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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Fragen und Antworten

Die Wahrheit der Evangelien

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Frage:
Dem Grunde nach sind diese genannten frohen Botschaft schön wie ein Märchen zu lesen, historisch fehlt dazu jegliche Wahrheitsfindung. Es wäre jetzt zu mühselig auf die widersprüchlichen Inhalte der sog. Evangelisten einzugehen. Mir persönlich stellt sich die Frage: Wer, wo und wann hat die Dokumte gefunden, entdeckt, phantasiert usw.? Wo werden sie geheimnisvoll unter Verschluss gehalten? Oder will man, wie eben in Religionen, Märchen für sich behalten u. dem Volke dicke Lügen einzubläuen, damit man sie schön im Griff behalten will?

 

 

   

 

Meine Antwort

Aus dem Altertum ist wenig erhalten

Es gibt aus dem Altertum kein einziges Originaldokument, wenn man von Steininschriften und den babylonischen Tontafeln absieht. Das betrifft nicht nur die Bibel, sondern auch Geschichtsschreiber, Zeitzeugen, Philosophen, Naturwissenschaftler, Erzähler; Dichter. Diese Bücher kennen wir nur aus späteren Abschriften und Übersetzungen. In vielen Werken, auch in der Bibel, ist manchmal vermerkt, woher dieses oder jenes Zitat stammt, oder welche Werke ein Verfasser geschrieben hat. Von daher haben wir eine Vorstellung, dass es im Altertum wesentlich mehr Bücher gab als das, was heute bekannt ist.

Was ist mit ihnen passiert? Sie waren auf vergängliches Material geschrieben und sind verbrannt, verfault, verloren gegangen. Das ist ein ganz normaler Prozess. Auch heute brennen Bibliotheken und Archive ab oder fallen sonstigen Katastrophen zum Opfer. Aber mit dem Unterschied: Wenn die Stadtbücherei abbrennt, dann gibt es diese Bücher in x-facher Ausfertigung auch anderswo, weil alles gedruckt ist. Vor Gutenberg musste alles von Hand abgeschrieben werden, da wurden nur "Bestseller" vervielfältigt, und wenn andere Sachen verdarben, gab es keinen Ersatz.

Bisher hatte ich es nur von Sachen, die im allgemeinen Interesse waren. Daneben gab es aber auch noch Unmassen von Briefen, Rechnungen, Verordnungen, Verwaltungskram… Was macht man heute damit? Wichtige Privatbriefe und Dokumente hebt man vielleicht auf. Die Erben könne damit nichts anfangen oder auch nicht lesen und haben keinen Platz – weg damit! Die Behörden haben Aufbewahrungsrichtlinien, die genau angeben, was wie lange aufgehoben werden muss, so ist es jedenfalls bei uns in der Kirche. Man kann nicht alles aufheben. Und manchmal liest man von einem Skandal, wo vorsätzlich belastendes Material vernichtet wurde, wie bei den Stasi-Unterlagen. Und oft genug gingen wertvolle Dokumente im Krieg zugrunde.

Aus dem Altertum ist und Mittelalter also kaum was erhalten an Privatbriefen und gewöhnlichen Verwaltungsakten.

keine Geheimniskrämerei der Kirchen

Alle bekannten Texte sind nicht unter Verschluss...

Es gibt eine Menge jüdischer und christlicher religiöser Schriften, die etwa gleichzeitig mit denen der Bibel entstanden sind, die liegen nicht im Vatikan unter Verschluss, sondern sind in Bibliotheken oder im Web frei zugänglich, manche noch im Buchhandel erhältlich. Ich selbst besitze auch einige. Das Problem ist nicht, dass man sie nicht lesen darf, sondern dass man sie nicht versteht. Ich kann lateinische, griechische und aramäische Texte lesen. Altslawisch oder Koptisch kann ich nicht. Und einige Bücher verstehe ich auch in der deutschen Übersetzung nicht – verworrene Gedanken, warum sollte ich mich damit beschäftigen?

Natürlich ist auch davon nicht alles erhalten, so auch die meisten Schriften der "Irrlehrer". Aber wir wissen, dass es sie gab, wer sie geschrieben hat, welche Titel sie hatten und kennen jede Menge Zitate, weil sich die "rechtgläubigen" Autoren damit auseinander gesetzt haben und in ihren Texten wortwörtlich anführten. Deren Bücher waren nicht geheim und die Zitate wurden auch nicht von einer Zensur geschwärzt. Grund: Die "Irrlehren" waren ja bekannt und man sollte die "rechtgläubigen" Bücher lesen, damit man lernte, was richtig und was falsch ist. Das war eine offene Auseinandersetzung, die Studenten müssen bis zum heutigen Tag nicht nur Dogmen pauken, sondern auch das, was die Gegenseite behauptet hatte.

