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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Schneewittchen

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Inhalt

Versionen

Motivgeschichte

»Weiß und rot«

»Die Schöne und ihre Konkurrentin«

»Der Zauberspiegel«

»Die böse Mutter«

»Der Jäger«

»Das schneeweiße Mädchen und die Zwerge«

»Die Zwerge«

»Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?«

»Die Mutter will das Mädchen töten«

»Todähnlicher Zustand und Auferweckung«

»Das Mädchen liegt in einem gläsernen Sarg«

Literarische Vorlagen

Die Tochter des Jairus

Amor und Psyche

Griselda

Imogen

Die Küchenmagd

Richilde

Parallelen

Deutung

 

 

 

 

I. Inhalt

Eine Königin sticht sich beim Nähen in den Finger und wünscht sich ein Kind, "so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz". Sie stirbt bei der Geburt.

Der König heiratet eine sehr schöne und von sich eingenommene Frau. Ihr Zauberspiegel hat ihr bisher immer gesagt, sie sei die schönste, jetzt aber ist es ihre siebenjährige Stieftochter Schneewittchen. Die König beginnt das Mädchen zu hassen und beauftragt einen Jäger, sie in den Wald zu führen, zu töten und ihr Lunge und Leber mitzubringen. Der mitleidige Mann lässt das Kind laufen und bringt stattdessen die Eingeweide eines Frischlings mit, die die böse Frau isst.

Schneewittchen läuft durch den Wald und findet das Haus der sieben Zwerge, isst ein bisschen von ihren Speisen und legt sich in ein Bett schlafen. Die Zwerge behalten es bei sich und Schneewittchen führt ihnen den Haushalt.

Die Stiefmutter erfährt durch den Spiegel, dass die Prinzessin noch lebt und bei den Zwergen ist, Sie verkleidet sich und versucht Schneewittchen mit Schnürriemen, einem vergifteten Kamm und einem vergifteten Apfel zu töten. Das einfältige Mädchen lässt sich auf die verlockenden Angebote der angeblichen Händlerin ein, obwohl die Zwerge sie gewarnt haben. Zweimal können die Zwerge sie wieder erwecken, das dritte Mal nicht. Die Zwerge legen sie in einen Glassarg, den sie bewachen.

Ein Königssohn entdeckt sie, verliebt sich und nimmt sie mit. Unterwegs stolpern die Träger und wecken die Schlafende auf.

Zur Hochzeit wird auch die Stiefmutter eingeladen. Sie muss so lange in glühenden eisernen Pantoffeln tanzen, bis sie tot ist.

II. Versionen

Das Märchen wird von Grimm (niederdeutsch Sneewittchen) und Bechstein (hochdeutsch Schneeweißchen) mit nur geringen Abweichungen erzählt. Nur über das Ende der bösen Stiefmutter gibt es unterschiedliche Darstellungen.

Nach der Erstausgabe von Grimm 1812 / 15 war es nicht die Stiefmutter, sondern die leibliche Mutter, die das Kind gehasst hat. – Die Diener mussten den Glassarg den ganzen Tag tragen und ärgerten sich drüber. Schließlich machte einer den Deckel auf, hob das Mädchen auf und klopfte ihm auf den Rücken, da fuhr der Apfelgrütz heraus und Sneewittchen wurde wieder lebendig.

III. Motivgeschichte

1. »Weiß und rot«

2. »Die Schöne und ihre Konkurrentin«

In "Amor und Psyche" ist das sterbliche Mädchen Psyche so schön, dass die Menschen darüber den Kult der Venus vernachlässigen. Venus versucht auf verschiedene Weise die Rivalin auszuschalten, u. a. indem sie Psyche verleitet, ein angebliches Schönheitsmittel aus der Unterwelt zu holen, das sie tötet.

3. »Der Zauberspiegel«

Bei Musäus spricht der Spiegel nicht, sondern zeigt nur die jeweils Schönste bzw. den schönsten Mann. Da der Spiegel missbraucht wird, erblindet er bald.

Das erinnert an einen volkstümlichen Brauch: Wenn ein Mädchen an einem bestimmten Feiertag um Mitternacht ins Wasser oder einen Spiegel guckt, sieht sie den Schatten ihres Zukünftigen.

In 1001 Nacht [1] wird von einem Zauberspiegel erzählt, mit dem man erkennen kann, ob ein Mädchen noch Jungfrau ist: Nur bei ihr bleibt der Spiegel klar, sonst erblindet er.

4. »Die böse Mutter«,

dargestellt als Stief- oder Schwiegermutter, ein überaus häufiges Motiv in verschiedenen Ausprägungen:

a. Die Mutter schikaniert die Stieftochter

z.B. "Amor und Psyche, Aschenputtel, Frau Holle"

b. Die Mutter setzt die Kinder im Wald aus

z.B. "Hänsel und Gretel, Brüderchen und Schwesterchen"

c. Die Mutter tötet ein Kind

z.B. "Von dem "Machandelboom"

Dieses Motiv findet sich schon in der antiken Sage von Prokne und Philomela sowie in der nordischen Gudrunsage, wo die Mutter ihren Sohn schlachtet und ihrem Mann zu essen gibt.

d. Der Jäger tötet nicht das Mädchen, sondern ein Tier

Dass der Held an Stelle eines Menschen ein Tier tötet, findet sich schon in der Bibel (Gen 22 Isaaks Opferung). Dort geht es um die Ablösung eines rituellen Menschenopfers durch ein Tieropfer.

