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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Leidensgeschichte Jesu

C Kritische Würdigung der Evangeliendarstellung

Passion Einleitung

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1. Jesus soll getötet werden

2. Die Salbung in Bethanien

3. Verabredung des Verrates

4. Vorbereitung des Passahmahls

5. Das Abendmahl

a) Jesus kündigt den Verrat des Judas an.

b) Das Abendmahl

c) Abschiedsworte beim Abendmahl

6. Jesus auf dem Weg nach Gethsemane

Es soll im Folgenden versucht werden, die Vorzüge einer Evangelienharmonie mit denen einer Synopse zu verbinden und das wirkliche Geschehen anhand der überlieferten Texte zu rekonstruieren. Übersetzung der Peiskerschen Synopse.

1. Jesus soll getötet werden

(Markus 14,1‑2) Nach, zwei Tagen [1] war aber das Fest des Passah und der ungesäuerten Brote [2]. Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten [3] trachteten danach, wie sie ihn mit List festnehmen und töten könnten. Sie sagten nämlich: (Johannes 11,48) "Lassen wir ihn auf diese Weise gewähren, so werden alle an ihn glauben, und die Römer werden kommen und uns sowohl die [heilige] Stätte als auch das Volk wegnehmen. [4] (Markus 14,2b) Die Verhaftung soll aber geschehen) nicht am Fest, damit kein Aufruhr des Volkes entsteht." (Johannes 11,57) Die Hohenpriester ... [5] hatten aber Befehl gegeben, es anzuzeigen, wenn jemand wisse, wo er sei, damit sie sich seiner bemächtigen könnten. [6]

7. Ankündigung der Verleugnung

 

 

[1] Markus ordnet seine Passionsgeschichte in ein zeitliches Schema ein, das Matthäus und Lukas nicht übernehmen und daher wohl noch nicht kennen: Sonntag: Einzug in Jerusalem; Montag Verfluchung des Feigenbaums und Tempelreinigung; Dienstag: Streitgespräche; Mittwoch: Todesbeschluss und Salbung; Donnerstag: Abendmahl und Verhaftung; Freitag: Kreuzigung und Grablegung; Samstag: Sabbatruhe; Sonntag: Gang zum Grab. "Nach zwei Tagen" bedeutet also: von Mittwoch auf Freitag.

Nach Johannes 12,1 fand die Salbung schon 6 Tage vor dem Passah statt. Passah war für Johannes am Freitag, die Salbung also schon am Sonntag. Den Einzug nach Jerusalem verlegt Johannes auf Montag. Markus geht wahrscheinlich schon von einer liturgischen "Karwoche" aus, so dass die Datierung des Johannes glaubwürdiger ist.

[2] An das abendliche Passahmahl schließt sich die Festwoche an, in der man nur ungesäuertes Brot (Matzen) isst.

[3] Die Initiative geht vom sadduzäischen hauptamtlichen Priesteradel aus. War die Tempelreinigung Grund für die Verhaftung gewesen?

[4] Die Priester befürchten, dass Jesus sich als Messias ausrufen lässt und die Römer zum Eingreifen zwingt. Dadurch wäre die ohnehin nur auf Rom und nicht aufs Volk gestützte Macht der Priester am Ende gewesen

[5] Johannes erwähnt noch die Pharisäer, die geistigen Väter der jüdischen Gegner des Johannes. Die Pharisäer standen aber in den dreißiger Jahren noch der Jesusbewegung nahe. Die Polarisierung Christen – Pharisäer ist erst später entstanden.

[6] Der öffentliche Aufruf begründet plausibel, wie Judas auf die Idee kam, Jesus zu verraten, und woher Jesus wusste, dass er gesucht wurde.

   

2. Die Salbung in Bethanien

(Markus 14,3‑9) Und als er in Bethanien [7] im Hause Simons des Aussätzigen [8] war, kam, während er bei Tische saß, eine Frau mit einer Alabasterflasche [9] voll echter, teurer Nardensalbe [10]. Sie zerbrach die Alabasterflasche und goss sie über sein Haupt. [11] Da murrten etliche [12] bei sich selbst: "Woher ist diese Vergeudung der Salbe geschehen? Man hätte diese Salbe ja für mehr als 300 Denare verkaufen und [den Erlös] den Armen geben können." Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: "Lasset sie! Was betrübt ihr sie? Sie hat eine schöne Tat [13] an mir getan. Die Armen habt ihr ja allezeit bei euch [14], und sooft ihr wollt, könnt ihr ihnen wohl tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Was sie vermochte, hat sie getan; sie hat im Voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt [15] Und wahrlich, ich sage euch: Wo immer in der ganzen Welt das Evangelium gepredigt wird, da wird auch das, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis erzählt werden."

   
   

[7] am Ölberg, Vorort von Jerusalem

[8] Lapide (Er predigte in ihren Synagogen 18f) vermutet, dass im ursprüngliche hebräische Text ein Buchstabe falsch gelesen wurde: hbr. zarûa heiße 'aussätzig' (es steht aber in allen hebräischen Übersetzungen ha‑mezora), zanûa 'beherrscht' würde Simon als Essener kennzeichnen (wieso?). Aber hat es einen hebräischen Urmarkus gegeben?

Es gab aber tatsächlich einen Schim'on ha‑Zanûa, der sich vor Rabbi Elieser ben Hyrkanos damit brüstete, er sei ohne die vorgeschriebenen Waschungen in den Tempel gegangen (Billerbeck 1,990). Dieser Rabbi wurde seinerseits wegen Umgangs mit Abtrünnigen (Christen?) aus Galiläa vor Gericht gestellt (Billerbeck I,36 f). Damit ist nicht gesagt, dass dieser Schim'on, der nach Jesus lebte, Christ war, und es ist auch unwahrscheinlich, dass er mit dem Simon aus Bethanien zur Zeit Jesu identisch ist. Es könnte natürlich sein, dass Markus mit seiner Kennzeichnung "das heute dem Simon gehörige, den Christen bekannte Haus" meint.

