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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Der Wolf und die sieben Geißlein

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Inhalt

Versionen

Motivgeschichte

»Geiß und Geißlein«

»der Wolf«

»die Stimme der Mutter«

»das Versteck in der Uhr«

»die Wiedergeburt aus dem Bauch«

»Wackersteine im Bauch«

»Der getötete Tod«

»Der Tod im Brunnen«

Literarische Vorlagen

Der gute Hirte

Das gehorsame Zicklein

Der Wolf, die Ziege und das Zicklein

Parallelen

Rotkäppchen

Die drei Schweinchen

Nachwirkung

Deutung

Überlieferungs-geschichte

Moralische Deutung

Religiöse Deutung

 

1. Inhalt

Eine Ziege ("Geiß") muss ihr Haus verlassen und ermahnt ihren sieben Jungen ("Geißlein), sich vor dem Wolf zu hüten. Der Wolf versucht mehrmals sich als Mutter auszugeben, die Geißlein durchschauen ihn, fallen dann aber auf seinen Trick herein, sich die Füße mit Mehl zu bestäuben, so dass sie weiß aussehen. Die Geißlein öffnen, sehen den Wolf und verstecken sich. Er findet und frisst sie alle, geht in den Garten und legt sich schlafen. Die Mutter kommt zurück, sucht vergeblich ihre Kinder und findet schließlich den Wolf. Dem schneidet sie den Bauch auf, befreit die Geißlein, füllt den Bauch mit großen Steinen und näht ihn wieder zu. Wie der Wolf erwacht, bekommt er Durst und geht zum Brunnen. Er wundert sich, was in seinem Bauch »rumpelt und pumpelt«, fällt in den Brunnen und ertrinkt. Und die Ziegenfamilie tanzt vor Freude um den Brunnen herum.

2. Versionen

Bechsteins [1] kürzere Fassung habe ich oben zusammengefasst. Grimm [2] erzählt ausführlicher. Er berichtet, wie der Wolf seine raue Stimme fein, seine schwarze Pfote weiß macht, nur sechs Geißlein frisst, das siebte im Uhrkasten aber nicht findet. Dieses meldet der Mutter, was vorgefallen ist.

3. Motivgeschichte

a. »Geiß und Geißlein«

In den Überschriften steht überall das süddeutsche Geißlein, das Grimm erst in der späteren Ausgabe durchgängig benutzt. In der Erstausgabe gebraucht der das den hessischen Plural Geißerchen. Bechstein führt mit dem hochsprachlichen Zicklein ein, schreibt in der Folge aber Geißlein. Offenbar war das Märchen um 1800 allgemein unter diesem Namen bekannt.

Das Motiv stammt aus dem Kronos-Mythos: Kronos fraß fünf seiner Kinder, außer Zeus. Der wurde in einer Höhle versteckt und von der Ziege Amaltheia gesäugt. Man kann den kindlichen Zeus also als "Kind der Ziege" ansehen. Ziegen haben normal nur ein oder zwei Junge. In den Vorformen des Märchens ist nur von einem Zicklein die Rede. Die Siebenzahl der Geißlein lässt sich aus dem Kronos-Mythos und der Symbolzahl sieben erklären.

b. »der Wolf«

Dass es ein Wolf ist, der die Jungziegen fressen will, erklärt sich zunächst dadurch, dass er der natürliche Feind dieser Tiere ist. Wenn er Jungtiere reißt, kann er auch kleine Mädchen fressen. So wurde dieses Motiv in »Rotkäppchen« auf den Menschen übertragen.

Die nordische Mythologie erzählt vom Fenris-Wolf, einer Ausgeburt des Bösen, das die Welt bedroht. Er kann zwar von den Göttern gefesselt und gebändigt werden, aber nur durch einen Meineid, der dem Himmelsgott Tyr einen Arm kostet, und er wird eines Tages wieder loskommen und die Welt vernichten.

