Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Weistum des Maigerichts des Wildbannes in der Dreieich

07.05.1338

Email:

Text

§ 1 Grenzen des Wildbanns

§ 2 Aufgaben des Vogtes

§ 3 Die Wildhube

§ 4 Einberufung des Maigerichts

Anhang 1

Anhang 2

Beobachtungen zum Weistum

 

Text (hier nur die Gliederung)

§ 1 Grenzen des Wildbanns

§ 2 Aufgaben des Vogtes

1. Wildfrevel

a) Grundsatz

b. Ausführungsbestimmungen

2. Fischereifrevel

3. Weidenutzung

4. Waldnutzung

a) Rodungen

b) Köhlerei

c) Gewinnung von Eichenrinde für die Gerberei

d) Gewinnung von Pottasche

5. Brandstiftung

Nachtrag: Unschuldserweis eines angeblichen Wilderers

§ 3 Die Wildhube

1. Veräußerung

a. bei Geistlichen

b. bei Erbteilung

2. Abgaben

3. Asylrecht

4. Die Hofgebäude

a) Bestand der Hofreite

Einschub: Beherbergung des Kaisers

b) Bauunterhaltung

5 Waldnutzung durch die Hübner

§ 4 Einberufung des Maigerichts

Anhang 1

A) Sperrung der Wildhube zwischen 17. 09. und 01.10.

B) Abgaben der Wildhuben

C) Wildhafer

D) Fehlen beim Maiding

E) Streunende Hunde

F) Rechte einiger Herren

G) Rechtsbehelf

H) Beschluss

Anhang 2

A) Wiesen und Wald

B) Adliger als Inhaber einer Wildhube

C) Rechtsbehelf gegen Pfändung

D) Von Märkern und Schweinen

E) Privater Grundbesitz im Wildbann

F) Behandlung der Pfänder

G) Der sechste Teil des Herrn von Hanau

H) Aufgaben des Forstmeisters beim Maigericht

I) Verzeichnis der Wildhuben

 

 

Karte

Text

Beobachtungen zum Weistum

Umweltschutz schon im Mittelalter

Bedarfsdeckung statt Bedürfnisweckung

nicht mehr zeitgemäß

kommunale und regionale Selbstverwaltung

Begünstigung des Adels

 

Beobachtungen zum Weistum

Unsere Wirtschaft lebt davon, dass sie wächst und möglichst viel Geld erwirtschaftet, das wiederum zum weiteren Wirtschaftswachstum in den Betrieb gesteckt wird. Wirtschaftswachstum garantiert Arbeitsplätze und schafft neue und bildet somit die Grundlage für einen soliden Wohlstand, an dem alle teilhaben. Soweit die Theorie. Sie hat gestimmt in der Nachkriegszeit 1945-65, als es etwas aufzubauen galt. Da war echter Bedarf vorhanden und man hatte gar nicht genug Arbeitskräfte, um den Bedarf zu decken. Inzwischen aber ist der Markt gesättigt. Die Wirtschaft kann nur dann weiter wachsen, wenn es ihr gelingt, neue Bedürfnisse zu wecken und zu exportieren. Seit etwa 1980 zeigen sich auch die Folgen unsrer Wirtschaftweise: kein Wohlstand für alle, sondern neue Armut und schärfere soziale Gegensätze. Und kein Schlaraffenland, sondern eine zerstörte Umwelt.

Das Weistum führt uns ins Mittelalter und zeigt uns, dass es auch anders ging:

Umweltschutz schon im Mittelalter

Als erstes war mir aufgefallen, dass es schon im Mittelalter Maßnahmen zum Schutz des Waldes gab: Die Möglichkeiten zur Rodung werden eingeschränkt (§ 2,4a). Brandrodung wird verboten (§ 2,5), die Weidewirtschaft reguliert (§ 2,3) und der Nutzung des Holzes enge Grenzen gesetzt (§ 2,4 b-d). Dem Schmied wird auferlegt, seine Köhlerei so zu betreiben, dass kein Waldbrand entstehen kann (§ 2,4b). Durch das ausschließliche Jagdrecht des Kaisers und die entsprechenden Vorschriften werden auch Wild, Vögel und Fische in die Schutzmaßnahmen einbezogen.

