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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Bergpredigt II

Ferienbibelseminar des Dekanats Reinheim
22.-29. März 1985 Neckarzimmern

Vorbemerkung: Die angesprochenen sozialen und ökologischen Probleme haben sich seither noch verschlimmert. Ich habe darauf verzichtet, meine damaligen Ausführungen zu aktualisieren. Es kann sich jeder seinen Teil dazu denken.

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Zur Entstehung der Bergpredigt

Der Aufbau der beiden Reden

An wen ist die Bergpredigt gerichtet?

Was ist eigentlich neu in der Bergpredigt?

Wie ist die Bergpredigt zu verstehen?

Zu einzelnen Themen

Feindesliebe und Gewaltlosigkeit

Das Verhältnis zum Besitz

Frömmigkeit ohne Heuchelei

 

 

6 Zu einzelnen Themen der Bergpredigt

a) Feindesliebe und Gewaltlosigkeit

Matthäus hat im Rahmen seiner Darstellung des neuen Gesetzes in Kap. 5,38-42.43-48 zwei Äußerungen Jesu über das Erdulden von Widerwärtigkeiten und die Feindesliebe zusammengestellt. Er stellt diese Forderungen in Gegensatz zu den alttestamentlichen Geboten Auge um Auge, Zahn um Zahn und Liebe deinen Nächsten, hasse deinen Feind. Nun zieht dieser Gegensatz zwischen dem, was den Alten gesagt ist, und der Forderung Jesu fast durch das ganze 5. Kapitel. Ein Vergleich mit der entsprechenden Stelle bei Lukas zeigt, dass die Sprüche ursprünglich ohne Seitenblick aufs Alte Testament überliefert wurden.

Bei Lukas steht der ganze Abschnitt unter dem Thema der Feindesliebe. Der Verzicht auf Rache ist also kein eigenes Thema, sondern ein besonderer Gesichtspunkt der Feindesliebe, welcher auch die Goldne Regel untergeordnet ist. Mag sein, dass Lukas diese Zuordnung zur Feindesliebe selbst geschaffen hat.

Wir bleiben aber bei dem Bergpredigttext von Matthäus.

i. Das Dulden von Widerwärtigkeiten

Matthäus geht aus von dem alttestamentlichen, der in der Antike weit verbreiteten Rechtsgrundsatz, war: Auge um Auge, Zahn um Zahn (3Ms 24,19.20). Das war nicht die Erlaubnis zur Rache, wie es Matthäus versteht, sondern ein Prinzip der Straffindung: Womit einer sündigt, damit wird er bestraft. Wer einen Menschen tötet, muss selbst sterben. Wer ein Schaf stiehlt, muss es zurückgeben und ein weiteres Schaf als Strafe dazu. Wer einem ein Auge ausschlägt, verliert selbst ein Auge usw. Die Strafe wird nicht vom Geschädigten vollzogen (das wäre Rache), sondern von der staatlichen Gerichtsbarkeit. Die Privatrache hat Mose schon verboten (3Ms 19,18 im selben Vers wie das Gebot der Nächstenliebe). Obwohl der Grundsatz der Vergeltung von Gleichem mit Gleichem zur Zeit Jesu noch gültig war, ist mindestens umstritten, ob er noch in der Rechtssprechung angewendet wurde.

Die Forderung Jesu, Widerwärtigkeiten ohne Widerstand zu erdulden, ist also etwas künstlich an diesen alten Rechtssatz angehängt. Denn Jesus verlangt nicht den Verzicht auf Rache, die schon im Alten Testament verboten ist (das wäre eine eigenmächtige Bestrafung des Übeltäters), auch nicht den Verzicht auf Rechtsmittel (den Übeltäter verklagen; auf das gute Recht verweisen oder das Recht einklagen und so weiter), sondern:

  • Verzicht auf erlaubte Notwehr: Wenn du geschlagen wirst, dann schlage nicht zurück.
    Das hat also streng genommen auch nichts mit Gewaltverzicht zu tun. Denn bei der Debatte um den Gewaltverzicht geht es ja um die aktive Gewaltausübung zur Durchsetzung politischer Ziele und nicht um den Verzicht auf Gegenwehr im Falle eines Angriffs.
    Spitzfindige Bibelausleger berufen sich darauf, dass Jesus gesagt hat: Wenn dir einer auf die rechte Backe haut, dann halt ihm auch die andere hin. Ein Rechtshänder wird aber wird normalerweise mit der Handfläche auf die linke Backe hauen. Wenn er die rechte treffen will, muss er mit dem Handrücken schlagen. Dies wird gedeutet als ein Zeichen der Verachtung. Jesus fordert also, so die spitzfindige Deutung, Verzicht auf Gegenwehr nur in einem solchen Fall, wo man wirklich auf die rechte Backe geschlagen wird; in allen anderen sei die Notwehr erlaubt. Hat aber Jesus das so spitzfindig gemeint?
    Natürlich wird Jesus es auch nicht als normal angesehen haben, wenn ein Christ in eine Schlägerei verwickelt wird. Was hätte er sonst für Gründe, geschlagen zu werden? Etwa als Sklave, der berechtigt oder unberechtigt von einem tyrannischen Herrn geprügelt wird. Oder als rechtloser Angehöriger eines unterdrückten Volkes, mit dem die Besatzungsmacht machen kann, was sie will. Oder aber weil er seinen Glauben vor jüdischen und heidnischen Behörden nicht verraten will: Also keine Alltagssituation in einer rauflustigen Gesellschaft, sondern das Los von Unterdrückten und Märtyrern. Ihnen verlangt Jesus den Verzicht auf Gegenwehr und wehrloses Leiden ab.

  • Mehr leisten als gefordert wurde. Nach 2Ms 22,25+26 durfte der Mantel nur bis zum Abend gepfändet werden und musste dann wieder zurückgegeben werden, da er auch als Bettdecke diente. Jesus sagt also: Gebt freiwillig mehr, als gefordert ist, gebt notfalls den nicht pfändbaren Mantel dazu. Verzichtet nicht nur auf Widerstand, sondern tut mehr, als gefordert wird.
    Im selben Sinn ist auch Mt 5, 40 f gemeint: Die Besatzungsmacht konnte die Zivilbevölkerung zu Dienstleistungen zwingen, aber nur in einem bestimmten Rahmen; Transportleistungen konnten nur für eine Meile verlangt werden. Jesus: macht auch hier mehr als verlangt wird und geht freiwillig zwei Meilen.
    Warum wohl? Wenn man mich zwingt, eine Meile zu gehen, tut der andere mir Gewalt an, vielleicht sogar Unrecht. Wenn ich freiwillig die doppelte Strecke gehe, kann von Gewalt und Unrecht keine Rede mehr sein; denn ich mache das ja freiwillig.

All das steht unter dem Motto: Ihr sollt euch dem Bösen (= dem bösen Menschen und der bösen Tat) nicht widersetzen, also Böses, das man euch zufügt, geduldig ertragen.

Das kann man als eine Forderung der Liebe verstehen, denn wer sich dem Bösen widersetzt und Gleiches mit Gleichem vergilt, tut dasselbe Unrecht wieder, das der andere getan hat.