Der Wolf ist also ein Symbol menschlicher Urängste vor dem Gefressenwerden, vor dem Vernichtetwerden, vor dem Tod. Der drohende Untergang kann nur hinausgezögert, nicht verhindert werden – es sei denn, es gelinge den Tod selbst zu vernichten. Das ist eins der Grundthemen vieler Religionen, besonders der christlichen.

c. »die Stimme der Mutter«

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Varianten der Geschichte das Motiv, dass die Mutter an ihrer Stimme erkannt wird und der Wolf sich daher verstellen muss. Das scheint mir aus dem Gleichnis Jesu vom guten Hirten zu stammen, nach dem die Schafe die Stimme des Hirten kennen und auf keine andere hören. [3]

d. »das Versteck in der Uhr«

Grimm und Bechstein geben unterschiedliche Verstecke an, beim letzten, (dem »Kasten) der Wanduhr« [4] bzw. dem »Uhrkasten« [5] sind sie sich einig. Zugegeben, es ist ein ausgefallenes Versteck und für ein Geißlein nicht leicht zu erreichen. Aber hat die Uhr auch einen symbolischen Sinn?

Sie ist ja ein Bild für die Zeit. Das führt zu dem rätselhaften Kapitel 12 der Offenbarung: Eine Frau wird mit ihrem Kind von einem Drachen (Teufel bzw. "Wolf") verfolgt. Das Kind wird zu Gott entrückt, die Frau flieht für 1260 Tage in die Wüste [6] bzw. 3 ½ Zeiten. [7] Die Zahlen drücken aus, dass der Teufel nur wenig Zeit für sein Wüten hat. [8]

Die Uhr deutet also an, dass die Stunden des Wolfs gezählt sind und sein Ende nahe ist.

e. »die Wiedergeburt aus dem Bauch«

In der griechischen Mythologie frisst Kronos seine Kinder gleich nach der Geburt. Der Jüngste, Zeus, holt sie wieder aus dem Bauch hervor. Das erinnert an die Geburt und ist daher ein Bild für die Wiedergeburt.

f. »Wackersteine im Bauch«

Im östlichen Alpengebiet drohte man kleinen Kindern, dass ihnen die Dämonin Perchta den Bauch aufschlitzt, mit Steinen füllt und sie in einen Brunnen wirft. [9] Das scheint mir nicht der Ursprung des Märchenmotivs, sondern wie das Märchen eine Weiterentwicklung dieses Motivs zu sein.

Bei der Strafe des Ertränkens band man Mahlsteine aus der Handmühle um den Hals des Delinquenten oder steckte ihn in einen Sack, der mit Steinen beschwert war. [10] Auch unerwünschte Katzen oder Hunde ertränkte man in einem Sack mit Steinen. Dass der Wolf durch die Steine im Bauch ertrinkt, ist also nach der Erzähllogik beabsichtigt, auch wenn das Motiv einen anderen Ursprung hat.

g. »Der getötete Tod«

Dass der böse Wolf am Ende seiner Fressgier zum Opfer fällt und umkommt, erscheint dem kindlichen Zuhörer gerecht: Der Böse wird getötet und kann keinen Schaden mehr anrichten. Nun aber ist der Wolf aber nicht irgendein böses Tier, sondern das Böse schlechthin, der Fresser, der Tod. Den Tod hat derjenige überwunden (»getötet«), der tot war und wieder ins Leben zurückgekommen ist, also wiedergeboren wurde.

h. »Der Tod im Brunnen«

Es hat wohl einen tieferen Sinn, wenn der Wolf in einem Brunnen ertrinkt: Der Brunnen ist hier ein Bild für die Unterwelt: Der Fresser wird von der Unterwelt verschlungen, die Steine im Bauch ziehen ihn hinab und verhindern, dass er wieder herauskommen kann. Der Brunnen ist in anderen Geschichten aber auch ein Sinnbild für den Lebensquell, aus dem der Storch die kleinen Kinder zieht. Der Tod wird also dadurch getötet, dass er vom Leben verschlungen wird.

Der Brunnen bzw. die Zisterne als Todessymbol ist in der Bibel reich entfaltet: Josef wird von seinen Brüdern in eine Zisterne geworfen. [11] Jeremia wird in einer Zisterne gefangen gehalten. [12] Am Ende der Zeit sperrt ein Engel den Satan in den "Abgrund", den er verschließt und versiegelt. [13] Diesen "Abgrund" muss man sich als eine Art Schacht oder Brunnen [14] vorstellen, der mit einem großen Stein verschlossen wird.

