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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Krügelchenbrauch

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Frage:

Ich möchte gerne wissen, was sich genau hinter dem Begriff Krüg(g)elchen verbirgt.

Von meiner Mutter (80 Jahre) hörte ich, dass es zu ihrer Konfirmation 1947 / 48 üblich war, dass ein der Familie nahestehendes Kind die Konfirmandin als "Krüg(g)elches"-Trägerin begleitete. Das Kind trug eine Vase mit einer Blume und es wurde auch mit der Konfirmandin fotografiert.

Bei meiner eigenen Konfirmation 1970 gab es diesen Brauch nicht mehr in Groß-Umstadt.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Krüggelchen ist die Verkleinerung von Krug, man fügt zwischen -ch, -g, -k und -chen im Hessischen gern -el- ein, um die Aussprache zu erleichtern: Buch - Büchelchen, Krug ("Kruch", beides mit kurzem u / ü) - Krüggelchen, Stück - Stückelchen, auch bei anderen Wörten (Blümmelchen).

Krüggelchen bedeutet in diesem Fall 'Vase', vielleicht mit Henkel, damit man's besser halten konnte.

Der Brauch scheint eine Umstädter Besonderheit gewesen zu sein, ich war 20 Jahre Pfarrer in Georgenhausen und habe nie was davon gehört und auch auf alten Konfirmandenbildern keine Krüggelchen gesehen.

Eigentlich ist das einfach zu erklären: Die Blumen sollen die Hauptpersonen (Konfirmanden, Braut) an diesem Fest schmücken, haben aber Nachteile: 1. Sie welken, 2. Die Konfirmanden müssen ein Gesangbuch tragen und bei der Einsegnung die Hände frei haben. Da gibt es mehrere Abhilfen: keine Blumen, Blume am Kleidungsstück befestigt (teilweise im Miniväschen) - Bei meiner Konfirmation (1957) hatten wir Buben keinen Schmuck, die Mädchen einen Kranz und einen Anstecker. Bei der goldenen Konfirmation trugen wir "goldene" Blumenimitate.

Das Krüggelchen mit einer eigenen Begleitperson war also eine geschickte Abhilfe.

Reiche und mächtige Leute haben sich früher mit einem ganzen Schwarm Personal öffentlich sehen lassen, die ganz banale Aufgaben hatten, die Menschen wie wir ohne Schwierigkeiten allein erledigen können. Bei Festen ist solches "Personal" ein Zeichen besonderer Ehre, z. B. die Brautjungfern, Blumenkinder, Schleierträger bei der Hochzeit. In Groß-Zimmern hat man einen Jungen angeheuert, der ein großes Kreuz vor dem Sarg her trug.

Bei Bräuchen ist es doch meistens so, dass keiner mehr recht weiß, warum man das so macht. Ihre Mutter braucht sich also keine Gedanken um Ihr Gedächtnis zu machen, wenn sie sich zwar erinnern kann, aber nicht die Hintergründe kennt. Manchmal werden auch Bräuche weiter gepflegt, die längst keinen Sinn mehr haben. In Spachbrücken z. B. bekamen bis Ende der 80er die Sargträger und der Pfarrer vor der Beerdigung eine Zitrone, eigentlich zum Desinfizieren. Die hätte man aufschneiden müssen und sich die Hände damit einreiben, hat aber niemand mehr getan und war auch nicht nötig. Die Zitronen bekamen wir trotzdem.

 

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Datum: 2014

Aktuell: 16.02.2018