Die Fassung von "Dornröschen" bei Perrault erzählt im zweiten Teil, dass die Schwiegermutter der jungen Königin, eine Menschenfresserin, sich vom Koch die Kinder und die Schwiegertochter zubereiten lassen will. Der Koch aber schlachtet stattdessen Tiere.

In anderen Varianten der Geschichte setzt die Stiefmutter das Kind im Wald aus. Dies erinnert an "Rotkäppchen", wo die Mutter das naive Mädchen allein in den gefährlichen Wald schickt.

5. »Der Jäger«

In der Wunderhorn-Fassung von "Es blies ein Jäger wohl in sein Horn" kommt wie bei "Schneewittchen" der Jäger zweimal vor: Einmal als der das Mädel fängt und töten will, und dann am Schluss als der, auf den die "tote" Geliebte wartet.

6. »Das "schneeweiße Mädchen" und die Zwerge«

Auch Schneeweißchen und Rosenrot haben mit einem, allerdings bösartigen, Zwerg zu tun.

7. »Die Zwerge«

8. »Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?«

The Three Bears (deutsch: Kratzefuß):[2]

In eine Schloss wohnen drei Bären von verschiedener Größe. Kratzefuß, der Fuchs, hat zwar große Angst vor ihnen, aber er wagt sich dennoch in ihr Schloss. Dort probiert er die Sessel aus, versucht die drei Schüsseln Milch, von denen er die kleinste trinkt, und legt sich in alle Betten, bis er schließlich einschläft. Die Bären kommen heim und wundern sich, wer auf ihren Sessel gesessen, von ihrer Milch getrunken und in ihrem Bett geschlafen hat. Sie packen Kratzefuß und werfen ihn aus dem Fenster.

9. »Die Mutter versucht das Mädchen dreimal zu töten«

In "Amor und Psyche" schikaniert die Schwiegermutter die Heldin mit schwierigen Aufgaben, bei der letzten muss sie ins Totenreich gehen.

Auch in "Brüderchen und Schwesterchen" versucht die Stiefmutter mehrmals den Geschwistern Schaden zuzufügen: durch die Verzauberung des Jungen und indem sie die junge Königin tötet.

10. »Todähnlicher Zustand und Auferweckung«

In "Die blutflüssige Frau und die Tochter des Jairus" erlöst Jesus eine alternde Frau und ein heiratsfähiges Mädchen, das gestorben ist.

In "Amor und Psyche" öffnet die Heldin ein Kästchen, in dem ein Todesschlaf ist. Ihr Geliebter sperrt den Todesschlaf wieder ein und erweckt die Heldin.

Das entspricht Dornröschens hundertjährigem Schlaf, den eine Fee verursacht. Auch in einer älteren Fassung von "Schneewittchen" sagt eine Fee das Schicksal des Kindes voraus.

In "Brüderchen und Schwesterchen" wird die Heldin tatsächlich getötet. Da aber ihr Geist von ihrem Kind nicht lassen kann, wird sie wieder ins Leben zurück gerufen.

In der Edda: Odin versetzt die ungehorsame Walküre Brünhild in einen Zauberschlaf, aus der sie der Bezwinger der Waberlohe, Sigurd erweckt.

11. »Das Mädchen liegt in einem gläsernen Sarg«

Grimm, "Der gläserne Sarg"[3]: Ein Schneider wird von einem Hirsch zu einer Höhle geführt, in der eine Grafentochter in einem gläsernen Sarg eingeschlossen ist. Sie und ihr Bruder waren ein Herz und eine Seele und wollten nicht heiraten, sondern zusammenbleiben.[4] Ein Zauberer hatte um sie geworben. Da sie ihn nicht erhörte, hatte er ihren Bruder in einen Hirsch verzaubert und sie in den Glaskasten gesperrt. Da der Bruder inzwischen den Zauberer getötet hat, werden die vorherigen Verhältnisse wiederhergestellt und das Mädchen gibt dem Schneider Hand und Herz.

Hier geht es nicht um den Konflikt zwischen heranwachsender Tochter und alternder Mutter, sondern das Mädchen liebt seinen älteren Bruder und will mit ihm zusammenleben. Der Zauberer (ein "vermögender" Mann) gewinnt erst das Vertrauen zum Bruder und wirbt dann um das Mädchen. Damit treibt er einen Keil zwischen Bruder und Schwester, der Bruder entfremdet sich und geht seine eigenen Wege. Das Mädchen kapselt sich ab und will von dem Zauberer nichts wissen. Der Schneider ist kein "vermögender" Mann, sondern das bekannte "Schneiderlein", ein Geselle auf der Walz, der die Grafentochter schließlich aus ihrer Erstarrung erlöst und zwischen Bruder und Schwester wieder ein normales Verhältnis ermöglicht.

Bemerkenswert, dass das Mädchen keine Königs- sondern nur eine Grafentochter ist. Der Schneider heiratet also nicht wie im "Tapferen Schneiderlein" weit über seinen Stand, sondern die Tochter eines lokalen Prominenten, um die sich ein "vermögender" Mann vergeblich bemüht hatte.

