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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Frau Holle als mythische Gestalt

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Name

Verbreitung

Charakter

Ältester Beleg

Von der Dämonin zur individuellen Gestalt

Von der Dämonin zur individuellen Gestalt

Exkurs: Vom Fortleben der alten Götter

Frau Holle und Venus

Frau Holle und Diana

Weiterleben der klassischen Götter

 

1. Name

  • germ. *ħuldaż > ahd. hold 'geneigt, zugetan, wohlgesinnt, treu'

  • als Dämonenname: mhd. die guoten holde 'Hausgeister', des tievels holde 'Höllengeister', dazu ahd. unhold 'abgeneigt, feindlich gesinnt', got. unhulþa, asächs. unholdo, aengl. unholda, mhd. unholde 'feindseliger Dämon, Teufel', got. unhulþo 'Dämonin', ahd. unholda 'Dämonin, Hexe'

Holda, Holle, lat. Hulda ist also kein Individualname, sondern eine Gattungsbezeichnung: 'wohlwollende Dämonin'.
Das muss nicht bedeuten, dass dieser Geist einen gutartigen Charakter hatte. Die Griechen nannten die Rachegöttinnen Eumeniden 'die Wohlgesinnten', obwohl sie sich vor ihren Verfolgungen fürchteten. Dass man ein bösartiges Wesen 'gnädig' nennt, damit an seinen guten Willen appelliert und es zu besänftigen versucht, geschieht ja auch sonst im Leben.

"Frau Holde" deutet den Übergang von der Gattung zum Individuum an: Es handelt sich nicht mehr um einen namenlosen Geist unter vielen, sondern dieser Geist wird als Frau 'Herrin' herausgehoben. Damit wird Holde zu einem Eigennamen, was noch durch die Verschleifung zu Holle unterstrichen wird: "holde Frau" könnte man zu irgendjemand sagen, aber eine "Frau Holle" gibt's nur einmal. Sie ist zu einem Individuum geworden.

2. Verbreitung

Frau Holle hat ihren Ursprung in Osthessen und Thüringen.

3. Charakter

a. Ältester Beleg

Der älteste Beleg stammt von Burchard von Worms (1008 /12): »Credidisti, ut aliqua femina sit, quae hoc facere possit, quod quaedam a diabolo deceptae se affirmant necessario et e praecepto facere debere, id est cum daemonum turba in similitudiem mulierum transformata, quam vulgaris stultitia Huldam vocat, certis noctibus equitare debere super quasdam bestias, et in eorum se consortio annumeratam esse. [1] = Du hast geglaubt, dass es ein weibliches Wesen gibt, das vom Volk in seiner Dummheit Hulda genannt wird und das tun kann, was einige Frauen behaupten, die vom Teufel verführt sind: Sie müsste nämlich notwendig und auf Grund einer Vorschrift in gewissen Nächten mit einer Schar von Dämonen in Frauengestalt auf irgendwelchen Tieren reiten und gehört zu deren Gesellschaft.«

Frau Holle ist also eine Dämonin, die im wütenden Heer reitet und mit dem Hexenritt in Verbindung gebracht wird.

b. Von der Dämonin zur individuellen Gestalt

Von Frau Holle gibt es eine Anzahl Ortssagen, wie sie Menschen geholfen oder ihnen geschadet hat. Sie haust in einem Berg, verlockt leichtfertige Männer und zieht in den kältesten Nächten des Jahres als Gespenst mit dem wütenden Heer. Sie lässt es schneien und belohnt die fleißigen Mägde und bestraft die faulen. Sie badet auf dem Meißner in einem Teich und führt Reisende in die Irre. Aus einem Teich bringt sie Kinder und nimmt auch welche wieder mit. [2]

In der Gestalt von Frau Holle sind also mehrere Motive des Volksglaubens zusammengeflossen:  Naturgeist, Quellgöttin, dämonische Verführerin, Gespenst im Wütenden Heer, weiblicher Rübezahl und Weihnachtsmann, Fee und Klapperstorch. Der Volksglaube kennt eine Anzahl von Mythen und Erscheinungen, die in unterschiedlicher Zusammensetzung der einen oder der anderen Gestalt zugeschrieben werden. In Hessen und Thüringen werden sie unter dem Namen Frau Holle zusammengefasst.

