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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wieso schöpft der Schöpfer?

Sprachklaubereien in der Evg. Sonntagszeitung

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Mit dem Schöpflöffel schöpfen wir Suppe. Manche nennen ihn deshalb Schöpfer. Aber normalerweise stellen wir uns unter einem Schöpfer etwas anderes vor: einen, der etwas erschafft und Neues bewerkstelligt.

Der Schöpfer schöpft also nicht, sondern erschafft. Warum ist unsere Sprache nur so kompliziert? Das liegt an einer Entwicklung in germanischer Zeit: Da sagte man skapan. Im Deutschen wurde daraus schaffen. Daneben gab es eine Ableitung skapjan ‚erschaffen’, daraus althochdeutsch skepfan und davon abgeleitet unser Schöpfer ‚Erschaffer’. Das j in der Ableitungssilbe hat zum Umlaut e (ö) geführt und dazu, dass der Konsonant verschärft wurde, daher im Deutschen pf statt ff.

Heute diskutieren wir nicht darüber, ob der Schöpfer geschöpft oder geschaffen hat, sondern welche Bedeutung die biblische Schöpfungsgeschichte in der Schule hat: "Ein vorwissenschaftlicher Mythos" sagen die einen – "Genau so ist die Welt entstanden" die anderen. Dabei übersehen wir, dass es um viel grundsätzlichere Fragen geht:

1. Wenn es keinen Schöpfer gibt, hat die Welt keinen Sinn und unser Leben auch nicht. Umgekehrt: Der Sinn kann nur darin bestehen, dass sich der Schöpfer etwas gedacht und etwas gewollt hat.

2. Wenn es einen Schöpfer gibt, bestimmt er die Spielregeln und ich bin ihm verantwortlich. Wenn es keinen Schöpfer gibt, muss ich mir die Spielregeln an den Vorbildern in der Wirklichkeit abgucken: Da frisst einer den anderen, da sind Verbrechen normal.

3. Der unbarmherzige Kampf ums Dasein und das Überleben nur der Tüchtigsten ist zwar keine Erfindung Darwins, aber durch seine Lehre hat er dem Rassismus Argumente an die Hand gegeben, die Nazi-Verbrechen ermöglicht und auch das KO-System der freien Marktwirtschaft begründet. Die Alternative ist nicht: zurück zur wörtlich verstandenen Schöpfungsgeschichte, sondern zurück zur Verantwortung vor dem Schöpfer und zum Liebesgebot Jesu.

4. Die Naturwissenschaft steckt in dem Dilemma, dass sie sich vorgenommen hat, die Welt zu erklären, als ob es Gott nicht gäbe. Wenn sie heute Fragen nach dem Ursprung und dem Sinn stellt, kann sie doch nicht auf einmal wieder mit Gott argumentieren. Die Antworten dafür findet der Naturwissenschaftler nur noch außerhalb seiner Wissenschaft, in der Religion und der Philosophie.

Das Schöne am Schöpfungsglauben ist, dass wir unsern Schöpfer loben können. Lieder wie Paul Gerhardts "Geh aus mein Herz und suche Freud" oder Gellerts "Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht" singe ich gern und das Singen tut mindestens mir gut. Vielleicht freut sich ja auch der Schöpfer dran. In unseren Gottesdiensten preisen wir den Schöpfer. Tut man das auch in den Laboren und an der Börse?

   

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Datum: 11.11.2007

Aktuell: 26.03.2016