Lapide stört sich daran, dass Jesus in das Haus eines Aussätzigen eingekehrt war. Aber es ist nirgends gesagt, dass dieser Simon noch am Leben war. Oder er war von Jesus geheilt worden. "Aussatz" war trotz des griechischen Namens lepra nicht das, was wir heute Lepra nennen, vielleicht auch gar kein medizinisches, sondern ein soziales Kriterium: Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Lukas übergeht diesen Abschnitt, weil er die Salbung an anderer Stelle (salbende Sünderin 7,36‑50) erzählt. Hier ist der Gastgeber ein Pharisäer namens Simon. Johannes dagegen spricht vom Haus des kurz vorher gestorbenen und wieder auferweckten Lazarus und identifiziert die salbende Frau mit Maria, der Schwester von Lazarus. Lukas kennt auch die Lazarustradition, aber wieder in anderem Zusammenhang: der hautkranke Lazarus im Gleichnis 16,19‑31 und die beiden Schwestern 10,38‑42, interessanterweise im Anschluss an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das zwischen Jericho und Jerusalem spielt. In beiden Evangelien ist Martha die aktivere.

Möglicherweise hat der aussätzige Pharisäer mit dem Allerweltsnamen Simon den Beinamen Lazarus 'Gotthilf', um ihn von seinen Namensvettern (z.B. Simon Petrus, Kananäus, Kyrenäus, Magus) unterscheiden zu können. Jesus hätte den Namen seines Freundes (Johannes 11,3) in das Gleichnis eingetragen und auch dessen Schicksal angedeutet.

Wenn die Gleichsetzung Simon = Lazarus stimmt, wäre damit wahrscheinlich gemacht, dass dieser Mann zur Zeit der Salbung schon gestorben war. Die Auferstehungsgeschichte bei Johannes ist deutlich ein theologisches Lehrstück und könnte aus dem Gleichnis in die Wirklichkeit übertragen worden sein. Johannes behauptet freilich 12,2, Lazarus sei bei der Salbung dabei gewesen.

[9] gipsähnliches Material, das man wie Glas verwendete.

[10] Narde ist eine Pflanze, die nur im Himalaja wächst. Das importierte Öl musste daher sehr teuer sein.

[11] als Ehrung eines Gastes auch von Herodes überliefert. Hier als Messiassalbung gedacht? Das Wort chrîein 'salben' (davon Christus 'der Gesalbte')  wird aber in den Evangelien vermieden.

[12] nach Matthäus: die Jünger, nach Johannes: Judas persönlich, weil er am Geld hing: wohl keine Tradition, sondern deutlich Hang zur Detailgenauigkeit und Legendenbildung.

[13] ein gutes Werk; dazu gehörten auch die Verrichtungen, die mit der Bestattung verbunden sind.

[14] Anspielung an 5. Mose 5,11

[15] griech. myrísai, das man mit 'einbalsamieren' übersetzen könnte. Matthäus 26,12 umschreibt "dass sie diese Salbe (griech. mýron) auf meinen Leib goss"; Johannes 12,3 êleipsen  'cremte ein'; Lukas 7,38 exémassen 'rieb ein', Die Evangelisten haben also keine Messiasweihe darin erkannt. – Anders die syrische Übersetzung, die bei Lukas und Johannes das Wort meschach 'salben' bringt (davon meschichā 'Messias').

Wir müssen aber unterscheiden zwischen dem, was die Frau wollte (ist nicht gesagt), was die Jünger verstanden (Verschwendung) und wie Jesus die sicherlich peinliche Situation entschärft hat (Einbalsamierung der Leiche). Lukas deutet an, die Frau habe aus Dankbarkeit gehandelt, was aber vielleicht aus der Tradition erschlossen ist, die von einem Liebeswerk redete.

   

3. Verabredung des Verrates

(Markus 14,10‑11) Und Judas Iskariot [16], jener einer von den Zwölfen [17], ging hin zu den Hohenpriestern, um ihn an sie zu verraten [18] Sie aber freuten sich, als sie es hörten, und versprachen, ihm Geld zu geben [19]. Und er trachtete darnach, wie er ihn bei guter Gelegenheit verriet.

4. Vorbereitung des Passahmahls

(Markus 14,12‑16) Und am ersten Tag der ungesäuerten Brote, an dem man das Passahlamm schlachtete, sagten seine Jünger zu ihm: "Wohin willst du, dass wir gehen und Vorbereitungen treffen, damit du das Passahmahl essen kannst?" Und er sandte zwei seiner Jünger [20] und sagte zu ihnen: "Gehet in die Stadt, und es wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug mit Wasser trägt; [21] folgt ihm. Und wo er hineingeht, da saget zu dem Hausherrn: 'Der Meister lässt sagen: Wo ist meine Herberge [22], in der ich mit meinen Jüngern das Passahmahl essen kann?' Und er wird euch ein großes Obergemach [23] zeigen, das mit Polstern [24] belegt und bereit ist; und dort bereitet es für uns zu. [25]" Da gingen die Jünger hin, kamen in die Stadt und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passahmahl.

   
   

[16] Iskariot deutet man am einfachsten als hbr. isch Qeriot 'Mann aus Karioth in Südjudäa, nicht als 'Dolchmann', verballhornt aus lat sicarius, aramäisch sikarjā. Diese Messerhelden waren eine Art Terroristen und sind erst aus späterer Zeit bezeugt. Die beliebte Theorie, Judas habe Jesus verraten, um ihn zum Losschlagen zu zwingen, hat keinen Anhalt in der Bibel. Johannes nennt als Motiv die Geldgier. Lukas 22,3 und Johannes 13,27 geben an, der Teufel sei in Judas gefahren, was ja wohl auch stimmt.