Die eigentliche Waldwirtschaft mit Holzgewinnung zum Bauen und Brennen war in den einzelnen Markordnungen geregelt, was im diesem Weistum nur angedeutet wird: Die Markgenossen, d. h. die Bewohner der umliegenden Dörfer, hatten das Recht, für den Eigenbedarf Bauholz zu schlagen und Brennholz zu sammeln. Die Rechte dazu wurden auf einem jährlichen Märkerding geregelt.

Bedarfsdeckung statt Bedürfnisweckung

Zuerst war ich schockiert über die rigorosen Einschränkungen der Wirtschaft: Die Beschäftigung privater Hirten ist verboten, die Bauern müssen ihr Vieh dem Gemeindehirten anvertrauen (§ 2,3). Schmied und Schuhmacher müssen Eisen und Leder selbst gewinnen und dürfen für die dafür benötigten Rohstoffe Holzkohle und Eichenrinde nur Abfallholz verwenden. (§ 2,4b-c). Gewinnung von Pottasche für die Seifenherstellung ist verboten, es bleibt aber noch die Herdasche (§2,3d).

Dann aber erkannte ich den Sinn dieser Vorschriften: Schmied und Schuster dürfen nur für den Eigenbedarf des Dorfes produzieren, nicht für den Export. Wer eiserne Gegenstände oder Schuhe braucht, geht zum Handwerker und bestellt welche. Das Verbot privater Hirten verhindert eine gewinnorientierte Ausweitung der Weidewirtschaft. Es kann auch kein gewerbsmäßiger Köhler, Rindenschäler oder Seifensieder  seine Produkte an auswärtige Interessenten verkaufen. Die Handwerker arbeiteten nur für den Bedarf ihrer Dorfgenossen, nicht um zu verdienen und zu expandieren. "Bedürfnisse" nach ihren Produkten im Nachbardorf zu wecken, war nicht vorgesehen.

nicht mehr zeitgemäß

Die aus älterer Zeit stammenden Rechtsgrundlagen gehen von einer rein dörflichen Gesellschaft aus, die nur für den Eigenbedarf produziert. Das war schon im 12er-Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß, denn gerade in dieser Zeit wurden viele Städte gegründet, die eine andere wirtschaftliche Basis hatten. Die Bevölkerung explodierte. Trotz verbesserter Anbaumethoden war die Versorgung mit Lebensmittel gefährdet. Die Kreuzzüge und später die Pest haben aber auch große Lücken in die Bevölkerung gerissen, die durch den Geburtenüberschuss schnell wieder geschlossen wurden. Man musste roden oder auswandern. Die Ostsiedlung begann in dieser Zeit.

kommunale und regionale Selbstverwaltung

Das Maigericht war wie andere Einrichtungen ein Organ der regionalen Selbstverwaltung. Den Vorsitz führte zwar ein Edelmann, aber die Hübner hatten ein Mitspracherecht. Ähnlich war es bei den Märkerdingen, welche die genossenschaftliche Waldnutzung regelte: eine mittelalterliche "Basisdemokratie", wie sie heute noch in der Schweiz gehandhabt wird.

Begünstigung des Adels

Der Kaiser war nicht weit weg, sondern reiste im Land umher und war 1338 persönlich auf dem Maigericht. Sein Jagdrecht in der Dreieich wird er trotzdem nur selten wahrgenommen haben. Er hatte es zwar an die Münzenberger weiterverliehen, aber die Zahl derer, die wirklich jagen durften, war und blieb zunächst gering. Folge: Der Wald und seine Bewohner waren für den Normalbürger tabu. Es gab auch damals keine wirklich unberührte Natur mehr, aber die Natur hatte noch einen großen Teil ihrer angestammten Rechte behalten.

Die Einzelvorschriften, z.B. über die Veräußerung der Huben (§ 3,1) zeigen, dass das Weistum den Adel begünstigte: Verwaiste Huben  wurden einem Treuhänder mit höherem Rang unterstellt, Beim Verkauf wurden Menschen mit höherem Rang bevorzugt.

   

nach oben

Übersicht

 

Sprachecke 04.09.2007

 

Datum: 2006

Aktuell: 26.03.2016