Hier stellt sich natürlich die verfängliche Frage: Kann die Liebe nicht auch verlangen, dass der Gewalt Einhalt geboten wird? Muss man, wenn man öffentliche Verantwortung trägt und die Mittel dazu hat, nicht der unrechten Gewalt Gegengewalt entgegensetzen?

Hier körnen wir uns nicht mit herausreden, Jesus und den ersten Christen hätte sich diese Frage gar nicht gestellt, weil sie keine öffentliche Verantwortung hatten.

Im Gegenteil, wie aus den Evangelien hervorgeht, genoss Jesus großes Ansehen unter den Leuten; er hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, die Volksmengen zu Aktionen zum Beispiel gegen die Römer, gegen die Tempelpriesterschaft oder die Herodianer aufzurufen. Insofern hatte auch er eine gewisse öffentliche Verantwortung. Auch sein Schweigen zu diesen Angelegenheiten müssen wir als Antwort werten: Er hatte Anderes im Sinn. Aktionen gegen jemand hätten seinen eigentlichen Zielen widersprochen; deshalb hat er nichts unternommen.

Weiterhin lesen wir, dass man Jesus mindestens zweimal gebeten hat, als Richter tätig zu werden, und zwar bei einem Erbschaftsauseinandersetzung (Lk 12,13 f) und bei einem Strafprozess (Jh 8,1-11). Er hat aber beides mal abgelehnt.

Auch Jesus muss sich also die Frage gestellt haben, ob es nicht die Liebe zu den Volksgenossen verlangen könnte, den Terroraktionen der römischen Besatzungsmacht (Lk 13,1-3) mit Gewalt Einhalt zu gebieten. Es wurde ihm sogar ausdrücklich die Frage gestellt, ob denn nicht wenigstens passiver Widerstand erlaubt sei (Mk 12,13-17 Steuerverweigerung). Jesus hat in diesem Fall die eindeutige Entscheidung getroffen: Kein passiver Widerstand, keine Steuerverweigerung. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.

Natürlich ist Jesus nicht soweit gegangen, dass er sich dazu hätte zwingen lassen zu tun, etwas gegen sein Gewissen war. Er hat nicht einfach allen Erwartungen der Menschen entsprochen, sondern seine Meinung behauptet. Das können wir uns wieder am Beispiel der Ehebrecherin deutlich machen: Jesus befolgt seinen eigenen Rat Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Er lässt sich nicht in die Rolle eines Richters hineindrängen und zieht sich durch geschicktes Verhalten aus der Affäre.

Dem Bösen nicht widerstreben, das heißt also Gewalt geduldig erleiden, ungerechten Forderungen nachgeben und mehr leisten als gefordert wurde, soweit es nicht gegen das Gewissen geht - im entscheidenden Fall aber klare Stellung beziehen und tun, was man für richtig erkannt hat.

Wie aber soll sonst das Böse aus der Welt geschafft werden? Leistet man dem Bösen nicht gerade Vorschub, wenn man es gewähren lässt?

Jesus hat sich nicht direkt zu diesem Thema geäußert und hat auch keine Erklärung für seine Forderung gegeben, warum man auch die andere Backe hinhalten soll. Die einzig sinnvolle Erklärung kann eigentlich nur folgende sein:

Das Böse wird nicht durch Gegengewalt aus der Welt geschafft. Denn Gegengewalt provoziert neue Gewalt, und es kommt zu einem Teufelskreis ohne Ende. Wenn aber das Böse keinen Widerstand findet, stößt es ins Leere und läuft sich tot.

Die Methode Jesu, das haben nicht nur seine Worte, sondern sein persönliches Schicksal gezeigt, ist also nicht der Widerstand, sondern das geduldige Leiden, das jede Bosheit über sich ergehen lässt, ohne sich zu neuer Bosheit provozieren zu lassen. Wer auf diese Weise Leiden nicht nur erträgt, sondern bewusst auf sich nimmt, bewahrt zugleich den Übeltäter vor Sünde. Denn wenn man mir etwas tut, womit ich einverstanden bin, kann das keine Sünde sein. Das hat aber nichts mit Masochismus zu tun! Der Christ läuft dem Leiden nicht nach, sondern das Leiden läuft ihm nach.

ii. Die Feindesliebe

Auch hier knüpft Matthäus etwas künstlich an einen angeblich alttestamentlichen Grundsatz an: Liebe deinen Freund, hasse deinen Feind. Dass man den Feind hasst, ist eigentlich völlig normal, steht aber als Forderung nicht im Alten Testament. Wohl verlangt aber die Sekte von Qumran von ihren Mitgliedern, als "Söhne des Lichts" die "Söhne der Finsternis" zu hassen.

Wenn es aber normal ist, den Feind zu hassen, wie kann man ihn dann lieben? Ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst? Wie soll ich einen lieben, den ich hasse?

Dazu muss erst einmal gesagt werden, dass das nur ein scheinbarer Widerspruch ist, denn dem Wortlaut nach (auch im Deutschen) ist der Feind nicht einer, der gehasst wird, sondern umgekehrt einer, der hasst. (Feind ist der 'Feiende', ein aktives Partizip zu einem verlorengegangenen Wort für 'hassen'). Ich kann zwar nicht gleichzeitig einen lieben, den ich hasse; aber es ist mindestens denkbar, dass ich einen liebe, der mich hasst und mir ständig Schwierigkeiten macht.

Darum geht es Jesus. Dies sieht man auch an den Worten Tut wohl denen, die euch hassen usw. Es geht also darum, auch die zu lieben und denen Gutes zu tun, die uns hassen und Schwierigkeiten machen. Das ist nun zugegebenermaßen nicht einfach.

Was kann nun Feindesliebe im Einzelnen bedeuten?

  • Verzicht auf Vergeltung. Nicht umsonst hat Lukas den Abschnitt über die Vergeltung dem großen Thema der Feindesliebe untergeordnet.
    Auch hier liefert uns die Bibel selbst das Anschauungsmaterial:
    Die Gottesmänner des Alten Bundes fanden nichts dabei, ihre Macht auch so auszuüben, dass sie ihren Feinden Schaden zufügten. Mose lässt Korach und Konsorten, die sich gegen ihn auflehnen, von der Erde verschlingen. Elija vernichtet einen Hauptmann samt seinen Soldaten mit Feuer vom Himmel, der ihn nicht freundlich genug bat mitzukommen. Elischa lässt 42 Buben von Bären zerreißen, die sich über seinen Glatzkopf lustig machen usw.
    Jesus dagegen lehnt ein Strafwunder gegen ein Samariterdorf ab, das ihm die Aufnahme verweigert (Lk 9,51-56) und begründet dies mit dem Hinweis: Wisset ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid? Der Geist der Liebe verbietet Vergeltung und Rache.

  • Mit dem Verzicht der Vergeltung ist es aber nicht getan, sondern: Segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.
    Liebe, so wird also deutlich, ist in erster Linie nicht eine Sache des Gefühls, der Zuneigung, sondern des Verhaltens. Natürlich kann liebevolles Verhalten nur die Folge einer entsprechenden inneren Einstellung sein. Aber diese innere Einstellung ergibt sich nicht von selbst, sondern entsteht, indem man sich entsprechend verhält. Wer das einmal versucht, auch seinen Feinden Gutes zu tun statt ihnen Böses zu wünschen, lernt sie plötzlich mit anderen Augen sehen: nicht als jemand, der mir Böses tun will, sondern als Menschen, die vielleicht auch ihre liebenswerten Seiten haben, die aber unglücklicherweise gegen mich sind. Wie kommen sie dazu? Bin ich etwa selbst schuld dran?

