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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

sei / wäre

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Frage:
Können Sie mir bitte den grammatischen Unterschied zwischen den Konjunktiven "Er sagt, es sei schönes Wetter" und "...wenn es schönes Wetter wäre..." erklären?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Die Formen sind leicht bestimmt: "Sei" ist der Konjunktiv Präsens (also zu "bin, ist, sind"), "wäre" der Konjunktiv Präteritum (zu "war"). Ähnlich "er habe / hätte, er komme / käme). Da beide Formen sich aber von einer zeitlichen Reihenfolge fast völlig abgekoppelt haben, sagt man heute lieber Konjunktiv I und II.

Kompliziert wird's bei der richtigen Anwendung im Sprachgebrauch:
Die Duden-Grammatik § 748 ff unterscheidet folgende Funktionsbereiche:

  1. "Irrealität / Potenzialität" (in der Schule sagten wir Möglichkeitsform.)
    Hier wird nur der Konjunktiv 2 (wäre) verwendet:

    • Wunsch: "Ach wäre der Winter schon vorüber!

    • Bedingung: "Wenn das Wörtchen wenn nicht wär..." (irreal, da es Bedingungen gibt)

    • Aussage: "Sie wäre fast nicht gekommen," kam aber doch.

    • Höflichkeit: "Wären Sie bitte so freundlich...?"

  2. "Referat" (indirekte Rede), theoretisch mit beiden Konjunktiven

    • "Sie sagte, er sei / wäre daheim."

    Man vergleicht dabei die Formen der direkten und indirekten Rede; von daher kommt die zeitliche Reihenfolge doch wieder ins Spiel:

    • Sie sagte: "Er ist daheim" - "er sei daheim"

    • "Er war daheim" - "er sei / wäre daheim gewesen"

    • "Er wird daheim sein" - "er werde daheim sein"

    Da wird der Zeitbezug nicht durch "sei / wäre" ausgedrückt, sondern durch die zusammengesetzte Zeitform ("gewesen, werde sein")

In § 776 schreibt Duden aber für die indirekte Rede vor:

  • (i) Konjunktiv I ist zu wählen, wenn die aktuelle Verbform eindeutig als Konjunktiv zu erkennen ist.
    Also "sei, dürfe, könne, möge, müsse, solle, wolle, wisse", nicht "wäre, dürfte..."

  • (ii) Steht keine eindeutige Konjunktiv-I-Form zur Verfügung, erscheint der Konjunktiv II: ich darf /dürfe, aber: wir dürfen / dürften.

Diese Regelung macht die korrekte Verwendung so kompliziert. Manchmal darf man, manchmal nicht. Immer diese Entscheidungen!


Den Konjunktiv drücken wir auch durch Umschreibung mit "würde" aus, aber "er würde da sein" geht in der schriftlichen Standardsprache nicht.

 

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Datum: 2014

Aktuell: 26.03.2016