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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Das Anna

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Frage:
 

Im Echo vom 4.8. findet sich auf Seite 20 ein Artikel über das Anna. Den hab ich gelesen und, weil mir z.B. es Hilde (Becker) durch den Sinn ging, würde Sie gern zu der Sache befragen:

Was vermuten denn Sie als Sprachkenner, könnte der Grund/ Ursprung für das das sein?

Im Artikel werden u.a. Verniedlichung und Diskriminierung genannt. Ich vergleiche die Frau mit das Fräulein und die Magd mit das Mädchen. Darin sehe erst mal eine Verkleinerungsform (zumal mit den Endungen ‑lein und ‑chen). Das kann (muss aber nicht) dann auch verniedlichend verwendet werden ( z.B. mein liebes Frauchen = familiäre Wärme).Dass angeblich so etwas bei Männern nicht vorkommt, mag ja für Namen zutreffen (das Peterle), aber sonst: das Kind ist entweder das Mädchen oder das Bübchen, das Bobbele, das Knäblein; oder das Männchen; eine Bekannte nannte Ihren Mann stets Herrchen! Eine Diskriminierung,  vermute ich, dürfte erst in neuerer Zeit aus der Verniedlichung erwachsen sein.. Man denke an das Fräulein, was früher von unverheirateten Damen verlangt wurde, heute aber als despektierlich oder diskriminierend gilt. Interessanterweise geben die Herren der Schöpfung heute ihrer Verachtung Ausdruck, wenn sie das Weib sagen. Aber das war ja wohl nicht immer so?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Ich kannte nur das Heidi à la Spyri (nicht gelesen) und der Alm-Öhi, - scheint in beiden Fällen Koseform zu sein, die das Geschlecht nicht ändert (der Papi, die Mami).

Das Anna gehört zu den neutralen Vokabeln wie das Mensch, Weib, Kind, Karlchen, Lottchen - Tier, Pferd, Rind, Schwein, Huhn - Heim, Glück, Wetter. Bei den unbelebten Sachen ist das Geschlecht wohl von der ursprünglichen Deklinationsklasse abhängig; das ist in allen Sprachen chaotisch.

Bei den neutralen Tiernamen handelt es sich um Gattungsnamen unabhängig vom natürlichen Geschlecht und Alter (Pferd = Hengst, Stute, Ferkel). Bei den neutralen Wörtern für weibliche Menschen kann eine Rolle gespielt haben, dass Frauen und Kinder nicht mündig, d. h. geschäftsfähig waren.

Das lässt sich aber so nicht halten. Denn das Kind ist geschlechtsunabhängiger Gattungsbegriff wie bei den Tieren. Man unterschied immer Knabe / Mädchen, Sohn / Tochter, auch die Ehefrau war weiblich (mittelhochdeutsch kone = englisch queen), sogar bei den Unfreien unterschied man die Geschlechter (Knecht / Magd, althochdeutsch dio / diu). Das gilt wohl auch für das Weib, das alle Altersstufen und Stände zusammenfasste. Möglicherweise war auch Mann Neutrum in der ursprünglichen Bedeutung 'Mensch', ebenso Gott im heidnischen Sinn

Die unterschiedlichen Rechte können's nicht gewesen sein. Der neutrale Plural Männer, Götter ist zwar nicht ursprünglich (althochdeutsch: die man / got (wib, kleid, wort), zeigt aber dass man Mann noch als Neutrum empfunden hat, obwohl grammatisch einwandfrei maskulin.

Diskriminierung aber auch nicht. Das ist ein moderner Begriff für verfassungswidrige Ungleichheit und Benachteiligung. In der ungeschriebenen mittelalterlichen Verfassung waren aber Stände vorgesehen, das nahm man als gottgegeben hin.

Halbwüchsige und Rentner sind auch heute noch Menschen minderen Rechts. Bei den Halbwüchsigen ist klar, warum, und die Alten haben in ihrem früheren Beruf und auch gegenüber den Jungen nichts mehr zu sagen. Das kommt zum Ausdruck durch die Verkleinerungssilbe, und übertragen auf hessisch Herrchen, Frauchen 'Altbauer, ‑bäuerin', die den Hof den Jungen übergeben haben, wenn's geht, mithelfen und ihr Gnadenbrot essen, aber nichts mehr zu sagen haben. Das Alter und die damit verbunden Rechte ist ja kein Dauerzustand.

Verkleinerungssilben sind ein Thema für sich, einmal also 'noch nicht erwachsen' und 'minderen Rechts', andererseits 'niedlich, süß, lieb'.

Verkleinerungssilben gibt auch bei Männernamen', nicht nur Peterle, auch Peterchen, Heini, Heinchen, Heinerle, Hansi, auch die Kurznamen auf -z (Heinz, Kunz, Lutz). Von da ist ein nahtloser Übergang zu den Kosenamen, die normalerweise nur im vertrauten Kreis gebraucht werden (aber Bubi Scholz).

Männer legten die Verkleinerung als Erwachsene meist ab. Aber viele der vor dem Krieg geborenen Frauen nannten sich noch im Alter ‑chen, das war so eine Mode.

Fräulein war ein alter Zopf aus einer Zeit, als man noch zwischen noch nicht verheiratet und verheiratet unterschied, ursprünglich nur beim Adel im Unterschied zur bürgerlichen Jungfer. Da war immer eine Ungleichheit: Den Bruder des Fräuleins nannte man Jungherr > Junker, später selbständiger Adelstitel. Der alten Jungfer entsprach der alt gewordene Junggeselle. Nur beim Herrchen und Frauchen fanden sie wieder zusammen.

Im Germanischen gibt es nur einen einzigen Hinweis, dass das Neutrum Ausdruck von Unmündigkeit war: der Mann / den Mann, aber das Kind / das Kind (Nominativ = Akkusativ). Die Frau / die Frau war anders, das war schwache Deklination, Nominativ Fraue und alles andere Frauen, ebenso Herre / Herren und Herze / Herzen.

Dass man beim Neutrum Nominativ und Akkusativ nicht unterscheidet, ist indogermanisches Erbe (lateinisch verbum / verbum, verba / verba 'Wort' mit der Akkusativendung ‑um). Darin sehe ich einen Hinweis, dass vor mehr als 4000 Jahren das Neutrum kein Subjekt sein konnte. Das Wort konnte nicht sprechen, das Horn nicht selbständig stoßen. Das ist aber nicht mehr als ein Hauch der ursprünglichen Grammatik. Deutlicher zu erkennen ist der Gegensatz von belebt / unbelebt (= Neutrum).

Das Mensch / die Menscher scheint eine Neubildung nach dem Muster von das Weib zu sein. Das Mensch bezeichnet nach meinem Sprachgefühl nicht die Frau schlechthin, sondern eine junge, unverheiratete.

Das Anna könnte ursprünglich die Minderjährige gewesen zu sein. Ich kann leider nicht nachprüfen, ob im selben Text das Anna und die Grete steht, das war wohl mehr mündlicher Sprachgebrauch. Heute jedenfalls ist das Anna verallgemeinert auf alle Altersstufen, vielleicht wie früher Gretchen, Bettchen, Luischen - die ich kannte, waren alle über 60.

 

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Datum: 2015

Aktuell: 16.02.2018