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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Guten Rutsch

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Frage:
Nach der Lektüre von Wikipedia
[1] bin ich etwas verunsichert über die Herkunft des Begriffs "Guten Rutsch".[2]

 

[1] Guten Rutsch – Wikipedia

[2] Deutsches Wörterbuch 14,1568

[3] Kreuzdenker, Südhessisch: Schabbes

[4]

[5] ..., SH: Rewwach

[6] ..., SH: joker

[7] ..., SH, Bajes

[8] ..., SH: schofel

[9] ..., SH: Spruch: Rappel

[10] ..., SH, Beleg: Oser

[11] ..., SH: oser

[12] Eberhard Wagner, Frk. Dialektbuch 47

[13] ..., Diskussion Hals- und Beinbruch

   

 

Meine Antwort:

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten:

1) Rutsch ist deutsch.

Auf die Bedeutung 'Reise' bin ich nicht gekommen. Ich kenne nur die Reime

* "Freiherr von Rutsch, zum Fahrn keine Kutsch, zum Reiten kein Gaul, zum Laufen zu faul." (vom Erfinder des Laufrads)

* "Ri ra rutsch, wir fahren mit der Kutsch..."

bei denen Rutsch Reimwort auf Kutsch ist.

2) Rutsch ist nicht deutsch.

Die jiddische Erklärung war mit bekannt, wenn auch verdächtig. Denn woher soll ein Nichtjude wissen, was sich die Juden einander wünschen? Und da die Juden Deutsch sprachen, werden sie den Nichtjuden auch einen deutschen Neujahrsgruß gesagt haben.

Ins Deutsche eingedrungen sind vor allem Ausdrücke für typisch jüdische Sachverhalte wie Schabbes 'Sabbat'[3], koscher 'essbar'[4], aus dem Geschäftsleben wie Reibach (Rewwach) 'Gewinn'[5], joker 'teuer'[6] und Alltagswörter, die die Juden verwendeten, wenn sie deutsch sprachen wie Bajes 'Haus'[7], schofel 'gemein'[8]. Wie oft hat man Gelegenheit für einen Neujahrswunsch?

Jiddisch wird mit hebräischen  Buchstaben geschrieben, die genaue Aussprache geht daraus nicht hervor. Sie beruht auf der hebräischen Aussprache der mittel- und osteuropäischen Juden. Das Ostjiddische wird heute noch gesprochen, auch in den USA, das Westjiddische ist ausgestorben. Ich glaube nicht, dass die Aussprache einheitlich war. Was ich noch aus dem lebendigen Sprachgebrauch an jiddischen Fremdwörtern gehört habe, klang hessisch: ("Mosche, blos de Schawwes aus", nicht Mousche, Schabbes = Mose, Sabbat)[9] - eine automatische Anpassung, und ich denke, dass hessische Juden genauso gesprochen haben. Was heute als "Westjiddisch" verkauft wird, ist nur die mittelfränkische Variante. Ich habe Belege, dass in Hessen anders gesprochen wurde, Beispiel im Mund einer Jüdin,[10] die Odenwälder Dialekt spricht, ihren Mann Jona Jaune nennt, aber oser 'gewiss'[11] sagt, nicht  "westjiddisch" user. Im Fränkischen sagt man Husn oder Housn für 'Hose'[12] und nach Aussage meiner Mutter sagten die alten Leute in den 20ern Duse, sie aber Dose. "Die lautliche Distanz zwischen rausch und Rutsch" in Franken betrug vielleicht nur ein paar Kilometer oder Jahrzehnte.

Also, so arg beweiskräftig sind die Argumente in Wikipedia nicht, wenn auch alles mit Literaturverweisen belegt. Das Problem: Keiner hat  Westjiddisch als Muttersprache gelernt, bei uns wahrscheinlich schon vor 100 Jahren nicht.

Dazu kommt der Übereifer der Forscher. Beim zitierten Siegmund Wolf hab ich den Eindruck, dass er viele Wörter aus den Berliner Unterwelt als Rotwelsch bezeichnet, die zwar von Kriminellen gebraucht wurden, aber deshalb nicht aus der Gaunersprache stammen müssen. Und die Ostjüdin Salcia Landmann war eifrig bestrebt, unverständliche deutsche Redensarten wie "Hals- und Beinbruch" aus dem Jiddischen zu erklären, was schon wegen der "lautlichen Distanz" des deutschen Ausdrucks zu "hazloche un broche"[13], Glück und Segen, fragwürdig ist.

Dass mit rosch ha-schana das jüdische (21.09.2017), nicht das julianisch-gregorianische Neujahr gemeint ist, hatte ich nicht bedacht, wobei es unwesentlich ist, wie die Juden den 01.01. Deutschen gegenüber nannten. Sie sagten wohl Neujahr.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 30.12.2003 | 16.02.2016

 

 

Datum: 2017

Aktuell: 16.02.2018

 

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