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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das bleibende Erbe der Reformation

Vortrag anlässlich des 500. Geburtstags Luthers
gehalten am 10. November 1983 in Georgenhausen

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Kirchenspaltung

ein Bischofsamt

allgemeine Priestertum der Gläubigen

Das bleibende Erbe der Reformation:

Allein aus Gnaden

Allein aus Glauben

Allein aus der Heiligen Schrift

Allein Christus

 

I. Unter den Überresten unserer Gemeindebücherei befindet sich ein Buch, geschrieben um die Jahrhundertwende; darin wird die Frage gestellt: Wer waren die drei größten Deutschen? Die Antwort war damals ganz klar: wer anders als Karl der Große, Luther und Bismarck?
Wir würden heute vielleicht die Schwerpunkte etwas anders setzen; aber Luther kann man doch wohl auch heute mit Fug und Recht als einen der größten Deutschen überhaupt bezeichnen.
Der Reformator musste sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte die verschiedensten Deutungen gefallen lassen; die Wertungen reichen vom Ketzerfürsten und Teufelsbraten bis zum Heiligen und Kirchenvater; vom Nationalhelden bis zum Fürstenknecht, vom ungewollten Chefideologen der frühsten deutschen sozialen Revolution bis zum Konterrevolutionär, der die Macht der Fürsten gefestigt und erweitert hat.
Man kann sich über die verschiedenen Deutungen Luthers streiten; eins hat er sicher nicht gewollt: dass er wie ein Heiliger verehrt wird. Er hat sich nicht als einen Heiligen verstanden, sondern war ein angefochtener Mensch, immer gequält von Zweifeln, ob er auf dem richtigen Weg ist - also ein Mensch mit Minderwertigkeitskomplexen unberechtigten Komplexen, wie wir heute wissen. Eins seiner letzten Worte soll gewesen sein: "Wir sind Bettler, das ist wahr." - Vielleicht aber, ist das gerade die Seelenverfassung eines wahren Heiligen.
Ein Personenkult um Luther ist also nicht im Sinne des Reformators.
Luther hat außerdem sein Lebenswerk nicht im Alleingang vollbracht, sondern in enger Zusammenarbeit mit anderen; wir täten ihnen also Unrecht, wenn wir die Verdienste Luthers herausheben und die Leistung der anderen Reformatoren verschweigen. Darum habe ich meinem Vortrag die Überschrift "Das bleibende Erbe der Reformation" gegeben, nicht "Das bleibende Erbe Luthers".

II. Wie bei jedem großen Menschen müssen wir auch bei Luther einen Unterschied machen zwischen dem,
1. was er gewollt hat,
2. was er tatsächlich erreicht hat,
3. und was er bewirkt hat, ohne es zu wollen.

