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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Leidensgeschichte Jesu

C Kritische Würdigung der Evangeliendarstellung

Der Prozess Jesu

Email:

8. Jesus in Gethsemane

9. Die Gefangennahme Jesu

10. Jesus vor dem Hohen Rat

11. Jesus wird von Petrus verleugnet

12. Jesus vor Pilatus

a) Jesus wird dem Pilatus überliefert

b) Der Tod des Judas

 

8. Jesus in Gethsemane

(Markus 14,32‑42) Und sie kommen in ein Gut namens Gethsemane. [1] Und er sagt zu seinen Jüngern: "Setzt euch hier, bis ich gebetet habe!" Und er nimmt den Petrus und den Jakobus und den Johannes mit sich und fängt an, zu erschrecken und heftig zu zagen. Und er sagt zu ihnen: "Meine Seele ist zu Tode bekümmert; bleibet hier und wachet." [2] Und er ging ein wenig vorwärts, warf sich auf die Erde und betete ... [3] (und als er zurückkam, sagte er zu den schlafenden Jüngern): "Schlafet nur weiter und ruhet! – Es ist genug. Die Stunde ist gekommen; siehe, der Sohn des Menschen [4] wird überliefert [5] in die Hände der Sünder. Steher nun auf, lasset und gehen! Siehe, der mich verrät, ist genaht."

   

c) Jesus wird vor Pilatus angeklagt

d) Jesus vor Herodes

e) Pilatus lässt Barabbas frei und verurteilt Jesus.

 13. Die Verspottung Jesu durch die römischen Soldaten

 

[1] 'Ölkelter', heute ein gepflegter Garten mit alten Ölbäumen am Fuß des Ölbergs. Dort zeigt man auch eine Höhle, in der eine Ölkelter gestanden haben und die der Jesusschar als Nachtquartier gedient haben könnte.

[2] Die Angst Jesu vor der Verhaftung ist auch bei Johannes 12,27 überliefert, der ansonsten die Gebetsszene nicht kennt.

[3] Das folgende Szene vom Gebet Jesu hat keine Zeugen, da die drei Jünger schliefen, ist also eine erbauliche Rekonstruktion (Auslegung der 3. Vaterunser‑Bitte "Dein Wille geschehe"). Die Legende will wissen, dass Jesus das Vaterunser auf dem Ölberg gelehrt hätte.

[4] Jesus nennt sich selbst nicht Messias oder Christus, sondern Menschensohn. Ein Messias setzt sich durch und wird König; der Menschensohn geht nach Überzeugung Jesu einen anderen Weg und leidet. – Der Ausdruck meint also an dieser Stelle nicht einfach "ich", sondern verweist auf die Überzeugung: Jetzt ist's so weit, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder ausgeliefert wird, wie öfter angekündigt."

[5] dasselbe Wort wie verraten

 

 

9. Die Gefangennahme Jesu

Matthäus, Lukas und Johannes legen in der bei Markus erhaltenen Überlieferung an denselben Stellen Jesus einige Worte in den Mund, die aber so voneinander abweichen, dass man annehmen muss, dass die Evangelisten das Bedürfnis hatten, Jesus an dieser Stelle etwas sagen zu lassen. Wir können diese Worte also übergehen.

Johannes weicht von der Darstellung des Markus auch insofern ab, als er die Überlegenheit Jesu betont: Er wird nicht verraten, sondern er stellt sich. Auch das können wir übergehen.

Andrerseits scheint Johannes einige zusätzliche Informationen zu haben, die wir berücksichtigen müssen.

(Markus 14,43‑52) Und alsbald, während er noch redete, kommt Judas, einer der Zwölf, und mit ihm eine Schar [6] mit Schwertern und Stöcken [7] von den Hohenpriestern und Ältesten und Schriftgelehrten her. Es hatte aber der, welcher ihn verraten wollte, ihnen ein Zeichen angegeben und gesagt: "Der, den ich küssen werde, der ist's; nehmt ihn fest und führt ihn sicher ab." [8] Und wie er kam, trat er sogleich auf ihn zu und sagte "Rabbi!" [9] und küsste ihn. [10] Da legten sie Hand an ihn und nahmen ihn fest.

Einer aber von denen, die dabeistanden [11], zog das Schwert, schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters [12] und hieb ihm das Ohr ab. [13] Da verließen ihn alle und flohen.

Und ein Jüngling ging ihm nach, der war mit einem linnenen Gewand auf dem bloßen Leib bekleidet; und sie wollten ihn festnehmen. Er aber ließ das Gewand fahren und entfloh nackt. [14]

   
   

[6] unspezifisch 'eine Menge Leute'. Johannes gebraucht hier ein anderes Wort, das man gewöhnlich nach der lateinischen Übersetzung mit 'Kohorte' (römische Einheit) übersetzt: ein Hinweis, dass die Römer schon bei der Verhaftung beteiligt waren und den Priestern Amtshilfe leisteten? Da es sich offenbar um eine größere Anzahl Bewaffneter handelte, scheint man sich auf einen gewaltsame Auseinandersetzung mit den Jüngern gefasst gemacht zu haben.

[7] Die Tempelwache war mit Schlagstöcken ausgerüstet. "Schwerter" könnte ebenfalls auf römische Beteiligung deuten.

[8] Auch Lukas weiß von einem Kuss, nichts aber von einer Zeichenbedeutung. Der Kuss ist für Lukas wohl nur eine gedankenlose Grußgeste.

Nach Johannes 18,2 ist Judas anscheinend nicht der Führer, sondern Kommandant der Abteilung und steht während der Verhaftung nur dabei. Man aus dieser Andeutung kaum schließen, dass Judas ein Geheimagent der Priester war. – Anders Johannes 18,12, wo von einem eigenen Anführer die Rede ist.

Der Kuss nach Markus sollte wohl ermöglichen, dass man den "Rädelsführer" unauffällig überrumpeln und verhaften konnte, ehe die vermutete größere Zahl von Anhängern was merkten. Dem widerspricht aber das große Aufgebot, das doch auffallen musste.