  • Feindesliebe muss also auf kurz oder lang darauf hinauslaufen, dass der Feind kein Feind mehr bleibt, sondern dass das Verhältnis sich normalisiert, ja dass er vielleicht sogar zum Freund wird. Dies kann nur Liebe erreichen. Feindseliges Verhalten dagegen nagelt der Feind für alle Zeiten auf seine Feindschaft fest.
    Jesus denkt nun freilich weniger an persönliche Feinde, sondern an weltanschauliche und politische Gegensätze. Der Feind, den die Jünger lieben sollen, ist der heidnische Römer, der das auserwählte Volk unterdrückt; ist der Hohepriester des eigenen Volkes, der Jesus mit Hass verfolgt; ist der Zöllner, der mit der Besatzungsmacht zusammenarbeitet und seine eigenen Landsleute aussaugt; ist der verweltlichte Jude, der mit seiner religiöse Interesselosigkeit die Moral des auserwählten Volkes untergräbt. Der Feind ist in späterer Zeit besonders der jüdische und heidnische Christenverfolger, der es darauf anlegt, den Christenglauben mit Stumpf und Stiel auszurotten. Für ihn soll der Christ beten und ihm Gutes tun.
    Dies lässt sich ohne weiteres auf die heutigen Verhältnisse übertragen: Nicht nur der böse Nachbar ist es, den wir lieben sollen, sondern auch die politischen Gegner von der anderen Partei; die Funktionäre der Sekten, die der Kirche Konkurrenz machen; der Konkurrent am Arbeitsplatz, der uns die gute Stelle wegschnappt. Wahre Liebe, so müssen wir erkennen, macht in diesem Fall einen Unterschied zwischen dem Menschen und der Meinung, die er vertritt, oder der Rolle, die er spielt. Liebe macht es möglich, einen Menschen zu lieben und seine Meinung abzulehnen.

iii. Die Seligpreisungen

In ihnen sind in der Fassung von Matthäus die Themen der Gewaltlosigkeit und der Armut (siehe den folgenden Abschnitt) ganz eng verwoben: Die Sanftmütigen und die Friedensstifter sind dieselben Menschen (= Christen) wie die geistlich Armen, die mit dem reinen Herzen und die um ihres Glaubens willen Verfolgten. Lukas erweckt dagegen den Eindruck, als habe Jesus nicht Menschen mit einer bestimmten Gesinnung, sondern die materiell Benachteiligten gemeint. Dass auch bei ihm an Christen gedacht ist, zeigt die letzte Seligpreisung der Verfolgten.

Mit welchem Mittel bei Matthäus Armut und Sanftmut verbunden sind, sehen wir gleich in der ersten Seligpreisung, wo nicht einfach von den materiell Armen (wie bei Lukas), sondern ausdrücklich von den "geistlich Armen" die Rede ist.

Dieser uns etwas schwerverständliche Ausdruck wurde nicht von Jesus oder Matthäus erfunden, sondern war in der damaligen Zeit auch in nichtchristlichen Kreisen gebräuchlich. Die Angehörigen der Sekte von Qumran nannten sich zum Beispiel so und drückten damit nicht nur aus, dass sie in freiwilliger Armut einer Klostergemeinschaft lebten. Vielmehr hatte das Wort arm längst auch die Bedeutung 'demütig vor Gott, fromm' angenommen. Arm im Geist ist also nur ein anderes Wort für 'sanftmütig' oder 'reines Herzens'.

Auch in der Fassung von Lukas spricht Jesus nicht einfach an Menschen in Not an, sondern Christen, die alle ihre Habe verkauft und den Armen gegeben haben und nun in freiwilliger Armut leben. Wir wissen aus verschiedenen Stellen (z.B. aus einem Vergleich von Apg 11,30; 12,25 mit Gal 2,10), dass die Urgemeinde in Jerusalem und Judäa sich selbst "die Armen" nannte. Eine spätere judenchristliche Gruppe, die an das Matthäusevangelium anknüpfte, nannte sich Ebioniten, d.h. 'die Armen'.

Das Wort 'Sanftmütig' dagegen erinnert uns nicht an die freiwillige Armut der ersten Christen, auch nicht an ihre Demut vor Gott, sondern an ihren Verzicht auf Vergeltung und ihre Bereitschaft, nachzugeben und freiwillig mehr zu leisten, als gefordert wurde.

b) Das Verhältnis zum Besitz

Dieses Thema nimmt in der Bergpredigt nach Matthäus einen breiten Raum ein, fehlt aber in der lukanischen Feldrede. Die entsprechenden Jesusworte werden hier an verschiedenen anderen Stellen aufgeführt. Matthäus hat also hier wichtige Äußerungen Jesu gesammelt und in der Bergpredigt untergebracht.

Es handelt sich um drei Einzelaspekte:

i. Ihr sollt keine Schätze sammeln.

Jesus stellt den vergänglichen Schätzen auf der Erde den unvergänglichen Schatz "im Himmel" = bei Gott entgegen. Nicht auf der Erde, sondern bei Gott sollen wir Schätze sammeln.

Wie das gemeint ist, zeigt unmissverständlich die Parallele bei Lukas, wo das Wort eingeleitet wird mit der Mahnung: Verkauft euren Besitz und gebt ihn als Almosen. Ähnlich die Aufforderung an den Reichen Jüngling: "Verkaufe was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben." (Mk 10,21). Durch das Verschenken des Besitzes erwirbt man sich also einen himmlischen Schatz. Worin besteht der?

Den ersten Hinweis gibt die Bergpredigt selbst: In dem Abschnitt über die neue Frömmigkeit im Verborgenen (7,1-18) und auch an anderen Stellen ist immer wieder vom himmlischen Lohn die Rede, den der himmlische Vater eines Tages auszahlen wird.

Noch deutlicher Lk 16,9: Die Besitzenden sollen ihre Habe an die Armen verteilen und sich damit Freunde machen. Die Armen, denen in der Feldrede das Reich Gottes zugesprochen wird, werden für den Reichen ein gutes Wort einlegen, dass auch er aufgenommen werden kann in die ewigen Hütten.

Der himmlische Schatz ist also das ewige Leben. Man kann es erwerben, indem man auf irdische Schätze verzichtet.

Dazu müssen aber noch zwei Dinge gesagt werden:

  • Jesus will nicht sagen, dass man sich so den Himmel verdienen kann, denn zum reichen Jüngling sagt er, dass das Halten der alttestamentlichen Gebote für das ewige Leben genug ist. Man darf also solche Äußerungen vom Schatz im Himmel nicht für sich nehmen und dann vielleicht zu falschen Schlussfolgerungen kommen.