1. Zu den Dingen, die Luther bewirkt hat, ohne dass er es wollte, gehört die Kirchenspaltung. Wir wissen, dass es der Reformator nicht drauf anlegte, eine eigene Kirche zu gründen, sondern er wollte die bestehende Kirche unter Rückbesinnung auf ihre Grundlagen erneuern. Zur Kirchenspaltung kam es, weil die Mächtigen der damaligen Kirche nicht bereit waren, Missstände zu beseitigen, die sie zum Teil selbst verschuldet hatten. Sie schlossen Luther aus der Kirche aus und gedachten ihn damit mundtot zu machen. Dass der Kirchenbann, die Exkommunikation Luthers, die Kirchenspaltung auslösen würde, hatte der damalige Papst Leo X. nicht gedacht.
Zu spät erkannte sein Nachfolger, dass unter seinem Vorgänger tatsächlich schwerwiegende Fehler gemacht worden waren. Als er dies öffentlich in Deutschland verlauten ließ, war es zu einer Versöhnung bereits zu spät; zu heiß waren damals die Gemüter erhitzt, zu groß waren bereits die Gegensätze geworden. So trieben die papsttreue Kirche, die durchaus Reformen nicht abgeneigt war, und die Anhänger Luthers in die entgegen gesetzte Richtung. Die! Auseinandersetzungen der folgenden Jahrzehnte besiegelten den Bruch und machten die Trennung endgültig.
Die papsttreue Kirchenreform des Konzils von Trient, kurz nach Luthers Tod, wird in den Geschichtsbüchern meist als Gegenreformation, als Versuch der Aufhebung der Reformation, dargestellt. Sie war aber eine echte Reformation, die mit den Missständen gründlich aufräumte und die Kirche neu ordnete. Die katholische Kirche, wie wir sie kennen, ist also nicht einfach die direkte Fortsetzung des heruntergekommenen Kirchenwesens zur Zeit Luthers, sondern das Ergebnis des Konzils von Trient, hat also auch ihre Reformation erlebt. Wer kann es dem Konzil verargen, wenn es einen anderen Weg einschlug als die Evangelischen? Die Wege des beiden Konfessionen hatten sich nun einmal getrennt, und man stieß sich in den Folgezeit immer mehr voneinander ab.
Nicht nur die katholische Kirche hat sich von ihrer Schwesterkirche distanziert; die Evangelischen machten es genauso und gaben vieles preis, was Luther nicht beanstandet hatte und für ihn selbstverständlich gewesen war: etwas das Knien im Gottesdienst, die persönliche Beichte, die gesungene Messe, die Anerkennung der Maria als einer der wichtigsten Gestalten der Christenheit - all das sind Dinge, die wir heute als "katholisch" empfinden, die aber zum gemeinsamen Gut beider Konfessionen gehören.


Die Kirchenspaltung betraf aber nicht nur das Auseinandergehen der Evangelischen und der "Papisten", wie man damals sagte. Einmal herbeibeschworen trieb der Teufel der Spaltung weiter sein Unwesen und entzweite die Evangelischen auch untereinander. Das Marburger Religionsgespräch von 1529 war ein wichtiger Meilenstein in dieser verhängnisvollen Entwicklung:
Die sächsische Reformation unter der Führung Luthers und die oberdeutsch-schweizerische Reformation unter der Führung Zwinglis gingen auseinander. Strittiger Punkt war und blieb bis in unsere Zeit hinein das rechte Verständnis des Abendmahls. Im Hintergrund standen aber noch ganz andere Unterschiede, die mit Glauben und Religion eigentlich gar nichts zu tun hatten:
* Die lutherische Reformation wurde vorangetrieben von einigen Fürsten und angenommen von treuen bürgerlichen Untertanen, trug also aristokratische Züge.
* Die oberdeutsche Reformation dagegen war hauptsächlich eine Sache der freien Reichsstädte, hinter denen der einflussreiche Geldadel wohlhabender Kaufmannsfamilien stand, hatte also mehr einen demokratischen Charakter.
Dazu kamen die Unterschiede in Sprache und Mentalität der verschiedenen deutschen Landschaften, die wir ja auch heute noch beobachten können. Luther und Zwingli hatten in Marburg einige Schwierigkeiten, die Sprache und Ausdrucksweise des anderen zu verstehen - wie sollten sie da in der Sache einig werden?
 

