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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Weisen aus dem Morgenland

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Biblische Geschichte

     Jerusalem

     Bethlehem

     Flucht

     Kindermord

     Rückkehr

     Nazareth

Absicht der Erzählung

Magier

Stern

Geschenke

Kindermord

Flucht nach Ägypten

Hebräer-evangelium

Weiterentwicklung in der Legende

Anzahl

Namen

Könige

Herkunft

Fest

Reliquien

Köln

Persien

 

1. Biblische Geschichte (Matthäus 2)

Ich habe den griechischen Text nicht nur frei, sondern auch wortgetreu übersetzt, weil dadurch einige sprachliche Besonderheiten des Urtextes besser zur Geltung kommen.

Wortgetreue Übersetzung Freie Übersetzung
Jerusalem

1 Nach der Geburt Jesu in Bethlehem von Judäa in den Tagen des Königs Herodes, siehe, da trafen Magier aus dem Osten in Jerusalem ein 2 und sprachen: "Wo ist der [neu] geborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, um uns vor ihm niederzuwerfen." 3 [Dies] hörend aber regte sich der König Herodes auf und ganz Jerusalem mit ihm, 4 und versammelnd alle Priesterfürsten und Schriftgelehrten des Volkes erforschte er von ihnen, wo der Messias geboren werden sollte. 5 Sie aber sprachen zu ihm: "In Bethlehem von Judäa, denn so steht geschrieben durch den Propheten: 6 »Und du Bethlehem des Landes Juda, bist keineswegs die geringste unter den Führenden Judas, denn aus dir soll ein Führender herauskommen, der mein Volk Israel weidet.«"

1 Als Jesus geboren war im judäischen Bethlehem zur Zeit des Königs Herodes, kamen persische Priester aus dem Ostern nach Jerusalem 2 und sprachen: "Wo ist der neu geborene König der Juden? Wir haben nämlich seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. 3 Als aber der König Herodes das hörte, geriet er in helle Aufregung und mit ihm ganz Jerusalem. 4 Er ließ alle Oberpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden sollte. 5 Sie aber sprachen: "Im judäischen Bethlehem, denn so steht bei den Propheten geschrieben. »Und du, Bethlehem im Land Juda, bist mitnichten die geringste unter den Hauptstädten von Juda, denn aus dir soll hervorgehen ein  Anführer, der mein Volk Israel weiden wird,«

Bethlehem

7 Da ermittelte er, die Magier heimlich rufend, von ihnen genau die Zeit des Erscheinens des Sterns, 8 und schickte sie nach Bethlehem, sprechend: "Geht hin und erkundigt euch genau über das Kindlein; wenn ihr es aber gefunden habt, meldet es mir, dass auch ich komme und mich ihm unterwerfe." 9 Die aber, [das vom] König hörend, gingen hin, und siehe der Stern, den sie im Osten gesehen hatten, zog ihnen voran, bis er ankommend stehen blieb oben drüber, wo das Kindlein war. 10 Den Stern aber sehend freuten sie sich mit sehr großer Freude.11 Und in das Haus kommend sahen sie das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und niederfallend unterwarfen sie ihm, und ihre Schätze öffnend brachten sie ihm Gaben dar, Gold und Weihrauch und Myrrhe. 12 Und im Traum durch Orakel angewiesen, nicht zu Herodes abzubiegen, wanderten sie auf einem anderen Weg in ihr Heimatland heim.

7 Da rief er die Perser heimlich zu sich und fragte sie, wann genau der Stern erschienen wäre, und sagte: "Geht hin und forscht genau nach diesem Kind, und wenn ihr's gefunden habt, dann gebt mir Bescheid, damit ich auch kommen und ihm meine Huldigung erweisen kann." 9 Als sie nun den König angehört hatten, machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie im Osten gesehen hatten, zog ihnen voran, bis er über dem Ort stehen blieb, wo das Kind war. 10 Als sie den Stern wieder sahen, freuten sie sich sehr, 11 gingen in das Haus und sahen das Kind und seine Mutter Maria. Da fielen sie nieder, huldigten ihm, öffneten ihre Schatztruhen und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. 12 Im Traum erhielten sie die Weisung, nicht wieder zu Herodes zurückzugehen. So reisten sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.

