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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Beutel

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Balg

Beutel

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Tornister

 

Frage:
Wieso füllte man früher den Wein in Schläuche und hörte die Musik aus dem Dudelsack, wo doch sowohl das Musikinstrument als auch der Weinbehälter aus dem Balg eines Tieres stammten? Ebenso aus gegerbter Tierhaut war der Geldbeutel, den man am Gürtel trug und sich gegebenenfalls vom Beutelschneider nehmen ließ. Trägt der moderne Wanderer heute einen Rucksack, war dies früher ein absolut metallfreies Felleisen.

 

 

 

 

Meine Antwort:

Wein in Schläuchen, d. h. zugenähten Ziegenbälge, das hatte den Vorteil, dass der Behälter nicht so schwer ist wie ein Fass oder eine Amphore. Das war aber kein deutscher Brauch, sondern ein mediterraner, aus der Bibel bekannt.

Schlauch ist heute etwas Anderes. Ursprünglich nannte man so die Speiseröhre, den Elefantenrüssel, leere Schlangenhaut, die bei Häuten abgestreift wird und schließlich einen ledernen Behälter für Flüssigkeit. Die heutige Bedeutung 'flexibles Rohr' schließt sich an die älteren Bedeutungen an.

 

Balg ist eine abgezogene Haut. Mein Vater hatte Stallhasen, denen hat er beim Schlachten gekonnt das Fell über die Ohren gezogen, von hinten nach vorn, sodass die Haare innen waren. Die wurden getrocknet und an einen Händler verkauft.

Die Brüder meiner Mutter behaupteten: "Deine Puppen sind Bälge", worüber sie sich sehr ärgerte. Kann heißen 'ausgestopfte Hüllen' und 'uneheliche / unerwünschte / ungezogene Kinder'. Das erste war wohl richtig, das zweite unzutreffend.

Mit Balg verbinden wir die Vorstellung von etwas prall Gefüllten, daher englisch belly 'Bauch', Blasebalg, althochdeutsch belgan 'zürnen' (eigentlich 'aufgeblasen sein', tief Luft holen und lospoltern). Dazu wohl keltisch der keltische Stammesname Belgae 'die vor Stolz Geschwollenen' und Fír Bolg, einer vorirische Einwanderergruppe.

 

Streng genommen hat der Dudelsack (Sackpfeife) auch einen Balg und keinen Sack. Das sind junge Namen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Warum hat man Sack und nicht Balg gewählt? Das klärt sich, wenn wir wissen, was ein Sack ist.

 

Sack ist der semitische Name eines groben Wollstoffes aus schwarzem Ziegenhaar, den man im Orient als Trauerkleidung trug (in Sack und Asche, in Sack gekleidet und den Kopf mit Asche bestreut).

Bei lateinisch saccus war noch die alte  Bedeutung 'grober Stoff' bewusst; man benutzte ihn z. B. zum Filtern, machte aber auch Textilbehälter draus für Getreide, Geld oder Kräuterkissen zu Auflegen auf kranke Körperstellen. Bei uns hat sich Sack ganz auf die neue Bedeutung 'Beutel' beschränkt, vom großen Maltersack bis zum Kamillesäckchen, auch für die neuen Taschen an den Kleidern (Hosensack) - und eben auch Dudelsack. Weil man ihn trägt wie einen Zwerchsack (Riemen über einer Schulter, Sack unterm Arm)?

 

Felleisen ist ein romanisches Wort für 'Satteltasche', dem französisch valise 'Koffer' entspricht. Im Deutschen sprach man lateinisches v wie f (heute noch in den Dialekten). E ist Umlaut vor i ("fälise"); das lange i wurde zu Beginn der Neuzeit zu ei (wie bei Paradeis), also die feleise / Genitiv der feleisen. Der Ton lag im Mittelalter schon auf dem e, dann hätte aber "Fehleisen" draus werden müssen wie bei Felden > Fähle > Fehlheim. Man hat also die erste Silbe auf Fell gedeutet und eisen natürlich auf das Metall, daher das Fell-eisen.

Das ursprünglich Felleisen 'Satteltasche' war wohl eine Art Rolle, die quer hinter dem Sattel lag. Ähnlich rollenförmig sieht auf das Gepäckstück der Handwerksburschen aus.

 

Soldaten trugen einen Ranzen / Tornister, ähnlich dem früheren Schulranzen, nur größer, aber nur für den oberen Teil es Rückens, während der Rucksack weiter runter ging. Im Volksmund hieß der Tornister Affe, weil er wie dieses Tier und wie der Dämon eines Betrunkenen auf der Schulter hockte. Ich hatte in den 50ern mal einen "Affen" für eine Wanderung geliehen und kannte auch den oben sich verjüngenden Rucksack aus Segeltuch, wie ihn in der Nachkriegszeit die "Hamsterer" trugen, die aufs Land gingen um Lebensmittel gegen Gebrauchswaren zu tauschen.

Mein Schulranzen war klein und enthielt nur Schiefertafel und Zubehör, später Lese- und Rechenbuch, Hefte und Schreibzeug. Was heute Grundschüler in ihrem Rucksack mitschleppen müssen ist schwerer als das, was ich in der Oberstufe des Gymnasiums in einer riesigen Aktentasche hatte (mit entsprechend stärker entwickeltem linkem Tragarm). Da hat man sich Jahrhunderte lang Gedanken gemacht, wie man Haltungsschäden bei Kindern vermeiden kann - und jetzt das! Es ist eine Schande!

 

Tornister geht auf slowakisch tanistra (von ungarisch tanyztra )'Tasche' zurück. Woher Ranzen kommt, weiß man nicht.

 

Beu-tel, verwandet mit Beu-le ist etwas rundes, Dickes, hat nichts mit der geraubten Beute zu tun.

 

Auch bei Tasche streiten sich die Gelehrten, hat wohl nichts mit englisch task 'Aufgabe' zu tun.

 

Mappe kommt von lateinisch mappa 'Serviette', die man auch benutzte, um etwas einzuwickeln. Aus dem Tuch kann man zu einem Bündel an den Zipfeln zusammenbinden, das früher von Reisenden genutzt wurde.

 

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Datum: 2015

Aktuell: 26.03.2016