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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Feuer

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Frage:
Warum gibt es im Indoeuropäischen für Feuer so viele verschiedenen Wörter: deutsch Feuer - ir. tine, dóiteáin - dän. lid - schwed. eld, brasa - russ. ogon, kurit - poln. zar - arm. krak ...

 

 

   

 

Meine Antwort:

Dazu erst mal ein paar Überlegungen vorweg:

1. Es gibt in jeder Sprache oft nicht nur ein Wort, sondern mehrere für irgendetwas. Die Eskimos gaben angeblich zig Ausdrücke für Schnee, wir sind auch nicht arm dran (Schnee, Firn, Flocken, Wächte, schneien, rieseln, stieben...) So auch Feuer, Brand, Flamme, Glut, Lohe, brennen, lodern... Dazu kommen Wörter, die nicht direkt das Feuer bezeichnen, aber doch damit zu tun haben wie Asche, Ruß, Rauch, Herd...

Feuer ist nur der Oberbegriff. Das andere sind Teilaspekte (Brand 'Oxidation mit Wärme- und Licht-Entwicklung', Flamme 'glühendes Gas', Asche 'Verbrennungsrückstände', Herd 'Feuerstelle'. Beim Sprachvergleich macht man oft den Fehler, dass man sich auf ein einziges Wort konzentriert und sich dann wundert, dass andere Sprachen ganz andere Ausdrücke haben.

Aber oft denken die anderen ganz anders. Beispiel englisch: Himmel = sky / heaven; horse = Pferd, Gaul, Ross, Schimmel, Rappen, Mähre, Klepper... Oder bekommen = get / become = werden; deutsch = German / Dutch = holländisch.

Manchmal ist es also so, dass die anderen dieses Wort auch haben, aber in einer abweichenden Bedeutung (und natürlich auch nicht in derselben Lautgestalt).

 

2., und damit nähern wir uns dem Thema: Wasser und Feuer sind Geschwister, beide sächlich und mit -r. Das geht bis in die indogermanische Urzeit zurück, idg. *ʊëdōњ / *pëḫʊëњ, griech. hydor / pyr, hethitisch watar / pahhur (arm. hur ohne p-). Dazu noch eine Merkwürdigkeit: Diese Wörter hatten nur im Nominativ -r, sonst ‑n (*vódor / *vedenós). Dieser Wechsel wurde später aufgegeben, daher dt. Feuer = got. fon (Fun-ke 'Feuerchen'), dt. Wasser = schwed. vatten (vatterfall 'Wasserfall'). Die Slawen haben das ‑r weggelassen, daher voda > vodka 'Wässerchen'.

Aind. agni, lat. ignis, russ. ogon, ukr. vohon (ganz normal, v vor o-, h statt g)  lett. uguns sind männlich. Das kann damit zusammenhängen, dass das wie in Indien der Name des Feuergottes war. Die Griechen (Hestia) und Römer (Vesta) verehrten das Herdfeuer als Göttin - Feuerhüten war Frauensache.

War das männliche Feuer das Schmiedefeuer? Das ist ja noch relativ jung, erst nach der Steinzeit. Dann müsste agni usw. eine Neuerung sein. Oder das Schadfeuer, das ja manchmal auch von Menschen "gestiftet" wird. Sollte Agni davor bewahren?

Merkwürdig ist der Zusammenhang von Feuer und Wasser in brennen / Brunnen, Brandung, engl. burn / Born (ursprünglich 'sieden, wallen'?) Auch *ẖëǩnis 'Feuer' / *ẖëča 'fließendes Wasser > lat. aqua 'H2O'?

 

Zar, zhar ist eigentlich nicht 'Feuer; sondern 'Hitze, Glut', idg. *ğʰër-, griech. thermos 'warm', alban. zjarr 'Feuer', lat. fornus 'Ofen', dt. gären (auch wieder mit Wasser!).

Armen. krak ist unverständlich. K kann idg. g sein oder gv, aber nicht gvh. Ein Schallwort 'knistern, prasseln, "krachen, crack?"

Die kelt. Wörter (ir. tine usw.) gehen zurück auf  idg. *tep- 'warm sein', *tepnets 'Hitze, Feuer'. Die Kelten wie auch die Armenier hatten ihr p verloren. Dóiteáin ("dōtsān") = do + tine.

Agni usw. entsprechen got. auhns ("auchns" oder "ochns"), dt. Ofen mit unklarer Lautentwicklung.

 

Ein anderes Feuerwort ist idg. *ḫës-, lat. ar-dêre 'brennen', heth. hasas 'Herd', lat. ara 'Feueraltar', dt. Esse 'Schmiedeherd, Rauchfang', Asche (as-ka 'zum Herd gehörig'), idg. *hestrom, lat astrum 'Gestirn', *hester > Stern, hebr. esch 'Feuer'  (germ. sch =  s+k, sem. sch = Art s).

Auch pëḫʊëњ 'Feuer' hat eine Entsprechung im Semitischen: b-ʕ-r 'brennen' (mit ʕ, einem Kratzgeräusch im Hals, entspricht dem idg. h) und dazu hbr. be'er 'Brunnen', bôr 'Zisterne' und wieder Wasser.

 

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Übersicht

 

Begriffe: Feuer

 

Datum: 2014

Aktuell: 16.02.2018