  • Die freiwillige Armut ist kein Selbstzweck. Der reiche Jüngling hätte ja auch sein Geld daheim liegen lassen und in freiwilliger Armut, ohne das Geld in Anspruch zu nehmen, Jesus nachfolgen können. Jesus verlangt aber, dass er sein Geld an die Armen verteilen soll.
    Das wird auch deutlich aus dem haarsträubenden Gleichnis vom ungerechten Haushalter (Lk 16,1-13; wohl eine tatsächlich geschehene Skandalgeschichte von damals), dem Jesus eine Belehrung über treuen Umgang mit den irdischen Gütern anhängt: Geld treu verwalten heißt im Sinne Jesu nicht saubere Buchführung und gewinnbringende Anlage, sondern das Geld an die Armen verschenken und sich damit Freunde machen, wie es der Haushalter im Gleichnis getan hat.

ii. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon,

wobei Mammon soviel bedeutet wie 'Besitz, Reichtum, Geld.' Das semitische Wort wurde im Bibeltext stehen gelassen, weil dadurch zum Ausdruck kommt, dass aus dem Geld leicht ein Götze namens Mammon werden kann.

Jesus geht also hier noch einen Schritt weiter: Irdische Schätze sammeln, Habgier und Geiz sind Laster, die uns von Gott fernhalten. Der Umgang mit dem Geld wird also plötzlich zu einem Fall für das erste Gebot: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Das zeigt auch schon das Schlusswort des Spruchs vom Schätzesammeln: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Irdischer Besitz fesselt das Herz an die Erde. Wirklich Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit dem ganzen Vermögen (!) kann nur, der nicht einen goldenen Klotz am Bein hängen hat.

Auch hier müssen wir wieder an den Reichen Jüngling denken, nach dessen Weggang Jesus meint, es sei leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe (eines der vielen übertreibenden Bildworte Jesu, also nicht umzudeuten auf ein Stadttor von Jerusalem), als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.

An dieser Stelle fragt sich der moderne Mensch natürlich, ob es nicht doch ein Hintertürchen oder ein entsprechend großes Nadelöhr gibt, ob Gott und Mammon sich nicht doch versöhnen können.

1. Jesus redet Lk 16,9 und öfters vom ungerechten Mammon. Denn zu seiner Zeit und in seinem Land gab es keine anständige Methode, reich zu werden. Reichtum wurde in der Regel erworben durch

  • Ausbeutung unterworfener Völker, die den Siegern Steuern zahlen mussten,

  • Sklavenwirtschaft, wo Menschen ohne Recht für andere ohne Lohn arbeiten mussten (wobei sie natürlich am Reichtum ihrer Herren Anteil hatten. Haussklaven reicher Leute trugen feine Kleider und hatten gut zu essen; anders war's bei Sklaven auf landwirtschaftlichen Gütern und in der Schwerindustrie).

  • Geldverleih mit Wucherzinsen an arme Leute, die ihre Schulden nicht zahlen konnte und die man auf diese Weise um Haus und Hof brachte.

Mit diesem unrechtmäßig erworbenen Geld wussten die Reichen nichts anderes anzufangen, als es sinnlos zu verprassen. Die kapitalistische Wirtschaftsweise der Neuzeit, dass man einen Teil des Geldes in den Betrieb steckt, war im Altertum offenbar unbekannt.

Heute dagegen, so führt man an, gibt es durch die kapitalistische Wirtschaftsweise andere Möglichkeiten, ehrlich zu Geld zu kommen, indem man nicht andere Leute, sondern das Geld selbst für sich arbeiten lässt: Man finanziert damit ein gewinnbringendes Unternehmen und bekommt damit Anteil an dessen Gewinn.

Außerdem gilt heute im Unterschied zum Altertum körperliche Arbeit nicht als Schande. Man kann also ehrenhaft durch die Ausübung eines gutbezahlten Berufs zu Wohlstand kommen, ohne damit anderen Leuten Schaden zuzufügen.

2. Man führt auch an, dass ein reicher Mann, der sein Geld nicht alles verschenkt, sondern gezielt für bestimmte Zwecke große Summen spendet, auf die Dauer wesentlich mehr Gutes tun kann. Es ist auch zu überlegen, ob ein Unternehmer, der durch einen gut gehenden Betrieb viele Arbeitsplätze zur Verfügung stellen kann, nicht für die Sozialstruktur seines Landes mehr leistet als wenn er seinen Betrieb aufgeben und alles verschenken würde.

3. Wir überlegen uns heute natürlich auch, ob es sinnvoll ist, arme Menschen direkt mit Almosen zu unterstützen. Sie bleiben damit von den Almosen abhängig, ohne dass ihr Los wirklich gebessert wird. "Gib dem Hungrigen einen Fisch, so wird er morgen wieder hungern. Lehre ihn zu fischen, dann hat er sein Lebtage genug zu essen", sagt, ein Sprichwort.

Natürlich müssen auch Einzelfallbeihilfen gegeben werden. Aber wichtiger ist es doch, eine Sozialstruktur zu schaffen mit genügend Arbeitsplätzen und sozialen Sicherungen, in der keine Armut aufkommen kann. Da scheint es also sinnvoller, wenn einer, der Geld hat, sein Geld in die Wirtschaft steckt statt es zu verschenken.

Ja noch mehr, unser westliches Wirtschaftssystem erweckt sogar den Eindruck, als sei es auch für die kleinen Leute wichtig, möglichst viel Geld für eigene Bedürfnisse auszugeben, also zu kaufen, zu kaufen und immer wieder zu kaufen. Denn wo gekauft wird, kann man produzieren, das gibt Arbeitsplätze und die Möglichkeit, Geld zu verdienen.

4. Besitz muss doch nicht bedeuten, dass man sich so an das Geld hängt, das damit zum Götzen wird. Ist es nicht nach den Worten von Paulus möglich zu haben, als hätten wir nicht, also Vermögen zu besitzen, ohne sich innerlich daran zu binden? Ist eine innere Freiheit von dem vorhandenen Besitz nicht wertvoller, als wenn der reiche Jüngling alles hergibt und dann für den Rest seines Lebens dem Geld nachtrauert?

In diesen Überlegungen mag einiges Richtige stecken. Sie verstellen uns aber den Blick für die Problematik, die sich gerade aus unserer heutigen kapitalistischen Wirtschaftsweise ergibt:

1. Ein Wirtschaftssystem, das auf Egoismus und Habgier aufbaut, und darauf vertraut, dass es dann jedem am besten geht, wenn jeder an sich selbst zuerst denkt, bringt viele Menschen in Gefahr, im Egoismus eine Tugend zu sehen und die wahren Tugenden wie Liebe und Selbstlosigkeit nie kennenzulernen. Es verdirbt den Charakter und verhindert, dass viele Menschen eine volle charakterliche Reife erlangen.

2. Die vom System anempfohlene Jagd nach immer mehr Geld hindert viele Menschen daran, eine wahre Erfüllung ihres Lebens in der Liebe und Hingabe zu finden. Der Zwang zum Konsum um des Konsums willen macht das Leben leer und sinnlos. Wahre Erfüllung finden kann man nur, wenn man sich von diesem Zwang gelöst hat.

