Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bewusstsein

Email:

   

Bewusstsein wird mit mehreren Bedeutungen gebraucht:

  1. die klare Wahrnehmung der Außenwelt, verbunden mit der Fähigkeit, angemessen darauf zu regieren. Von diesem Wachbewusstsein unterscheidet man Koma, Bewusstlosigkeit, Schlaf, Traum, Rausch, Trance, Hypnose usw.

  2. das Wissen um etwas, etwa in der Redensart "ich bin mir keiner Schuld bewusst".

  3. die Gesamtheit aller Überzeugungen, z.B. im politischen Bewusstsein

  4. die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen (z. B. im Spiegel) und über sich selbst Gedanken zu machen, auch selbstkritische.

  5. das Überzeugtsein von seinen eigenen Fähigkeiten, zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Selbstüberschätzung.

Hat nur der Mensch Bewusstsein? Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Da muss ich Punkt für Punkt durchgehen:

1. Bei primitiven Tieren scheint es so zu sein, dass sie zum Beispiel ein Hindernis sehen und ihre Richtung ändern, um nicht dagegen zu stoßen. Da kann ich mir vorstellen, dass das ein primitiver Reflex ist wie bei uns, wenn wir automatisch die Augen zumachen, wenn uns was zu nahe an die Augen kommt.
Aber bei höheren Lebewesen? Ein Wolf läuft doch nicht stumpfsinnig durch die Landschaft und rennt allem nach, was sich bewegt. Zur Jagd im Rudel gehört mehr als nur Wahrnehmung. Die Tiere müssen kooperieren, eins von ihnen gibt die Kommandos und plant vielleicht sogar die Taktik. Ich würde das schon Bewusstsein nennen.

2. Wir hatten zu Hause einen Hund, der durfte nicht auf den Sessel. Wir kamen einmal abends nach Hause, da machte es im Wohnzimmer plump und als wir reingingen, lag der Hund brav in seinem Körbchen. Aber meine Schwester fühlte auf den Sessel und der war noch ganz warm. Sie sagte nichts, aber der Hund hat sich geschämt, Das heißt: Er hatte das "Bewusstsein", dass Sessel verboten ist, und dass er trotzdem drauf war. Er versuchte erst zu "lügen" und hat sich dann wie ein kleines Kind geschämt.

3. Sicher hat ein Tier keine "Gesamtheit aller Überzeugungen".

4. Es ist nachgewiesen, dass sich höhere Tiere im Spiegel erkennen. Ein Affe hat daraufhin experimentiert und sich angemalt, um zu testen, wie das wirkt. Ein anderer hat versucht, am Spiegel einen Fleck wegzumachen, den man vorher an ihm angebracht hatte. Und einer, der Taubstummensprache konnte, soll sogar angekündigt haben, dass er sich anmalen will. Das ist nicht nur Selbsterkenntnis, sondern auch ein Ansatz zur Selbstreflexion.

5. Soziale Tiere haben einen bestimmten sozialen Rang und sind sich dessen durchaus bewusst, d.h. sie beachten die Spielregeln. Jeder weiß, wer wann fressen darf, wie nahe man an den Pascha herankommen kann, ob und welche Demutsgesten man dabei zeigen muss. Der Pascha tut so, als wäre er stolz und sich seiner Würde bewusst. Der Unterste in der Hackordnung läuft nur mit eingezogenem Schwanz und gesenktem Kopf herum. Wenn das kein "Standesbewusstsein" ist!
Es gibt heute immer noch Wissenschaftler, die behaupten, dass auch höhere Tiere kein Bewusstsein haben und stumpfsinnig nur auf Umweltreize reagieren. Es gibt anscheinend sogar heute noch Wissenschaftler, die glauben, dass Tiere nicht zu höheren Gefühlsregungen fähig sind. Was empfindet ein Hund, wenn sein Herr heimkommt? Er wedelt mit dem Schwanz, springt an ihm hoch und verzieht das Gesicht, als wenn er lachen würde. Empfindet er Freude oder spielt er nur ein automatisches Programm ab?
Wie geht es uns denn? Da hat einer meiner Mitarbeiter etwas gemacht, was mir nicht gefallen hatte. Ich hatte mich nicht geärgert, aber ich meinte, ich müsste ihn schimpfen. Aber als ich fertig war mit Schimpfen, hatte ich das Gefühl, als ob ich mich wirklich geärgert hätte.
Wir drücken Emotionen durch eine bestimmte Körpersprache aus. Und umgekehrt, wenn wir diese Gesten bewusst einsetzen, sind sie mit den entsprechenden Emotionen verbunden. Ein Hund kann also nicht mit dem Schwanz wedeln, hochspringen und lachen, ohne Freude zu empfinden.

Zusammenfassung

Nach alle dem kann ich einem höheren Tier nicht absprechen, dass es Bewusstsein im obigen Sinn hat.

   

nach oben

Übersicht

 

Begriffe: Psychologie | Sprachecke 16.09.2014

 

Datum: 2006

Aktuell: 26.03.2016