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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

verbringen, versterben

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Frage:
In Fernsehberichten wir oft von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten die Vorsilbe ver- verwendet. So wird z.B. ein Täter ins Revier verbracht oder jemand verstirbt. Ist das Beamtendeutsch oder benutze ich die Worte falsch ? Ich sage : ein Täter ins Revier gebracht oder jemand starb, stirbt oder ist gestorben. Ich verbringe zwar meinen Urlaub Zuhause aber ich verbringe mein Kind nicht in den Kindergarten.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Sicher sind manche Formulierungen Beamtendeutsch und stammen von Menschen, die sich von Berufs wegen nicht ausdrücken können (oder dürfen).
Dass Vorsilben einen Sinn haben, haben Sie selbst erkannt in der Gegenüberstellung "seine Zeit verbringen - ein Kind in den Kindergarten bringen." Zeit lässt sich bekanntlich nicht transportieren, daher ist "seine Zeit verbringen" oder "sie mit etwas zubringen" nur im übertragenen Sinn gemeint. Was gebracht wird, ist nicht die Zeit, sondern die Tätigkeit, mit der man die Zeit "füllt".
Hier ist "ver-" ein Mittel, um einem Wort einen neuen Sinn zu geben. Ein Vertreter trampelt nicht auf jemand herum, sondern handelt an seiner Stelle. Wer etwas versucht, läuft nicht herum und guckt, wo es versteckt ist, sondern probiert, wie man etwas machen kann, oder kostet, wie etwas schmeckt.
In anderen Fällen wird die Bedeutung des Wortes nur abgeändert: sprechen - etwas versprechen 'zusagen, verheißen' - sich versprechen 'beim Sprechen einen Fehler machen".
Viele Verben lassen nicht erkennen, dass der gemeinte Vorgang einen Anfang und ein Ende hat. "Laufen" kann man 100 m oder eine Marathonstrecke. Das Wasser im Rhein fließt schon seit Millionen von Jahren und ist kein Ende abzusehen. Aus dem Wasserhahn fließt es hoffentlich nur kurze Zeit.
Vorsilben können den Anfang oder das Ende betonen, auch wenn es logisch nicht notwendig ist: "Schließen" dauert nicht lange, weder mit dem Schlüssel noch mit dem Kopf ("Also schließt er messerscharf, dass nicht kann sein, was nicht sein darf" - eher ein Geistesblitz als das Ergebnis langen Nachdenkens). Und trotzdem:
Betonung des Anfangs: erschließen 'aufschließen, neue Möglichkeiten eröffnen' (z. B. ein Baugebiet durch Leitungen und Straßen)
Betonung des Endes: verschließen 'endgültig den Schlüssel rumdrehen, so dass keiner mehr durch die Tür kann' - beschließen 'nach längerer Beratung eine Entscheidung treffen'.
Auch bei "verbringen, versterben" ist das Ende betont: "Bringen" und "sterben" haben naturgemäß einen Anfang und ein Ende. Das Kind wird in den Kindergarten gebracht, man geht mit ihm hin und holt es und am selben Tag wieder ab. Bei dem ins Revier verbrachten Täter dagegen weiß man nicht, wie es weitergeht: Nur ein kurzes Verhör oder Untersuchungshaft, Urteil lebenslänglich? Vielleicht die Hoffnung, dass er so schnell wie möglich aus dem Verkehr gezogen wird? Zugegeben, das ist Beamtendeutsch, "gebracht" würde reichen. Es ist aber nicht Aufgabe einer Behörde, ein Kind in den Kindergarten zu transportieren. Ob ein verbeamteter Elternteil sein Kind "bringt" oder "verbringt" weiß ich nicht.
Es ist kein Unterschied, ob jemand "stirbt" oder "verstirbt", er ist in beiden Fällen am Ende tot. Deshalb kann man sich das "ver-" sparen. Wenn es aber drum geht jemand zu benennen, der seit kurzem nicht mehr am Leben ist, sagen wir aber "der / die Verstorbene". Der Unterschied: "Gestorben" bezeichnet den Übergang vom Leben zum Tod oder das Ende des Sterbeprozesses", "verstorben" den damit erreichten Zustand 'tot': (starb am Sonntag = ist am Sonntag gestorben; der gestern gestorbene Günter Grass - der Verstorbene war Schriftsteller. "Der Tote" empfinden wir als respektlos, es ist auch zu allgemein. Auch Goethe und Homer sind tot, aber seit langem, wir kennen es gar nicht anders. Grass aber hat noch vorgestern gelebt.

 

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Fragen: verstorben

 

Datum: 2015

Aktuell: 26.03.2016