Wozu war der Verrat überhaupt nötig? Weil die Tempelpolizei Jesus nicht öffentlich zu verhaften wagte und die Schlupfwinkel Jesu nicht kannte. Johannes 18,2 betont, dass Judas den Aufenthaltsort Jesu kannte.

[9] 'Hochwürden': ehrfurchtsvolle Anrede, auch sonst für Jesus überliefert.

[10] anscheinend die übliche Begrüßung. Jesus und die Jünger sollten keinen Verdacht schöpfen.

[11] nach Johannes war es Petrus: sicher eine späte Konkretisierung.

[12] Es heißt nicht einen Knecht, sondern den Knecht, also den Kommandanten der Wache, einen persönlichen Beauftragter es Hohenpriesters? Oder ist einfach "der bekannte Knecht" mit nur einem Ohr gemeint?

Der Name Malchus bei Johannes könnte überliefert sein. Wenn Johannes konkretisiert, erfindet er keine Namen, sondern identifiziert die Unbekannten mit Bekannten, z.B. den Schwertschläger mit Petrus.

Merkwürdig ist freilich, dass Johannes 18,26 den Namen nicht mehr weiß und schwerfällig umschreibt "ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte". Stammt der Name Malchus gar nicht von Johannes?

Woher weiß man aber den Namen? Weil allgemein bekannt war, dass "der Knecht" des Hohenpriesters nur ein Ohr hatte – ein Zeichen, dass sich Johannes in Jerusalem auskennt. Dann aber kann Jesus das Ohr nicht wieder angeheilt haben, wie Lukas behauptet

[13] Wenn Malchus auch ein Priester war – eine Annahme, die nicht zwingend ist ‑, wäre er laut 3. Mose 22,18 für den weiteren Priesterdienst untauglich geworden. Auf jeden Fall war er für den Rest seines Lebens geschändet.

Es folgt ein Wort Jesu an die Häscher. Er wundert sich, dass er wie ein Räuber (römische Sprachregelung für 'Freiheitskämpfer') festgenommen wird, wo er doch nicht im Geheimen, sondern öffentlich gewirkt hat – Einschub aus einem anderen Zusammenhang?

[14] Man vermutet, dass sich hier ein Augenzeuge selbst in die Erzählung eingebracht hat. Die Episode steht nur bei Markus.

Eine doketistische Geschichte?
Vielleicht wird aber in Markus 14,51‑52 auch ein "doketistisches" Verständnis der Kreuzigung angedeutet. Die späteren Doketisten (griech. dokeî  'es scheint, sieht nur so aus') lehrten, Jesus sei gar nicht wirklich gekreuzigt worden. Man habe nur die äußere Hülle gekreuzigt; der eigentliche Christus sei davon gar nicht betroffen gewesen. Diese Meinung wird von den Johannesbriefen scharf bekämpft, wurde also schon im 1. Jahrhundert vertreten. – Könnte der junge Mann, der nackt entfloh, ein Symbol für die Seele Jesu sein (ähnlich der junge Mann im weißen Gewand, der im Grab sitzt), die Leinwand dagegen für die "äußere Hülle", den Körper Jesu?

Es ist schon merkwürdig, dass der junge Mann so dünn bekleidet war in einer Frühlingsnacht, in der Petrus frierend am Feuer saß! Ein Leinengewand, das man ohne weiteres abstreifen kann, kann eigentlich nur ein Umhang gewesen sein, der aber in der Regel aus wärmender Wolle gemacht war. Aus kühlendem Leinen bestand dagegen das Hemd, das aber fest auf dem Leib saß und über den Kopf ausgezogen werden musste. Wenn der junge Mann aus irgendwelchen Gründen tatsächlich einen Leinenumhang trug, warum hatte er dann kein Hemd an?

Nun spricht Markus ja nicht von einem "Gewand" o ä., sondern von einer Leinentuch. Er gebraucht dasselbe Wort auch für das Tuch, in das man die Leiche Jesu wickelte. Wieso hüllte sich der junge Mann in ein Leichentuch? Ist es ein Symbol für den sterblichen Leib Jesu im Gegensatz zu der im jungen Mann verkörperten unangreifbaren Persönlichkeit Jesu?

All das spricht dafür, dass die Episode symbolisch und nicht historisch verstanden werden muss.

Man kann diese doketistische Auffassung aber sicher nicht dem Evangelisten anlasten. Er macht sonst in seinem Evangelium keine Andeutungen in dieser Richtung; seine Geschichte vom leeren Grab und die weggebrochene Erscheinungsgeschichte in Galiläa sprechen sogar dagegen: Die Frauen finden im Grab keine Leiche und kein Tuch, dagegen den Engel, der ihnen erklärt: Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte sei nicht mehr hier, sondern auferstanden. Hier wird doch deutlich behauptet, es sei der Gekreuzigte, der auferstanden ist, was gegen die doketistische Meinung ist. Umgekehrt hätte eine Erscheinungsgeschichte ohne Grabgeschichte die Meinung bestätigen können, dass nur der Mensch Jesus gekreuzigt wurde; was den Jüngern erschien, sei der Gottessohn Christus gewesen.

Es hat sich also eine unverstandene doketistische Symbolgeschichte vom fliehenden Jüngling in die Passionsgeschichte eingeschlichen, die Markus für eine Konkretisierung der überlieferten Jüngerflucht hielt. Falls Matthäus und Lukas diese Geschichte kannten, haben entweder nichts mit ihr anfangen können – oder aber ihre doketistische Aussage durchschaut und sie deshalb gestrichen.

 

 

10. Jesus vor dem Hohen Rat

Historisch lässt sich nur so viel wahrscheinlich machen, dass Jesus in den Palast des Kaiphas und von dort am Morgen zu Pilatus gebracht wurde. Wir wissen davon durch die Verleugnungsgeschichte. Gewährsmann kann eigentlich nur Petrus selbst gewesen sein. Was aber mit Jesus in dem Palast gemacht wurde, konnte Petrus nicht wissen.