[17] Evangelische Ausleger behaupten gern, Jesus habe keine Kirche gründen wollen; die Jünger seien erst nach Ostern und nicht schon vom historischen Jesus zu Aposteln berufen worden. Die Spitze gegen die katholische Kirche ist hier unverkennbar: Wenn das wahr wäre, dann hätte der Papst als Nachfolger des Simon Petrus keine Existenzberechtigung, denn dann hätte Jesus auch den Petrus erst nach Ostern berufen.

Gegen diese Auslegung spricht nun allerdings, dass Judas Iskariot, der nach Matthäus und Lukas Jesus nicht überlebt hatte, in allen Apostellisten aufgeführt wird. Also muss es schon vor Ostern Apostel gegeben haben. Wer das bezweifelt, muss vollends alle Evangelien auf den Kopf stellen und annehmen, dass der Verrat des Judas auch erst nach Ostern geschehen sei.

Man führt dafür an, der Verrat sei eigentlich gar nicht notwendig gewesen. Damit überschätzt man allerdings die Fähigkeiten der antiken Polizei. Noch heute hat die Polizei Probleme, den Schlupfwinkel von einem ausfindig zu machen, der auf der Fahndungsliste steht. Noch heute wird die Bevölkerung um Mithilfe gebeten und Geld dafür versprochen. Und noch heute lassen sich Mittäter verleiten, ihre Komplizen gegen Geld oder Straferleichterung zu verraten. Warum sollte das bei Jesus anders gewesen sein?

[18] wörtlich 'auszuliefern, preiszugeben'. Die traditionelle Übersetzung 'verraten' führt auf abwegige Gedanken, als ginge es nur drum, zu sagen, wo sich Jesus versteckt hält. Die ursprüngliche Bedeutung des deutschen Wortes war 'jemand treulos durch falschen Rat Schaden zufügen': Judas hat die falschen Leute beraten und damit Jesus geschadet. Das griechische Wort drückt dagegen aus, dass Judas nicht länger zu Jesus gehalten und ihn fallengelassen hat.

[19] Judas hat also nicht gefragt: "Was krieg ich dafür'?", wie's Matthäus darstellt, sondern die Priester haben von sich aus dem Verräter Geld angeboten. Die 30 Silberlinge bei Matthäus, nicht aber der Verräterlohn, sind aus der unverständlichen Stelle Sach 11,12 erschlossen.

Dass Judas Geld bekommen hatte, konnte er später nicht mehr erzählen und die Hohenpriester wird man nicht einfach befragt haben können. Dennoch handelt es sich nicht nur um eine Vermutung oder sogar einen Rückschluss aus dem Alten Testament. Dass Judas wirklich Geld bekommen hat, geht aus den widersprüchlichen Traditionen über den Tod des Judas Matthäus 27,3‑10 und Apg 1,16‑20 hervor, wonach von dem Verräterlohn der so genannte Blutacker gekauft worden war. Der Blutacker wird also den Jerusalemer Christen bekannt gewesen sein; sie begründeten den merkwürdigen Namen mit dem Verrat (Matthäus) oder Selbstmord des Judas (Lukas) und erzählten, der Acker sei vom Verräterlohn gekauft worden. Hier liegt also möglicherweise eine echte Überlieferung vor, die ihren Haftpunkt an dem Namen des Ackers hatte.

[20] Lukas 22,8 will wissen, dass es Petrus und Johannes waren, sicher späterer Hang zur Konkretisierung, keine alte Überlieferung. Nach Markus 14,17 kam Jesus bei Einbruch der Dunkelheit mit den Zwölfen: schematische Bezeichnung des Apostelkreises – oder gehörten die beiden Jünger gar nicht zum Apostelkreis?

[21] Von Matthäus nicht verstanden und ausgelassen, von Markus vielleicht als wunderbares Vorherwissen gedeutet. In Wirklichkeit wird Jesus mit einem Hausbesitzer Vereinbarungen getroffen haben. Der Mensch = Mann mit dem Wasserkrug ist auffällig, weil Wasserholen sonst Frauensache war. Andrerseits brauchte sich ein Nichteingeweihter nichts zu denken, wenn er einen Mann Wasser holen sah. Der Schluss, es habe sich um eine Wohngemeinschaft unverheirateter Essener gehandelt, ist voreilig.

Eher können wir aus der Szene schließen, dass Jesus der Boden in Jerusalem zu heiß geworden war. Er hielt sich tagsüber verborgen und traf Geheimhaltungsmaßnahmen, damit der Ort des Essens nicht vorschnell bekannt wurde. Die anderen Jünger und auch Judas wussten nicht, wo gefeiert werden sollte. Erst im Schutz der Dunkelheit wagte sich Jesus mit den übrigen Jüngern wieder in die Stadt.

[22] dasselbe Wort wie in der Geburtsgeschichte Lukas 2,7 (kein Raum in der Herberge). Da das Passah nur in Jerusalem gefeiert werden durfte, waren die Einwohner verpflichtet, Pilgern unentgeltlich einen Raum zum Feiern zur Verfügung zu stellen.

[23] im 1. Stock. Der heute in Jerusalem gezeigte Abendmahlssaal über dem so genannten Davidsgrab stammt aus der Kreuzfahrerzeit und soll an der Stelle errichtet sein, wo das Pfingstwunder geschah.

[25] Die Jünger mussten auf dem Viehmarkt des Tempels ein Lamm kaufen; dies wurde im Tempel von Priestern geschlachtet und von dem Eigentümer ausgeweidet. Es waren ferner noch die Zutaten (Matzen, bittere Kräuter, Fruchtmus, Wein) zu besorgen. Das Lamm wurde zu Hause über einem Holzkohlenfeuer am Stück gebraten und musste restlos aufgegessen werden. Ungenießbare Überreste wurden verbrannt.

   

5. Das Abendmahl:

a) Jesus kündigt den Verrat des Judas an.

Die Darstellung der Evangelisten lässt sich hier gar nicht harmonisieren., Markus, dem Matthäus und Lukas folgen, erzählt eigentlich keine Geschichte, sondern überliefert drei Jesusworte:

i. Einer wird von euch mich verraten.

