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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was ist Geist?

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Hypothesen

herkömmlich

Psychologische Hypothese

Metaphysische Hypothese

Neuplatonistische Hypothese

Informationshypothese

Absoluter Geist

Beispiele

Das Weltganze als Superhirn

 

 

"Geist' und "Seele" werden hier gleichbedeutend gebraucht.

I. Hypothesen

1. Herkömmlich

a) animistisch

Geist ist eine Art Substanz oder Energie, die die gesamte Welt durchdringt und auch in anorganischen Wesen enthalten ist.
Diese Vorstellung findet sich heute nur noch in wenigen urtümlichen Kulturen oder unreflektiert im Aberglauben.

b) spiritistisch

(die klassische Vorstellung): Geist ist eine Art unsichtbarer Mensch mit einem "feinstofflichen" Körper (früher redete man von Äther). Er Überdauert den Tod und kann als Totengeist mit den Lebendigen in Kontakt treten. Das Medium vermittelt den Kontakt.
Die klassische Vorstellung von einem Weiterleben nach dem Tod geht von dieser spiritistischen Hypothese aus: Beim Sterben trennt sich die "feinstoffliche" Seele vom "grobstofflichen", materiellen Leib, welcher vergeht, während die Seele in ihrer individuellen Eigenart unvergänglich ist.
Naturwissenschaftlich Orientierte neigen mehr zur spiritistischen Hypothese.

c) dynamistisch

Geist (religionswissenschaftlich: Mana) ist eine Art Kraft oder Fähigkeit, die dem Menschen innewohnt. Nach moderner dynamistischer Auffassung sind "Geister" Projektionen unsrer Seele, in die Außenwelt hineinverlagerte innere Vorgänge. Parapsychologische Erscheinungen werden nach dieser Hypothese nicht als Äußerungen objektiver Geister verstanden, sondern gehen von lebenden Menschen aus. Das Medium gilt nicht als Vermittler, sondern die Ursache der Erscheinungen.
Geisteswissenschaftlich Orientierte neigen mehr zur dynamistischen Hypothese.

2. Psychologisch

Was wir Geist nennen, ist eine Funktion des Nervensystems. Leben, Bewusstsein, Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken, Verstand, Gefühl, Instinkt, Intelligenz, Wille sind ohne Körper nicht denkbar; wenn wir sterben, erlöschen diese Funktionen wie eine Kerze, die ausgeht. Der Verstorbene hat kein Bewusstsein und keinen Willen mehr.
Damit ist nichts über ein eventuelles Weiterleben nach dem Tod gesagt. Die psychologische Hypothese besagt nur: Das Nervensystem stellt mit dem Tod seine Tätigkeit ein. Die unsterbliche "Seele" ist etwas anderes als die "Psyche", mit der sich ein Psychologe beschäftigt.

3. Metaphysisch

Was den Tod überdauert, sind nicht diese Funktionen, sondern ist der Kern der Persönlichkeit, zusammengefasst in seinem Namen.
Im Sinne der unten beschriebenen Informationshypothese ist die unsterbliche Seele die Summe aller Informationen über den Menschen. die in Genen (Erbgut), im Körper mit allen seinen erworbenen Besonderheiten (Gesichtszüge, Statur, Narben, Verluste), in Gehirn (Wissen, Erfahrung, Können, Selbstverständnis, Weltbild) und Mitwelt (Andenken, Urteil, Aus- und Nachwirkungen) gespeichert sind, kurz sein Charakter.

