat ihre Tücken: wissen / weiß und weise. Das Nebeneinander beider Formen geht bis in die indogermanische Zeit zurück:

  • Vgl. lateinisch video 'ich sehe' / vîdi 'ich habe gesehen' / vîsus 'gesehen'.

  • Indogermanisch *ʊid- 'sehen' / *ʊoida 'ich habe gesehen und weiß' / ʊîd-tós > ʊîdstós > ʊîsós 'gesehen'

Das deutsche ß, ss geht auf idg. d zurück (ʊoida > weiß), das s auf s < dts < dt (ʊîsós > weise).

 

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Übersicht

 

Begriffe: Psychologie | Sprachecke 05.07.2005

 

Datum: 2012

Aktuell: 15.11.2016