12. »Glühende Pantoffeln«

Bären wurden angeblich zum Tanzen dressiert, indem man sie auf eine heiße Eisenplatte stellte.
Die glühenden Pantoffeln sind ein Bild dafür, dass es der Stiefmutter sehr unangenehm ist, auf Schneewittchens Hochzeit tanzen zu müssen, vgl. "auf glühenden Kohlen sitzen". Sie stirbt vor Scham oder meint vor Scham sterben zu müssen.

IV. Literarische Vorlagen

1. Die blutflüssige Frau und die Tochter des Jairus

Bibel, Markus 5,21-43

Ein zwölfjähriges Mädchen (»Schneewittchen») liegt im Sterben. Die Hausbewohner und Nachbarn (»Zwerge«) haben sie schon aufgegeben. Der Vater ruft Jesus zu Hilfe, der unterwegs von einer Frau (»Stiefmutter«) aufgehalten wird, die seit zwölf Jahren an Blutfluss leidet, d.h. wohl seit dem 12. Lebensjahr. Dadurch kommt er zu spät. Das Mädchen ist inzwischen gestorben, wird aber von Jesus (»Prinz«) auferweckt.

Hier haben wir bereits die Grundstruktur der Schneewittchengeschichte:

Es geht um eine Frau, die seit ihrem 12. Lebensjahr Blutungen[5] hatte und um ein Mädchen, das 12 Jahre alt ist und bei dem die Blutungen gerade anfangen. Jesus bringt die Blutungen zu Stillstand, d.h. die Frau erreicht die Menopause (»alternde, nicht mehr so schöne Stiefmutter«). Sie möchte selbst von der Last des Frauseins befreit sein und verhindert unbewusst, dass das Mädchen diese Last auf sich nimmt (»Mordversuche«).

Die "blutflüssige Frau" steht also hier an Stelle der alternden Mutter, die in der Geschichte nur kurz genannt wird. Die Evangelien zeigen deutlich, dass nicht nur das Mädchen, sondern auch die Mutter Probleme hat (Pubertät und Altern) und dass der Erlöser beiden hilft, während es im Märchen eine Erlösung nur für die Tochter gibt.

Eine wichtige Rolle spielt hier der Vater, der den Heiland holt und sich von den hoffnungslosen Dorfbewohnern nicht irre machen lässt. Er stellt sich die Erlösung so vor, dass Jesus das (an der Menstruation?) erkrankte Kind gesund macht, so dass es ihm als Kind erhalten bleibt, d.h. er will es nicht loslassen.

Auch Jesus kann nicht verhindern, dass die Tochter stirbt,[6] er kann die Ablösung von den Eltern nicht aufhalten. Aber er erweckt sie wie Schneewittchen zu einem neuen Leben, jetzt nicht mehr als Mädchen, sondern als heiratsfähige Frau[7]  - im Sinne der Bibel zum ewigen Leben und so, dass die Auferweckte ihr Leben dem Erlöser weiht (»den Prinzen heiratet«).

2. Amor und Psyche

Lucius Apuleius, Metamorphosen 4,28-6,24 (2"-Jahrhundert)[8]:

Das sterbliche Mädchen Psyche ist so schön, dass Venus (»Stiefmutter«) auf sie eifersüchtig wird. Sie schickt ihren Sohn Cupido, er solle sie dafür sorgen, dass sie sich in irgendeinen unwürdigen Mann verliebt. Cupido verliebt sich aber selbst in sie.

Trotz ihrer Schönheit findet Psyche keinen Mann. Ein Orakel (»Fee« bei Dornröschen) prophezeit, sie würde mit einem Ungeheuer vermählt werden, dem weder Götter noch Menschen widerstehen können.[9] Sie wird dazu auf den Gipfel eines Berges gebracht, Ein sanfter Wind entführt sie in einen wunderbaren Palast. Dort wird sie von unsichtbaren Wesen (»Zwergen«) bedient. Cupido besucht sie immer nur in der Dunkelheit und zeugt mit ihr ein Kind. Er möchte unsichtbar bleiben, aber Psyches Schwestern stiften sie an, eine Lampe anzuzünden und sich den schlafenden Gatten anzusehen. Dabei fällt ein Tropfen brennendes Öl auf seine Schulter. Cupido verlässt sie. Der Palast verschwindet und Psyche macht sich auf die Suche nach ihrem Gatten. Sie entschließt sich, Venus aufzusuchen und sich ihr zu unterwerfen. Venus stellt die unerwünschte Schwiegertochter mit unlösbaren Aufgaben auf die Probe, die zum Teil für sie tödlich werden können (»Mordversuche«). Schließlich soll sie aus der Unterwelt eine Dose holen, welche die göttliche Schönheit enthält (»Apfel«). Auf dem Rückweg öffnet sie neugierig die Dose und wird vom Todesschlaf befallen, der darin enthalten war. Cupido (»Prinz«) sperrt den Schlaf wieder ein und weckt Psyche auf, indem er sie mit seinem Pfeil berührt. Jupiter genehmigt die »Heirat« und macht Psyche unsterblich.

3. Griselda

Boccaccio Decamerone 100: (1349-53):

Ein Graf heiratet das Bauernmädchen Griselda. Er unterzieht sie einer harten Prüfung, wirft ihr die niedere Herkunft vor, lässt ihr erst das erste und dann das zweite Kind durch einen Diener (»Jäger») wegnehmen, angeblich, um es zu töten, und verstößt Griselda schließlich (»Wald«). Schließlich inszeniert der Graf eine standesgemäße Heirat, die Griselda als Haushälterin organisieren muss. Griselda erträgt alles in bewundernswertem Gleichmut. Der Graf klärt sie auf, dass sei alles nur eine Prüfung gewesen, nimmt sie wieder zur Frau und lässt auch die Kinder wiederkommen, die nicht getötet, sondern bei Verwandten (»Zwergen«) untergebracht waren.