Nun liegt die Spaltungstendenz aber dem Protestantismus auch im Blut. Was damals in Marburg zum Vorschein kam, erwies sich als ein sehr dauerhaftes evangelisches Laster:
Luther hat uns mit (seinem Bekenntnis auf dem. Wormser Reichstag 1521 auf die Seele gebunden, dass jeder Christ in erster Linie in seinem Gewissen nicht einem Kirchenoberhaupt, sondern Gott verpflichtet ist, und dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Diese Gewissensfreiheit wurde später von Staats wegen anerkannt und war eine der Haupterrungenschaften der Reformation, und zwar für alle Konfessionen.
Diese segensreiche Errungenschaft hat sich später aber überall da verhängnisvoll ausgewirkt, wo in der jeweiligen evangelischen Kirche irgendwelche Missstände herrschten: Da fühlte sich mancher zum Reformator berufen, machte sich selbständig und gründete seine eigene Kirche oder Sekte zum Schaden der Einheit und Glaubwürdigkeit der Christenheit.
Auch wir sind in unserer Zeit nicht gegen dieses Laster gefeit. Wie oft haben es uns gerade engagierte Christen und bedeutende Kirchenführer vorgemacht: Sie behaupteten, in dieser Kirche könne man nicht mehr Christ sein, drohten mit dem Kirchenaustritt oder vollzogen ihn sogar.
Wer aber an Missständen in unserer verfassten Kirche Anstoß nimmt und deswegen sich zurückzieht, macht sich mitschuldig an diesen Missständen. Wenn gläubige Christen unserer Kirche den Rücken kehren, weil in ihr heute angeblich nur noch Politik statt Evangelium gepredigt wird, machen sie sich mitschuldig an diesen Zuständen, weil sie damit die Kanzeln, Kirchenvorstände und Synoden nur noch den Politikmachern überlassen. Wenn es auch bei uns fromme und überzeugte Christen gibt, die unserer Kirchengemeinde die Mitarbeit verweigern, machen sie sich mitschuldig, wenn in unseren Gemeindekreisen nur leeres Stroh gedroschen wird, statt dass das Evangelium zur Sprache kommt.
Wir nehmen heute mit Erleichterung zur Kenntnis, dass die Konfessionen aufeinander zu gehen und mehr ihre Gemeinsamkeiten als ihre Gegensätze betonen. Seit etwa 10 Jahren ist durch die Leuenberger Konkordie die volle Abendmahlsgemeinschaft wenigstens zwischen Lutheranern und Reformierten möglich geworden.
Ich halte es für einen Skandal, dass es dazu langwieriger Verhandlungen bedarf; ich halte es auch für einen Skandal, dass eine Abendmahlsgemeinschaft zwischen Evangelischen und Katholiken nicht möglich sein sollte. Ich bin zwar der Meinung, dass man unterschiedliche Auffassungen nicht totschweigen und Gegensätze nicht vertuschen soll und trage mit gewissem Stolz das lutherische ganz gespaltene Beffchen; aber ich verstehe nicht, weshalb ich am Abendmahl einer anderen Konfession nicht teilnehmen darf, bloß weil ich mir das Abendmahl anders erkläre als sie. Ich setze mich ja auch beim Mittagessen an den Tisch, ohne mich davon zu überzeugen, dass alle meine Tischnachbarn mit mir über Zubereitung, der Mahlzeit und die Tischmanieren einer Meinung sind.
Wir versündigen uns, wenn wir die Einheit der Kirche preisgeben, bloß weil wir unsere eigene Meinung mit der Wahrheit verwechseln. Wir versündigen uns aber auch, wenn wir die Wahrheit um einer oberflächlichen Einigkeit willen preisgeben.