Flucht

13 Während ihrer Heimwanderung aber, siehe ein Bote des Herrn erscheint im Traum dem Josef, sprechend: "Aufgestanden, nimm das Kindlein und seine Mutter bei [dich] und fliehe nach Ägypten und sei dort, bis ich dir's sagen werde. Denn Herodes ist dabei, das Kindlein zu suchen um es zu vernichten. 14 Der aber aufstehend nahm das Kindlein und seine Mutter bei Nacht bei [sich] und wanderte aus nach Ägypten 15 und war dort bis zum Verscheiden des Herodes, damit in Erfüllung ging das vom Herrn durch den Propheten Gesagte, sprechend: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

13 Während sie nach Hause reisten, erschien dem Josef ein Engel des Herrn im Traum. Der sprach: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, fliehe nach Ägypten und bleibe dort, bis ich dir's sage. Denn Herodes ist dabei, das Kind zu suchen und zu töten. 14 Josef stand auf, nahm das Kind und seine Mutter in der Nacht und zog nach Ägypten. 15 Dort blieb er, bis Herodes gestorben war. Damit wurde ein Prophetenwort des Herrn erfüllt: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Kindermord

16 Da erzürnte Herodes sehr, sehend, dass er von den Magiern betrogen worden war, und sandte umzubringen alle Kindlein in Bethlehem und dieser ganzen Gegend vom zweiten Lebensjahr und darunter, nach der Zeit, die er von den Magiern genau ermittelt hatte. 17 Da ging in Erfüllung das durch den Propheten gesagte, sprechend: 18 »Eine Stimme wurde in Rama gehört, Weinen und viel Wehklagen, Rahel weinend um ihre Kinder, und sie wollte sich nicht trösten lassen, denn sie sind nicht mehr.«

16 Als Herodes merkte, dass ihn die Perser betrogen hatten, gab er den Befehl, alle Kinder in Bethlehem und Umgebung umzubringen, die zwei Jahre alt und jünger waren. Die Zeit hatte er ja von den Persern erfahren. 17 Damit ging das Prophetenwort in Erfüllung: »Lautes Geschrei wurde in Rama gehört, Weinen und viel Wehklagen. Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin."

Rückkehr

19 Nach dem Verscheiden des Herodes aber, siehe der Bote des Herrn erscheint dem Josef in Ägypten, 20 sprechend: "Aufgestanden, nimm das Kindlein und seine Mutter bei [dich] und ziehe in das Land Israel. Denn gestorben sind die das Leben des Kindleins Suchenden. 21 Er aber, aufgestanden, nahm das Kindlein und seine Mutter und kam ins Land Israel..

19 Als aber Herodes tot war, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum 20 und sagte: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und kehre zurück ins Land Israel. Denn die sind tot, die nach dem Leben des Kindes getrachtet haben. 21 Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter und gelangte ins Land Israel.

Nazareth

22 Aber hörend, dass Archelaus König sei von Judäa anstelle seines Vaters Herodes, fürchtete er sch, dorthin zu kommen. Und im Traum durch Orakel angewiesen zog er in den Bezirk von Galiläa 23 und kommend wohnte er in einer Stadt, genannt Nazareth, damit in Erfüllung ging das durch den Propheten Gesagte, dass er Nazoräer genannt werden solle

22 Als er aber hörte, dass Archelaus König geworden sei anstelle seines Vaters Herodes, bekam er Angst, nach Judäa zu gehen. Auf Anweisung eines Traums zog er in den Landkreis Galiläa und ließ sich dort in einer Stadt namens Nazareth nieder. Damit ging das Prophetenwort in Erfüllung, dass er Nazoräer genannt werden solle.


a. Absicht der Erzählung

Matthäus und Lukas erzählen unabhängig voneinander, wie Jesus geboren wurde:

  • Lukas: Ein Engel kündigt der Maria die Jungfrauengeburt an. Die Eltern Jesu wohnen in Nazareth und sind nur wegen der Steuerschätzung vorübergehend in Bethlehem, wo Jesus geboren wurde. Ein Engel teilt den Hirten auf dem Feld mit, dass der Heiland geboren sei.