Frühere Forscher haben versucht, die Spuren des Volksglaubens in die vorchristliche Zeit zurückzuverfolgen, und manche tun es noch heute. Dabei wird übersehen, dass mythisches und magisches Denken dem Menschen angeboren ist, daher bilden sich Mythen und "Aberglaube" immer wieder neu, wie am Beispiel vom Klapperstorch und Weihnachtsmann zu sehen. Von Frau Holle werden also Geschichten erzählt, die man auch von vorchristlichen Göttinnen erzählt hat. Nachfolgerin einer alten Göttin ist sie nicht.

Exkurs: Vom Fortleben der alten Götter

Man sollte meinen, dass manche der vorchristlichen Götter ein erstaunlich zähes Leben hatten und bis in die heutige Zeit fortleben. Reden manche Menschen nicht genauso vom "Wettergott", wie es die alten Heiden im Altertum getan haben? Ein Irrtum, wie sich leicht zeigen lässt: Dass man dem Wetter göttlichen Ursprung zuschreibt, ist tatsächlich eine uralte religiöse Vorstellung. Meine evangelischen Großeltern brachten Blitz und Donner, Regen und Sonnenschein mit dem christlichen  Gott in Verbindung. Katholische Großeltern glaubten vielleicht, dass das Wetter Sache von Sankt Peter sei. Die Germanen dachten an Donar und die Semiten an Hadad. Für die Griechen war Zeus, für die Römer Jupiter der Gewittergott. Die einen hatten also spezielle Wettergötter, für die anderen war das Wetter eine von vielen Aufgaben des Hauptgotts. Im Christentum hat man alle früher den Göttern zugeschriebenen Aufgaben dem einen Gott zugeordnet und zum Teil gleich wieder an einen Heiligen delegiert.
Was sich also gehalten hat, ist der Glaube, dass das Wetter göttlichen Ursprungs ist, nicht der Glaube an einen Spezialgott. In der modernen Redensart vom Wettergott lebt also nur diese allgemeine Vorstellung weiter, keine antike mythologische Gestalt.

Ein anderes Beispiel: Von der Frau Holle wird in einem Überlieferungszweig auch behauptet, dass sie die kleinen Kinder aus dem Teich holt. Der heutige Mythos schreibt das aber dem Klapperstorch zu, eine Vorstellung, die erst im 16er-Jahrhundert nachweisbar ist. In der Antike dagegen glaubte man an spezielle Geburtsgöttinnen. Auch das Kinderkriegen hat eine religiöse Qualität. Diese Vorstellung hat sich erhalten, nicht eine bestimmte mythologische Gestalt.

Wie sich im Christentum mythologische Gestalten neu gebildet haben, sehen wir am Feenglauben, der erst im Mittelalter entstanden ist, auch wenn er auf älteren Vorstellungen unterschiedlicher Herkunft aufbaut. Er hat zudem im romanisch-deutschen Sprachgebiet eine ganz andere Ausprägung bekommen als im angelsächsischen.

Es ist schließlich auch zu bedenken: Eine Religion ist ja kein statisches Gebilde, sondern sie unterliegt Veränderungen. In den vorchristlichen Religionen der Antike gab es nachweislich einen Wandel auch bei den mythologischen Gestalten. Die römische Religion hat große Veränderungen durchgemacht durch die Anpassung an die griechische. Alte Götter wie Janus verloren an Bedeutung. Saturnus, einst ein Fruchtbarkeitsgott wurde durch seine Anpassung an Kronos ein "Furchtbarkeitsgott". Mercurius musste als Äquivalent zu Hermes neu erfunden werden. Apollo hat man mit seinem Namen  von den Griechen übernommen.