2. Ich komme nun zum nächsten Punkt: Luther hat zweifellos wie jeder Mensch manches von dem, was er wollte nicht erreicht, umgekehrt aber auch manches erreicht, was er nicht direkt angestrebt hat.
a. Zu der letzten Kategorie gehört die Tatsache, dass die evangelische Kirche kein Bischofsamt wie die katholische Kirche hat, auch wenn sich einige Oberhäupter evangelischer Landeskirchen heute "Bischof" nennen. Unsere Hessen-Nassauische Kirche hat auf diesen Titel aus gutem Grund verzichtet und statt dessen ihr Oberhaupt "Kirchenpräsident" genannt.
Das ist nicht bloß ein Streit um Worte oder eine Frage des Titels. Denn Luther hat mit Rücksicht auf eine Wiedervereinigung der Kirchen auf ein eigenes Bischofsamt verzichtet. Die Einsetzung eigener evangelischer Bischöfe hätte nach Luthers Meinung die Trennung besiegelt und eine Wiedervereinigung unmöglich gemacht. Im Falle einer Einigung (und man hat sich damals viel von einem Reformkonzil versprochen) wäre es denkbar gewesen, dass sich die Evangelischen problemlos dem katholischen Bischof untergeordnet hätten.
Da aber eine solche Einigung zur Zeit Luthers nicht in Aussicht stand und selbst heute beim besten Willen sehr unwahrscheinlich ist, da aber andrerseits das evangelische Kirchenwesen doch irgendwie geordnet werden musste, hat Luther die Landesfürsten zu "Notbischöfen" eingesetzt - eine Übergangslösung, die in Deutschland bis 1918 gedauert hat und in den nordeuropäischen Monarchien heute noch anhält.
Diese Verlegenheitslösung hat sich also als sehr dauerhaft erwiesen und hatte für die Folgezeit recht verhängnisvolle Auswirkungen: Die im Mittelalter mühsam erkämpfte Trennung von Kirche und Staat wurde durch diese Regelung wieder aufgehoben. Die evangelischen Fürsten bekamen zur weltlichen auch die geistliche Macht und verfügten nicht nur über Leib und Leben ihrer Untertanen, sondern auch über ihre Seelen. Der Grundsatz "Wes das Land, des der Glaube" gab später den katholischen Staatsoberhäuptern das Recht, andersgläubigen Untertanen ihren Glauben aufzuzwingen oder sie des Landes zu verweisen. Selbst die katholische Kirche wurde also in diese unheilvolle Entwicklung mit hineingezogen.

b. Zu der ersten Kategorie, dass Luther nicht alles erreicht hat, was er wollte, gehört unter anderem auch das von ihm propagierte allgemeine Priestertum der Gläubigen. Nach Luthers Meinung sind vor Gott alle Menschen gleich; es gibt keine Priester, die kraft ihrer Weihe Gott näher wären als andere Menschen. Jeder kann selbst ohne Vermittlung zu Gott beten; jeder, der lesen kann und eine Spur von gesundem Menschenverstand besitzt, kann ohne Vermittlung aus der Bibel lernen, was für sein Seelenheil notwendig ist.
Natürlich kennt auch die lutherische Kirche hauptamtliche Funktionäre; aber sie sind keine Priester, die zwischen Mensch und Gott vermitteln, sondern Spezialisten, die durch ihre Ausbildung befähigt sind, eine Gemeinde zu leiten. Es steht also beispielsweise jedem getauften und konfirmierten Christen zu, bei unmittelbarer Lebensgefahr einen Menschen zu taufen; wenn das im Normalfall nicht irgend jemand, sondern der Pfarrer tut, dann nur zur Aufrechterhaltung einer äußeren Ordnung.
Soweit die Theorie. Wie sieht es aber in der Praxis aus?
Tatsache ist erstens, dass der evangelische Pfarrer durch seine Ausbildung der Gemeinde in Glaubensfragen dermaßen überlegen ist, dass doch wieder wie in der katholischen Kirche ein Unterschied zwischen Priester und Laien entsteht - nur dass bei uns die Priesterwürde nicht durch eine Weihe, sondern durch die kirchliche Anerkennung einer Ausbildung erworben wird.
Tatsache ist ferner, dass die theologische Wissenschaft Glauben zu einem Spezialwissen gemacht hat, zu dem nur wenige Studierte Zugang haben, das aber der Masse der Gemeindeglieder fremd ist. Vermittlungsversuche scheitern meist daran, dass alles so furchtbar kompliziert ist, dass ein Laie das nicht begreifen kann. Man muss der evangelischen Theologie seit Luther den Vorwurf machen, dass sie den Glauben aus einem allgemeinen Bildungsgut, das man mit ein paar Seiten Katechismus auswendig lernen kann, zu einer Geheimwissenschaft gemacht hat. Bestes Beispiel: Die Konfirmandenausgabe des Kleinen Katechismus umfasst 48 Seiten, davon 19 Seiten Katechismus, der Rest Anhang. Der große Katechismus "für den einfältigen Pfarrherrn" 99 Seiten, der moderne "Evangelische Erwachsenenkatechismus" 1356 Seiten.
Braucht man sich da zu wundern, wenn die meisten Gemeindeglieder längst kapituliert und den Glauben und das Bibellesen den Pfarrern und Theologen überlassen haben?
Wir fragen uns, was denn nun an der ganzen Sache falsch ist: War die Theorie Luthers vom allgemeinen Priestertum falsch - oder ist der Zustand, wie wir ihn heute vorfinden, das Ergebnis einer Fehlentwicklung? Mindestens hätten wir dann kein Recht, der katholischen Kirche gegenüber auf unser anderes "Amtsverständnis" zu pochen, wo doch unsere "Amtswirklichkeit" von der katholischen nicht allzu verschieden ist.
Ich möchte dennoch am allgemeinen Priestertum festhalten, weil ich der Meinung bin, dass das Auseinandertriften von Universitätstheologie und Gemeindefrömmigkeit eine Fehlentwicklung ist. Die Frage wäre, welche Konsequenzen wir daraus ziehen: Sicherlich die, dass wissenschaftliche Theologie nicht so weit gehen darf, dass sie die Grundlagen unseres Glaubens leugnet und das Bibellesen der Gemeinde durch eine Fülle von Zusatzinformationen erschwert.
Andrerseits darf es aber auch nicht soweit kommen, dass die Gemeinde ganz auf eigenes Nachdenken und eigenes Forschen verzichtet. Denn Luther hat uns die deutsche Bibel geschenkt, damit wir sie benutzen; und es ist ein Qualitätsmerkmal der heiligen Schrift, dass sie nicht auf Anhieb verständlich ist, und dass man auch nach jahrzehntelangem Studium sie noch nicht ausgelesen hat, sondern immer noch was Neues entdeckt.