4. Imogen

William Shakespeare, Cymbeline (1611):

Prinzessin Imogen von Britannien hat sich gegen den Willen ihrer Eltern mit Postumus vermählt, der verbannt wird. Er schließt eine alberne Wette, dass ihm Imogen treu bleibt. Joachimo fährt nach Britannien, stiehlt der Ahnungslosen im Schlaf ein Armband und legt es als Beweis ihrer angeblichen Untreue vor. Postumus ist wütend und beauftragt seinen Diener Pisanio, Imogen zu töten. Der ermöglich ihr aber die Flucht (»Jäger«). Imogen findet in der Wildnis von Wales (»Wald«) Unterschlupf bei einem Verbannten, der zwei Kinder bei sich hat, wie sich später herausstellt, ihre Geschwister (»Zwerge«). Sie trinkt ahnungslos ein Mittel, durch das sie in einen todesähnlichen Schlaf fällt. Die Stiefmutter wollte damit ihren Vater und Imogen töten, der Arzt hatte ihr aber eine harmlose Droge gegeben, die nur zeitweilige Ohnmacht erzeugt (»Vergiftung«). Imogen wacht also wieder auf und wird dann nach einigen Abenteuern mit Postumus wieder vereint (»Prinz«).

5. Die Küchenmagd

Giambattista Basile, Pentamerone (1634-36):[10]

Cilla isst ein Rosenblatt und wird davon schwanger. Sie gebiert eine Tochter Lisa, welcher die Feen ihren Segen geben. Die letzte stolpert und spricht vor Schmerz einen Fluch aus[11]: Wenn sie 7 Jahre alt ist, soll die Mutter aus Vergesslichkeit den »Kamm« in ihrem Haar stecken lassen. Davon soll sie »sterben«. Das Schicksal erfüllt sich. Lisa wird in einen siebenfachen »Kristallkasten« gelegt und in einem Zimmer unter Verschluss gehalten. Die Mutter vertraut Lisas Bruder im Sterben den Schlüssel an und bittet, das Zimmer unberührt zu lassen. In seiner Abwesenheit betritt die Frau des Bruders doch das Zimmer und vermutet, ihr Mann hätte mit dem Mädchen in der Kiste ein Verhältnis. Sie reißt die inzwischen herangewachsene Lisa an den Haaren heraus, dadurch verliert sie den Kamm und wird »wieder lebendig«. Sie misshandelt die Nichte und lässt sie als Küchenmagd arbeiten[12]. Ihr Onkel besucht einen Jahrmarkt. Lisa bittet, ihre eine Puppe, ein Messer und einen Bimsstein mitzubringen. Täglich erzählt die der Puppe ihr Leid, bis der Onkel einmal mithört. Er verstößt seine Frau und gibt Lisa einen Mann, der ihr gefällt (»Prinz«).

6. Richilde

Johann Karl August Musäus, Volksmärchen der Deutschen (1782-86):

Musäus historisiert die Schneewittchengeschichte als Sage aus der Zeit der Kreuzzüge, die in Brabant spielt, und schaltet ihr eine Vorgeschichte vor:

Der gelehrte und zauberkundige Albertus Magnus verheißt einem kinderlosen Grafenpaar ein Kind. Übers Jahr wird eine Tochter geboren. Albertus segnet sie und schenkt ihr einen Zauberspiegel, den die Mutter vorerst in Verwahrung nimmt. Die Eltern sterben früh. Die Mutter übergibt der inzwischen 15jährigen den Spiegel. Richilde verkriecht sich eine Zeitlang trauernd in einem Kloster, kehrt zurück und befragt erstmals ihren »Spiegel«, wer »die schönste Dirn in Brabant« sei. Der Spiegel zeigt ihr Antlitz. Sie wird von Freiern umworben und kann sich nicht entscheiden. Sie bittet den Spiegel, ihr den schönsten Mann in Brabant zu zeigen. Es ist Graf Gombald, der aber glücklich und zufrieden verheiratet ist. Richilde will nur ihn haben und sonst keinen. Gombald, der davon hört, verstößt seine schwangere Frau, die in einem Kloster eine Tochter Blanka ('die Weiße', »Schneewittchen«) zur Welt bringt und stirbt. Der Graf bringt Blanka in eins seiner Schlösser, wo sie von einigen Dienerinnen und »Hofzwergen« betreut wird, und heiratet Richilde. Er wird ihrer aber bald überdrüssig, bereut, dass er seine erste Frau verstoßen hat, zieht zur Buße ins heilige Land und stirbt unterwegs.

Nun melden sich wieder Freier bei Richilde und sie erkundigt sich noch einmal, wer die schönste Frau in Brabant sei. Der Spiegel zeigt die ihr noch unbekannte Blanka. Ein unbändiger Hass überkommt die Gräfin. Sie lässt sich von ihrem jüdischen Leibarzt einen »Granatapfel«, später eine Seife und schließlich einen Brief vergiften. Blanka fällt jedes Mal tot um und wird jedes Mal in einem »Sarg mit Guckfenster« in einer Kapelle beigesetzt, den die »Zwerge« hergestellt haben und »hüten«. Da der gewissenhafte Arzt aber nur ein Schlafmittel benutzt hatte, wacht sie zweimal wieder auf.

