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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Erfindung des Rads

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Töpferscheibe

Spindel mit Wirtel.

Rad

Pflug

Schlitten

Travois

Deichsel

Joch

Kummet

 

Als die Menschen nach dem Ende der Eiszeit vor 12 000 Jahren ihr Nomadenleben aufgaben, machten sie eine Menge Erfindungen, die durch die sesshafte Lebensweise möglich geworden waren: Landwirtschaft und Töpferei, Spinnen und Weben, Zugtiere, Pflug und schließlich Rad und Wagen. Radlose Transportmittel wie Schlitten oder Schleifen gab es wohl schon vorher, die entscheidende Neuerfindung war das Rad. Die ersten Wagen sind seit Mitte des 3er-Jahrtausends nachweisbar. Schon im 4er-Jahrtausend scheint in Indien die Töpferscheibe bekannt gewesen zu sein. Viele halten sie für die Vorstufe des Rads.

Da ist aber ein entscheidender Unterschied: Die Töpferscheibe ist an einem feststehenden Gestell montiert und ist damit die Mutter der Drehbank, des Mühlrads, der Räder in Uhrwerk und Maschinen und des Spinnrads. Sie sollen einen Werkstoff drehen oder Energie übertragen. Das Wagenrad dagegen dient dazu, den Reibungswiderstand eines Transportmittels zu verringern, so dass man für die Fortbewegung weniger Kraft braucht.

5 000

4 000

3 000

Wirtel

Töpferscheibe

Wagenrad

Das älteste Gerät mit einer rotierenden Scheibe ist nicht die Töpferscheibe, sondern die Spindel mit dem Wirtel. Diese Schwungscheiben waren aus dauerhaftem Material und lassen sich seit dem 5er-Jahrtausend nachweisen. Der Wirtel hielt den Stab (Spindel) in Drehung, auf dem das gesponnene Garn aufgewickelt wurde.

Legt man die Spindel mit aufgestecktem Wirtel auf den Boden, erhält man die Grundform des Rades mit Achse, Nabe und Radkörper. Spielende Kinder mögen sich damit vergnügt haben, sie im Kreis herum rollen zu lassen, bis ein pfiffiger Kopf auch ans andere Ende einen Wirtel steckte und damit eine gradlinige Bewegung ermöglichte. Damit war die Achse mit zwei Rädern geboren, wenn auch zunächst nur als Spielzeug.

Der mehr oder weniger waagrecht rotierende Wirtel wird auch das Vorbild für die Töpferscheibe gewesen sein.

Das Prinzip eines durchbohrten runden Köpers, der auf einen Stab gesteckt ist, liegt also schon beim Wirtel vor. Die Technik des Bohrens war bereits in der Altsteinzeit bekannt. In der Jungsteinzeit durchbohrte man auch Steinwerkzeuge (z. B. Äxte), um sie besser am Stiel befestigen zu können.

Die ersten Räder waren massive Holzscheiben, auch wenn sie aus mehreren Stücken zusammengesetzt waren. Die hielten zwar schwere Lasten aus, hatten aber selbst ihr Gewicht und machten das Gefährt entsprechend schwerfällig. Bei den Streitwagen kam's aber auf die Geschwindigkeit an, daher baute man seit der Bronzezeit Räder mit Speichen, Nabe, Felgen und Metallreifen, eine Erfindung, die auch für Transportfahrzeuge übernommen wurde.

Eine wichtige Vorstufe des Wagens scheint der Pflug gewesen zu sein, eigentlich weiter nichts als eine große Hacke, die man nicht schlägt, sondern zieht und mit einem Zusatzholz (Sterz) von hinten in den Boden drückt. Pflüge sind seit etwa 5 500 nachweisbar. Der Pflug wurde durch eine Zugstange (Grindel, den ehemaligen Hackenstiel) und ein Querholz (Joch) mit dem Nacken der Zugtiere verbunden. In römischer Zeit kam im Alpengebiet der Räderpflug auf: Der Vorderteil des Grindels war an einem Rädergestell befestigt (Pflugkarch oder Vorderpflug), so dass das gesamte Gewicht des Geräts auf dem Boden lag und nicht zum Teil von den Zugtieren getragen werden musste. Das verbesserte nicht nur die Leistung des Pflugs, er ließ sich dadurch auch besser führen.