Das ist kein geheimes, sondern offenes Wissen der Theologen, für das sich aber kaum jemand interessiert. Das kann ich niemand übelnehmen, man kann nicht alles wissen und kann sich nicht für alles interessieren. Aber dann darf man auch nicht meckern und behaupten, die kirchlich Behörden hielten etwas böswillig unter Verschluss. Ich werfe ja auch der Frankfurter Börse nicht vor, dass sie mir ihre Aktenkurse nicht unter die Nase reibt – ich interessiere mich nicht dafür, sonst könnte ich mich ja informieren.

Und umgekehrt muss ich die fragen, die solche Geheimhaltungstheorien behaupten: Wenn der Vatikan wirklich Bücher unter Verschluss hält – woher wollen  sie das wissen? Und woher wollen sie wissen, was in diesen Büchern steht?

... sind aber nicht leicht zugänglich und schw4er zu verstehen

Es ist doch vielmehr so: In alten Bibliotheken schlummern viele Schätze, von denen kaum jemand eine Ahnung hat, auch die Besitzer nicht. Man kann ja nicht einfach einen alten Schmöker aus dem Regal nehmen und lesen, da gelten strenge Regeln, damit das wertvolle Stück nicht beschädigt wird. Und wenn, kann man die Handschrift nicht ohne weiteres lesen und versteht die Sprache nicht. Ich habe mittelalterliche Urkunden abgeschrieben und übersetzt – da sitzt man tagelang an einer Seite. Es ist nicht die Bosheit der Bibliotheksbesitzer, sondern es sind äußere Schwierigkeiten, die den Zugang verhindern.

Es gibt keine Originaldokumente aus der Jesuszeit

Und nun zu den Evangelien: Da das heilige Texte sind, wurden sie besonders sorgfältig aufbewahrt und abgeschrieben. Wir haben eine Textseite aus dem Johannesevangelium, das ist nur wenige Jahre jünger als die vermutliche Urschrift. Und von Markus gibt es einen Fetzen, der ist fast so alt wie das Evangelium selbst. Das das nur ein paar schlecht lesbare Zeilen sind, ist aber sehr unsicher. Und warum erfährt man nichts davon? Weil das 1. Spezialwissen  ist, für das sich kaum jemand interessiert, und weil 2. seriöse Forscher nicht wie die Sensationspresse unsichere Vermutungen bekannt geben.

Das Hauptproblem für Sie dürfte aber sein, dass Jesus wie auch die damaligen Rabbiner seine Lehren nur mündlich weitergegeben hat. Und das aus gutem Grund: Papier ist geduldig und Lehrbücher auch. Die Jünger (= Schüler) sollten das aber alles im Kopf haben. Nehmen Sie eine modernen Richter oder Arzt, die müssen doch auch ihr Grundwissen im Kopf haben, die Paragraphen und Krankheiten.

Wichtig ist nicht die historische Wahrheit der Geschichten, sondern das, was Jesus gewollt hat

Es gibt also keine Originaldokumente aus der Jesuszeit. Es kommt aber auch gar nicht auf die historische Wahrheit an, sondern auf den Inhalt von dem, was Jesus gewollt hat: Wichtiger als alle anderen Gebote sind die zwei: 1. Liebe Gott von ganzem Herzen, 2. sei lieb zu deinem Mitmenschen, denn er ist wie du.

Dazu kommen die Lebensregeln der Bergpredigt: Strebe nicht nach Macht, Ehre und Geld, sei bescheiden, behandle deine Mitmenschen liebevoll, sei deinem Partner treu, sei ehrlich usw.

Jesus hat sich das gewiss nicht alles aus dem Finger gesogen. Sondern er knüpft an an das Alte Testament und die damaligen Vorstellungen, die aus anderen Büchern bekannt sind. Neu aber ist, dass er das Liebesgebot so in den Mittelpunkt stellt.

Sagen Sie nicht, "die Kirche hält sich aber nicht daran." Ich persönlich fühle mich Jesus gegenüber verpflichtet – was nicht ausschließt, dass ich immer wieder Fehler mache.

 

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Datum: 2013

Aktuell: 26.03.2016