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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Fragen und Antworten

Offenbarung 12

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Frage:
Offb. 12 beschreibt die "Geburt" des "kosmischen" Christus, davon ist zu unterscheiden der "göttliche", über den wir nichts wissen und sagen können und der "inkarnierte" Christus, der uns in den Evangelien bezeugt ist.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Die Unterscheidung zwischen kosmischem, göttlichem und inkarnierten Christus ist mir neu. Man kann diese Vision sicher so deuten, denn die Katholiken sehen in der Frau ja die Muttergottes, dann müsste das Kind ja Christus sein und der Drache ist selbstverständlich der Teufel. Wir Evangelischen tun uns schwer mit dieser einfachen Erklärung.

Die Frage ist, wie diese Vision im Gesamtzusammenhang der Offenbarung zu verstehen ist: In der Mitte der Buches (10-18) steht ein größerer Einschub in die regelmäßige Abfolge von 3x6 Plagen + Sabbat. Die 3. Serie mit den Zornesschalen teilt diesen Einschub in zwei Teile, die symmetrisch angeordnet sind: 13 f werden die dämonischen Tiere aus Danierl und das Gotteslamm gegenübergestellt, dem entspricht in einem anderen Bild 12 die Himmelsmutter mit Kind und der Drache. Sie ist das Gegenbild von der Hure Babylon und den Chaosmächten aus dem Meer (17), die in den Untergang Babylons (18) hineingezogen wird.

Der Kenner weiß natürlich, dass die Offenbarung eine Auseinandersetzung ist mit dem römischen Kaiserkult, und die Verhältnisse in den 90er-Jahren mit diesen Bildern beschreibt. Was Johannes richtig prophezeit, ist der Untergang "Babylons" = des heidnischen Roms, die 1000-jährige Herrschaft Christi und der Heiligen, in denen der Teufel im Abgrund gefangen ist und den folgenden Wirren, nachdem der Teufel wieder freigekommen ist, u. zw. aus kleinasiatischer Sicht:

  • 4. Jahrhundert Duldungsedikt, Christentum Staatsreligion, Beginn des christlichen Byzantinischen Reichs. Christus ist nominell Staatsoberhaupt, der Kaiser nur sein Stellvertreter. Die "Heiligen" = Christen regieren die Welt auf der Erde und die im Himmel haben den Platz der heidnischen Götter eingenommen.
    Sagen Sie nicht: Das Reich Gottes stelle ich mir aber anders vor. Ideale sind nur solange ideal, wie sie nicht verwirklicht werden. Sobald sie Wirklichkeit werden, wiederholt sich die Inkarnation: Auch der inkarnierte Christus war nur ein Mensch, anfechtbar, angefochten, angreifbar, angegriffen. leidend und elend gestorben.

  • 14. Jahrhundert Türkeneinfall, Kreuzzüge, Ende des Byzantinischen Reichs. Ich kenne keine Zukunftsprognose, die über 1200 Jahre eine Entwicklung so exakt vorausgesagt hat. Man darf sich bloß nicht von der Fülle von Einzelbildern irritieren lassen und muss das Ganze im Auge behalten.

Offb 12 steht ziemlich genau in der Mitte des Buches und hat schon deswegen eine "zentrale" Bedeutung. "Als die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn". Demnach müssten die ersten 14 Plagen bereits der Vergangenheit angehören. Es gehört mit zum Wesen einer Apokalypse, dass sie nicht einfach Zukunft voraussagt, sondern Geschichte deutet. Außer der Johannes-Offenbarung sind alle anderen Apokalypsen angeblich in grauer Vorzeit geschrieben, stellen die Entwicklung bis zur Zeit der "Auffindung" des Buches dar und wagen dann erst genaue Prognosen, wie es weitergeht. Beispiel Daniel (Zeit des Exils) spielt auf die Makkabäer-Zeit an. Die dämonischen Tiere sind dort historische Reiche von Nebukadnezar bis Alexander / Antiochus. Daniel weissagt nicht die verschiedenen Reiche, sondern den Misserfolg des Hellenisierungsversuches (richtig, mit militärische Nachhilfe) und die Herrschaft des Menschensohns, der mit den Heiligen des Höchsten = Israel identifiziert wird (na ja). Bildliche Aussage: ursprünglich und später mehrfach uminterpretiert: Nach den vier bestialischen Reiche aus dem Chaosmeer kommt ein menschliches, humanes Reich aus dem Himmel, dessen Symbol der himmlische Menschensohn ist.
Jesus knüpfte deutlich daran an, hat vom kommenden Menschensohn gesprochen und hat sich (bzw. wurde) mit ihm identifiziert. Sein Anspruch hat sich aber vermischt mit der Erwartung eines politischen Messias, die er ausdrücklich abgelehnt hat (ganz deutlich das Bekenntnis des Petrus in Mk 8: Petrus: Du bist der Messias. - Jesus: Haltet bloß den Mund, denn der Menschensohn muss leiden. Das ist nicht "Messias-Geheimnis", sondern da prallen die Erwartung der Jünger und das Selbstverständnis Jesu aufeinander.

Wenn aber Offb 12 die "Mitte der Zeit" darstellt, dann redet dieses Kapitel tatsächlich von der Geburt - nicht des kosmischen Christus, sondern des leidenden Menschensohns, in mythischer Sprache dieselbe Aussage wie Mt 2 in historischer: kaum geboren wird der Menschensohn und seine Eltern schon verfolgt. Sie können sich nur durch die Flucht in die Wüste retten.

 

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Übersicht

 

Wissenswertes über die Offenbarung

 

Datum: 2013

Aktuell: 26.03.2016