Und schließlich: Wenn man die antiken Göttergestalten genauer untersucht, so finden wir in ihnen Züge, die auch andere Götter zeigen. Zwar war Ares der griechische Spezialist für den Krieg. Aber auch Athene wurde als kriegerische Göttin verehrt. Und im Trojanischen Krieg hat sich der ganze Olymp in die menschlichen Auseinandersetzungen eingemischt. Das Besondere an einem polytheistischen Gott ist nicht seine Funktion (z.B. Kriegsgott), sondern sein Name. Bei Apollo zum Beispiel ist es schwer, sein Wesen zu beschreiben. Er hat von allem ein bisschen: Sonnengott, Pestgott, Todesgott, Orakelgott, Gott der Dichtkunst, Lokalgott... Was ihn  von verwandten Gestalten unterscheidet, ist sein Name.

So verstehe ich auch Frau Holle: ein Sammelsurium unterschiedlicher Überlieferungen, die unter dem Namen "Frau Holle" zu einer unverwechselbaren Einheit zusammengefunden haben. Die Frau Holle gibt es also erst, seitdem sie diesen Namen trägt. Wahrscheinlich hat man vor diesem Zeitpunkt ähnliche Geschichten erzählt. Aber man hat sie mit anderen Namen verbunden. Und Frau Holle wäre wahrscheinlich schon längst gestorben, wenn sie im Märchenbuch nicht verewigt worden wäre. Diese Märchenfigur hat  mit der Dämonin Hulda vor tausend Jahren nichts mehr gemeinsam. Sogar der Name hat sich geändert. Obwohl man annehmen sollte, dass es einen Zusammenhang gibt.

d. Frau Holle und Venus

Bemerkenswert ist, dass Bechstein [2] Frau Holle mit der verführerischen Venus aus der Tannhäusersage gleichsetzt, obwohl sie eigentlich ja nur ein Gespenst bzw. eine alte Frau "mit langen Zähnen" ist. Das erinnert an das antike Märchen von Amor und Psyche, wo Venus die Rolle der Schwiegermutter spielt, die die Heldin mit Arbeiten überhäuft, die eigentlich unmöglich sind.

In dieser Gleichsetzung von Frau Holle mit Venus lebt nicht etwa die antike Göttin weiter, sondern es handelt sich um eine mittelalterliche Neubildung, eine Verkörperung der Gefahr, sich wie Tannhäuser von der Lust gefangen nehmen zu lassen und darüber die alltäglichen Pflichten zu vernachlässigen.

d. Frau Holle und Diana

Ebenso wenig lebt in Frau Holle die antike Natur- und Jagdgöttin Diana weiter. Wenn man sie mit Diana vergleicht, liegt das an der Wilden Jagd, an der Frau Holle wie andere Gespenster teilnimmt. Die antike Jagdgöttin schien der mittelalterlichen gelehrten Deutung die passende Patronin zu sein.

e. Weiterleben der "klassischen Götter"

Es ist zu beachten, dass man mit der antiken Kultur ja auch die Kenntnis der klassischen Religion weitergab, auch wenn man nicht mehr an die alten Götter glaubte. Es finden sich also seit dem Mittelalter immer wieder die alten Namen und Geschichten und seit der Renaissance auch die alten Bilder. Die alten Götter haben hier nicht im Volksglauben weitergelebt, sondern sie wurden von den Gebildeten als literarische Gestalten oder Kunstwerke weitertradiert.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





 

[1] Grimm, Deutsche Mythologie 1,221

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] Bechstein Sage 495. 757.

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Übersicht

 

Sprachecke 08.01.2008

 

Datum: 2006

Aktuell: 26.03.2016