3. Auch wenn es in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, in der Bundesrepublik für den größten Teil der Bevölkerung wirklichen Wohlstand zu schaffen und die Armut auf ein Minimum einzudämmen, so täuschen wir uns doch leicht darüber hinweg, dass dieser Wohlstand auf Kosten anderer Menschen erworben wurde:

  • Viele Waren können deshalb so preiswert angeboten werden, weil sie im Ausland zu wesentlich niedrigeren Löhnen hergestellt wurden. Wir legen also Wert darauf, selbst möglichst viel zu verdienen, wollen aber billig einkaufen und lassen andere zu Hungerlöhnen für uns arbeiten, ohne dass sie wirklich an unserem Wohlstand Anteil bekommen.

  • Wir importieren gerade aus den Ländern der dritten Welt viele Agrarprodukte, die die Menschen dort daran hindern, für ihren eigenen Bedarf zu produzieren. Was dort an Anbaufläche für Bananen, Kaffee, Sisal, Baumwolle usw. gebraucht wird, geht für die eigene Landwirtschaft verloren. Wir importieren aber auch Nahrungsmittel wie Fleisch und Obst, das im eigenen Land viel teurer produziert wird, so dass unsere Landwirtschaft nicht mehr kostendeckend arbeiten kann, hohe staatliche Zuschüsse in Anspruch nimmt und ihre Produkte einlagern oder vernichten muss.

Merke: Wer Bananen isst, nimmt den Hungernden ihr Brot weg und schädigt die Obstbauern im eigenen Land!

4. Die egoistische Wirtschaftsweise hat zu der bekannten Umweltproblematik geführt:

  • rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Rohstoffquellen.

  • bedenkenlose Rückführung der Abfallprodukte in die Natur; Verschmutzung der Gewässer und der Luft, Verseuchung des Bodens durch Dünge- und Streusalze und Schwermetalle.

  • hemmungslose Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und dadurch Überlastung der Böden.

  • Zerstörung der Landschaft durch Bau von Verkehrslinien und Ausufern von Ortschaften.

Durch den Zwang, immer mehr zu konsumieren und zu produzieren, hat sich die "Wegwerf-Mentalität" eingebürgert: Die Produkte sind so gemacht, dass sie nach kurzer Gebrauchsdauer wieder kaputtgehen; Reparaturen sind so teuer, dass sie sich nicht lohnen und eine Neuanschaffung billiger ist. Dazu kommt, dass durch ständige Änderung der Modelle schon nach kurzer Zeit keine Ersatzteile mehr zu bekommen sind. Die Produkte sind, aufwendig verpackt; die Verpackung kann aber nicht wiederverwendet und muss weggeworfen werden. Das kurbelt zwar mächtig die Produktion an und schafft Arbeitsplätze; dadurch werden aber wertvolle Rohstoffe vergeudet und es entsteht das Problem, wie die stark gewachsene Masse von Abfällen beseitigt werden kann.

Um den Umsatz zu steigern, werden erhebliche Mittel für die Werbung ausgegeben. Auch kleine Unternehmen sind gezwungen, Werbung zu treiben und tun das vor allem durch Unmengen von Werbeprospekten, die ständig an alle Haushaltungen verteilt werden. Das dafür benötigte Papier kostet wertvolle Waldbestände, wandert meist ungelesen in die Mülltonne und schafft neue Entsorgungsprobleme. Größere Unternehmen schicken unaufgefordert in regelmäßigen Abständen Werbeprospekte mit der Post und verbrauchen zusätzliches Papier durch die Briefumschläge.

Der Umsatz wird weiterhin dadurch gesteigert, dass der an sich schöne Brauch, sich bei bestimmten Gelegenheiten zu beschenken, schamlos vermarktet wird. Das Weihnachtsgeschäft ist ein nicht zu übersehender Wirtschaftsfaktor. Ganze Industriezweige leben davon, Geschenkartikel zu produzieren, die eigentlich zu nichts zu gebrauchen sind und die man nur dekorativ in die Wohnung stellen oder wegwerfen kann.

Ein weiterer Wirtschaftsfaktor ist das Taschengeld von Kindern und Jugendlichen. Diese bekommen aus pädagogischen Gründen Taschengeld, damit sie lernen mit Geld umzugehen, brauchen das Geld aber in der Regel nicht, um damit ihren täglichen Bedarf zu bestreiten, sondern um es für nicht lebensnotwendige Dinge auszugeben, die nur dazu dienen, die Wirtschaft in Gang zu halten.

Die egoistische Lebensweise führt dazu, dass jeder sein eigenes Haus und sein eigenes Auto haben muss. Das führt zur Zersiedlung der Landschaft und enormen Verkehrsprobleme. Die großzügig gebauten Häuser müssen geheizt werden; die Autos verbrauchen Treibstoff aus unersetzlichen Rohstoffen. Die Abgase belasten die Luft. Weiterhin muss möglichst jeder auch teure Geräte selbst besitzen, auch wenn er sie nur selten benutzt. Damit wird der einzelne Mensch noch stärker in die Isolation getrieben; er braucht die anderen nicht mehr, weil er alles selbst hat.

Insgesamt hat man den Eindruck, dass unser Leben unsinnig kompliziert ist: Wir arbeiten, um Geld zu verdienen; das Geld brauchen wir, um kaufen zu können. Kaufen müssen wir nicht, weil wir die Dinge brauchen, sondern damit neue Dinge produziert und Arbeitsplätze erhalten werden können. Die Arbeitsplätze sind aber nötig, damit wir die Möglichkeit haben, Geld zu verdienen und auszugeben usw. Also ein sinnloser Kreislauf von Konsum und Produktion mit allen bekannten schädlichen Folgen.

Von daher bekommen Jesu Äußerungen über den materiellen Besitz ungeahnte Aktualität. Verzicht auf das Sammeln irdischer Schätze könnte heute aus ganz anderen Gründen sinnvoll sein als wegen der Unterstützung der Armen: Wir müssen lernen einfacher und bescheidener zu leben, damit wir auch in Zukunft leben können.

Es besteht die Gefahr, dass innerhalb von wenigen Jahrzehnten die wichtigsten Rohstoffe der Erde erschöpft sind und dann unsere ganze Wirtschaft zusammenbricht. Bis dahin wird aber die Schadstoffbelastung der Umwelt ins Unerträgliche gestiegen sein, so dass wir dann kaum noch Lebensmöglichkeiten haben.

iii. Ihr sollt nicht sorgen.

Jesus sagt das zu Menschen, die in anderen wirtschaftlichen Verhältnissen leben, die tatsächlich nicht wissen, was sie morgen essen und anziehen sollen, weil sie nichts haben. Ihnen macht er Mut: Überlasst eure Sorgen Gott, denn er sorgt für euch.

Unsere heutige Lage ist anders. Aber auch bei uns gibt es Menschen, die sich ständig überlegen, was sie essen und anziehen sollen: nicht weil sie zu wenig, sondern zu viel haben und damit vor der Qual der Wahl stehen.

Auch uns würde es nicht schaden, wenn wir diese Mahnung beherzigen und uns ein bisschen weniger um die materiellen Güter Gedanken machen würden.

Stattdessen empfiehlt Jesus: Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen, also nicht den Mammon, sondern Gott zum einzigen Lebensinhalt machen.

iv. Was können wir tun?

1. Der totale Verzicht auf materiellen Besitz, wie es Jesus von seinen Nachfolgern fordert, ist heute schwerer als damals; es ist außerdem die Frage, ob durch meine Armut anderen geholfen werden kann.