  • Matthäus: Ein Engel kündigt dem Josef die Jungfrauengeburt an. Die Eltern Jesu wohnen in Bethlehem. Dort wird Jesus geboren. Persische Priester erkennen an einem Stern, dass ein König der Juden geboren wurde und fragen sich durch nach Bethlehem. Weil der König Herodes den vermeintlichen Konkurrenten umbringen will, muss Josef mit seiner Familie nach Ägypten fliehen. Er kann zwar nach dem Tod des Herodes zurückkehren, wagt sich aber nicht mehr nach Judäa und zieht daher nach Nazareth in Galiläa.

Beide Darstellungen lassen sich nicht harmonisieren. Trotzdem gibt es in den Grundaussagen auffallende Gemeinsamkeiten:

  • Ein Engel kündigt die Jungfrauengeburt an.

  • Jesus ist zwar in Nazareth aufgewachsen, aber in Bethlehem geboren.

  • Im Hintergrund agieren zwei Monarchen: Augustus und Herodes.

  • Durch eine Himmelserscheinung (Stern bzw. leuchtender Engel) werden zwei Menschengruppen (Magier, Hirten) auf die Geburt Jesu aufmerksam. Beide besuchen das neu geborene Kind.

Matthäus ist im Unterschied zu Lukas kein Historiker, sondern Schriftgelehrter. Ihm liegt gerade am Anfang seines Evangeliums viel daran zu zeigen, dass Jesu Geburt ein wichtiger Meilenstein in der Heilsgeschichte ist, angekündigt durch Weissagungen im Alten Testament. Matthäus fragt nicht danach, was damals tatsächlich geschehen ist, sondern er bemüht sich, die überlieferten Daten zu deuten und innerbiblische Zusammenhänge aufzuzeigen.

b. Magier

Die Magier waren die Priesterkaste im Iran und übten sich in allerlei Weisheit und Kunst [1], u.a. der Astrologie. Sie waren nicht nur im eigentlichen Iran tätig, sondern im ganzen Orient verbreitet und galten bereits zur Zeit Jesu als Zauberer, Scharlatane und Betrüger.

Luther hat nach mittelalterlichem Vorbild diesen fremden Namen mit "Weise" verdeutlicht und das Wort für "Osten" als "Morgenland" wiedergegeben.

Von den Magiern wurde der Mithraskult im römischen Reich verbreitet. Von Mithras, dem Sonnengott, erzählt man, dass er in einem Stein geboren und von Hirten gefunden und aufgezogen wurde. Der Mithraskult ist etwa gleichzeitig mit dem Christentum entstanden und war dessen schärfster Konkurrent. Beide Religionen haben viele Gemeinsamkeiten, nicht nur in den Geburtsgeschichten. Es ist genauso denkbar, dass Mithras Elemente von Christus übernommen hat, wie umgekehrt. Sicher ist jedenfalls, dass der Weihnachtstermin am 25. Dezember ursprünglich in Rom der Feiertag des Sol Invictus 'der unbesiegten Sonne' = Mithras gewesen ist.

Wenn Matthäus die Sterndeuter erfunden hätte, hätte er nach biblischer Tradition wohl eher "Chaldäer" geschrieben oder "Könige". Die Magier können also nicht aus dem Alten Testament erschlossen sein, sondern es muss ein historischer Hintergrund vorliegen.

Als historisches Vorbild des Magierbesuchs wird in vielen Kommentaren eine Romreise des parthischen Edelmanns Tiridates, eines Magiers, genannt. Er kam 66 n. Chr. mit großem Pomp nach Rom, wo er dem Kaiser Nero huldigte und von ihm die armenische Krone empfing. Bei der Planung seiner Reise haben anscheinend auch astrologische Beobachtungen eine Rolle gespielt.
Auch in der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland kommen Magier, um einem König zu huldigen. Aber es handelt sich hier doch nicht um einen König mit Gefolge, der zum Vasallenkönig gekrönt werden will, sondern um Astrologen, die aus ihren Beobachtungen die Konsequenzen ziehen. Nicht ein Magierkönig will in seinem Amt bestätigt werden, sondern die Weisen bestätigen den neu geborenen König der Juden und unterwerfen sich ihm. Das ist eher zu vergleichen mit alttestamentlichen Geschichten, in denen ein Prophet jemand zum König salbt (z.B. Samuel den Saul und den David).
Der Staatsbesuch der Tiridates kann also nicht der Anlass gewesen sein, die Geschichte von den Weisen zu erzählen. Er war allenfalls Anschauungsmaterial, das Matthäus aber nicht genutzt hat: Er schmückt den Besuch der Magier ja nicht aus, indem er ihre Kleidung oder ihr Gefolge beschreibt.
Außer dem Stichwort "Magierbesuch beim Monarchen" sehe ich also keine Gemeinsamkeiten zwischen beiden Geschicht
en.