Eine weitere Voraussetzung für die Erfindung des Wagens waren wohl die radlosen Transportmittel: Schwere Lasten lassen sich leichter bewegen, wenn man sie nicht anhebt wie beim Tragen, sondern über den Boden zieht. Um eine Beschädigung des Transportguts zu vermeiden, legt man sie auf eine Unterlage, etwa auf die Zweige eines abgeschnittenen Astes, den man zur Bequemlichkeit zum Ziehen anhebt. Man hat dabei nicht mehr die ganze Last der Fracht zu tragen, sondern nur das Eigengewicht des Astes und muss natürlich auch Kraft zum Ziehen aufwenden.

Der Ast ist nur eine Behelfslösung. Die Weiterentwicklung ging in zwei Richtungen:

1. eine Vorrichtung, die ganz auf dem Boden ruht und zur Verringerung des Reibungswiderstands auf Kufen steht (entsprechend den Zweigen des Astes): der Schlitten, später der vierrädrige Wagen. Man trägt damit nur das Gewicht der Zugstangen (Deichsel), braucht aber einen einigermaßen glatten und festen Untergrund ("Straße") oder Schnee.

2. Verringerung des Reibungswiderstands durch Stangen, deren Ender den Boden berühren, während die anderen Enden angehoben werden. Die Fracht wird an zwei Stangen befestigt. Dieses Prinzip haben die nordamerikanischen Indianer verwirklicht (sogenannter Travois, von Hunden, später von Pferden gezogen). Nachteil dieser Konstruktion ist, dass man einen Teil des Gewichts tragen muss, Vorteil, dass dazu keine Straße nötig ist. Die Weiterentwicklung mit Rädern ist der zweirädrige Transportkarren, später der klassische Streitwagen (Orient Mitte des 1er-Jahrtausends) und der Schubkarren (Griechenland um 400 v. Chr.).

Die Zugstangen des Karrens sind fest mit der Achse verbunden, die Wagendeichsel dagegen durch ein Gelenk, um sie der Höhe des Zugtieres anpassen zu können. Die Deichsel dient weniger zum Ziehen als zum Lenken, seit man im Mittelalter die lenkbare Vorderachse eingeführt hatte. Gezogen wird der Wagen durch Seile (Stränge), die mit dem Hals der Zugtiere verbunden sind.

Das Joch auf dem Nacken der Zugtiere war eigentlich für Rinder erfunden, bei denen Rücken und Nacken eine waagrechte Linie bilden. Für Pferde mit ihren erhobenen Hälsen ist es weniger geeignet. Es musste mit einem Gurt um den Hals befestigt werden, der dem Pferd die Luft abschneiden konnte. Erst in der Karolingerzeit kam das Kummet auf, eine den Pferdehals umschließende steife und gepolsterte Holzkonstruktion, die es dem Tier ermöglicht mit der Brust zu ziehen und ungehindert zu atmen. Für Rinder wurde später ein spezielles Kummet aus zwei beweglichen Teilen entwickelt, das über den Hals gelegt wurde. Man konnte ja diese Vorrichtung wegen der Hörner nicht wie beim Pferd über den Kopf streifen. Eine weitere Verbesserung war das Stirnjoch, das den Rindern ermöglichte, nicht mit dem Hals, sondern mit der Stirn zu ziehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Spinnerin in Armenien

 

 

rollende Spindel

Spindel mit zwei Wirteln


 

 

 

 

 

Steinbeil und Axt

 

 

Speichenrad

 

 

hölzerner Pflug

eiserner Pflug

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Travois

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pferd mit Kummet

Rinderkummet

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Übersicht

 

Sprachecke 03.11.2009

Alle Bilder vom Verfasser

"Spinnerin" von Irene Kaiser mit freundlicher Genehmigung

 

Datum: 2007

Aktuell: 26.03.2016