4. Literarische Vorlagen

a. Der gute Hirte

Jesus vergleicht sich mit einem Hirten, der vom Türhüter in den Stall gelassen wird und seine Schafe einzeln herausruft. Sie erkennen seine Stimme und folgen ihm, aber einem Fremden folgen sie nicht. Er erwägt auch die Möglichkeit, dass ein Dieb oder Räuber in den Stall eindringt, dem aber die Schafe nicht gehorchen. Oder dass ein Wolf kommt, gegen den der Hirte die Schafe mit seinem Leben verteidigt.

Johannes 10

b. Das gehorsame Zicklein

Eine trächtige Ziege will auf die Weide gehen und ermahnt ihr Junges, niemand aufzumachen. Der Wolf ahmt die Stimme der Mutter nach und begehrt Einlass. Das Junge aber guckt durch die Spalten und erkennt den Räuber.

Moral: So lebt vorsichtig, wer auf Mahnungen hört.

Fabeln des Romulus Nr. 36. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 10403 (vgl. Ant. Fabeln, S. 365-366) (c) Aufbau-Verlag

 

c. Der Wolf, die Ziege und das Zicklein

Eine Ziege geht auf die Weide und ermahnt ihr Junges, nicht den Wolf einzulassen. Wenn sie wiederkäme, sei sie an ihrem Losungswort zu erkennen. Der Wolf hört das zufällig, geht zur Tür und spricht mit verstellter Stimme das Passwort. Das Geißlein bleibt misstrauisch und will erst die Pfote sehen. Da Wölfe selten weiße Pfoten haben, muss der Räuber unverrichteter Dinge abziehen.

Moral: Mehrere Sicherungen sind besser, man kann's aber auch übertreiben.

Jean de la Fontaine, Fables 4,15 (1668)

5. Parallelen

a. Rotkäppchen

Bechstein weist darauf hin, dass der Schluss von »Rotkäppchen« aus »Der Wolf und die sieben Geißlein« stammt. [15] Beide Geschichten sind also eng miteinander verzahnt.

b. Die drei Schweinchen

Eine Schweinemutter schickt ihre drei Kinder weg, weil sie sie nicht mehr ernähren kann. Das erste baut sich ein Haus aus Stroh, das zweite aus Holz, das dritte aus Ziegelsteinen. Dann kommt der Wolf und begehrt Einlass in das Strohhaus. Da das Schweinchen nicht öffnet, pustet Isegrim das Haus weg und frisst den Bewohner. So geht es auch mit dem Holzhaus. Beim Steinhaus hat er keinen Erfolg. Der Wolf versucht das überlebende Ferkel mehrmals aus dem Haus zu locken, es geht darauf ein und überlistet jedes Mal den Räuber. Der klettert schließlich aufs Dach und will durch den Kamin eindringen, da fällt er in den Kessel darunter, wird gekocht und vom Schweinchen gefressen. [16]

aus England

6. Nachwirkung

Eine Nachwirkung hat das Märchen in dem bekannten Lügengedicht von den »sieben jungen Ziegen« = Geißlein:

Eine Kuh, die saß im Schwalbennest  / mit sieben jungen Ziegen,  / die feierten ihr Jubelfest  / und fingen an zu fliegen.  / Der Esel zog Pantoffel an,  / ist übers Haus geflogen.  / Und wenn es nicht die Wahrheit ist,  / so ist es doch gelogen. [17]

7. Deutung

a. Überlieferungsgeschichte

Das deutsche Märchen von den Geißlein ist aus der antiken Fabel heraus entwickelt, in der es dem Wolf nicht gelingt, »das gehorsame Zicklein« zu fressen. Das Motiv des Kinderfressers und der mütterlichen Ziege führte dazu, an den Kronos-Mythos anzuknüpfen, daher die sieben Kinder und als Ersatz die Steine im Bauch des Fressers. Dass dieser am Ende in den Brunnen stürzt und ertrinkt, lässt sich mit dieser Vorgeschichte nicht erklären.