Trotzdem wäre zu überlegen, ob es nicht Christen geben müsste, die alternativ auf jeden Besitz verzichten und unter einfachsten Bedingungen in einer klosterähnlichen Gemeinschaft zusammenleben. Das könnte ein wirkungsvolles Zeichen für die öffentliche Meinung sein.

2. Was aber jeder leisten kann und leisten sollte, ist folgendes:

a. Verzicht auf übertriebene materielle Ansprüche. Überlege dir immer wieder, ob ein Wunsch berechtigt, ob eine Anschaffung notwendig ist. Brauchst du wirklich eine Stereoanlage, einen Kassettenrekorder mit den ständig neu zu beschaffenden Platten und Kassetten? Brauchst du wirklich einen Fernseher, eine Videoanlage, eine Foto- und Filmausrüstung? Brauchst du wirklich einen Heimcomputer, Tele- und Computerspiele? Musst du wirklich jedes Jahr teure Urlaubsreisen machen? Bist du wirklich nur zufrieden, wenn du aufwendig und teuer essen gehen kannst?

b. Kaufe die notwendigen Dinge so, dass du sie nicht gleich wieder wegwerfen und neue kaufen musst. Bedenke, dass eine Uhr zum Aufziehen keine giftigen Batterien braucht; berücksichtige das auch beim Kauf von Elektrogeräten. Wirf nicht alle Abfälle bedenkenlos in die Mülltonne, sondern überleg dir, ob man das eine oder andere wiederverwerten kann (Altpapier, Altglas, Altmetall, Kompost usw.).

c. Mach deinen Bekannten klar, dass du den Geschenkrummel nicht mitmachen möchtest. Verzichte darauf, dir was schenken zu lassen und bitte deine Bekannten, stattdessen das Geld für einen guten Zweck zu stiften.,

d. Mach es dir selbst zur Pflicht, einen bestimmten Teil von dem, was du bekommst (etwa 10 %) für einen guten Zweck zu spenden und deinen Überfluss regelmäßig für gute Zwecke abzuschöpfen.

e. Überleg dir, ob du alles selber haben musst, oder ob du dich mit Freunden zusammentun und ob ihr aufwendige und selten gebrauchte Geräte zusammen benutzen könnt. Schäme dich nicht, etwas bei Freunden auszuleihen und sei dir nicht zu fein, ihnen etwas zu leihen. Damit spart ihr nicht nur Geld, sondern festigt auch die Freundschaft.

f. Vermeide es, Werbesendungen anzuhören und zu sehen oder Werbeprospekte zu lesen. Du kommst so nur auf dumme Gedanken. Wenn du einkaufst, überleg dir vorher was du brauchst, und kaufe nur das, was du geplant hast. Wenn du dich vor einer größeren Anschaffung in Katalogen informierst, vermeide es, darüber hinaus im Katalog herumzublättern.

g. Beteilige dich nicht an Basaren für einen guten Zweck; weder dadurch, dass, du. mitarbeitest, noch dadurch dass du etwas dafür stiftest; noch dadurch, dass du etwas kaufst. Denn durch den Basar wird die primitive Habgier angestachelt. Der Veranstalter geht dabei unkritisch auf die herrschende Konsummentalität ein, um Geld zu bekommen und versucht so, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Es ist auch die Frage, ob Basare für die dritte Welt der Sache wirklich nützen und ihr nicht vielmehr schaden. Zwar haben die Hersteller in der dritten Welt tatsächlich die Möglichkeit, Geld zu verdienen, vielleicht sogar mehr, als wenn sie es auf dem üblichen Weg verkaufen würden. Aber diese Methode verstärkt nur die allgemeine Tendenz, dass die Menschen in der dritten Welt billig für uns arbeiten, um unseren Wohlstand zu vermehren, statt dass sie sich um ihre eigenen Belange kümmern. Wenn du was Gutes tun willst, dann spende ohne Gegenleistung.

3. Bedenke freilich dabei, dass es nicht genügt, wenn du versuchst, dich an diese Ratschläge zu halten. Es kommt nämlich wesentlich auf die innere Überzeugung an, mit der du etwas tust oder unterlässt. Sinn hat das alles nur, wenn du es völlig frei und ungezwungen tust und nicht heimlich etwas nachtrauerst, was du vielleicht verloren haben könntest. Dann hängt dein Herz immer noch am "Mammon", und dein äußerer Verzicht ist reine Heuchelei.

Dasselbe gilt übrigens auch für das, was Jesus über den Verzicht auf Vergeltung gesagt hat: Wenn du die Zähne zusammenbeißt, lässt dir eine runterhauen und denkst dabei: "Wie gern möcht ich dir jetzt auch eine runterhauen, aber ich darf ja nicht", dann hast du die Sache nicht richtig verstanden.

Die Liebe verbietet es daher, andere zu kritisieren oder sogar zu verteufeln, die sich anders verhalten, weil sie nicht verstanden haben, worauf es ankommt, oder weil sie noch nicht so weit sind. Die Forderungen Jesu, wenn du sie ernst nimmst, sind Forderungen, die zunächst für dich persönlich und nicht für die Allgemeinheit gelten.

c) Frömmigkeit ohne Heuchelei

Matthäus fasst in 6,1-8 Äußerungen Jesu zu den traditionellen jüdischen Frömmigkeitsübungen Spenden, Beten und Fasten zusammen und sieht in diesem Zusammenhang den geeigneten Ort für das Vaterunser.

Wie in Kapitel 5, wo sich Jesus gegen die traditionelle oberflächliche Gesetzesauslegung abgrenzt, so grenzt er sich hier gegen die herkömmliche Art der Frömmigkeitsübung ab, der es mehr auf die äußere Wirkung als auf die innere Haltung ankommt.

Die drei Sprüche übers Spenden, Beten und Fasten sind daher gleichartig aufgebaut: Wenn du … tust, dann sei nicht wie die Heuchler, die das nur machen, damit sie gesehen und gelobt werden, sondern tu das lieber im Verborgenen, denn dein himmlischer Vater sieht's auch im Verborgenen und wird sich dir erkenntlich zeigen.

Hier geht's also zunächst einmal um Heuchelei. Wir denken dabei an Leute, die sich äußerlich zwar an die Vorschriften halten, in Wirklichkeit aber anders drüber denken. Heuchelei wäre demnach innere Unaufrichtigkeit, Auseinanderklaffen von Denken und Tun.

Wörtlich übersetzt redet Jesus aber nicht von "Scheinheiligen", sondern von Schauspielern. Bei einem Schauspieler kommt es vor allem auf den Eindruck an, den er beim Publikum hinterlässt. Was er sich dabei denkt, ist Nebensache. Wenn er eine traurige Rolle spielt, ist es allein wichtig, dass er einen traurigen Eindruck macht. Ob's ihm dabei selbst zum Weinen zumute ist, interessiert den Zuschauer nicht.