c. Stern

Das Wort Osten kann sowohl die Heimat der Magier als auch die Himmelsgegend bezeichnen, in der sie den Stern zuerst gesehen hatten. Als sie dann dach Bethlehem gingen, stand der Stern im Südwesten. Sie gingen direkt darauf zu, so dass der Stern scheinbar vor ihnen her zog. In dem Ort selbst stand er dann über dem "Haus", in dem sie fündig wurden. Die merkwürdige Ausdrucksweise "er zog vor ihnen her" zeigt, dass Matthäus von Sternen keine Ahnung hatte.

Eine beliebte Deutung[2] vermutet, dass der "Stern von Bethlehem" kein Einzelstern (etwa Komet oder Supernova) war, sondern eine dreimalige Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn: Im Jahr 7 v. Chr. standen diese beiden Planeten dreimal ganz nahe zusammen, u. zw. im Sternbild der Fische. Es war allerdings nicht so, dass man die beiden für einen Stern hätte halten können. Für Astronomen der damaligen Zeit war das alles kein Wunder, sondern voraussehbar und vorausberechenbar. Derlei Sternkonstellationen wiederholen sich in regelmäßigen Abständen.

Wie aber kamen die Weisen auf ihre Deutung? Jupiter (in Babylonien Marduk) war der oberste Gott, also der "König". Saturn galt als Stern der Juden (Sabbat = englisch Saturday) und des Westens. Die Fische leben im Meer = Mittelmeer im Westen. Der Osten ist die Himmelsrichtung, in der alle Sterne aufgehen. Daraus könnte man schließen: Im Westen wurde ein bedeutender König bzw. ein König der Juden geboren. Durch die so genannte Präzession der Erdachse [3] wanderte der Frühlingspunkt um die Zeitenwende vom Sternbild des Widders in das der Fische. Man hätte also auch daraus schließen können, dass dieser König nicht irgendeiner war, sondern der Herrscher des neuen Zeitalters, in jüdischer Sicht also der Messias.

Dies alles klingt einleuchtend. Aber das sind neuzeitliche Spekulationen. Wir wissen nicht, von welchem Himmelsereignis die Rede ist. Matthäus spricht nur von einem "Stern" und nicht von einem "Sternbild". Wir wissen auch nicht, wie antike Astrologen diese Sternkonstellation gedeutet hätten.

Der Stern kann nicht aus dem Alten Testament erschlossen sein. Denn Matthäus weist gerade am Anfang seines Evangeliums immer wieder darauf hin, dass diese oder jene Einzelheit schon in den heiligen Schriften geweissagt sei. Auch hier hätte sich eine Weissagung angeboten, auf die Matthäus aber nicht eingeht:

Numeri 24,17 Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen.

Matthäus wird also auf eine Überlieferung zurückgegriffen haben, deren Inhalt wir nicht kennen.

d. Geschenke

Es hat sich schon mancher Krippenspielautor gefragt, warum denn den Weisen kein praktischeres Geschenk als Mitbringsel eingefallen ist als Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Bei den beiden letzten handelt es sich um kostbare Harze von Bäumen, die nur in Arabien wachsen. Weihrauch dient heute noch in der katholischen Kirche zum Räuchern, Myrrhe enthält antiseptische Substanzen und wird heute noch in der Medizin verwendet.

Die Formulierung Mt 2,12 (Luther: sie schenkten ihm) bedeutet eigentlich: "Sie brachten ihm Gaben dar". Dieselbe Formulierung bezeichnet in Mt 5,23 das Darbringen von Opfergaben.