Nun wird Josef von Arimathäa, der Jesus bestattete, als ein Mitglied des Hohen Rates vorgestellt, das mit Jesus sympathisierte. Wenn also im Palast wirklich eine Ratssitzung stattgefunden hat, könnte Josef als weiterer Gewährsmann gelten.

Es gibt aber berechtigte Zweifel, ob es diese Ratssitzung überhaupt gab. Johannes berichtet nur von einem unverbindlichen Verhör vor dem Ex‑Hohenpriester Hannas, bei dem der Trupp auf dem Weg zu Kaiphas vorbeigekommen sei. Von Kaiphas weiß Johannes nur, dass er Jesus am Morgen an Pilatus überwies. Auch Lukas weiß nichts von einer nächtlichen Gerichtssitzung. Jesus soll in der Nacht sogar im Hof geblieben sein, wo er Gelegenheit hatte, dem Petrus nach der Verleugnung einen bedeutungsvollen Blick zuzuwerfen. Erst am Morgen hätte Kaiphas Jesus verhört, wie Markus berichtet, aber nicht verurteilt, sondern an Pilatus überwiesen.

Die Hälfte der Evangelien weiß also nichts von einer nächtlichen Gerichtssitzung, und von der anderen Hälfte scheidet Matthäus als selbständiger Beleg gleich aus, weil er von Markus abgeschrieben hat. Somit bleibt als einziger Markus übrig. Er wird wohl nicht auf Original‑Erinnerungen zurückgegriffen, sondern versucht haben, sich vorzustellen, was im Palast des Hohen Priesters geschehen ist..

Die Tatsache an sich, dass die Hohenpriester Jesus wegen eines angeblichen Religionsverbrechens an den römischen Statthalter auslieferten, ist nicht ungewöhnlich, vergleiche Jesus, den Sohn des Ananus bei Josephus. Ähnlich Rabbi Elieser ben Hyrkanos (um 90), der wegen Umgang mit Abtrünnigen (Christen?) vor den römischen Statthalter gestellt und freigesprochen wurde. [15]

(Markus 14,53a) Und sie führten Jesus ab zum Hohenpriester

weiter

   
    [15] Billerbeck 1,36‑37

 

 

11. Jesus wird von Petrus verleugnet

Diese Geschichte wird in den einzelnen Evangelien in verschiedener Weise mit dem Abschnitt über den Hohen Rat verknüpft: Lukas davor, Markus und Matthäus danach; bei Johannes ist die Verhörszene zwischen die Verleugnungen geschoben. Da beide Geschichten zur gleichen Zeit spielen, ist die Anordnung gleichgültig.

Alle Evangelisten sind sich einig, dass zuerst eine Magd Petrus in Verlegenheit gebracht hat, während die beiden anderen Gesprächspartner unbestimmt bleiben. Petrus wird diese Leute auch schwerlich gekannt haben, obwohl Johannes 18,26 den letzten zu einem Verwandten dessen macht, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte.

(Lukas 22,54c‑62) Petrus jedoch folgte von ferne. [16] Als sie aber mitten im Hof ein Feuer angezündet und sich zueinander gesetzt hatten, setzte sich Petrus mitten unter sie. Da sah ihn eine Magd am Feuer sitzen, blickte ihn an und sagte: "Auch dieser war mit ihm". Er aber verleugnete ihn und sagte: "Weib, ich kenne ihn nicht." Und kurz nachher sah ihn ein anderer und sagte: "Auch du bist einer von ihnen." Petrus aber sagte: "Mensch, ich bin's nicht." Und ungefähr nach Verlauf einer Stunde [17] versicherte ein anderer [18]: "In Wahrheit, auch dieser war mit ihm; denn er ist ein Galiläer." [19] Petrus aber sagte: "Mensch, ich weiß nicht, was du meinst." [20] Und sofort, während er noch redet, krähte der Hahn. [21] Und der Herr wandte sich um und blickte Petrus an. [22] Da erinnerte sich Petrus an das Wort des Herrn, wie er zu ihm gesagt hatte: "Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen." Und er ging hinaus und weinte bitterlich. [23]

   
   

[16] An dieser Stelle berichtet Johannes, ein anderer Jünger (= Lieblingsjünger?) war dem Hohenpriester bekannt und redete mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Er hat also Petrus nicht nur Zutritt zum Hof verschafft, sondern auch mit der Türhüterin bekannt gemacht, die Petrus dazu bringt, zum ersten Mal zu verleugnen.

[17] Markus trennt die zweite von der dritten Verleugnung durch einen ersten Hahnenschrei (Missverständnis der Zeitangabe?). Lukas geht anscheinend von der Markusvorlage aus und deutet den Ausdruck "Hahnenschrei" richtig als Zeitangabe: in der letzten Nachtwache, gegen Morgen.

[18] Markus: die Magd; Matthäus: einer der Umstehenden; Johannes: ein Verwandter des Malchus.

[19] Matthäus 26,73 statt dessen "deine Sprache verrät dich": Der galiläische Dialekt war gekennzeichnet durch eine ungenaue Artikulation der Konsonanten. Man sagte den Galiläern nach, dass sie ähnlich klingende Wörter nicht voneinander unterschieden, so wie bei einem Hessen baden = waten und einem Sachsen Gunst = Kunst ist. Man hätte daher oft nicht gewusst, was sie meinten.

[20] Nach Markus hat Petrus die dritten Verleugnung mit einer Selbstverfluchung beschworen: Keine einfache Notlüge, sondern er hat sich damit von Jesus losgesagt. "Ich kenne ihn nicht" = "Ich will nichts mehr von ihm wissen." Die Verleugnungsgeschichte ist sicher auch als ein Lehrstück für die Christen erzählt.

[21] Vielleicht hatte Jesus mit der Ankündigung ehe der Hahn kräht nur eine Zeitangabe gemeint. Nun aber hat wirklich einer gekräht, und zwar unmittelbar nach der dritten Verleugnung, wie alle Evangelien betonen. Nur so konnte er als Mahnzeichen wirken.

[22] eine Weiterbildung, die zeigt, dass Lukas der Meinung ist, Jesus sei im Hof geblieben und nicht in den Palast selbst geführt worden

[23] fehlt bei Johannes.