Der junge Graf (»Prinz«) Gottfried war in Jerusalem, um Ablass für seinen ruchlosen Vater zu erwirken und kommt auf dem Heimweg in die Kapelle, erweckt Bianca mit einer Reliquie und nimmt sie mit nach Hause. Dann besucht er Richilde und gibt vor, er wolle sie heiraten. Kurz vor der Hochzeit berichtet ein Edelknabe, seine Geliebte sei von ihrer eifersüchtigen Mutter ermordet worden. Gottfried bittet Richilde, das Urteil zu sprechen: Die Mutter soll »in glühenden Pantoffeln tanzen«. Sie spricht damit ihr eigenes Urteil. Gottfried heiratet Blanka. Richilde verbrennt sich beim Hochzeitstanz die Füße, wird vom Leibarzt geheilt und büßt ihre Sünden im Gefängnis.

V. Parallelen

Ähnliche Märchen vom Erwachsenwerden und Heiraten:

1. Mädchen

Hier erleidet das Mädchen einen symbolischen Tod, aus dem es von einem Mann erlöst wird.

a. Grimm, Bechstein: Dornröschen

Im Königshaus ist das Thema "Spindel" tabu. Sobald die Prinzessin mit 12 Jahren unvorbereitet damit konfrontiert wird, versinkt sie mitsamt dem Schloss in einen hundertjährigen Zauberschlaf, bis der richtige Prinz kommt, sie wach küsst und heiratet.

b. Perrault, Grimm, Bechstein: Rotkäppchen

Die Mutter schickt ihre Tochter mit Ermahnungen durch den Wald zur Großmutter. Der Wolf, von dem das Mädchen nichts weiß, ist ganz freundlich und verleitet es, den rechten Weg zu verlassen. Im Haus der Großmutter fällt der Bösewicht über das Mädchen her und verschlingt es.

c. Grimm: Brüderchen und Schwesterchen

Brüderchen und Schwesterchen fliehen vor der bösen Stiefmutter in den Wald. Diese hat alle Bäche verzaubert, sobald das Brüderchen daraus trinkt, wird es ein Reh. Schließlich findet ein König die beiden und heiratet das Mädchen. Die Stiefmutter ermordet die junge Königin, die gerade ein Kind geboren hat. Deren Geist kümmert sich aber immer noch um das Kind. Der König erkennt sie und holt sie wieder ins Leben zurück.

2. Jungen

a. Hauff: Zwerg Nase

Ein Junge wird von einer Hexe mitgenommen, in ein Eichhörnchen verwandelt und als Koch ausgebildet. Als er zurückkommt, ist er ein hässlicher Zwerg mit langer Nase, den die Eltern nicht wieder erkennen.

b. Grimm, Bechstein: Das tapfere Schneiderlein

Ein Schneiderlehrling gibt mit seinen angeblichen Heldentaten an und muss erst einem Riesen, dann seinem späteren Schwiegervater beweisen. was wirklich in ihm steckt.

3. Mädchen und Junge

Der junge Mann ist in ein Tier verwandelt und muss erlöst werden.

a. Grimm: Der Froschkönig

Die Prinzessin verspricht einem "Frosch", ihr Leben mit ihm zu teilen, weigert sich dann aber, das Versprechen zu erfüllen. Wie er zu ihr ins Bett will, verwandelt er sich in einen Prinzen.

b. Grimm: Schneeweißchen und Rosenrot

Ein "Bär" überwintert im Haus der beiden Schwestern. Im Sommer rechnet er mit dem Zwerg ab, der ihn verzaubert hatte, verwandelt sich in einen Prinzen und heiratet eine der Schwestern.

VI. Deutung

1. Schneewittchens Geburt

Die Geschichte beginnt damit, dass sich die Königin ein Kind wünscht. Anlass: Sie hat sich beim Nähen mit der Nadel gestochen,[13] so dass drei Blutstropfen fließen, und zwar in den Schnee. Von der Szene her ist das kaum vorstellbar, da die Königin ja wohl im Zimmer sitzt. Sind die Blutstropfen auf weißem Untergrund im schwarzen Rahmen Symbole der Deflorierung auf dem Betttuch (weiß) in der Nacht (schwarz)? Die Königin findet diesen Anblick so schön, dass sie sich ein Kind wünscht, das genauso ist: »so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz«.

Nach Bechstein hatte die Tochter schneeweiße Haut, schwarze Haare und rote Backen. Auch bei Grimm hat das Mädchen rote Backen, die noch im Glassarg zu erkennen sind, nach der Erstausgabe 1812 schwarze Augen. Rot ist das Zeichen von blühendem Leben und Gesundheit, auch ein Schönheitsideal. Auch helle Haut ist ein Schönheitsideal (Statussymbol der Frau, die nicht im Freien arbeiten muss)[14] und verkörpert zusammen mit schwarzen Haaren den "Wintertyp" nach Carole Jackson.[15]

2. Mutter und Stiefmutter

In der bekannten Märchenfassung stirbt die leibliche Mutter gleich nach der Geburt.[16] Oft genug sind die Mütter früh gestorben, so dass die Kinder von einer Stiefmutter großgezogen wurden. Im Märchen aber ist die böse Stiefmutter ein Bild für die negativen Seiten der leiblichen Mutter: Hier ist sie eine egozentrische Frau, die ihre Reize zu schätzen weiß und wohl auch durch modische Accessoires betont. Ihre eignen Interessen und Vergnügungen sind ihr wichtiger als das Kind.