  • Die "Goldene Legende" (12" Jh.) deutet die drei Geschenke folgendermaßen: Gold ist der Tribut, den man Königen bringt. – Weihrauch opfert man Gott. – Myrrhe diente auch zur Einbalsamierung. Damit soll also gesagt werden: Der "König der Juden" (Gold) war wahrer Gott (Weihrauch) und wahrer Mensch (Myrrhe).

  • Nach Marco Polo hätten die Magier mit ihren Gaben testen wollen, wer dieser "Prophet" sei, den sie suchten: Wenn er ein König wäre, hätte er das Gold genommen, wenn ein Gott, den Weihrauch, wenn ein Heiler, die Myrrhe. Das Jesuskind nahm aber alle drei Gaben.

  • Die "Gesta Romanorum"[4] deuten die Geschenke symbolisch: Gold = Weisheit, Weihrauch = Frömmigkeit, Myrrhe = Selbstbeherrschung.

e. Kindermord
Sprachecke 15.12.2015
 

Kaiser Augustus, der Herodes seinen Freund nannte, soll gesagt haben: "Ich möchte lieber dem Herodes seine Sau als sein Sohn sein" (Wortspiel). Für den jüdischen König mussten keine Schweine das Leben lassen, weil er kein Schweinefleisch essen durfte. Aber seine eigenen Söhne, seine Lieblingsfrau und viele andere opferte er der Staatsraison. Sein Biograph Josephus erzählt viele Schauergeschichten darüber. Von einem Kindermord vermelden die Quellen aber nichts. Viele Theologen glauben also die Geschichte nicht.

Dass ein skrupelloser Machtmensch seine Konkurrenz ausschaltet und auch vor einem Kindermord nicht zurückschreckt, ist nicht ungewöhnlich. Das zeigt folgender Zeitungsartikel:

Todesurteil für Bokassas Schwiegersohn

BANGUI (ap) Der Schwiegersohn des im vergangenen Jahr gestürzten Herrschers des früheren zentralafrikanischen Kaiserreiches Jean Bedel Bokassa ist am Montag von einem Volkstribunal in Bangui des Mordes an einem Neugeborenen für schuldig befunden und zum Tode verurteilt worden. ... Wie es hieß, war das Baby – der Sohn eines vom Kaiser exekutierten Offiziers – auf Geheiß Bokassas umgebracht worden, der sich vor der späteren Rache des Kindes fürchtete.

Darmstädter Echo 20.02.1980

Unwahrscheinlich ist also der Kindermord oder wenigstens der Versuch, Jesus schon als Baby umzubringen, nicht.

Dazu ist aber noch etwas anderes zu bedenken: Zur klassischen Biographie einiger großer Männer gehörte, dass ein böser König versuchte, sie gleich nach der Geburt zu töten, so z.B. bei Mose ("Alle neu geborenen Hebräerjungen sollen in den Nil geworfen werden") und Romulus und Remus.

Besonders aufschlussreich ist die Geschichte des indischen Halbgottes Krishna:

Der böse König Kansa tötet die Kinder seiner Schwester Dewaki, weil ihm geweissagt wurde, ihr 8. Kind würde ihm den Tod bringen. Der neugeborene Krishna, eine Inkarnation des Gottes Vishnu, wird aber in Sicherheit gebracht und mit einem kleinen Mädchen vertauscht, das eine Verkörperung der Göttin Maya [5] war. Da Kansa die Göttin nicht töten kann, schickt er eine Dämonin, die alle kleinen Kinder umbringt – außer Krishna, welcher der Unholdin so heftig in die Brust beißt, dass sie stirbt. Krishna wächst also in einer Pflegefamilie auf. Seine Spielkameraden waren die Kinder von Hirten. (!)

f. Die Flucht nach Ägypten

Schon seit Jahrhunderten lebten in Ägypten viele Juden. Eine starke jüdische Kolonie gab es in Alexandria. Dort wurde die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt. Griechisch und nicht Ägyptisch (Koptisch) war damals die Sprache der Gebildeten auch in Ägypten. Anders als die Juden in Mesopotamien und im Heiligen Land waren die ägyptischen Juden der griechischen Denk- und Lebensart (Hellenismus) gegenüber aufgeschlossen. Die Vorschriften der Thora lassen sich in einer fremden Umgebung nur dadurch halten, dass man sich gegenüber fremde Einflüsse abkapselt (so in Mesopotamien und später in Osteuropa). Die ägyptischen Juden wählten dagegen einen anderen Weg, versuchten die Thora symbolisch zu deuten und entwickelten so eine eigene Theologie.