III. Kommen wir schließlich zur Hauptsache: Was hat Luther eigentlich gewollt? Oder: Was ist denn das bleibende Erbe der Reformation? Alles, was wir bisher besprochen hatten, waren ja doch mehr oder weniger nur Randfragen - nun kommen wir zum Kern der Sache.
Anstoß für die Reformation waren nicht irgendwelche Missstände in der Kirche, die nach Abhilfe schrien; sonst müsste man sich fragen, warum gerade Luther und nicht irgendein anderer die Reformation eingeleitet hat. Denn Luther war alles andere als ein draufgängerischer Revolutionär, eher zaghaft und konservativ. An Veränderungen ging er im Unterschied zu anderen Reformatoren nur sehr vorsichtig heran; er änderte nur, was wirklich nicht zu rechtfertigen war.
Anstoß für die Reformation war eigentlich kein öffentliches, sondern ein persönliches Problem, das Luther zeitlebens beschäftigt hat: die leidenschaftliche Frage nach Gott. Als junger Mann hatte er furchtbar gelitten unter dem himmelweiten Unterschied zwischen dem heiligen Gott und seiner weder sündlosen noch besonders sündhaften Normalexistenz. Alle Mittel, die ihm die damalige Zeit zur Beruhigung seines überempfindlichen Gewissens anbot, etwa ein strenges Klosterleben, erwiesen sich als wirkungslos.
Hier wird uns klar, was das Wesen einer christlichen Existenz ist: das Kernproblem eines Christen ist die Frage nach Gott, nicht irgendwelche Zeitfragen, auf die die Bibel zufällig eine Antwort hat. Ein Glaube ohne Gott, eine Theologie, die darauf verzichtet, nach Gott zu fragen, ist ein Widerspruch in sich selbst, ein Unding.
Wir wissen nun auch, dass sich Luther nicht hoffnungslos in seine quälenden Fragen verstrickt hat, sondern dass er auch die befreiende Antwort gefunden hat, die ihm so wertvoll erschien, dass er sie weitersagen musste. Sein ganzes späteres Leben hat er in den Dienst dieser einen Aufgabe gestellt. Alles andere, was, wir unter seinem Lebenswerk verstehen, die Reformation und Erneuerung der Kirche, die Bibelübersetzung und anderes mehr, waren Früchte, Abfallprodukte seiner eigentlichen Aufgabe, nicht aber die Aufgabe selbst.