In der fernöstlichen Geisteswelt scheint man sich die "Seele" ähnlich vorzustellen, die nach dem Tod in einem neuen Körper redinkarniert wird: Der Sterbende vererbt sein "Karma" (Schuld und Verdienste) an einen, der künftig geboren wird. Nicht die individuelle Persönlichkeit mit unverwechselbarer Gestalt und Charakter wird redinkarniert, sondern sein Schuld- und Verdienstkonto, welches das Schicksal eines künftigen Menschen bestimmt. Steht das Konto am Ende eines Lebens auf Null, so gibt's nichts mehr zu vererben, das Konto wird gelöscht, die "Seele" erlischt und geht ins Nirwana ein.
Mit Hilfe der Informationshypothese lässt sich auch die allgemeine Auferstehung der Toten für heutige Menschen verständlich machen: Die Informationen über einen Menschen, sein "Bauplan", sein Leben und Wirken gehen nicht verloren, sondern sind in einem "Buch" im Himmel verzeichnet bzw. gespeichert. Gott kann den ehemaligen Menschen anhand dieser Informationen rekonstruieren, so wie man ein zerstörter Gebäude mit Hilfe von Bauplänen, Fotos usw. in seiner ursprünglichen Gestalt wieder aufbauen kann.

4. Neuplatonistisch

Es lässt sich eine Stufenleiter von toter Materie bis zum absoluten Geist = Gott aufstellen, die im technischen Bereich eine Entsprechung hat:        

 

(Meta-) Physik

Technik

absoluter Geist

Gott

 

 

körperloser Geist

z.B. Engel

 

 

freies denkendes Bewusstsein

Mensch

 

 

gesteuertes Verhalten

Tier

 

Automat (Waschmaschine)

Wachstum und Vermehrung

Pflanze

Kristall

Maschine (Kreissäge)

tote Materie

Stein

 

Werkzeug (Hammer)

Die Übergänge erscheinen auf den ersten Blick nicht fließend, sondern sprunghaft. Man muss aber genauer differenzieren. So gibt es ja große Unterschiede z.B. zwischen den geistigen Fähigkeiten einer Amöbe und eines Schimpansen. Der Entwicklungssprung erfolgt auch nicht vom Tier zum Menschen, sondern von der Wahrnehmung zum Bewusstsein, vom Trieb zum Willen, vom Gedächtnis zum Wissen, vom Denken zum Verstand, von der Erkenntnis zur Intelligenz.

5. Informationshypothese

a) Geist = Information

Geist besteht nicht aus physikalisch nachweisbaren Elementarteilchen; sein Wesen ist nicht Materie oder Energie, sondern Information. Geist lässt sich theoretisch reduzieren auf die kleinste, binäre Informations-Einheit einer Ja-Nein- Entscheidung (1 BIT).

Was Geist ist, lässt sich also ansatzweise verstehen anhand des Computers:

Lebewesen

Computer

denken

rechnen

Gedächtnis

Speicher

Wahrnehmung

z.B. Tastatur, Scanner, Sensoren

Trieb, Wille

Programm

Verstand, Wissen, Bewusstsein und Wille lassen sich genauso auf diese einfachen Funktionen zurückführen wie Potenzierung und Multiplikation auf Addition oder Lesen auf Buchstabieren.

b) Lebender Geist funktioniert anders als ein Computer

Tatsächlich scheint aber lebender Geist anders zu funktionieren als ein Computer:
Der genetische Code beruht nicht auf einem Zweier, sondern auf einem Vierersystem, begründet auf den verschiedenen Molekülen der DNS.

i. Logik

Unserem heutigem logischen Denken scheint mindestes ein Dreiersystem zugrunde zu liegen (ja, nein, sowohl/als auch).