 

 

12. Jesus vor Pilatus

Johannes hat für diesen Teil der Passion einen ganz eigenen Aufriss, der aber die wesentlichen Teile der synoptischen Darstellung enthält: die Anklage – Barabbas – Versuche, Jesus freizulassen – Jesus schweigt – Verurteilung – Geißelung, Dornenkrone und Purpurmantel.

Johannes hat zwar einige Stellen in theologisch bedeutsamer Weise erweitert (Wieso ist Jesus trotzdem ein König?), erweckt aber gerade in diesem Abschnitt den Eindruck, dass er eigene Kenntnisse hat: anderer Termin als bei Markus (14. Nisan) – die Juden dürfen niemand töten – Pilatus als "Freund des Kaisers", der später in Ungnade fiel – Gabbatha, die Verurteilungsstätte.

Nach Markus hat Pilatus versucht, Jesus freizulassen, dann aber doch der Forderung der Priester nachgegeben und Jesus kreuzigen lassen. Dieses Motiv wird von den anderen Evangelisten in verschiedener Weise ausgestaltet:

  • Nach Matthäus wäscht Pilatus seine Hände in Unschuld und das Volk übernimmt die Verantwortung.

  • Nach Lukas findet Pilatus nach einem kurzen Verhör Jesus für unschuldig, versucht erfolglos, ihn an Herodes abzuschieben und lässt sich nach zwei weiteren Unschuldserklärungen dazu bewegen, Jesus trotzdem zu kreuzigen.

  • Auch bei Johannes macht Pilatus mehrere, wenn auch andere Versuche, Jesus freizulassen und wird am Ende erpresst, Jesus zu verurteilen.

Am deutlichsten hat Matthäus die Tendenz formuliert: Die Schuld am Tod Jesu trifft die Juden; Pilatus ist unschuldig. Das hängt mit der nachösterlichen Geschichte zusammen: Lukas hofft anscheinend, dass Rom das Christentum als "erlaubte Religion" anerkennt und stellt nicht nur im Evangelium, sondern auch in der Apostelgeschichte die Römer als verständnisvoll und gerecht dar. Die nichtchristlichen Juden erwiesen sich dagegen im 1. Jahrhundert als feindselig, bekämpften schon in den ersten Jahren nach Ostern die Christen und schlossen sie schließlich um 80 aus ihrer Glaubensgemeinschaft aus. Sie behaupteten, Jesus sei als Zauberer und Gotteslästerer rechtmäßig hingerichtet worden. Was lag näher, als den nichtchristlichen Juden die ganze Verantwortung aufzubürden, zumal es ja der jüdische Hohe Rat war, der Jesus verhaften ließ?

Die Römer waren dagegen in Religionsfragen tolerant, solange durch die Religion ihre Herrschaft nicht in Frage gestellt wurde. Bei Johannes kommt treffend zu Ausdruck, dass man sich später nicht mehr vorstellen konnte, dass die Kreuzigung Jesu politische und keine religiösen Hintergründe hätte haben können.

a) Jesus wird dem Pilatus überliefert

(Markus 15,1) Und alsbald am Morgen fassten die Hohenpriester mit den Ältesten und Schriftgelehrten und der ganze Rat einen Beschluss [24] und ließ Jesus fesseln, abführen und dem Pilatus [25] überliefern.

   
   

[24] Lukas hat wohl gemerkt, dass der nächtliche Prozess bei Markus unwahrscheinlich ist, und verlegt das Verhör in die Morgenstunde, ohne dass allerdings ein Urteil gefällt wird.

[25] Pontius Pilatus war Prokurator der Unterprovinz Judäa von 26‑36. Er hatte seinen Sitz normalerweise in Caesarea am Meer und kam nur bei besonderen Gelegenheiten, wie hier zum Passahfest, nach Jerusalem. Er wird nicht nur Lukas 13,1 als grausam und skrupellos dargestellt, sondern auch bei Josephus, und wurde 36 vom Kaiser wegen Amtsmissbrauch nach Rom zitiert und abgesetzt.
Kann man einem solchen Mann zutrauen, dass er versucht haben soll, Jesus freizulassen, und von den Priestern gezwungen wurde, ihn doch zu kreuzigen?

Markus 15,10 berichtet, Pilatus hätte den Grund der Auslieferung durchschaut: aus "Neid", d.h. weil sie was gegen Jesus hatten, und nicht weil Jesus wirklich den Tod verdient hatte. Deshalb hätte er versucht, ihn wieder freizulassen. Das klingt einleuchtend, zumal der Priesteradel und Pilatus Rivalen waren. Pilatus fühlte sich als Herr im Land und war kein Handlanger der Priester. Wenn die Priester den unliebsamen Jesus an Pilatus überweisen mussten, weil sie ihn nach ihrer Prozessordnung oder aufgrund römischer Vorschriften (Johannes 18,31) nicht selbst hinrichten durften, dann könnte Pilatus Gründe gehabt haben, ihnen diesen Gefallen zu verweigern, selbst wenn wir uns vorstellen, Pilatus sei eine blutgierige Bestie gewesen. Das war er nicht. Er war skrupellos, wenn es um seinen eigenen Vorteil ging. Und es wäre für ihn ein Pluspunkt im Machtkampf mit den Priestern gewesen, wenn es ihm gelungen wäre, dem Gesuch der Priester nicht nachzugeben.

 

 

b) Der Tod des Judas

Ein christliches Lehrstück: Umkehr ist Gnade und nicht jederzeit möglich. So hat Matthäus die Überlieferung gestaltet, dass Judas eines gewaltsamen Todes gestorben und dass von dem Verräterlohn der so genannte Blutacker gekauft wurde.