Jesus könnte mit seiner liberalen Haltung davon beeinflusst gewesen sein. Vielleicht hat Josef einiges von den ägyptischen Juden gelernt und an Jesus weiter vermittelt. Das ist natürlich kein Beweis, dass er als Kleinkind in Ägypten war. Aber unwahrscheinlich ist die Flucht nach Ägypten nicht.

2. Die Darstellung des Hebräerevangeliums (nach 100)

»Denn so berichtet das Evangelium, das "nach den Hebräern" betitelt ist:

Als Joseph mit seinen Augen hinblickte, sah er eine Menge Wanderer, die zur Höhle kamen, und sagte: Ich will aufstehen und hinaus ihnen entgegen gehen. Als Joseph aber hinausgegangen war, sagte er zu Simon: Mir scheint es, als ob die Kommenden Wahrsager seien; denn siehe, jeden Augenblick schauen sie zum Himmel auf und unterreden sich untereinander. Aber sie scheinen auch Fremde zu sein, da ihr Aussehen sich von unserem unterscheidet; denn ihre Kleidung ist sehr reich und ihre Hautfarbe ganz dunkel, sie haben Mützen auf dem Kopf und ihre Gewänder scheinen mir weich zu sein und an den Beinen haben sie Beinkleider. Und siehe, sie sind stehen geblieben und schauen mich an und siehe, sie haben sich wieder in Bewegung gesetzt und kommen hierher.

Aus diesen Worten geht klar hervor, dass nicht nur drei Männer, sondern eine Menge Wanderer zum Herrn gekommen sind, wenn auch nach einigen Autoren die vornehmsten Führer dieser Schar mit bestimmten Namen Melchus, Kaspar, Pharizarda benannt werden.«

Sedulius Scottus, Matthäuskommentar (Handschrift 8")

Sedulius Scottus legt also Wert darauf, dass es eine unbestimmte Menge von Magiern war, obwohl er bereits die Zahl drei und drei Namen kennt.

Aus dem Zitat geht hervor, dass man sich die Magier in der damaligen persischen Tracht mit phrygischer Zipfelmütze, mantelartigem Gewand und Hosen vorstellte. So werden sie auch auf alten Bildern dargestellt.

3. Weiterentwicklung in der Legende

a. Anzahl

Sehr bald dachte man allerdings, es habe sich um drei Männer gehandelt, welche die drei Gaben darbrachten. Es waren nicht nur die drei Gaben. welche die Legendenerzähler auf diese Zahl brachten. Sondern die Drei ist eine symbolische Zahl, die sich in vielen volkstümlichen Erzählungen findet.

b. Namen

Die "Goldene Legende" nennt drei Namensreihen:

Die "hebräischen" Namen sehen aber eher griechisch aus und umgekehrt. Die "lateinischen" sind verschiedenen Ursprungs: Caspar ist persisch, Melchior westsemitisch und Balthasar ostsemitisch. Wahrscheinlich meint also der Verfasser Jacobus von Voragine, dass diese Namen in der orientalischen, griechischen und lateinischen Kirche gebräuchlich sind.

Weitere Namen:

  • syrisch: Larvandad, Hormisdas, Gushnasaph

  • armenisch: Kagba, Badadilma

c. Könige

Dass die volkstümliche Überlieferung aus den Magiern Könige gemacht hat, [7] ist ein nahe liegender Gedanke. Sie suchen ja den neu geborenen "König der Juden". Ihre "Geschenke" und ihre "Anbetung" (eigentlich: sie warfen sich vor Jesus nieder) bekommen dann eine ganz andere Bedeutung: Die Könige fremder Völker unterwerfen sich dem "König der Juden" und bringen ihm Tribut, wie das bei unterworfenen Königen üblich war. Dem damaligen regierenden Staatsoberhaupt der Juden fiel dagegen nichts anderes ein als Mord.