Im Hintergrund steht deutlich das luxuriöse Leben der Oberschicht im 17er-Jahrhundert, bei denen Schönheitspflege (Spiegel), Frisuren (Kamm) und Mode (Schnürriemen) eine große Rolle spielte. Das war auch die Zeit, in der die reichen Damen sich nicht mehr um ihre Kinder kümmerten und sie Ammen und Gouvernanten anvertrauten.

Mutter und Tochter haben in diesem Märchen trotzdem ein intensiveres Verhältnis, als es auf den ersten Blick aussieht: Die Mutter sieht ihre heranwachsende Tochter oft genug, so dass sie merkt, wie sie selbst älter wird und ihre Reize verliert, die Tochter dagegen von Tag zu Tag schöner und attraktiver wird – Grund genug zur Eifersucht.

Sie steigert sich so in ihre Aversionen hinein, dass sie Schneewittchen loswerden ("töten") will.

3. Der Jäger

Schneewittchen ist 7 Jahre alt, als es von zu Hause weggebracht wird. Das ist etwa das Alter, in dem ein Kind anfängt, sein Elternhaus zu verlassen, heute geht es in die Schule. Um die Mutter eifersüchtig zu machen und anderen Leuten den Haushalt zu führen, ist das Mädchen aber etwas zu jung. 15 Jahre wie bei Dornröschen, das Ende der Pubertät, wäre realistischer.

Mit 6 Jahren ist die phallische Phase (Entdeckung der Sexualität an sich selbst) zu Ende. Es folgt die Latenzphase, in der die Sexualität bis zur Pubertät ruht. Von dem Beginn der Geschlechtsreife bis zur Partnerbindung ist noch einmal eine Übergangszeit, in der die Sexualität nicht praktiziert wurde.

Ein Jäger soll das Kind in den Wald bringen und töten. Der Wald ist die fremde Welt draußen, außerhalb des Elternhauses.[17] Der Jäger ist ein Angestellter des Hofs, aber er lebt nicht am Hof sondern im Wald und kennt sich im Wald aus. Er soll das Kind mitnehmen, weil sein Handwerk das Töten ist. Er ist aber in erster Linie kein Schlächter, sondern ein Jäger, der andern Lebewesen nachstellt. Auch ein Schürzenjäger? Dass er das Mädchen nicht erschießen will, sondern erstechen, ist in diesem Falle die angemessene Art. Er zieht seinen Hirschfänger, das lange, spitze Ding, das an seinen Beinen baumelt. Damit ersticht er aber nicht das Mädchen, sondern einen Frischling, ein wildes Ferkel. Das lässt sich aber nicht so leicht greifen, hier wäre es sinnvoller eine Schusswaffe zu benutzen.[18] Ist das eine symbolische Darstellung von etwas ganz anderem? Das Mädchen wird einem fremden Mann anvertraut, der erste Mann, mit dem es wirklich zu tun hat. Der zeigt ihr sein langes spitzes Ding, aber er tut ihr nichts zuleide, sondern sticht damit auf eine junge "Wildsau" ein, auf eins der wilden Mädchen draußen im "Wald".[19] Auch Dornröschen lernt so ein langes Ding (Spindel) kennen, bevor es in den Zauberschlaf versinkt.

Dass die Königin die vermeintliche Lunge und Leber[20] der Rivalin isst, deutet an, dass sie sich deren Schönheit zu Eigen machen will. Es wird damit aber auch angedeutet, dass die Mutter in Gefahr ist, ihre Tochter für sich zu vereinnahmen und nicht freizugeben. Das ist aber nicht Thema gerade dieses Märchens, in dem die Mutter die Tochter viel zu früh loswerden will.

Natürlich sind diese Symbole sehr vielschichtig. Dass ein Tier an Stelle eines Menschen geopfert wird, hat seine eigene Geschichte (Isaaks Opferung). Das Tapfere Schneiderlein muss ein Wildschwein fangen. Er sperrt es in eine Kapelle, d.h. er muss seine Triebe mit Hilfe der Religion zu beherrschen lernen, bevor er heiraten darf. Der Jäger tötet also auch die wilde Triebkraft Schneewittchens.

Was das Mädchen da im Wald erfährt, ist eine Initiation. Es wird mit dem Tode bedroht und kommt doch mit dem Leben davon, also ein symbolischer Tod mit symbolischer Wiedergeburt, verbunden wohl mit einer ersten "Aufklärung" über Aussehen und Verwendung des männlichen Glieds und einer moralischen Zurüstung. Der Jäger, dem das Kind ausgehändigt wurde, steht also auch für den Lehrer, der den jungen Menschen auf sein Erwachsenendasein vorbereitet.

Mit der Initiation ist das Kind gestorben, die Kindheit zu Ende. Es führt kein Weg zum Elternhaus zurück.