ii. Nervenzellen

Die Nervenzelle hat mit ihren vielen Dendriten viel mehr Kombinationsmöglichkeiten als ein elektronischer Transistor, der nur zwei Zustände kennt: "an" oder "aus". Sie reagiert auch nicht auf An / Aus, sondern auf eine gewisse Impulsstärke und kann unterschiedlich starke Impulse erkennen und darauf reagieren. Die Nervenzelle arbeitet also mit Bruchteilen von BITs (Ja – vielleicht – unentschieden – kaum  – nein)
Ferner arbeitet der menschliche Geist grundsätzlich nicht nach Programm, sondern nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Wir rechnen nicht wie der Computer in programmierten kleinsten Arbeitsschritten, sondern wir verarbeiten auswendig gelernte Tabellen (z.B. 1 ∙ 1) nach gelernten Regeln. Nachteile: Wir können uns verrechnen und irren. Vorteil: Wir sind flexibel und können uns den Erfordernissen anpassen.
Schließlich ist das menschliche Gehirn ja nicht isoliert, sondern eng mit dem Körper verknüpft, ja selbst ein Teil des Körpers, steuert auch die körperlichen Vorgänge und steht mit dem restlichen Körper in ständiger Kommunikation.
Aus allen diesen Gründen ist lebender Geist dem elektronischen überlegen. Damit ist aber nicht gesagt, dass nicht auch der lebende Geist sich auf Ja-Nein- Entscheidungen reduzieren und in bit messen lassen kann.

c) Information in primitiven physischen Strukturen

Information finden wir nicht nur im Gehirn oder Computer, auch nicht nur in "externen Speichern" wie Büchern, sondern schon in den primitivsten physischen Strukturen:

  • Ein Kohlenstoffatom besteht aus einem Kern von 6 Protonen und 6 Neutronen sowie 2 Schalen mit 2 bzw. 4 Elektronen. In diesem primitiven Gebilde ist die Information enthalten, dass sich diese Atome entweder zu superharten Diamant- oder extrem weichen Graphitkristallen gruppieren können.
  • Im Sauerstoffatom stecken die Informationen zur Bildung von O2- oder O1- (Ozon-) Molekülen mit sämtlichen nützlichen und schädlichen Eigenschaften. Kohlenstoff und Wasserstoff zusammen können Kohlendioxid oder -Monoxid mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften bilden; die Informationen für diese Kombinationen bis hin zu organischen Makromolekülen scheinen schon zu Hälfte in den Atomen enthalten zu sein.
  • Eine einfache Chemikalie wie Alkohol ist fähig, unseren Willen auszutricksen und einer angeblich freien und intelligenten Persönlichkeit sein Programm aufzuzwingen. Die Droge beeinflusst nicht nur das Verhalten des Süchtigen, sondern der gesamten Gesellschaft und veranlasst sie, die Droge zu reproduzieren und zu verbreiten. Die Chemikalie Alkohol verhält sich wie ein lebendiges Wesen mit eigenem Willen, hat also dämonische Züge.
  • Ein Virus ist weiter nichts als eine selbständige Erbanlage, die allein nicht lebensfähig ist. Sie nistet sich aber in Organismen ein und schmarotzt nicht nur von ihnen, sondern zwingt ihnen ihr eigenes Programm auf. Der infizierte Organismus wird alles tun, um die falschen Erbanlagen zu reproduzieren und zu verbreiten (z.B. beim Tollwutvirus durch Beißen oder Lecken).

Sämtliche Eigenschaften eines Lebewesens sind in seinem Zellkern gespeichert. Jede Zelle "kennt" nicht nur ihre besondere Aufgabe (z.B. "Ich bin eine Haut- oder Muskelzelle"), sondern auch ihren Platz im Organismus, da ihr Zellkern ja den gesamten Bauplan enthält, nicht nur die besondere Bauanweisung für die Zelle. Ähnlich wie das Sauerstoff- und Kohlenstoffatom enthält auch jede Ei- und Samenzelle die halbe Information für ein ganzes Individuum.
Genauso kennt auch jede Ameise oder Biene ihre Aufgabe in ihrem Insektenstaat und sollte jeder Mensch seinen Platz im Gesamtgefüge der Welt kennen.

II. Absoluter Geist

Naturgesetze, Mathematik, Musik, Evolution lassen auf eine höhere Intelligenz schließen, die offenbar nicht an ein bestimmte materielle Substanz gebunden ist, wohl aber an die Struktur der Materie überhaupt.