(Matthäus 27,3‑8) Als dann Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er verurteilt war [26], reute es ihn [27], und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sagte: "Ich habe gesündigt, indem ich unschuldiges Blut verraten habe." Doch sie sagten: "Was geht uns das an? Sie du zu!" Und er warf das Geld in den Tempel [28] und entfernte sich, und er ging hinweg und erhängte sich. [29]Die Hohenpriester aber nahmen das Geld und sagten: "Man darf es nicht in den Tempelschatz legen, weil es Blutgeld ist [30]. Nachdem sie aber Rat gehalten hatten, kauften sie dafür den Acker des Töpfers [31] als Begräbnisplatz für die Fremden [32]. Daher wurde jener Acker Blutacker genannt bis heute. [33]

   
   

[26] durch den Hohen Rat

[27] Man kann vielleicht daraus schließen, dass Judas nicht damit gerechnet hatte, dass Jesus an Pilatus ausgeliefert und gekreuzigt würde. Warum er ihn verraten hatte, wissen wird nicht, können also auch nicht sagen, welchen Ausgang des Prozesses er erwartet hatte. Nun gibt es aber begründete Zweifel, ob die Darstellung des Matthäus richtig ist, siehe unten.

[28] wie die 30 Silberlinge aus Sacharja 11,13, wie Matthäus am Schluss bemerkt.

[29] Nach Apostelgeschichte 1,16‑19 hatte Judas selbst den Acker gekauft und er stürzte vornüber zu Boden und barst mitten entzwei, und alle seine Eingeweide drangen heraus. Das wird meist so gedeutet, dass der Strick gerissen und Judas abgestürzt sei. Aber die beiden Todesarten passen nicht zueinander und könnten unabhängig voneinander aus dem Alten Testament erschlossen sein: Selbstmord mit dem Strick ist das Schicksal des David‑Verräters Ahitofel (2. Samuel 17,23); und die böse Königin Isebel, die Nabot ermorden ließ, um seinen Weinberg in Besitz zu nehmen, wird aus dem Fenster gestürzt (2. Könige 9,33). Wer also mit Blut ein Grundstück erwirbt, wird zerschmettert.

Wahrscheinlich wusste also Matthäus vom gewaltsamen Tod des Judas und dachte nach 2. Samuel 12,23, er hätte sich aufgehängt. Der aufgeplatzte Bauch lässt sich aber nicht ohne weiteres mit dem Schicksal der Isebel vereinbaren, die von den Hunden aufgefressen wurde, so dass nur noch Kopf und Hände übrig blieben. Vielleicht hat Lukas genauere Informationen gehabt, die er aber selbst nicht verstand.

Da die Begräbnisplätze Jerusalems seit alter Zeit im Kidrontal liegen, wäre möglich, dass der Verräter für seinen Freitod die hohen Umfassungsmauer des Tempels gewählt hätte. Er war ja kurz vorher noch im Tempel gewesen. Der Blutacker lag angeblich im Hinnomtal. Diese Überlieferung ist deswegen verdächtig, weil das Hinnomtal die Müllkippe der Stadt war, ein unreiner Ort, welcher der Hölle (griechisch gehenna) ihren Namen gegeben hat.

Der Name des "Blutackers" erinnert an den alten Namen der Straße von Jerusalem nach Jericho, "rote Steige", deren Name im Altertum mit dem vielen Blut begründet wurde, das auf diesem Weg vergossen wurde (wie beim Barmherzigen Samariter).

[30] gemäß der Vorschrift 5. Mose 23,19

[31] Nach Sacharja 11,13 wurde das Geld "dem Töpfer" im Tempel hingeworfen; von einem Ackerkauf ist keine Rede. Der Ackerkauf ist also nicht aus Sacharja erschlossen.

[32] für verstorbene Pilger oder Juden die ihren Lebensabend in der heiligen Stadt verbringen wollten?

[33] Apostelgeschichte 1,19 Und es wurde allen kund, die Jerusalem bewohnen, sodass jener Acker in ihrer eigenen Sprache Hakeldama genannt wurde, das heißt 'Blutacker'. Nach Matthäus hieß also der Acker so, weil er mit Blutgeld gekauft wurde, nach Lukas, weil Judas darauf sein Blut vergossen hatte. Die Formulierung "darum heißt das und das so und so bis auf diesen Tag" ist typisch für eine Sage, die einen Namen mit einer Begebenheit erklären soll. Die Erklärung muss nicht richtig sein.

Der eigenartige Name des Grundstücks wird zwar von beiden Quellen mit dem gewaltsamen Tod des Judas in Verbindung gebracht, hat aber keine historische Beweiskraft, weil der Name älter sein könnte und der Mann mit dem aufgeplatzten Bauch ursprünglich auch jemand anders gewesen sein könnte. Dann aber wissen wir vom weiteren Schicksal des Judas gar nichts und können auch aus seiner nur von Matthäus berichteten Reue keine Schlüsse auf seine Gründe ziehen. Dass Judas gewaltsam ums Leben kam, erfüllt zwar die Forderungen einer primitiven Gerechtigkeit, lässt sich aber historisch nicht beweisen – das Gegenteil aber auch nicht.

 

 

c) Jesus wird vor Pilatus angeklagt

(Lukas 23,2) [34] Sie fingen aber an, ihn anzuklagen, und sagten: "Wir haben diesen erfunden als einen, der unser Volk verführt [35] und es abhalten will, dem Kaiser Steuern zu geben [36] und sagt, er sei Christus, ein König."

(Markus 15,2‑5) Und Pilatus frage ihn: "Bist du der König der Juden?" Er aber antwortete und sprach zu ihm: "Du sagst es. [37]" Und die Hohenpriester brachten viele Anklagen gegen ihn vor [38]. Da fragte ihn Pilatus wiederum: "Antwortest du nichts? Sieh, wie viele Anklagen sie gegen dich vorbringen." Doch Jesus antwortete nichts, so dass Pilatus sich verwunderte.