(Markus 14,17b) Einer von euch wird mich verraten, worauf sich die Jünger verwundert gefragt hätten, wer so was tun würde. Die Überlieferung scheint anzuknüpfen an Psalm 41,10 Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen, ausdrücklich zitiert Johannes 13,18.

ii. der mit mir die Hand in die Schüssel taucht

Jesus scheint in diesem Zusammenhang den Verräter so gekennzeichnet zu haben (Markus 14,20): der mit mir [die Hand] in die Schüssel taucht, eine sehr konkrete Aussage für "einer, der täglich mit mir zusammen an einem Tisch sitzt; einer meiner engsten Vertrauten".

Diesen Satz hat auch Johannes gekannt; er malt die Szene so aus, dass Jesus dem Lieblingsjünger durch ein geheimes Zeichen zeigt, wer der Verräter ist: Er taucht ein Stück Brot in die Schüssel (mit den bitteren Kräutern, dem Fruchtmus?) und gibt es Judas. Keiner außer dem Lieblingsjünger weiß, was das zu bedeuten hat, und keiner denkt sich was dabei. (Johannes 13,23‑26)

Auch Matthäus 26,23 scheint an eine konkrete Kennzeichnung des Verräters zu denken: Der, welcher mit mir die Hand in die Schüssel getaucht hat, d.h. Judas hat zufällig gerade Brot eingetaucht.

Sowohl Johannes als auch Matthäus haben also das überlieferte Jesuswort von der Schüssel auf verschiedene Weise ausgedeutet. Handelt es sich um ein echtes Jesuswort? Es kann nicht aus Psalm 41,10 herausgesponnen sein, das vom Brot und nicht von der Schüssel redet, und muss wohl im obigen Sinn einer sehr konkreten Aussage verstanden werden.

iii. Wehe dem Verräter!

(Markus 14,21): "Denn der Sohn des Menschen zwar geht dahin, wie von ihm geschrieben steht; aber wehe dem Menschen, der den Sohn des Menschen verraten wird! Es wäre besser, wenn er nicht geboren wäre, jener Mensch. Das klingt wie eine spätere christliche Stellungnahme zu dem Verrat, könnte aber ein echtes Jesuswort sein: Jesus hat aus der Schrift (z.B. Jesaja 53; Psalm 22) erschlossen, dass der Menschensohn leiden muss und auch von einem nahe stehenden Menschen verraten wird (Psalm 41,10). Über die Art des Verrats ist noch nichts gesagt. Ursprünglicher Sinn war vielleicht nur: "Einer von euch arbeitet gegen mich."

Johannes 13,21‑30 überliefert nicht nur die Jesusworte, sondern erzählt eine richtige Geschichte. Die alten Traditionselemente, die sich auch bei Markus finden, sind in fetter Schrift hervorgehoben:

Als Jesus dies gesprochen hatte [26], wurde er im Geist erregt [27] und bezeugte und sprach: "Wahrlich, wahrlich [28], ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten." Die Jünger sahen einander an, ratlos darüber, von wem er rede. [29] Einer von seinen Jüngern lag an Jesu Brust [30], der den Jesus lieb hatte. Diesem winkte Simon Petrus und sagte zu ihm "Sage, wer es ist, von dem er redet!" [31] Jener lehnt sich so an die Brust Jesu und sagt zu ihm: "Herr, wer ist es?" Da antwortete Jesus: "Der ist es, dem ich den Bissen eintauchen und geben werde." Darauf taucht er den Bissen ein, nimmt ihn und gibt ihn dem Judas [32], dem Sohn des Simon Iskariot [33]. Und nach dem Bissen, da fuhr der Satan in ihn [34]. Jesus sagte nun zu ihm: "Was du tun willst, tue bald." [35] Aber keiner von denen, die zu Tische saßen, verstand, wozu er ihm das sagte. Denn einigte meinten, weil Judas die Kasse hatte, wolle ihm Jesus sagen: "Kaufe, was wir zum Fest bedürfen" [36] oder er solle den Armen etwas geben.[37] Als nun jener den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Es war aber Nacht. [38]

   
   

[26] Deutung der Fußwaschung

[27] im Sinne einer prophetischen Eingebung

[28] im Originalwortlaut: amen amen: Erinnerung an die eigentümliche Redeweise Jesu "amen, ich sage euch" – im jüdischen Sprachgebrauch nicht üblich. 

Jesus kritisiert Matthäus 6,34‑37 die damalige Unsitte, jede wichtige Aussage im täglichen Sprachgebrauch "beim Himmel" oder sonst was zu beschwören, und empfiehlt, stattdessen "ja, ja" zu sagen. Ihm selbst scheint das Bekräftigen einer Aussage so zur Gewohnheit geworden zu sein, dass er in "amen"  'ja' einen Ersatz suchen musste, nachdem ihm die Problematik des Beschwörens bewusst geworden war. Diese Redeweise wird in allen Evangelien überliefert; Markus hat nur das einfache Amen; Lukas übersetzt mit wahrlich; Matthäus bringt noch sehr viel mehr Amen‑Zitate, und Johannes schreibt immer amen amen. – Das Amen als Einleitung des Verräterspruchs steht auch bei Markus, also ein Originalzitat

[29] Ähnlich Lukas 22,23. Dagegen Markus 14,19  Einer nach dem anderen (fing an) zu ihm zu sagen: "Doch nicht ich?" – eine erbauliche Ausgestaltung der Überlieferung: Die Christen sollen sich selbst prüfen statt jemand zu verdächtigen. Zum Verräter kann jeder werden. Normalerweise würde man fragen: "Wer ist's?"

[30] Das Abendmahl wurde nach damaliger Mode liegend eingenommen. Das ist so gedacht, dass Jesus und der Lieblingsjünger entweder am selben Tisch Kopf an Kopf lagen oder an verschiedenen Tischen nebeneinander, so dass ein vertrauliches Gespräch möglich war. Mittelalterliche Maler kannten diese Sitte nicht und mussten dem auf dem Stuhl sitzenden "Johannes" Verrenkungen zumuten, um seinen Kopf "an die Brust Jesu" zu bekommen.