1. Beispiele:

a) Naturgesetze

Sie sind offensichtlich unabhängig von unserem Bewusstsein und gelten, seitdem die Welt besteht. Sie sind aber abhängig von der Materie und ohne Materie nicht vorstellbar.

b) Geometrie

In der außermenschlichen Natur gibt es zwar viele Andeutungen von Kreisen, aber keinen vollkommenen Kreis. Der ist erst möglich geworden durch den von Menschen erfundenen Zirkel. Es gibt (außer vielleicht bei einigen Kristallen) auch keine Quadrate. Trotzdem muss es die Ideen "Kreis" und "Quadrat" schon vor dem Menschen gegeben haben, sonst wären diese Figuren nicht zu zeichnen. Das wird deutlich an dem unlösbaren Problem der Quadratur des Kreises: Es ist unmöglich, mit Hilfe von Zirkel und Lineal einen Kreis in ein gleichgroßes Quadrat umzuwandeln. Wir können zwar die Idee "Quadratur" denken; aber sie ist in der materiellen Welt nicht begründet, daher nichtig und falsch.

c) Musik

Die Vögel haben unabhängig von den Menschen die Musik entdeckt. Der Gesang der Nachtigall gehorcht denselben Gesetzmäßigkeiten wie unsere Musik. Also sind diese Gesetzmäßigkeiten unabhängig von menschlichen oder vöglischen Gehirnen oder Überlieferungen, wohl aber an materielle Strukturen gebunden. Im luftleeren Raum kann es keine Musik geben.

d) Biologie

Infolge einer Klimaveränderung wich der tropische Regenwald der Savanne. Die Urgiraffe mit kurzem Hals konnte sich nicht mehr wie gewohnt von tief hängenden Blättern ernähren und brauchte einen langen Hals. Die heutige Giraffe hat diesen langen Hals. Die Fähigkeit, auf Herausforderungen zu reagieren und sich an veränderte Bedingungen anzupassen nennen wir Intelligenz. Die Entwicklung vom Okapi zur Giraffe zeigt intelligentes Verhalten. Aber wo hat diese Intelligenz ihren Sitz?

2. Das Weltganze als Superhirn?

Geist ist der Definition nach immateriell. Aber kann es eine immaterielle Welt unabhängig von der materiellen geben? Nach allem oben Beobachteten ist denkbar, dass sämtliche Informationen, Naturgesetze usw. in einer Art "Superhirn" gespeichert sind und dort verarbeitet werden.
Dieses Superhirn des Weltganzen kann aber nicht der Schöpfergott sein:

  • Es reichert sich wie unser Gehirn wahrscheinlich erst nach und nach mit Informationen an: Ein einzelnes Wasserstoff- und Sauerstoffatom "kennt" nur seine Atomstruktur und Wertigkeit; in einem Wassermolekül sind zwar vielleicht noch nicht alle Informationen über Wasser enthalten, die sich erst im Verhältnis zur übrigen Welt ergeben, aber doch z.B. die Kristallstruktur des Eises, die das einzelne Atom noch nicht "kennen" kann.
  • Zur Schöpfung gehört ein vorgefasster Plan und eine auslösende Energie. Wenn die Welt aus dem Nichts entstanden ist, kann dieser Plan aber nicht materiell gespeichert gewesen sein.
  • Die Logik lehrt, dass der Schöpfergott nicht der geschaffenen Welt angehören kann, sondern außerhalb von ihr sein muss.

Also können Gott und Geist nicht identisch sein. Es ist aber denkbar, dass der Schöpfer in der materiellen Welt sich selbst verwirklichen wollte, so wie der Mensch seinen Geist in einer elektronischen Maschine zu verwirklichen sucht.

   

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Übersicht

 

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Leben nach dem Tod

 

Datum: 1994 / 2006

Aktuell: 26.03.2016