4. Bei den sieben Zwergen

Schneewittchen geht daher tiefer in den Wald hinein und kommt schließlich zu den sieben Zwergen, denen es den Haushalt führt – das übliche Schicksal vieler Mädchen vor ihrer Hochzeit.[21]

Zwerge[22] sind in den alten Geschichten Wesen aus der Anderwelt. Schneewittchen taucht also nach seinem symbolischen Tod in diese Anderwelt hinab und ist so gut wie tot. Dass sie dann schließlich an dem vergifteten Apfel wirklich in einen todähnlichen Schlaf versinkt, ist nur ein anderer Aspekt ihres Zustands.[23] Aus diesem Schlaf erwacht sie erst, wenn der "richtige Mann" kommt, der sie wieder erweckt: Das Mädchen hat zwar früh seine Sexualität entdeckt, aber die Sexualität bleibt ihr doch weitgehend unbewusst[24] und erwacht erst Jahre später, wenn das Mädchen zur Frau geworden ist.

Zwerge sind zwar alt und haben Bärte wie alte Männer, aber sie sind klein wie Kinder, manche kleiner, manche größer als Schneewittchen; es passt in eines ihrer Betten.[25] Sie symbolisieren also in diesem Märchen die Gleichaltrigen, die jetzt Schneewittchens wichtigste Bezugspersonen sind und die weitere Sozialisation prägen. Die Halbwüchsigen (Zwerge) übernehmen für ihre Kameradin die Verantwortung: Sie halten sie zur Arbeit an, warnen sie vor der Stiefmutter und verbieten ihr, jemand hereinzulassen und von Fremden etwas anzunehmen.

a. Drei Mordversuche

Der dreimalige Besuch der Mutter wird in dieser Phase als Belastung empfunden. Eigentlich ist es ja ganz normal, dass eine Mutter nach ihrer Tochter guckt, während sie ihre ersten Schritte ins Erwerbsleben versucht. Angeblich um die Tochter zu töten, übergibt sie ihr drei Gegenstände: einen Schnürriemen,[26]  einen Kamm und einen Apfel. Schnürriemen und Kamm sind Teil der weiblichen Garderobe. Die Mutter lehrt also ihre Tochter sich als Frau zu kleiden und als Frau zu verhalten. Der Apfel dagegen ist ein Symbol der weiblichen Sexualität (eigentlich die Eizelle, die neues Leben in sich birgt). Die Mutter teilt mit der Tochter den Apfel, d.h. sie lässt sie Anteil haben an ihrer Weiblichkeit. Obwohl der Apfel gefährlich ("vergiftet") ist, schadet er der Mutter nicht. Die Mutter trägt also ihren Teil zur Sexualisierung bei. Sie "vergiftet"[27] die Kindheit ihrer Tochter, indem sie ihr die weiblichen Mode-Accessoires Riemen und Kamm nicht nur übergibt, sondern sie damit eigenhändig schnürt und kämmt, d.h. wie eine erwachsene Frau zurechtmacht, und indem sie die Tochter an ihrer eigenen Sexualität Anteil haben lässt.

Dass die Gleichaltrigen ("Zwerge") eine Einmischung der Mutter ablehnen, versteht sich von selbst. Das ist ja auch heute so.

Die Zwerge sind aber auch die Dienstherrschaft, bei denen das Mädchen arbeitet. Sie finden die zunehmende Sexualisierung ihrer Haushaltshilfe überhaupt nicht gut und warnen sie. Das entspricht der gesellschaftlichen Wirklichkeit des 19er-Jahrhunderts: Das Dienstmädchen soll arbeiten, aber keine Liebschaften anfangen und uneheliche Kinder gebären.

b. Der Todesschlaf

Statt aber jetzt wirklich ihre Fraulichkeit auszuleben, sinkt Schneewittchen erst einmal in einen todähnlichen Schlaf. Im Unterschied zum völlig unvorbereiteten Dornröschen erfolgt dieser "Tod" in Raten: Der Jäger begnügt sich damit, seinen "Hirschfänger" vorzuführen (erste Entdeckung der Sexualität). Dann folgt der wachbewusste Aufenthalt in der Anderwelt der Kindergreise, die zweimaligen "Mordversuche" der Mutter und erst am Ende eine längere Bewusstlosigkeit, in der das mannbare Mädchen auf seine Erlösung durch den "richtigen Mann" wartet.

Schneewittchen wächst langsam aus der Jugendphase bei den "Zwergen" heraus. Sie ist für sie "gestorben". Der Kontakt bricht ab, wie er zu Schulkindern und zu Schulkameraden nach der Schulentlassung abbricht.

Schneewittchen wird aber nicht in die Erde versenkt, sondern in einem Glassarg zur Schau gestellt. Sie ist ja nicht wirklich tot und wartet nur auf den Prinzen, der sie erweckt. Der kann sie aber nicht einfach mitnehmen, denn die Zwerge übernehmen weiter die Verantwortung, stellen eine Wache auf und geben sie auch dem Prinzen erst nach einer längern Verhandlung frei. Der Prinz ist der standesgemäße Ehemann, also "der Richtige", auf den das Mädchen gewartet hat.

5. Auferweckung und Hochzeit

Wie bei Dornröschen erwacht die Heldin aus ihrem Zauberschlaf, sobald der Prinz erscheint – dort sachgerechter durch einen Kuss erweckt. Hier erfordert die Vorgeschichte, dass der todbringende "Apfelgrütz" dem Mädchen "wieder aus dem Hals fährt", d.h. dass sie ihre Sexualität auch äußert, die ihr die Mutter "beigebracht" hatte.