Wir können seine Erkenntnis in vier einfachen Sätzen zusammenfassen:

a. Allein aus Gnaden. Die durchschlagende Erkenntnis Luthers bestand darin, dass Gott nicht unbarmherzig alle unsere Sünden notiert und mit peinlicher Gewissenhaftigkeit mit unseren bescheidenen Verdiensten verrechnet, sondern dass Er gnädig ist, dass Er bereit ist, uns zu vergeben und nicht nach unseren Sünden oder Verdiensten zu fragen, weil Jesus Christus alle unsre Sünden am Kreuz abgebüßt hat.
Damit ist jedes geistliche und weltliche Leistungsdenken im Keim erstickt. Wer weiß, dass er Gott mit nichts imponieren kann, dass Er auch Höchstleistungen übersieht, der braucht nicht mehr ständig sich selbst und anderen seine Existenzberechtigung zu beweisen. Er weiß, dass Gott ihn annimmt, so wie er ist, darin besteht seine Daseinsberechtigung.
Wenn wir uns klar machen, dass wir alle genauso denken, dass wir danach fragen, was einer leistet oder sich leisten kann, dann erkennen wir, wie aktuell diese Antwort Luthers auch für unsere heutige Zeit ist: sie ist das Todesurteil für alles Leistungsdenken.

b. Allein aus Glauben. Auch der größte Heilige steht also vor Gott wie der allerärmste Bettler, mit nichts, mit leeren Händen. Aber genau so sind wir, wie Gott uns haben will. Weil wir nichts haben, bietet uns Gott Seinen Reichtum an. Weil wir ihm nichts bieten können, bietet Er uns Seine Freundschaft an. Wir brauchen sie nur anzunehmen, nur in die Hand Gottes einzuschlagen. Das versteht die Bibel und Luther unter "Glauben": nicht für wahr halten, dass es Gott gibt, sondern auf Sein Angebot eingehen. Das ist das einzige, was wir tun können und tun müssen.

c. Allein aus der Heiligen Schrift. Zu einer Antwort auf seine Frage kam Luther nicht durch eigenes Nachdenken oder die Anregungen gescheiter Leute, sondern durch die Lektüre der heiligen Schrift. Damit hat er diese grundlegende Urkunde unseres Glaubens als ein einzigartiges, unvergleichliches Buch schätzen gelernt. Und damit hat er zugleich auch ein wichtiges Prinzip der Urkirche wiederentdeckt: Letzter Maßstab für unseren Glauben ist nicht Menschenwort, nicht die Verlautbarungen von Kirchenleitungen oder die Enzykliken von Päpsten, sondern das in der Bibel aufgezeichnete Wort Gottes.
 