Jesus wirft also seinen Gegnern nicht Unaufrichtigkeit vor, dass sie etwa nicht innerlich bei der Sache wären, dass sie widerwillig Almosen gäben, beim Beten an was anderes dächten oder am Fasttag saure Gesichter aufsetzten und heimlich doch äßen, sondern dass es ihn nur um die äußere Wirkung ginge:

Sie spenden nicht, um den Armen zu helfen oder ihrer religiösen Pflicht Genüge zu tun, sondern um gelobt zu werden. Sie beten nicht, um vor Gott ihr Herz auszuschütten, sondern damit die Leute ihre Frömmigkeit bewundern. Sie fasten nicht, um ihr Herz zu reinigen, sondern um wiederum bewundert zu werden.

Jesus kritisiert also nicht eine veräußerlichte Frömmigkeit, die im gedankenlosen Vollzug von Zeremonien besteht, und setzt nicht die Herzensfrömmigkeit dagegen, die auf Äußerlichkeiten verzichten kann. So verstehen es viele Menschen heute. Sondern er sagt: Wenn ihr wirklich nur von den Leuten gelobt werden wollt, so habt ihr euren Lohn dahin, wenn euch die Leute loben. Der eigentliche Sinn eures Tuns geht damit verloren, dass dabei den Armen geholfen wird, dass ihr Verbindung mit dem lebendigen Gott bekommt und dass ihr euer Herz von allem Ballast reinigt. Weil ihr das nicht wollt, habt ihr damit keinen Erfolg und damit keinen "Lohn".

Jesus belässt es aber nicht bei seiner Kritik, sondern gibt konkrete Anweisungen, wie man's besser machen soll:

  • Spendet, betet und fastet nicht in der Öffentlichkeit, sondern im Verborgenen. Tut so was nicht, um euer Image zu verbessern, sondern betreibt die Sache um ihrer selbst willen.

  • Spende so, dass deine linke Hand nicht weiß, was die rechte tut, häng also deine Wohltätigkeit nicht an die große Glocke. Dazu gehört natürlich, dass auch der Beschenkte nicht erfährt, wer sein Gönner ist. Jüdische Gelehrte haben das Problem auch erkannt, dass man den Beschenkten beschämt, wenn man ihm einfach Geld in die Hand drückt, und haben ähnliche Regeln aufgestellt.

Schon in früher Zeit hat man darum jüdischer- und christlicherseits die Lösung gefunden, dass die Gemeinde Einzelspenden in einem eigenen Fonds gesammelt und dann "aus dem großen Topf" verteilt hat. So blieben die Spenden anonym, und der Arme brauchte sich vor einzelnen Reichen nicht zu schämen.

  • Gebraucht beim Beten keine gedrechselten Worte und wiederholt nicht endlos eure Anliegen, sondern sprecht schlicht und einfach zu Gott, "wie euch der Schnabel gewachsen ist." Ihr braucht Gott nicht umständlich zu erklären, was ihr wollt, weil Gott ja auch ohne euer Gebet weiß, was ihr braucht.

Als Beispiel für ein schlichtes Gebet führt Matthäus das Gebet des Herrn an. Was mit plappern gemeint ist, können wir vielleicht an folgendem Gegenbeispiel erkennen:

"Heiliger Gott, allmächtiger Vater, gütiger Herr... Gelobt, gepriesen, gebenedeit und verherrlicht sei dein heiliger Name jetzt und zu allen Zeiten. "

Dagegen Jesus (Lukastext): "Vater, geheiligt werde Dein Name."

Jesus grenzt sich hier freilich nicht gegen jüdische, sondern gegen heidnische Gebetssitten ab. Es ist also auch an Geschichten wie die von Elija und den Baalspriestern zu denken (1 Kön. 18,26-29.36-38), wo die heidnischen Priester stundenlang erfolglos um dem Altar herumtanzen und rufen "Baal erhöre uns", während Elia mit ein paar vernünftigen Worten Gott sein Anliegen darlegt, und Gott erhört ihn sofort.

Im Grunde will ja Jesus den Menschen das Beten erleichtern: Ihr braucht keim Beten keine besondere Form zu beachten keine vorgeschriebenen Sätze auswendig zu lernen, keine eigene fromme Sprache zu beherrschen, sondern sagt frei heraus, was euch bedrückt; geniert euch auch nicht, wenn ihr anfangt zu stottern. Gott weiß was ihr braucht; er versteht auch eure Alltagssprache und weiß sogar, was ihr meint, wenn ihr euch ungeschickt ausdrückt.

Dies gilt für das private, persönliche Gebet. Daran denkt Jesus wohl auch im ersten Teil des Abschnitts, wo er empfiehlt, im Kämmerlein und nicht auf der Straße zu beten. Er geht dabei wahrscheinlich vom vorgeschriebenen jüdischen Stundengebet aus, das zu bestimmten Zeiten mit vorgeschriebenem Wortlaut zu verrichten war, und dem man persönliche Anliegen hinzufügen konnte. Es gab nun anscheinend fromme Zeitgenossen, die es so einrichteten, dass sie zur Gebetszeit sich gerade auf den belebtesten Straßen aufhielten, sich dort umständlich in Gebetspositur stellten, demonstrativ und laut ihr Stundengebet sprachen und ebenso demonstrativ, laut und lang ihr persönliches Gebet verrichteten. Dabei mag's ihnen nicht auf das Lob der Zuschauer angekommen sein, sondern vielmehr darauf, gegen die religiös Gleichgültigen demonstrativ auf die religiösen Pflichten aufmerksam zu machen. Aber auch das wäre "Schauspielerei" gewesen.

Jesus empfiehlt also, das private Gebet auch wirklich privat auszuüben und aus dem Gebet keine Demonstration zu machen. Er kritisiert also weder das vorgeschriebene Stundengebet noch das öffentliche gemeinsame Gebet lm Gottesdienst noch das Beten mit vorformulierten Worten. Vielmehr ermuntert er zum gemeinsamen Gebet (Mt 18,18); sagt, man solle sogar ohne Unterlass beten, also nicht nur zu  vorgeschriebenen Stunden (Lk 18,1) und lehrt die Jünger im Vaterunser ein eigenes vorformuliertes Gebet.

Dabei ist freilich die Frage, ob Jesus gemeint hat, man solle die Worte des Vaterunsers einfach wiederholen, wie wir es ja tatsächlich handhaben, oder ob er das Vaterunser nicht als eine Art Gerüst, als Gedächtnisstütze für ein freies Gebet gedacht hat, das man bei Bedarf mit aktuellen Anliegen auffüllen kann.

Es lässt sich im Gottesdienst um der Gemeinde willen ferner nicht vermeiden, dass man beim öffentlichen Gebet sich nicht mit ein paar dürren Worten begnügt. Denn wenn die Gemeinde mit dem Pfarrer mitbeten soll, muss sie auch im Gedanken dem Gebet folgen können, und da kann sich der Pfarrer nicht mit knappen Sätzen begnügen, sondern muss jedes Anliegen ein bisschen aufdröseln, damit die Gemeinde ihm folgen kann. Aber das sind praktische Erfordernisse und hat nichts damit zu tun, dass Gott ein wortreiches Gebet eher erhören würde.