   
   

[34] Nach Markus, dem Matthäus folgt, wird Jesus wortlos dem Statthalter übergeben, und der fragt unvermittelt: "Bist du der König der Juden?" Jesus bejaht die Frage, und erst jetzt erheben die Hohenpriester viele Anklagen, die nicht im einzelnen genannt werden. Man müsste annehmen, dass die Priester Jesus dem Statthalter unter diesem Titel vorgestellt hätten, denn nach Markus 15,12 (den ihr den König der Juden nennt) weiß Pilatus nicht, wie der Angeklagte heißt. Hat Markus oder seine Tradition nur ungeschickt erzählt – oder hat die Tradition den Wortlaut der Anklage unterschlagen? Jesus war für Pilatus nur interessant, wenn er politische Absichten hatte. Ein Gotteslästerer, wie es Markus darstellt, ging den Heiden Pilatus nichts an.

Lukas und Johannes haben auch nichts anderes gewusst. Sie haben dieses Problem empfunden und auf ihre Weise gelöst: Lukas beginnt mit einer einleitenden Anklagerede. Johannes dagegen lässt Pilatus nach der Anklage fragen und die Priester eine ausweichende Antwort geben: "Wenn dieser nicht ein Verbrecher wäre, hätten wir ihn dir nicht überliefert." (18,30) Pilatus versucht, Jesus an die jüdische Gerichtsbarkeit zurückzugeben, erfährt aber, dass es sich um eine Hinrichtung handelt, und beginnt nun, Jesus zu verhören. Er beginnt seine Frage ebenso unvermittelt, ob Jesus der Judenkönig sei, und Jesus fragt ihn, woher er das weiß. (18,33.34). Johannes hat also auch nicht mehr gewusst, als wir bei Markus erfahren.

Wir müssen uns daher fragen, woher Lukas seine Anklagepunkte "Volksverhetzung, Aufruf zur Steuerverweigerung und Griff nach der Krone" weiß. Er konnte das wohl aus dem allgemein bekannten Stoff des Evangeliums erschließen und hatte wohl keine zusätzlichen Informationen. Ob die Anklage historisch richtig wiedergegeben ist, muss also dahingestellt bleiben.

Anzunehmen ist allerdings, dass die Priester dem Römer den Messiastitel erklären mussten. Die Formulierung "König der Juden" ist aber römisch gedacht; ein Jude hätte "Fürst Israels" gesagt; so haben sich spätere Messiasse genannt.

[35] Als Volksverführer konnte Jesus seinen Feinden wegen seiner publikumswirksamen Arbeit gelten.

[36] Jesus hatte sich bei der Frage nach dem Zinsgroschen aber anders geäußert. (Lukas 20,20‑26)

[37] Jesus sagt hier nicht "Ich bin's" wie vorm Hohenpriester. In "du sagst es" steckt der Gedanke "Das sagst du, nicht ich; das ist deine Formulierung". Ähnlich drücken wir uns manchmal ja auch aus, wenn wir einer riskanten Äußerung zustimmen, die wir nicht selbst so hätten formulieren wollen. Der Ausdruck scheint nicht üblich gewesen zu sein.

[38] die aber Markus nicht auflistet.

 

 

d) Jesus vor Herodes

Eine Sonderüberlieferung von Lukas 23,6‑16: Pilatus hätte Jesus dem zuständigen Landesherrn Herodes (Antipas) von Galiläa überwiesen, der sich schon vorher für Jesus interessiert hatte (Lukas 9,7‑9; 13,31) und ihm damit die Gelegenheit geboten, Jesus kennen zu lernen. Herodes hätte Jesus als harmlosen Spinner verspottet und mit einem weißen Gewand zu Pilatus zurückgeschickt. Diese "vertrauensbildende Maßnahme" hätte das Misstrauen zwischen den beiden Rivalen beseitigt und zu einer Atmosphäre der Freundschaft geführt.

Möglicherweise standen Lukas für diesen Abschnitt keine eigenen Informationen zur Verfügung außer dem, was man über das Verhältnis zwischen diesen beiden Machthabern wusste. Er wird sich die Szene also ausgedacht haben, zumal auch bei Johannes Jesus einer dritten Instanz, dem Exhohenpriester Hannas, vorgeführt wird. Damit hätten die beiden geistlichen Oberhäupter Kaiphas und Hannas Jesus für schuldig, die beiden weltlichen, der römische Vasallenfürst Herodes und der römische Statthalter Pilatus, dagegen für unschuldig erklärt. Die Tendenz (Entlastung Roms und Alleinschuld der Juden) ist in beiden Evangelien deutlich zu erkennen.

Bei Herodes muss noch zusätzlich bedacht werden, dass er es ja war, der den Täufer hinrichten ließ, was Lukas 3,20 unterschlägt (er warf Johannes nur ins Gefängnis). Wenn dieser von Rom gestützte Potentat trotzdem die Meinung von Pilatus über Jesus bestätigt, dann muss sie ja richtig sein.

e) Pilatus lässt Barabbas frei und verurteilt Jesus.

(Markus 15,6‑15) An jedem Fest aber ließ er ihnen einen Gefangenen frei, den sie sich [gerade] ausbaten [39]. Es lag aber der, welcher den Namen Barabbas [40] trug, in Fesseln mit den Aufrührern, die bei dem [41] Aufruhr einen Mord begangen hatten. [42] Und das Volk zog hinauf und fing an zu begehren, [dass er täte], wie er zu tun pflegte. [43] Da antwortete ihnen Pilatus: "Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden freilasse?" Denn er erkannte, dass Ihn die Hohenpriester aus Neid überliefert hatten.[44] Doch die Hohenpriester wiegelten das Volk auf, damit er ihnen lieber den Barabbas freiließe. [45] Pilatus aber antwortete wiederum: "Was soll ich dann mit dem tun, den ihr den König der Juden nennt?" Sie schrieen jedoch abermals: "Kreuzige Ihn!" [46] Pilatus aber sagte zu ihnen: "Was hat Er den Böses getan?" Da schrieen sie überlaut: "Kreuzige Ihn!" Weil aber Paulus dem Volk Genüge leisten wollte, ließ er ihnen Barabbas frei und überwies Jesus, nachdem er Ihn hatte geißeln [47] lassen, zur Kreuzigung.