[31] Wohl nachträgliche Konkretisierung einer allgemeinen Ratlosigkeit.

[32] Herausgesponnen aus dem überlieferten Jesuswort: "... der mit mir [die Hand] in die Schüssel taucht", was aber wohl nicht so wörtlich gemeint war, sondern nur bedeutete: "einer, der mit mir Tischgemeinschaft hat."

[33] Hat Johannes genauere Informationen? Iskariot müsste deshalb nicht der Beiname des Vaters sein, wenn wir übersetzen: Judas, Sohn des Simon., aus Kariot. – Judas ist also beim letzten Mahl dabei. So auch Matthäus 26,25, wo Judas scheinheilig fragt: "Doch nicht ich, Rabbi?"

[34] So auch Lukas 22,3

[35] Jesus muss dem Judas Gelegenheit geben, unauffällig den Saal zu verlassen. Nach Johannes hat er also nicht nur vom Verrat gewusst, sondern Judas sogar noch damit beauftragt. Nur eine Legende, die die Souveränität Jesu zeigen soll? Oder war es wirklich ein abgekartetes Spiel, das Judas und die Jünger nicht durchschaut haben? Hat Jesus seine Verhaftung nicht nur bewusst provoziert (etwa durch die Tempelreinigung), sondern sogar noch nachgeholfen, indem er Judas den Verräter spielen ließ? Haarsträubende Gedanken, die man aber nicht vorschnell abtun sollte.

[36] in einer Passahnacht unvorstellbar, möglich aber in der Nacht vorher.

[37] typisches Motiv von Johannes: Jesus sagt was und die Jünger verstehen nichts.

[38] die typische Stunde der Feinde und Macht der Finsternis, vgl. Lukas 22,53.

   

b) Das Abendmahl

An Stelle des Abendmahlsberichtes bringt Johannes 13 das Fußwaschungsmahl, das kein Passahmahl ist und auch kein Sakrament begründet.

Die Synoptiker folgen zwei Überlieferungssträngen:

  • Markus und nach ihm Matthäus

  • Lukas mit Paulus.

(Lukas 22,15‑20) Und er sprach zu ihnen: "Mich hat sehnlich verlangt, dieses Passahmahl mit euch zu essen, bevor ich leide. Denn ich sage euch: ich werde es nicht mehr essen, bis es in seiner Vollendung gefeiert wird im Reiche Gottes." Und er nahm den Kelch, sprach das Dankgebet darüber und sagte: "Nehmt ihn und teilt ihn unter euch! Denn ich sage euch: Ich werde von jetzt an vom Gewächs des Weinstocks nicht [mehr] trinken, bis das Reich Gottes gekommen ist." [39] Und er nahm das Brot, sprach das Dankgebet darüber, brach es, gab es ihnen und sagte: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis." [40] Und ebenso nach der Mahlzeit [41] den Kelch [42] und sagte: "Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, [43] das für euch vergossen wird."  [44]

   
   

[39] von Markus überliefert im Anschluss an das Deutewort vom Blut. Lukas wird eine liturgische Feier vor Augen haben, die an den jüdischen Passahritus anknüpft. Während dieses Ritus wird mehrmals der Becher gelehrt und Brot gegessen. Nach jüdischer Sitte spricht der Hausherr ein Dankgebet über dem Wein: "Gepriesen du Ewiger, unser König, der die Frucht des Weinstocks geschaffen hat" – daher die eigenartige Formulierung Jesu.

Jesus erwartet also noch in den nächsten Tagen den Anbruch des Reiches Gottes. Da Jesus ahnte, dass er hingerichtet würde, kann er nicht gehofft haben, man würde ihn zum Messiaskönig ausrufen und in einer gewaltsamen Aktion die Römer vertreiben. Er muss also an etwas anderes gedacht haben.

[40] Markus hat nur: "Nehmet, das ist mein Leib."

Die syrische Bibel macht einen Unterschied zwischen dem Leib Jesu, der in Bethanien gesalbt wurde (Markus 14,8 guschmā, ein ähnliches arabisches Wort bedeutet auch 'massig,) und dem Leib Christi beim Abendmahl (Markus 14,22 pagrā, auch im Sinn von 'Leiche') – eine künstliche Unterscheidung? Es ist zu beachten, dass die syrischen Evangelien keine Originaltexte, sondern Übersetzungen aus dem Griechischen sind. Sie helfen uns also. auch nicht, zu erkennen, was Jesus gesagt haben könnte.

Das Wort 'Leib' ist eigentlich nicht semitisch, sondern hellenistisch gedacht. Es gab zwar neben den oben genannten aramäischen Wörtern noch ein hebräisches gūph, das 'Höhlung, Leib' bedeutete, aber ein Semit hätte an dieser Stelle vom básár 'Fleisch' geredet, ähnlich Johannes 6,51‑56. Das wäre nicht anstößiger als zu sagen: "Trinkt, das ist mein Blut." Wohl musste aber das Wort "Fleisch" für einen Christen anstößig sein, denn der auferstandene Christus hatte zwar noch eine Gestalt = "Leib", aber kein "Fleisch" = Materie mehr. Können wir aus Johannes 6,51‑56 schließen, dass Jesus von seinem "Fleisch" geredet hat? – Die syrische Übersetzung hat das anstößige "Fleisch" vermieden und redet auch hier vom "Leib" (pagrā).

Vielleicht hat das Wort "Fleisch" (aramäisch besar) an dieser Stelle noch einen Nebensinn: besar 'Fleisch' schreibt sich fast genauso wie besorā 'Evangelium'. Johannes 6,56 "Wer mein Fleisch isst..., der bleibt in mir und ich in ihm" erinnert an Johannes 15,7 "Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben...." Jesus bzw. Johannes würde dann gar nicht in erster Linie an das Abendmahl, sondern an die Predigt Jesu denken. Im Syrischen ist dieses Wortspiel nicht möglich, weil das Wort, das 'Evangelium' bedeuten müsste, an baser 'verachten' erinnert und daher in sebartā geändert wurde, was wiederum an sabrā 'Hoffnung' anklingt.