Nicht angesprochen ist in der Bergpredigt trotz des Verbots zu "plappern" die Frage der Andächtigkeit. Jesus kritisiert den unnötigen Wortschwall, das stundenlange Wiederholen derselben Worte, nicht aber die fehlende Andacht beim Aufsagen vorgeschriebener Gebete. Natürlich sollte man nicht sein Gebet herunterrasseln ohne mit den Gedanken bei der Sache zu sein. Gerade das Vaterunser verführt dazu. Es ist auch ein alter Streitpunkt zwischen Evangelischen und Katholiken, ob man ein Gebet wie das Vaterunser in einem monotonen Singsang sprechen oder wie bei einem guten Vortrag mit Betonung rezitieren soll. Letzteres klingt andächtiger, ist aber eine reine Stilfrage: Man kann auch aus Gewohnheit sein Gebet mit sinnvoller Betonung sprechen und trotzdem nicht mit den Gedanken bei der Sache sein. Die Art des Vortrags verrät also nichts über die innere Beteiligung, weil beides eine Sache der Gewohnheit ist.

  • Wichtiger ist es Jesus, dass wir Gebet und Gottesdienst nicht von unserem alltäglichen Leben isolieren. Es wäre Heuchelei im modernen Sinne des Wortes, wenn wir nur zu ausgewählten Gebets- und Gottesdienstzeiten an Gott denken und im Alltag ihn vergessen.

In Übereinstimmung mit den alttestamentlichen Propheten (z.B. Jer 7) legt Jesus großen Wert darauf, dass zwischen alltäglichem und gottesdienstlichem Verhalten kein Widerspruch entsteht. Darum betont er am Ende des Vaterunsers, dass Gott uns nur vergibt, wenn wir bereit sind, auch anderen zu vergeben; darum sagt er schon in Mt 5,23+24, die Versöhnung mit dem Bruder habe den Vorrang vor dem Gottesdienst. Wenn du im Begriff bist zu opfern, und dir fällt ein, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so gehe beim, versöhne dich mit deinem Bruder, und dann erledige deine religiösen Pflichten - eine Meinung, mit denen viele jüdische Schriftgelehrte der damaligen Zeit übereinstimmten.

Im Unterschied zur Meinung vieler heutiger Zeitgenossen sagt Jesus also nicht: Es gibt Tätigkeiten, die den Gottesdienst ersetzen können, wie Versöhnung mit dem Bruder, tätige Nächstenliebe o. ä., sondern: gottesdienstliches und alltägliches Verhalten muss übereinstimmen. Du kannst dich nicht mit Gott versöhnen und mit dem Bruder im Streit leben. Die Versöhnung mit dem Bruder macht aber das gottesdienstliche "Opfer" nach damaligem Brauch nicht überflüssig!

  • Dieselbe Regel wie fürs Spenden und fürs Beten gilt auch fürs Fasten: Häng's nicht an die große Glocke, wenn du dir einen Verzicht auferlegst, sondern mach es so, dass es die anderen nicht merken.

Das Fasten war damals nur für wenige "Volkstrauertage" im Jahr vorgeschrieben. Viele aber wie der Pharisäer in Luk 18,12 fasteten freiwillig öfter bis zu zweimal in der Woche aus Trauer um die miserablen religiösen und politischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Jesus selbst und seine Jünger sahen die Sache anders: Mit dem Auftreten Jesu beginnt die Freudenzeit, und sie fasteten nicht mehr (Mk 2,18-20). Das war kein Verstoß gegen religiöse Gesetze, sondern die freie Entscheidung jedes Einzelnen, ob er über das vorgeschriebene Maß hinaus fasten wollte. Jesus und die Jünger verzichteten darauf, spätere Christen haben es wieder eingeführt (Mark. 2,20 deutet das an). Die Katholiken fasten, die Evangelischen nicht. Vom Evangelium her ist das also eine belanglose Frage, die jeder entscheiden kann, wie er will und für richtig hält.

Es mag sein, dass es Leute wie den Pharisäer in Lk 18 gab, die im Fasten mehr als nur einen Ausdruck der Trauer, sondern eine verdienstvolle Handlung sahen. Das interessiert Jesus aber nicht; es kam ihm allein drauf an, dass man auch aus dieser Frömmigkeitsübung kein frommes Theater macht, dem es nur auf den öffentlichen Beifall ankommt.

An einer anderen Stelle (Mk 9,29 in einigen Textüberlieferungen) zeigt Jesus, dass er dem Fasten neben dem Beten durchaus eine wichtige Bedeutung zumisst, nämlich als eine Konzentrationsübung, bei der einem durch Verzicht auf Nahrung eine gewaltige innere Energie zuwächst, die z.B. fähig macht, den Dämon eines Epileptikers auszutreiben. Dass Jesus selbst intensiv und lange gefastet hat, sehen wir an der Versuchungsgeschichte (Mt 4,2); dass er nächtelang im Gebet zugebracht hat, wird wiederholt an verschiedenen Stellen berichtet.

Fasten und Beten haben also in erster Linie Bedeutung für denjenigen, der sich diesen Übungen unterzieht. Ein Publikum ist dafür nicht notwendig.

Zum Schluss müsste ich noch auf eine ganz andere publikumswirksame Art des Fastens eingehen, die heute viel angewendet wird, nämlich der Hungerstreik zur Durchsetzung politischer oder privater Ziele.

Rein formal müsste diese Methode unter das Verbot Jesu fallen, seine Frömmigkeitsübungen so zu verrichten, dass man dabei von anderen gesehen wird. Aber der Zweck eines Hungerstreiks ist ja nicht, dass der Streikende bewundert wird, sondern er will damit "gewaltlos" irgendwelche Ziele durchsetzen. Es ist aber die Frage, ob die Anwendung von Druckmitteln wie Arbeitsverweigerung oder Nahrungsverweigerung prinzipiell etwas anderes sind als die Androhung oder Durchführung von Körperverletzung, Freiheitsberaubung oder Sachbeschädigung.

Es gibt nach dem Neuen Testament nur zwei erlaubte Mittel der Einflussnahme, nämlich

  • die Überzeugungskraft der Wahrheit. Und die Wahrheit kann man eigentlich nur ganz geduldig so lange wiederholen, bis auch der letzte davon überzeugt ist. Jedes Druckmittel kann mehr schaden als nützen, weil es dann Menschen dazu bringt, etwas gezwungen gegen ihre innere Überzeugung zu tun.

  • den Einsatz des persönlichen Ansehens, wobei zu berücksichtigen ist, dass persönliche Autorität nicht durch Körperkraft oder die Verfügung über Druckmittel, sondern allein durch die Überzeugungskraft der Wahrheit begründet sein kann.

Jesus setzt sich in diesem Abschnitt mit gewissen Missbräuchen von Frömmigkeitsübungen auseinander. Das aber ist vielleicht gar nicht mehr das Problem unserer Zeit. Vielmehr kranken wir daran, dass viele äußere Formen verloren gegangen sind. Man betont zwar immer wieder, es komme nicht auf die äußere Form, sondern auf die innere Einstellung an. Aber es besteht die Gefahr, dass eine innere Einstellung nicht entstehen und sich nicht entfalten kann, weil ihr die Möglichkeit zur Äußerung fehlt. Wir müssten also wieder neue äußere Formen entwickeln, in denen unsere inneren Überzeugungen leben und sich äußern können.

Sprachecke 24.12.2013

 

 

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Datum: 1985 / 2007

Aktuell: 09.02.2019