Nun kann man aber aus der Bibel alles und gar nichts herauslesen. Auf sie berufen sich die Juden genauso wie die verschiedenen christlichen Kirchen. Sogar die Sekten können ihre sonderbaren Auffassungen mit Bibelstellen belegen.
Die Kirche hat darum schon früh neben das Wort der Bibel die Auslegung der Kirche gestellt: Nur der Bischof kann entscheiden, was die richtige Lehre ist und wie man die Bibel richtig verstehen muss. Der Bischof ist dabei nicht auf seinen eigenen Verstand angewiesen, sondern gebunden an das Bekenntnis und die Tradition der Kirche. Die dreifache Kontrolle: Bibel, Bischof und Tradition sollten also die Reinheit der kirchlichen Lehre gewährleisten.
Luther dagegen war zu der Überzeugung gekommen: Nicht nur einzelne Bischöfe, sondern ganze Bischofskonferenzen können irren und haben im Lauf der Geschichte nachweislich mehrfach geirrt und sich selbst widersprochen. Einziger Maßstab für den Glauben kann also nur die Bibel sein.
Es muss hinzugefügt werden, dass auch in der evangelischen Kirche nicht nur die Bibel Maßstab für den Glauben ist. Hinzu kommt wie in der katholischen Kirche die Tradition, festgelegt in den Bekenntnisschriften. Hier also und nicht in der Bibel wird festgelegt, was evangelischer Glaube ist.
Ich halte diese Entwicklung für einen Rückschritt. Wenn wir Luthers Grundsatz "allein die heilige Schrift" ernst nehmen, dann müssen wir einfach auch zugestehen, dass man die Bibel verschieden auslegen kann und dass eine eindeutige, einlinige Auslegung der Bibel nicht möglich ist. Darin liegt gerade der ganze Reichtum des Gotteswortes, dass es zu verschiedenen Menschen verschieden redet. Wir sollten uns über diese Vielfalt freuen statt eifersüchtig andere Meinungen zu bekämpfen.
Luther war da freilich andrer Meinung:

d. Allein Christus. Luther war weit davon entfernt, jeden Buchstaben, jedes Kapitel und jedes Buch in der Bibel für gleich wichtig und bedeutsam zu halten: Maßgeblich für unseren Glauben ist in der Bibel nur das, "was Christum treibet"; Christus ist also das heimliche Thema, das Zentrum, der Kern der ganzen Bibel in ihrer großen Mannigfaltigkeit, und man muss nach Luther genau unterscheiden zwischen Bibelstellen, die näher, und solchen die weiter von diesem Zentrum entfernt sind.
Hier kann ich Luther nicht folgen, denn ich sehe die Gefahr, dass damit die Fülle der heiligen Schrift eingeengt wird auf ein bestimmtes Thema. Auch Bibelstellen, die mir überhaupt nichts sagen, können anderen Menschen zu anderen Zeiten und anderen Lebenslagen eine wichtige Hilfe sein.

"Christus allein" hieß für Luther aber auch: Christus hat Sein Erlösungswerk allein vollbracht, ohne die Mithilfe der Heiligen und ohne Vermittlung von Priestern. Heilsnotwendig ist also nur zu wissen, dass Christus für mich gestorben ist, und das im Glauben für mich in Anspruch nehmen.

Damit sehen wir, dass Luther, der hochgelehrte Theologieprofessor, sprachgewaltig und intelligenter als jeder von uns, seine ganze Lehre mit diesen vier Worten zusammenfassen konnte: "allein aus Gnaden - allein aus Glauben - allein aus der heiligen Schrift allein Christus." Glauben ist also ganz einfach.

Darin besteht das bleibende Erbe der Reformation, das wir auf jeden Fall bewahren müssen und nicht preisgeben dürfen. Alles andere, was er geleistet und uns geschenkt hat, etwa seine Bibelübersetzung, seine Lieder, sein Katechismus, sind natürlich auch wertvolle Erbstücke, die sich zu erhalten lohnen. Es könnte aber die Zeit kommen, in der wir eine neue Bibelübersetzung, neue Lieder, einen neuen Katechismus brauchen, weil wir die altertümliche Sprache Luthers nicht mehr verstehen.

Sein Erbe vom vierfachen Allein ist davon unbetroffen. Wir können und dürfen es nicht preisgeben.

   

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Datum: 1983 / 2016

Aktuell: 07.12.2016