Paulus hat den Ausdruck "Leib Christi" (syrisch  pagrā) im Sinne von 'Organismus' verstanden und auf die Gemeinde bezogen. Er meint also: Der Auferstandene hat keinen Körper mehr aus "Fleisch", sondern er wohnt mit seinem Geist in der Gemeinde, die daher sein neuer Leib ist.

Im Deutschen ergeben sich noch ganz andere Gedankenverbindungen, da das Wort Leib 'Körper' heute zufällig genauso klingt wie Laib 'Brot' und verwandt ist mit Leben.

Der alte Streit der Reformatoren über die Bedeutung des Wörtchen "ist" ist gegenstandslos. Im Semitischen gibt es dieses Wort gar nicht. Jesus hätte zwei Möglichkeiten gehabt, sich auszudrücken:

  • Das mein Leib/ Fleisch. Eine ähnliche Formulierung finden wir in der Mannageschichte 2. Mose 16,15. Da antwortet Mose auf die Frage "Was ist das?" "Das ist das Brot..." Das wäre eine Erklärung (Explikation) einer unbekannten Sache.
    Eine ähnliche Formulierung finden wir übrigens auch in der Kreuzesinschrift: "Das ist der König der Juden". Die Inschrift sollte erklären (explizieren), warum Jesus gekreuzigt wurde. Ungewollt wurde Jesus aber damit auch zum König erklärt (deklariert). Übertragen aufs Abendmahl könnten wir also sagen: Wenn Jesus sagt "Das ist mein Leib", dann erklärt er das Brot dazu. Es ist für uns jetzt Leib Christi, weil's Christus so gesagt hat.

  • Siehe da, mein Leib/ Fleisch. Das wäre keine Explikation, sondern eine Darbietung (Präsentation), so wie wenn wir sagen: "Das ist dein Geburtstagsgeschenk". Es handelt sich zwar in seiner "Substanz" um ein Buch oder Schmuckstück, aber es ist in seiner Funktion jetzt ein Geburtstagsgeschenk. Übertragen aufs Abendmahl also: "Es ist zwar nur ein Stück Brot, aber ihr müsst euch vorstellen, das wäre mein Leib, der bald genauso gebrochen wird."

Wenn wir annehmen, dass die beiden Abendmahlsworte nicht genau parallel formuliert waren, dann könnte Jesus gesagt haben: (1) Das mein Leib/ Fleisch (Anknüpfung ans Manna) – (2) Siehe da, mein Blut des Neuen Bundes.

[41] Beim Passahritus liegt zwischen dem Brotbrechen mit Dankgebet und dem "Becher des Segens" die eigentliche Mahlzeit (Lamm mit Matzen und bitteren Kräutern).

[42] Wörtlich: "Trinkgefäß" – ohne Andeutung einer Form. Nach Markus sprach Jesus hier das Dankgebet, das im Passahritus erst am Schluss gesprochen wurde. Folglich hat Jesus den Spruch vom "Gewächs den Weinstocks" auch erst am Schluss gesagt. Wir können also folgende "richtige" Reihenfolge rekonstruieren:

Mich hat sehnlich verlangt...
1. Becher bei Lukas
Dankgebet Brot
Das ist mein Fleisch
Mahlzeit
Dankgebet Kelch
2. Becher bei Lukas
Siehe da, mein Blut des Neuen Bundes
Lobgesang.

Es hätte sich zwar angeboten, dass Jesus gesagt hätte: "Der Wein ist mein Blut", weil schon 1. Mose 49,11 Blut bildlich für 'Wein' gebraucht wird. Jesus vergleicht aber nicht den Wein mit seinem Blut, sondern den Kelch mit dem Bundesblut.

Der Kelch, den man austrinken muss, ist sonst ein Bild für das von Gott auferlegte Leiden: Markus 10,35 Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? – Markus 14,36 Nimm diesen Kelch von mir – Johannes 18,11 Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?
Den Kelch trinken
bedeutet also 'das Martyrium erleiden'. Vergleichspunkt sind also nicht Wein und Blut, sondern Leidenskelch und Opfertod.

[43] so auch Paulus. Markus und Matthäus dagegen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Justinus (Apologie 1,66,3) überliefert nur: Das ist mein Leib – Das ist mein Blut. Es herrscht also eine Tendenz zur Vereinheitlichung und Verkürzung.

Die Markusversion knüpft an 2. Mose 24,8 an: Beim Bundesschluss lässt Mose Stiere schlachten und sammelt ihr Blut in Gefäße. Die eine Hälfte gießt er auf den Altar. Dann liest er das so genannte Bundesbuch vor. Das Volk erklärt sich bereit, diese Bestimmungen zu halten. Darauf besprengt Mose das Volk mit der anderen Hälfte des Blutes und sagt dazu: Siehe da, das Blut des Bundes, den Jahwe mit euch schließt aufgrund aller dieser Worte. – Das Bundesblut besiegelt also den Vertrag und bindet beide Partner. Die spätere aramäische Übersetzung (Targum) schreibt ihm auch sühnende Wirkung zu.

Es gehört ferner dazu Sacharja 9,11: Auch lasse ich (Gott) um des Blutes deines [Israels] Bundes willen deine Gefangenen frei..., wobei unklar ist, ob an das Beschneidungsblut zu denken ist (wie später in der jüdischen Literatur) oder an irgendwelche Opfer. Der Sinn ist klar: Gott fühlt sich durch den Bund verpflichtet; das Bundesblut hat befreiende Wirkung.

