Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Macht hoch die Tür

Sprachklaubereien in der Evg. Sonntagszeitung

Email:

 

 

Ein merkwürdiges Bild, das da in dem bekannten Adventslied gebraucht ist: "Macht hoch die Tür…" Wer denkt da nicht an ein Garagentor, das nicht um eine senkrechte Achse schwingt, sondern um eine waagrechte und nach oben geht, wenn wir es öffnen? Wer von uns Älteren denkt nicht an den legendären Kleinwagen, bei dem die Tür ebenfalls nach oben schwang, wenn man sie öffnete und der den Spitznamen "Macht hoch die Tür" trug?

Ähnlich sagen wir ja auch "die Tür ist auf", nicht geschlossen. Auf meint aber 'in der Höhe'. Das hat man ursprünglich nicht von der Tür, sondern von einem Deckel gesagt, den man anheben musste, um den Kasten "aufzumachen". Auch das Wort offen geht von dieser Grundbedeutung 'in der Höhe' aus. Offen ist abgeleitet von auf.

Das Gegenteil von auf ist in diesem Fall nicht ab, sondern zu. Das erkennen wir an dem Ausdruck "die Tür ist angelehnt" oder hessisch beigemacht: Sie ist nicht fest ins Falleisen gedrückt, sondern sie lehnt nur "an" oder "bei" dem Rahmen. So auch: "Die Tür ist zu" dem Rahmen zurückgeführt, aber im Schloss eingeschnappt.

Beim Adventslied geht's aber nicht um irgendwie geöffnete Klappen, Deckel oder Türen. Das Lied ist nämlich Psalm 24 nachempfunden, da heißt es: "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe". Der König ist Gott, und der ist so groß, dass er nicht durch die Toröffnung hindurch passt. Die Berufungsvision Jesaja 6 gibt uns davon eine anschauliche Vorstellung. Die Torflügel weit aufmachen oder das Fallgitter hochkurbeln genügt also nicht, da muss das Loch in der Mauer vergrößert werden. Homer erzählt in der Ilias, wie die Trojaner nicht nur das Tor aufmachten, sondern die Toröffnung vergrößerten, um das hölzerne Pferd in ihre Stadt zu bringen. So sind auch Psalm und Lied zu verstehen.

Der Psalm besingt den Einzug Gottes in den Tempel. Wahrscheinlich trug man ihn vor, als man die Bundeslade in den neugebauten Tempel überführte und später nach regelmäßigen Prozessionen in das Gotteshaus zurückbrachte. Richtig übersetzt muss es heißen: "Erhebt eure Häupter, ihr Tore, und erhöht euch, ihr Türen der Ewigkeit." Die "Häupter" der Tore, da kann man an den Türsturz denken, der auf den Pfosten liegt. Diesen Sturz müsste man anheben, damit der hohe Gast hindurch passt.

Aber was sind die "Tore der Ewigkeit"? Gemeint ist doch: Gott will aus der Ewigkeit in unsre Zeit kommen, aus dem Himmel in unsre Welt, nicht nur in einen antiken Tempel, sondern in unsre moderne Welt, in unser Leben, in unser Herz. Er bittet, dass wir ihn einlassen und die "Tore" ganz weit aufmachen. Sonst bleibt er draußen. Darum geht es in diesem Lied, darum geht's im Advent.

   

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 02.12.2007

Aktuell: 27.03.2016