Denselben Hintergrund hat auch das englische Märchen von den Schweinchen. Auch hier endet der Wolf, indem er durch einen "Schacht" (Kamin) fällt und im Wasser umkommt.

b. Moralische Deutung

Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte verbietet ein voreiliges Psychologisieren. Die ursprüngliche Fabel hatte eine moralische Nutzanwendung: eine Warnung vor Betrügern an der Haustür. Das ist ja leider auch heute noch aktuell (z.B. Haustürgeschäfte, Trickdiebe, die um ein Glas Wasser bitten) und hat eine ungeahnte Anwendung durch den Computer gefunden: Der Wolf bei La Fontaine versucht durch Ausspionieren des Passworts in ein fremdes "System" einzudringen wie ein moderner Hacker. Aber der "User", das Geißlein, weiß sich dagegen zu schützen, indem ihm gelingt, den Angreifer zu identifizieren.

So lässt sich auch das englische Märchen verstehen: Starke Mauern und feste Türen waren immer ein guter Schutz vor ungebetenen Besuchern. Und ins Moderne gewendet: Die drei Schweinchen versuchen sich durch eine mehr oder weniger stabile "Brandmauer" (englisch fire wall) abzusichern. Und wenn der Angreifer trotzdem eindringt (durch den Kamin), muss er mit "Bordmitteln" (Wasserkessel) unschädlich gemacht werden.

c. Religiöse Deutung

Die Rückführung des Märchens auf den Kronos-Mythos öffnet unsern Blick für eine religiöse Deutung:

Die Macht, die soeben entstandenes Leben gleich wieder verschlingt, ist der Tod. Und dieser wird schließlich vom Leben selbst wieder verschlungen, symbolisiert im Brunnen, aus dem das Leben hervorgekommen ist. Der Schluss der Geschichte von den Schweinchen bringt das mit einem anderen Bild zum Ausdruck: Der Wolf, der das Ferkel fressen will, wird schließlich vom Ferkel gefressen.

Diese Geschichte hat einen zutiefst christlichen Hintergrund: Christus hat den Tod überwunden. Er war tot und wurde wieder lebendig. Er kam ins Totenreich und hat den Rückweg wieder gefunden. "Der Tod ist verschlungen in den Sieg." [18] »Der Wolf und die sieben Geißlein« lässt sich also verstehen als eine umgekehrte Ostergeschichte: Wie der Todesdämon Wolf selber in die Hölle hinab fahren muss, ist Christus aus der Hölle wieder hervorgekommen.

Dass der Teufel durch eine Art Brunnen in die Unterwelt verbannt wird, [19] und sich seitdem in der Hölle unter der Erde befindet, ist alte christliche Überzeugung. Der teuflische Wolf fährt also buchstäblich zur Hölle.

 

[1] Die sieben Geißlein, Deutsches Märchenbuch. Deutsche Märchen und Sagen, S. 215

[2] Der Wolf und die sieben jungen Geißlein.  Kinder und Hausmärchen Nr. 5 (1812 / 15 und1819)

[3] Joh 10,3-5.27f

[4] Grimm

[5] Bechstein

[6] V. 6

[7] V. 14

[8] V. 12

[9] Grimm, Mythologie 1, 226 ff.; 3, 452; Lexikon: Perhta. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 6, S. 1489);  Wikipdia

[10] Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer 2,278 f  4 (1899 / 1974)

[11] Gen 37,14

[12] Jer 38

[13] Offb 20,1-3

[14] Offb 9,2

[15] Bechstein: Deutsches Märchenbuch. Deutsche Märchen und Sagen,  S. 71)

[16] Das Märchen wurde in der modernen Fassung dadurch entschärft, dass die ersten beiden Schweinchen ins Steinhaus fliehen und der Wolf nur ins Wasser plumpst.

[17] Volksgut, angeblich von Gustav Falke (1853-1916), der das Gedicht vielleicht nur zitiert hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[18] 1 Kor 15,54

 

 

[19] Offb 20,1.2

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2007

Aktuell: 14.04.2016