Es gibt im Semitischen bloß eine Möglichkeit, die Genitivkonstruktion Blut des Bundes, wie sie Mose gebraucht, mit dem Possessivpronomen mein zu verbinden, indem man nämlich das Pronomen an den Schluss stellt, also dam berîtî "Blut des Bundes‑mein". Das kann man auflösen als (1) "Blut meines Bundes" oder (2) "mein Blut des Bundes".

(1) wäre der normales Sprachgebrauch, vgl. bêt abî 'Haus des Vaters‑mein = Haus meines Vaters, mein Vaterhaus'. Dazu passt, dass Jesus den Ausdruck Blut des Bundes von Mose übernommen hat, jetzt auf sich bezieht und vom neuen Bund redet. Er hätte also damit sagen wollen: "Was bei Mose das Bundesblut war, ist für uns jetzt der Kelch. So wie der alte Bund gültig wurde, indem Mose das Blut auf die Partner sprengte, so wird der neue Bund gültig, indem wir gemeinsam aus dem Kelch trinken." Das Symbol Bundesblut wird also durch ein anderes Symbol Kelch ersetzt.

(2) Die biblischen Einsetzungsworte deuten aber nicht auf den Bund Jesu, sondern auf sein Blut, d.h. auf seinen sühnenden und befreienden Opfertod. Dafür hätte Jesus wie in der syrischen Übersetzung zu Markus 14,24 sagen können Blut‑mein von Bund neuem oder auch nur Blut‑mein von Bund. Nun aber überliefern 1. Korinther 11,25 und Lukas 22,20 eine andere Formulierung: der neue Bund in meinem Blut, d.h. "der mit meinem Blut (besiegelte) neue Bund". Das ist kaum ursprünglich, sondern eher eine Verdeutlichung eines urtümlichen mein Bundesblut, wobei klar gemacht wird, dass es sich 1. um den neuen Bund und 2. um das Blut Jesu handelt.

Wenn also Lukas und Johannes im Anschluss an das letzte Mahl noch längere Tischgespräche überliefern, dann entspricht das nicht nur jüdischer Sitte, sondern enthält wohl auch echte Erinnerung. Denn wenn Jesus wirklich an den Mosebund angeknüpft hatte, dann musste er nicht nur vom Bundesblut und Bundesrechten reden, sondern auch vom Bundesverpflichtungen. Tatsächlich überliefern Lukas 22,24‑27 (Rangstreit, bei Markus in anderem Zusammenhang) und Johannes 13,13‑14 (Deutung der Fußwaschung) unabhängig voneinander im Anschluss an das letzte Mahl Worte vom Dienen und Johannes 13,34‑35 zusätzlich noch das Liebesgebot.

[44] Die merkwürdige Formulierung für viele knüpft an Jesaja 53,11‑12 an, wonach der leidende Gottesknecht den Vielen Gerechtigkeit geschafft und ihre Sünden getragen hat. Jesus hat vermutlich sein Leiden aus diesem Kapitel erschlossen. Die Deutung des Leidens als Sühnetod stammt auch daher.

Man hat darüber diskutiert, warum es nicht heißt Er trug die Sünden aller und behauptet, man hätte sich im Hebräischen nicht anders ausdrücken können. Das wäre aber durchaus möglich gewesen: die Sünde der Gesamtheit/ des ganzen Volkes oder (mit Bezug auf den Einzelnen): ihrer aller Sünde (vgl. Jesaja 53,6). Wenn Jesaja von den Sünden Vieler redet, dann kann man das doch nur so verstehen, dass es auch Sünden gibt, die nicht davon betroffen sind (z.B. die jemand nicht bereut). Es gibt also keine Sündenvergebung nach dem Gießkannenprinzip, keine Generalamnestie, sondern immer nur die Begnadigung einzelner reuiger Sünder.

   

c) Abschiedsworte beim Abendmahl

Die einzelnen Evangelisten weichen da erheblich voneinander ab. Markus und Matthäus beenden das Abendmahl mit dem Wort über das Gewächs des Weinstocks und den abschließenden Lobgesang, Johannes mit den Abschiedsreden (14‑17), die aber deutlich eingeschoben sind. An die Fußwaschung selbst (13,1‑11) schließt sich eine Deutung mit synoptischen Worten vom Dienen und Aufnehmen der Gesandten an (// Lukas 22,23‑30 Rangstreit), dann folgt die Ankündigung des Verrats und schließlich, eingebettet in johanneisches Material:

i. Worte vom Dienen (werden hier übergangen, da uneinheitlich)

ii. Das Liebesgebot

(Johannes 13,34‑35) Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr untereinander lieben sollt, wie ich euch geliebt habe [45], dass auch ihr einander lieben sollt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. [46]

   
   

[45] ein deutlicher Bezug auf das Liebesgebot 3. Mose 19,18b, das in der synoptischen "Frage nach dem größten Gebot" Markus 12,31 so übersetzt wird: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wenn Mose das gemeint hätte, hätte er geschrieben wie deine Seele. Er schreibt aber wörtlich wie du 'wie deinesgleichen.' Jüdische Ausleger übersetzen daher: Er ist wie du. Maßstab für die Nächstenliebe ist also nicht die Eigenliebe, sondern dass alle Menschen gleich sind.

Jesus setzt bei Johannes dagegen einen neuen Maßstab.: ihr sollt einander lieben – nicht wie euch selbst oder wie euresgleichen, sondern wie ich euch geliebt habe. Neu an diesem Gebot ist also nicht die Liebe, sondern dass der Maßstab nicht die Eigenliebe, sondern die Liebe Jesu ist.