Der Vorschlag Lukas 23,22, Jesus zu geißeln und freizulassen, deutet an, dass die Geißelung auch eine selbständige Strafe sein konnte (auch bei den Juden, vgl. 2. Korinther 11,24). Sie war aber notwendiger Bestandteil der Kreuzesstrafe: Der Verurteilte wurde halb totgeschlagen und dann ans Kreuz gehängt.

Zur Geißelung als selbständigen Strafe, die ohne Verhör und nach unserem Gefühl ohne Rechtsgrund verhängt wird, vgl. Jesus, den Sohn des Ananus bei Josephus: Auch er wird zum römischen Statthalter geführt, der ihn als erstes geißeln lässt, bis ihm das Fleisch von den Knochen gerissen war und erst dann verhört.

Da bei Jesus Geißelung und Kreuzigung deutlich voneinander getrennt sind, ist in Lukas 23,22 vielleicht eine Erinnerung erhalten, dass Jesus unabhängig von der Kreuzigung zuerst einmal mit der Geißelung bestraft wurde.

   
   

[39] Lukas 23,17 "Er musste ihnen aber jedes Fest einen freilassen" fehlt in den besseren Handschriften und ist wohl ein Nachtrag. Von einer alljährlichen Passah‑Amnestie ist nichts bekannt, was allerdings nichts heißen will, da wir über die Zeit Jesu nur ungenügend informiert sind. Lukas scheint diesen Satz aus Markus nicht übernommen zu haben, weil er ihn durch seine anderen Informationen nicht bestätigt fand. Ein Abschreiber wird ihn vermisst und nachgetragen haben. Von einem Brauch der Amnestie berichtet freilich auch Johannes 18,59. Vielleicht hat die Tradition, aus der Markus und Johannes schöpfen, die Barabbasgeschichte falsch verstanden und aus dem Bemühen des Pilatus, Jesus freizusprechen, erschlossen, dass eine Amnestie aus Anlass des Festes üblich war.

Pilatus hätte Jesus aber auch ohne diesen Brauch freisprechen können. Entweder war Jesus schuldig, dann musste er ihn verurteilen, oder er musste ihn freisprechen, weil er unschuldig war. Wenn Pilatus Jesus nur begnadigt hätte, dann hätte er zugegeben, dass Jesus eigentlich schuldig war.

Ich könnte sich aber vorstellen, dass sich da zwei unabhängige Vorgänge überschnitten haben: Während die Priester versuchten, Pilatus von der Schuld Jesu zu überzeugen, versammelte sich vor dem Tor eine Volksmenge und schrie "Begnadigung!" Pilatus musste meinen, dass der eben vor Gericht stehende "König der Juden" begnadigt werden sollte. Die Volksmenge wusste aber nichts von einem angeblichen König und war gekommen, um die Begnadigung des Barabbas zu fordern. Sie kann auch nicht gewusst haben, dass Jesus gefangen genommen war, sonst hätte man ganz andere Reaktionen erwarten müssen: Die Priester hatten nach Markus 14,2 bei einer öffentlichen Verhaftung Jesu einen Volksaufstand befürchtet.

[40] wohl nur ein Beiname "Sohn des Abbas" (geläufiger Vorname). Nach einigen wichtigen Matthäushandschriften hätte er ebenfalls Jesus geheißen, und Pilatus hätte, um sich deutlich auszudrücken, zu dem eigentlichen Namen Jesus die Beinamen "Sohn des Abbas" und "Christus" hinzugefügt.

[41] Die Tradition denkt an einen bestimmten Aufruhr, von dem sich aber sonst keine Erinnerung erhalten hat. Was hat die Jesusbewegung damit zu tun? Geriet der Aufstand deswegen in Vergessenheit, weil er ein dunkler Punkt in der christlichen Vorgeschichte, ein Stück unbewältigte, verdrängte Vergangenheit war?

[42] Johannes 18,40 macht aus Barabbas einen Räuber, so nannte man nach römischer Sprachregelung die jüdischen Freiheitskämpfer. In den Berichten nach Rom war nicht vom Guerillakrieg gegen Freiheitskämpfer, sondern von einer "Bekämpfung des Räuberunwesens" die Rede. Der Kaiser sollte sich keine Sorgen machen. Markus behauptet aber nicht, dass Barabbas selbst an dem Aufstand beteiligt gewesen sei. Er sei nur mit einigen Aufrührern gefangen genommen worden. Pilatus konnte Barabbas nur freilassen, wenn er wirklich unschuldig war. Da die so genannten Räuber gegen die Römer kämpften, hätte sich Pilatus mit der Freilassung eines Schuldigen eine zusätzliche Laus in den Pelz gesetzt.

[43] Vielleicht ein Missverständnis. Vielleicht wollte die Volksmenge speziell die Begnadigung von Barabbas. Markus oder seine Gewährsleute schlossen daraus auf eine Gewohnheit.

[44] d.h. Jesus hatte nichts verbrochen, sondern die Priester wollten ihn los werden. Die Vermutung hat etwas für sich.

[45] Lukas hat einen ganz anderen Aufriss: Die Volksmenge war schon mit dem gesamten Hohen Rat zu Pilatus gekommen. Pilatus hatte nach dem einleitenden Verhör Jesus öffentlich für unschuldig erklärt. Jetzt schon wiegeln die Priester das Volk auf und erwähnen dabei Jesu Herkunft aus Galiläa, was Pilatus veranlasst, Jesus an den zuständigen Landesherrn Herodes zu überweisen. Nachdem dieser ebenfalls die Unschuld Jesu festgestellt hat, bietet Pilatus als Kompromiss an, Jesus nur zu geißeln und dann freizulassen. Darauf schreit die Menge: "Hinweg mit diesem, lass uns dagegen Barabbas frei" (Lukas 23,18), der erst jetzt ins Gespräch kommt. Lukas geht also nicht von einer üblichen Amnestie aus, es bringt auch nicht Pilatus, sondern das Volk Barabbas ins Gespräch – weil es von Anfang an nur wegen ihm gekommen war? Lukas setzt freilich voraus, dass die Volksmenge wusste, dass Jesus bei Pilatus war.

Markus versucht hier zu erklären, warum sich das Volk gegen Jesus für Barabbas entschied: Sie wurden von den Priestern aufgehetzt.

