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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Siebter Himmel

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Frage:

Ich hätte gerne die Bedeutung von "wie im siebten Himmel" gewusst.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Das Bild geht zurück auf die frühere Vorstellung von der Welt: Stellen Sie sich eine Käseglocke vor: Die Erde ist der Teller, der Käse sind wir und das Glas ist der Himmel. Sie in Fränkisch-Crumbach haben vielleicht noch die Möglichkeit, den Sternenhimmel in seiner vollen Schönheit zu genießen. Das sieht so aus, als seien die Himmelskörper alle an der Innenseite einer Halbkugel befestigt, im Bild: innen an  der Käseglocke.

Natürlich wusste man, dass der Himmel nicht bloß eine gewölbte Fläche ist, sondern ein Raum. Mit der Luft, wo die Vögel und Wolken sind, fängt es schon an, und dann sind mehrere "Sphären", Kugelebenen übereinander gestapelt (heute: Troposphäre, Stratosphäre usw.). Nach der  alten Vorstellung war die "Käseglocke" mit den Sternen nur ein weiterer Himmel, darüber dachte man sich noch mehr, in denen man Engel ansiedelte. Dieser geschachtelte Himmel war nicht nur die Welt der Sterne, sondern auch der Geister, die ganz bösen dummerweise ganz unten, die besseren weiter oben. Und Gott als den Höchsten dachte man sich ganz oben, im "siebten Himmel".

Unten ist stinkender Käse und gibt es manchen Sturm und Donnerwetter, darüber herrscht Ruhe, Frieden und Harmonie. Die Harmonie stellte man sich musikalisch vor, daher die musizierenden Engel nebst dem grantigen "Münchner im Himmel", der zum Harfespielen verdonnert wurde und gar keinen  Sinn dafür hatte.

Vielleicht eine primitive Vorstellung. Aber der Glaube an die himmlische Harmonie wurde genährt von der Beobachtung, dass sich die Sterne und auch die Planeten auf regelmäßigen, berechenbaren Bahnen bewegen. Man erkannte schon früh, dass das mehrere Sphären sein müssen und nicht nur die Innenseite eine Käseglocke. Dass sich die Sterne frei im Raum bewegen, ist erst eine neuere Entdeckung. Vorher glaubte man immer noch, dass sie an einer von mehreren Käseglocken befestigt seien, die sich in unterschiedlichem Tempo um eine gemeinsame Achse drehen. Vom Globus hat man behauptet, dass er "quietscht und eiert", die Himmelsphären dachte man sich nicht nur besser geschmiert und justiert, sondern als eine Art Spieluhr, die nicht quietscht, sondern Musik macht.

Auch wenn sich das als Irrtum erwiesen hat - im luftleeren Raum kann es gar keine Musik geben und man hört auch nicht das Tosen des Sonnenwinds und das Brüllen der Sonneneruptionen - hat sich die Vorstellung von der himmlischen Harmonie bis heute gehalten. Sie kennen vielleicht den Song von Reinhard Mey: " Über den Wolken Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, Sagt man, Blieben darunter verborgen Und dann Würde was uns groß und wichtig erscheint Plötzlich nichtig und klein."

Ich finde das buchstäblich sehr erhebend, den irdischen Käse unter mir zu lassen und alles in Gedanken von oben zu betrachten. Da sind unsre kleinlichen Streitereien auf einmal "nichtig und klein" samt denen, die sich im  Moment fürchterlich aufblasen und wichtig tun. Und aus dieser Sicht fügt sich auch manches harmonisch zusammen, was unten unvereinbar erscheint.

Der mittelalterliche Gelehrte Nikolas von Kues hat das auf eine kurze Formel gebracht, "das Zusammenfallen der Gegensätze", die in Gott zu einer höheren Einheit zusammengefügt sind. Mir hat diese Idee schon oft geholfen.

Im siebten Himmel, glaubt man, herrscht eitel Freude und Seligkeit. Daher die Redensart. vielleicht ist es auch nur der 3. oder 4. Ganz oben ist eitel Harmonie und Frieden. Nicht die Friedhofsruhe, bei der man zum Glück nichts mehr mitkriegt, wie's weitergeht, sondern die Gelassenheit, die wir jetzt schon verspüren können, wenn wir die Welt aus höherer Warte betrachten und nicht nur aus unserm Loch im Käse.

 

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Datum: 2014

Aktuell: 16.02.2018