[46] Dass gerade dieses "neue Gebot" im 1. Johannesbrief ausführlich ausgelegt wird, sei nur am Rande erwähnt

   

Johannes 13,36‑38 und Lukas 22,31‑34 bringen nun die Ankündigung der Verleugnung (siehe unten). Daran schließt sich an:

iii. Worte vom Schwert

(Lukas 22,35‑38) Und er sprach zu ihnen: "Als ich euch ohne Beutel und Tasche und Schuhe aussandte, habt ihr da an etwas Mangel gehabt?" Sie aber sagten: "An nichts!" Da sprach er zu ihnen: "Aber jetzt, wer einen Beutel hat, der nehme ihn, gleichfalls auch [wer] eine Tasche [hat], und wer kein Schwert hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe eins! [47] Denn ich sage euch: Dieses Schriftwort muss sich an mir erfüllen: 'Und er ist unter die Übeltäter gezählt worden.' Denn was mir bestimmt ist, kommt [jetzt] zu Ende." [48] Sie aber sagten: "Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter". [49] Er aber sprach: "Es ist genug." [50]

   
   

[47] Dieses schwierige Wort bezieht sich auf die Aussendung der Jünger ohne Tasche, Brot und Geld und nur mit einem Hemd (Lukas 9,3; 10,4), was in nachösterlicher Zeit zu einem Wanderpredigertum führte, das schließlich lästig wurde und bekämpft werden musste. Dieser Spruch aus der Sonderüberlieferung des Lukas könnte ursprünglich gemeint haben: Der Auftrag Jesu an die Wanderprediger läuft mit der Passion aus. Die Apostel dürfen sich jetzt nicht mehr von ihren Zuhörern freihalten lassen, sondern müssen wie Paulus selbst für ihren Unterhalt sorgen. Darum brauchen sie Geldbeutel und Provianttasche.

Das Wort vom Schwert könnte zusätzlich andeuten: Bisher habt ihr keine Schwierigkeiten gehabt. Jetzt müsst ihr euch auf Gewalt gefasst machen. Dass das mit dem Schwert nicht wörtlich zu verstehen ist, zeigt die folgende Bemerkung.

Wir können aus dieser Stelle aber auch erkennen, dass Jesus bisher an keine bewaffnete Auseinandersetzung gedacht hat und nicht damit rechnet, dass die Jünger Waffen haben könnten. Woher sollen sie aber in der Passahnacht so viele Schwerter bekommen?

[48] Zitat aus Jesaja 53,12. Lukas meint also, dass Jesus pro forma den Schwerterkauf anordnete, damit die Schrift erfüllt wurde.

[49] Im Mittelalter Anknüpfungspunkt für die Zwei‑Schwerter‑Lehre: Der Staat führt das weltliche Schwert (Militär und Gerichtsgewalt), die Kirche das geistliche (ideologisches Monopol). Man hat jedenfalls die Stelle nicht wörtlich verstanden.

[50] Das heißt wohl nicht: "damit müssten wir auskommen" (= das sind genug, so die syrische Übersetzung), sondern: "Genug davon, reden wir von was anderem."

   

6. Jesus auf dem Weg nach Gethsemane

(Markus 14,26‑28) Und nachdem sie den Lobgesang [51] gesprochen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg. Und Jesus sprach zu ihnen: "Ihr werdet alle Anstoß nehmen; denn es steht geschrieben: 'Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen.' [52] Aber wenn ich auferweckt worden bin, werde ich euch nach Galiläa vorangehen." [53]. Da sagte Petrus zu ihm: "Wenn auch alle Anstoß nehmen, so doch ich nicht."

Als Motiv für das Treuebekenntnis des Petrus nennt Lukas statt dieses Wortes vom geschlagenen Hirten das Wort vom gesiebten Weizen. Dies hört sich an wie ein echtes Jesuswort, während das Bild vom geschlagenen Hirten aus dem Alten Testament genommen ist.

(Lukas 22,31‑32) "Simon, Simon [54], siehe der Satan hat euch [von Gott] ausgebeten, um euch durch ein Sieb zu schütteln wie den Weizen; ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre; und du, wenn du dich einst bekehrt hast, stärke deine Brüder."

   
   

[51] Liturgischer Schluss der Passahfeier mit einer Reihe von Psalmen.

[52] Sacharja 13,1

[53] Vgl. Markus 16,7 Markus kannte also eine Überlieferung von einer Erscheinung des Auferstandenen in Galiläa, die er aber nicht mitteilt, auch nicht im unechten Schluss des Evangeliums. Vgl. aber Matthäus 28,16‑20 und Johannes 21.

Dagegen Pinchas Lapide: Es handle sich um ein Missverständnis. Jesus habe nicht von Galiläa gesprochen, sondern von galil, was nicht nur 'Galiläa', sondern auch 'Landkreis' bedeuten kann – eine Spitzfindigkeit, die dem Text nicht gerecht wird.

[54] typisch jüdische Redeweise. Beachte die Anrede Simon neben Petrus in V.34.

   

7. Ankündigung der Verleugnung

(Lk 22,33‑34) Er aber sagte zu ihm "Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen." Das sprach er: "Ich sage dir, Petrus [55]: Der Hahn wird heute nicht [56] krähen [57], bis du dreimal [58] geleugnet hast, mich zu kennen."

   
   

[55] Ist die Anrede eine bewusste Anspielung auf die "Felsennatur" des Petrus?

[56] Markus ergänzt zweimal, was auch bei Matthäus fehlt.

[57] ursprünglich wohl nur eine Zeitangabe: Vor Hahnenschrei = vor der letzten Nachtwache, gegen Morgen. Diese Deutung könnte bestätigt werden durch eine jüdische Notiz, dass die Hühnerhaltung in Jerusalem verboten gewesen sei, was aber auch erst in späterer Zeit der Fall gewesen sein könnte. Alle Evangelien berichten aber, der Hahn hätte kurz nach der Verleugnung wirklich gekräht, da sei Petrus bewusst geworden, was er getan hatte. Bei Markus kräht der Hahn gleich zweimal; Petrus hätte also gleich nach der ersten Verleugnung was merken müssen.

[58] Hier als symbolische Zahl, wohl nicht wörtlich gemeint. Durch die zweimalige Wiederholung derselben Aussage vor verschiedenen Zeugen wird die Rechtsgültigkeit der Absage betont.

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Datum: 1989 / 2015

Aktuell: 09.02.2019