Johannes berichtet ebenfalls, Pilatus hätte Jesus und Barabbas zur Wahl gestellt – anscheinend mit dem Nebengedanken: "Wollt ihr euren unschuldigen König oder lieber einen Schwerverbrecher?" Er hätte also durch diese unmögliche Alternative eine Entscheidung für Jesus nahe gelegt. Umso unverständlicher musste die Entscheidung für Barabbas wirken. Vgl. Lukas 23,25 Er ließ aber den wegen Aufruhrs und Totschlags ins Gefängnis Gesetzten frei, den sie begehrten; Jesus dagegen gab er ihrem Willen preis.

Die Geschichte von der Freilassung des Barabbas ist sicher auch eine Illustration des Glaubenssatzes, dass Jesus an Stelle des Sünders sein Leben ließ und der Sünder begnadigt wird.

[46] In allen Evangelien kommt der Vorschlag, Jesus zu kreuzigen, vom Volk bzw. von den Priestern (Johannes 19,6). Nach den Synoptikern soll Jesus anscheinend die Strafe erleiden, die dem Barabbas zugedacht war. Tatsächlich wurden ja mit Jesus zwei "Räuber" gekreuzigt, und Barabbas hätte dann der dritte sein müssen.

Man muss sich aber fragen, ob die Kreuzigung in den Augen des Pilatus nicht die notwendige Strafe für den angeblichen Königsanspruch hätte sein müssen. Wie Johannes 19,12‑15 richtig erkennt, richtet sich der Königstitel ja gegen die römische Herrschaft und das Amt des Pilatus: entweder der König Jesus oder der römische Kaiser und sein Statthalter! Ein König Jesus hätte sich also gegen die römische Oberherrschaft aufgelehnt, ganz gleich, wie er sein Amt verstand und wie er seinen Anspruch verwirklichen wollte, und musste gekreuzigt werden.

Umgekehrt wäre es ja im Sinne des Volkes (aber nicht der Priester) gewesen, wenn Jesus die politische Königswürde an sich gerissen hätte. Barabbas und Genossen waren für das Volk ja keine Verbrecher, vor denen man sie beschützen musste, sondern Helden. Und ein König Jesus wäre für die Bevölkerung die Erfüllung eines jahrhundertealten Traums gewesen.

Dass also Pilatus Jesus freilassen wollte und das Volk seinen Tod forderte, scheint jeder politischen Logik zu widersprechen. Man könnte aber die Bemühungen des Pilatus damit erklären, dass er nach Markus 15,10 die Absicht der Priester durchschaut und sich zunächst geweigert hätte, den Priestern diesen Gefallen zu tun.

Andrerseits könnte man die Forderung des Volkes, Jesus zu kreuzigen, damit verständlich machen, dass es dem Volk in erster Linie darum ging, dass Barabbas begnadigt wurde. Der so genannte "König der Juden" konnte ihnen egal sein, weil sie nicht wussten, wer das war.

[47] Geißel ist das alte deutsche Wort für 'Peitsche' und muss sachlich keinen Unterschied ausdrücken.

 

 

13. Die Verspottung Jesu durch die römischen Soldaten

Lukas übergeht diesen Abschnitt.

(Markus 15,16‑20a) Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast, (das ist die Burg des Statthalters) [48] und riefen die ganze Kohorte zusammen. Und sie zogen ihm ein Purpurgewand [49] an, flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf. Dann fingen sie an, ihn zu begrüßen: "Heil dir, König der Juden!" und schlugen ihm mit einem Rohr auf das Haupt, spieen ihn an, beugten die Knie und huldigten ihm. Und nachdem sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm das Purpurgewand aus und legten ihm seine Kleider wieder an. [50]

   
   

[48] wörtlich "in den Hof hinein, das ist das Praetorium": wohl eine berichtigende Ergänzung. Praetorium hieß allgemein der Amtssitz des Statthalters. Obwohl man seit alter Zeit behauptet, Pilatus habe auf der Burg Antonia residiert, wo eine römische Einheit stationiert war, nimmt man heute an, das Praetorium sei der Palast des Herodes gewesen. Johannes 19,13 nennt die Stelle, wo Pilatus das Urteil sprach, Gabbatha, was er mit 'Steinpflaster' übersetzt.

Markus setzt hier voraus, dass die Verhandlung vor dem Praetorium stattfand, wie Johannes 18,28 ausdrücklich feststellt.

[49] gedacht als Königsornat. Purpur war eine sehr teure rote oder violette Stofffarbe, die sich nur Reiche und Könige leisten konnten. Man fasst den Ausdruck ironisch auf und denkt an einen roten Soldatenmantel.

[50] Die Ausführung der Geißelung wird nicht berichtet, scheint also unabhängig von der Verspottung zu sein.

Hier sind ganz deutlich zwei Überlieferungsstränge zusammengeflossen:

  • Jesus wurde gekreuzigt, muss also vorher gegeißelt worden sein. Dies wird vielleicht bestätigt durch die Notiz, dass Simon von Kyrene das Kreuz tragen musste (weil Jesus durch die Geißelung schon zu schwach war?) und durch die spätere Legende, Jesus sei auf dem Kreuzweg dreimal gestürzt.

  • Jesus trug bei der Kreuzigung eine Dornenkrone, also wurde er als "König" verspottet. Dass Jesus die Dornenkrone auch am Kreuz trug, steht zwar nicht in der Bibel, wird aber allgemein angenommen. Nach dem apokryphen Nikodemus-Evangelium 10, das die Soldaten‑Verspottung nicht kennt, hätte Jesus die Dornenkrone und einen Leinenschurz erst an der Hinrichtungsstätte bekommen.

Dass Jesus im Zusammenhang mit der Verspottung auch gegeißelt wurde, geht aus der Bemerkung hervor, man hätte ihm seine eigenen Kleider wieder angezogen: Sie waren nicht für den Purpurmantel, aber für die Geißelung hinderlich.

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Datum: 1989 / 2015

Aktuell: 09.02.2019