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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Hänschen klein

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Inhalt

Versionen

Kurzfassung

Langfassung

Literarische Vorlagen

Hänsel und Gretel

Das Erkennen

Parallelen

Schiller, Die Glocke

Zwerg Nase

Deutung

Überlieferungs-geschichte

psychologische Deutung

 

1. Inhalt

Der Sohn verlässt das Elternhaus und kehrt zurück. Die Eltern freuen sich.

2. Versionen

a. Kurzfassung

Hänschen klein / ging allein / in die weite Welt hinein. / Stock und Hut / stehn ihm gut, / ist gar wohlgemut.

Aber Mama weinte sehr, / hatte nun kein Hänschen mehr. / Da besinnt / sich das Kind, / kehrt nach Haus geschwind.

"Lieb Mama, / ich bin da / ich dein Hänschen, hopsasa. / Glaube mir, ich geh hier / nimmer fort von dir."

Da freut sich der Papa sehr / und die Mama noch viel mehr: / Heisasa, hopsasa, / Hans ist wieder da. [1]

b. Langfassung

Hänschen klein / ging allein / In die weite Welt hinein. / Stock und Hut / steht ihm gut, / ist gar wohlgemut. / Aber Mama weinet sehr, / hat ja nun kein Hänschen mehr! / "Wünsch dir Glück!" / sagt ihr Blick, / "kehr' nur bald zurück!"

Sieben Jahr / trüb und klar / Hänschen in der Fremde war. / Da besinnt / sich das Kind, / eilt nach Haus geschwind. / Doch nun ist's kein Hänschen mehr. / Nein, ein großer Hans ist er. / Braun gebrannt / Stirn und Hand. / Wird er wohl erkannt?

Eins, zwei, drei / gehn vorbei, / wissen nicht, wer das wohl sei. / Schwester spricht: / "Welch Gesicht?“ / Kennt den Bruder nicht. / Kommt daher die Mutter sein, / schaut ihm kaum ins Aug hinein, / ruft sie schon: / "Hans, mein Sohn! / Grüß dich Gott, mein Sohn!" [2]

Text von Franz Wiedemann (1821–1882)

4. Literarische Vorlagen

a. Hänsel und Gretel

dort weitere Beziehungen. Bezeichnenderweise heißt das Kind Hänschen, das die hochdeutsche Form des mundartlichen Kosenamens Hänsel ist.

b. Das Erkennen

Johann Nepomuk Vogl, 1802-1866

5. Parallelen

a. Schiller, Die Glocke

»Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe / und stürmt ins Leben wild hinaus, / durchmisst die Welt am Wanderstabe. / Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus

b. Zwerg Nase

Ein Junge namens Jakob macht sich über eine alte Frau lustig. Die bittet ihn, ihren Einkauf nach Hause zu tragen. Dort muss er längere Zeit bleiben und absolviert eine Lehre als Koch. Wie er wieder nach Hause kommt, hat er sich verändert zu einem hässlichen Zwerg mit Buckel und langer Nase. Die Eltern erkennen ihn nicht mehr und verleugnen ihn. Jakob muss ohne Eltern zurechtkommen.

Wilhelm Hauff, Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 (2,112)

In diesem Märchen wird dargestellt, wie der Junge während seiner Lehre durch die Pubertät sich körperlich so verändert, dass ihn seine Eltern nicht mehr wiedererkennen. Dass in diesem Alter besonders die Nase wächst, geht fast jedem jungen Mann so. Die länger gewordene Nase steht auch symbolisch für den Penis. Dass der Junge aber zu einem Zwerg wird, drückt vielleicht aus, dass er in den Augen der Eltern und Bekannten immer noch ein Kind ist. Der pubertäre Jüngling fühlt sich tatsächlich in seiner Haut nicht wohl, er hat schon eine lange "Nase", ist aber immer noch "Zwerg" und wird trotz seines Talents nicht für voll genommen.

6. Deutung

a. Überlieferungsgeschichte

Das kurze Lied handelt von einem kindlichen Ausreißer, einem kleinen Gernegroß, der reumütig wieder zurückkehrt. Auf ihn treffen die Worte zu: "Hänschen klein", "Mama weinet sehr", "Da besinnt sich das Kind".

Bei einem Handwerksburschen, Seemann, Studenten oder Soldaten, der Abschied nimmt, würde man nicht mehr "Hänschen klein" sagen. Zwar haben Mütter schon beim Abschied viel älterer Söhne Tränen vergossen und ihnen lange nachgeweint, aber man würde bei einem 14jährigen doch erwarten, dass da nicht mehr "Mama", sondern "Mutter" stünde. "Deine Mama" sagt man zu kleinen Kindern, nicht mehr zu Jugendlichen. Franz Wiedemann zitiert doch förmlich, wenn er von dem inzwischen 21jährigen schreibt: "Da besinnt sich das Kind…" Auch dass er fortfährt: "Doch nun ist's kein Hänschen mehr. / Nein, ein großer Hans ist er", zeigt dass er nicht frei formuliert, sondern sich auf einen älteren Text bezieht.

Nun fehlen allerdings in der Melodie der Kurzfassung Teile. Der kurze Text kann also auch nicht ursprünglich sein. Die Füller "hopsasa" und "heisasa, hopsasa" zeigen, dass ein ursprünglich noch kürzerer Text einer vorhandenen Melodie angepasst wurde. Diese Melodie ist bereits 1807 zu einem anderen Lied überliefert. [3]

b. psychologische Deutung

Diese einfache Geschichte erzählt von einem noch unreifen Kind, das viel zu früh sein Elternhaus verlässt und reuig wieder heimkehrt.

Die Langfassung vermengt damit das häufig behandelte Motiv vom jungen Mann, der nach langen Jahren wieder in seinen Heimatort zurückkehrt.

Beides ist weniger ein Problem des Sohnes als der Mutter, die ihren Sohn nicht loslassen kann. Das beobachten wir doch schon im Kindergarten, wo es manche Mütter nicht fertig kriegen, ihr Kind dort zu lassen und wieder heimzugehen. Ja sogar in der Grundschule stehen sie nicht selten auf dem Pausenhof und vergewissern sich, dass es ihrem "Hänschen" gut geht. Natürlich gibt es auch Kinder, die im Kindergarten anfangen Theater zu machen und bei ihrer Mutter bleiben wollen. Der Normalfall ist aber doch, dass ein Großkind stolz darauf ist, alleine in Kindergarten oder Schule zu gehen.

Auch bei Jugendlichen oder fast Erwachsenen ist immer wieder zu beobachten, dass die Eltern sie nicht loslassen können. Der Vater legt Wert darauf, dass die Tochter pünktlich zu Hause ist, und fängt eifersüchtig an zu toben, wenn sie einen Freund hat. Die Mutter stattet die Kinder großzügig mit Handys aus, um sie so an die elektronische Nabelschnur zu legen.

 

[1] So haben meine Frau und ich dieses Lied als Kinder kennengelernt.

[2] Text aus Wikipedia, Fassung vom 19.11.2007

[3] Wikipedia

 

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Übersicht

 

Sprachecke 29.03.2016

 

Datum: 2007

Aktuell: 26.03.2016