Damit gehen nicht nur Verheißungen wie Jes 60,3; Ps 72,10 u.a. in Erfüllung, sondern es wird auch vorweggenommen, dass am Ende nicht Israel, sondern die anderen Nationen zum Glauben an Jesus fanden.

d. Herkunft

Ursprünglich kamen die Magier ja aus dem Iran und werden schon im Hebräerevangelium mit der iranischen Tracht beschrieben.

Nach einer apokryphen armenischen Kindheitsgeschichte (um 500) soll Melkon aus Persien, Gaspar aus Indien und Balthassar aus Arabien stammen. – Wie die Herkunft der Namen zeigt, dachte man aber ursprünglich wohl, die Drei wären alle als Mesopotamien gekommen, wo Ostsemiten (Balthasar), Westsemiten (Melchior) und Perser (Kaspar) lebten.

Nach Marco Polo stammten die Magier aus Saba [8], Ava und Cashan [9].

Seit dem 11er-Jahrhundert verkörpern die Magier in der Kunst die drei Lebensalter [10]; seit 1300 ist der Jüngste ein Mohr. Von daher konnte man sie auch verstehen als Repräsentanten der drei bekannten Erdteile Vorderasien, Europa und Afrika.

Dass man gerade Kaspar mit dem Mohren identifizierte, kann damit zusammenhängen, dass ja tatsächlich einmal ein schwarzer Finanzminister nach Jerusalem kam, um dort zu beten (Apostelgeschichte 8,26-40).

e. Fest

Matthäus rechnet damit, dass Jesus schon über ein Jahr alt war, als die Magier zu Besuch kamen (Mt 2,16).

Später hat man den 6. Januar, also den 13. Tag nach der Geburt, als Gedenktag an die "heiligen drei Könige" festgelegt. Dieser Tag galt ursprünglich als Tauftag Jesu, auch als Tag des Weinwunders von Kana (Joh 2) und der Speisung der 5000 und heißt griech. Theophanía 'Erscheinung Gottes'. Auf Lateinisch heißt der Tag Epiphanias 'Erscheinungsfest'.

4. Reliquien

Nach einer frühen Legende wurden die drei Magier durch den Apostel Thomas getauft und zu Bischöfen geweiht. Sie sollen kurz hintereinander nach dem Weihnachtsfest im Jahr 54 gestorben sein.[11]

a. Köln

Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, machte um 325 eine Pilgerfahrt ins Heilige Land, wo sie u.a. die Geburts- und Grabeskirche bauen ließ und die Kreuzesreliquien fand. Sie interessierte sich auch für die dortigen Märtyrer und ließ u.a. die Gebeine dreier Männer von unterschiedlichen Orten nach Konstantinopel schaffen, die man für die Reliquien der drei Könige hielt.

Von dort sollen sie nach Mailand gekommen sein. Die Vita Eustorgii (um 1200) macht darüber widersprüchliche Aussagen: Einerseits sollen diese Reliquien noch bis zur Zeit Kaiser Manuels (1143-1180) in Konstantinopel gewesen sein – andrerseits habe dieser Kaiser (!) sie bereits 800 Jahre früher dem heiligen Eustorgius geschenkt, der 344-50 Bischof von Mailand war.

An anderer Stelle wird dagegen berichtet, die Gebeine der Magier seien 1158 in einem steinernen Sarkophag in der Kapelle St. Eustorgio außerhalb von Mailand entdeckt und aus Furcht vor einem drohenden Krieg in die Stadt überführt worden. Man wird ihre Grablegung also auf den berühmten Eustorgius zurückgeführt haben, in dessen Zeit Mailand die römische Hauptstadt war. Da dieser Bischof also Beziehungen zum Kaiserhaus hatte, wird man vermutet haben, dass diese Reliquien von Helena in Palästina gefunden worden waren.

In den folgenden Jahren wurde Mailand in einen Krieg mit Kaiser Friedrich I. verwickelt.