6. Das Ende der Stiefmutter

Das schreckliche Ende der Stiefmutter bei Musäus und Grimm ist für ein urtümliches Gerechtigkeitsdenken notwendig: Die Frau, die wohl einiges Geld in modische Schuhe investiert und gern getanzt hat, muss in glühenden eisernen Pantoffeln tanzen, bis sie tot ist (Art Totentanz).

Nach Bechstein starb die Stiefmutter dadurch, dass der Neid ihr das Herz abfraß, sicher eine kinderfreundlichere Version von ihrem Ende.

Schon bei Shakespeare gehört zum Happy End, dass die böse Königin stirbt. Ihre ganze Bosheit wird erst offenbar durch die Beichte, die sie auf ihrem Sterbebett ablegt.

 

[1] 523. Nacht

[2] Englische Volksmärchen (Diederichs 136 ff)

[3] Nr.163

[4] Manche Kinder wollen nicht einen Elternteil, sondern ihr Geschwister heiraten.

[5] real wohl die normalen Monatsblutungen, in der Geschichte wunderhaft überzeichnet als Blutungen, die nicht zu stoppen sind.

[6] ähnlich bei Lazarus, Johannes 11, wo Jesus absichtlich zu spät kommt, um ihn wieder aufwecken zu können.

[7] Im Unterschied zum Jüngling zu Nain (Lukas 7,11-15) fehlt hier die Bemerkung, Jesus habe die Tochter dem Vater zurückgegeben.

[8] Apuleius, Der Goldene Esel, Tusculum-Ausgabe lateinisch-deutsch

[9] rätselhafte Umschreibung der Liebe (lateinisch amor)

[10] Italienische Märchen, Insel-Verlag 247-254

[11] wie bei Dornröschen

[12] wie bei Aschenputtel

[13] wie beim Klapperstorch, der der Mutter ins Bein gebissen hat. Der Storch als Kinderbringer scheint ein junges Symbol zu sein.

[14] Schon auf ägyptischen Bildern haben die Frauen weiße, die Männer braune Haut.

[15] Color Me Beautiful

[16] In der Erstausgabe von Grimm ist die selbstverliebte Königin die leibliche Mutter.

Der Vater spielt nur insofern eine Rolle, als er sich eine andere Frau nimmt. Im Rotkäppchen und in der Urfassung von Grimm kommt er überhaupt nicht vor.

[17] Auch Rotkäppchen wird in den Wald geschickt und wird von einem Jäger befreit, der aber nicht organisch in die Geschichte gehört.

[18] Bechstein drückt sich allgemeiner aus: Da zieht der Jäger seine »Wehr, um das Mädchen zu durchbohren« und schließlich fängt er »ein junges Wild«.

[19] vgl. das Lied "Es blies ein Jäger wohl in sein Horn" nach der modernen Fassung: Da fängt der Jäger ein schwarzbraunes Mädel und macht es zu seinem Weib.

[20] Alliteration; eigentlich sollte man "Herz und Leber" erwarten.

[21] Auch bei Dornröschen ("Spindel", älter ein spitzes Teilchen des Flachses) wird angedeutet, dass die Heldin arbeiten muss.

[22] Bechstein führt uns in die Irre, wenn er die Zwerge auch »Bergmännerchen« nennt. Zwerge sind keine kleinwüchsigen Bergleute, sondern mythische Wesen.

[23] ähnlich der hundertjährige Schlaf bei Dornröschen oder Rotkäppchens Aufenthalt im Bauch des Wolfs.

[24] Die Psychologen sagen "latent".

[25] Grimm und Bechstein betonen das Miniaturformat von allem, was im Zwergenhaus ist: "Tellerchen, Lichtlein…" Diese Verniedlichung ist spätes Beiwerk, wohl erst von Grimm, um das Märchen kindertümlich zu machen. Das Motiv der eigenen Kinderwelt hat die folgende Wirkungsgeschichte des Märchens und unsere Vorstellung von den Zwergen stark geprägt. Es scheint beeinflusst von der Entdeckung der Kindheit durch Rousseau und der etwa zeitgleichen Erfindung des Kindergartens.

In "Schneeweißchen und Rosenrot" dagegen hat der Zwerg noch deutlich den alten Charakter eines boshaften Dämons.

[26] wohl ein Teil des Schnürmieders, des Vorläufers des Büstenhalters, von Bechstein als Halsschnur gedeutet, mit der Schneewittchen erdrosselt wird

[27] Vergiftet sind nur Kamm (schon in der ältesten Version) und Apfel, weil man ja daran nicht sterben kann. Mit einem Schnürriemen kann man jemand erdrosseln (Bechstein) oder den Brustkorb so fest schnüren, dass das Opfer nicht mehr atmen kann (Grimm). Bechstein hat wahrscheinlich den Ausdruck Schnürriemen nicht mehr verstanden.

Steckt dahinter der Gedanke, dass die "Vergiftung" erst damit beginnt, dass die Mutter die Tochter frisiert, während das Mieder ja nur ein weibliches Kleidungsstück ist?

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Übersicht

 

Sprachecke 23.02.2010 | 04.06.2013 | Jahresthema Märchen

 

Datum: 2006

Aktuell: 26.03.2016