Am 11.6.1164 schenkte der Kaiser seinem Reichskanzler, dem Kölner Erzbischof Reinald von Dassel die Gebeine der Weisen. Dieser ließ sie nach Köln überführen und am 23.07.1164 im Kölner Dom beisetzen. Nach mittelalterlichen Augenzeugen und einer Untersuchung vom Jahr 1864 waren es Knochen von drei Männern in verschiedenem Alter.

Eine Untersuchung von 1981 ergab, dass der Stoff, in den die Überreste der Drei eingeschlagen ist, nach der Webart in der Kaiserzeit im Orient angefertigt wurde. Es handelt sich um ein sehr kostbares Material aus Damast mit Gold und Purpur, das wahrscheinlich in einer kaiserlichen Werkstatt hergestellt wurde. {Web}

b. Persien

Hundert Jahre später will Marco Polo auf seiner Reise nach China in der persischen Stadt Cala Ataperistan die Gräber der drei Magier gesehen haben. Dort erzählte man folgende Legende:

Als Dank für die drei Gaben habe das Jesuskind den Weisen ein Kästchen mitgegeben. Nachdem sie schon etliche Tage geritten waren, konnten sie ihre Neugier nicht mehr bezähmen und öffneten das Kästchen. Ein Stein lag darin. Das kam ihnen gar seltsam vor, sie wussten nicht, was es bedeutete. … Die Könige nahmen den Stein aus dem Kästchen und warfen ihn in einen Brunnen, denn sie hatten seine Bedeutung nicht begriffen. Kaum war der Stein in den Schacht gefallen, da stürzte ein helles Feuer vom Himmel in die Brunnentiefe. Die drei erstarrten ob der wunderbaren Erscheinung. Sie bereuten ihr unüberlegtes Tun, nahmen etwas von diesem Feuer mit nach Hause und begründeten die Religion der Feueranbeter. [13]

Grundlage dieser Legende scheint die Beobachtung eines Meteoriteneinschlags zu sein, der wohl auch zur Legende von der Geburt des Sonnengotts Mithras in einem Stein geführt hat.

Die Frage ist, was der Katholik Marco Polo von dieser zoroastrischen Legende wirklich verstanden hat. Vielleicht wollte man ihm, dem Andersgläubigen, die Geschichte nahe bringen, indem man sie mit christlichen Elementen verband. Merkwürdig ist schon, dass der Venezianer 100 Jahre nach der Überführung der Reliquien nach Köln so etwas erzählen konnte. Hatte er nichts von Köln gewusst? Oder wollte er beweisen, dass alles ganz anders war? Da die Magier doch eher in Persien als im Heiligen Land gestorben sind, sollte man annehmen, dass Marco Polo die echten Gräber gesehen hat – wenn es die drei Könige überhaupt gab.

 

[1] apers. Magus ist verwandt mit dt. vermögen, Macht.

[2] zurückgehend auf den Astronomen Johannes Kepler (1571-1630)

[3] Die Erdachse ist nicht stabil, sondern vollzieht eine Kreiselbewegung, die ungefähr 24.000 Jahre dauert. Damit verschiebt sich der Tierkreis alle 2.000 Jahre um ein Zeichen. Die Sonne stand am 21. März 1000 v. Chr. im Widder, von der Zeitenwende bis etwa 2000 in den Fischen und jetzt im Wassermann. Mit diesen Namen wird nicht das jeweilige Sternbild, sondern ein Zwölftel der scheinbaren Sonnenbahn am Himmel (Ekliptik) bezeichnet, auf der sich auch die Planeten bewegen.

[4] lateinische Märchen, Sagen und Legenden aus dem 12er-Jahrhundert (Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten 3. Auflage 161)

[5] Der altindische Name bedeutet 'Blendwerk'.

[7] schon bei Tertullian (Adv. Marc. III, 13)

[8] Südarabien

[9] Kashan, Stadt im Iran

[10] wohl ein Reflex auf die drei Reliquien in Köln

[11] Das Weihnachtsfest am 25. Dezember gibt es erst seit 354.

[13] Marco Polo XXXI f 127,1-75

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Übersicht

 

Sprachecke 03.01.2006 | 08.01.2013

Predigt 09.01.1997

 

Datum: 2003 / 2006

Aktuell: 26.03.2016