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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gibt es eine christliche Politik?

Gedanken zum 50jährigen CDU-Jubiläum Gernsheim 26.11.1995

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  • Nach alter christlicher Tradition, die bis auf die Bibel zurückgeht, kann es zwischen Kirche und Staat nur Feindschaft oder Partnerschaft geben. Jesus hat das mit den Worten ausgedrückt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Damit erkennt er den damaligen römischen Staat an, betont aber zugleich, dass der Gläubige nicht an die Weisungen des Staates, sondern an die Gebote Gottes, wir würden heute sagen: an sein Gewissen gebunden ist.

    • Ein Nebeneinander einer weltlichen und geistlichen Macht finden wir schon im Alten Testament. Die israelitischen Könige haben sich nicht als absolutistische Herrscher verstanden, sondern Propheten und Priester neben sich geduldet und sogar Kritik von ihnen angenommen.

    • Wenn ein solches Nebeneinander zwischen Kirche und Staat den christlichen Grundsätzen entspricht, dann darf es weder eine Staatskirche geben wie in vergangenen Jahrhunderten noch einen Gottesstaat, wie er heute in vielen islamischen Ländern angestrebt und praktiziert wird. Es darf weder der Staat der Kirche vorschreiben, was sie predigen soll, noch darf die Kirche versuchen, dem Staat vorzuschreiben, welche politischen Ziele er anstreben soll.

    • Kann es dann aber trotzdem eine christliche Politik geben?

    • Ich möchte jetzt nicht viel dazu sagen, dass die Politik schon dadurch christlich wird, dass der Staat die Kirche und die christlichen Werte anerkennt. Christliche Werte sind zum Beispiel die Menschenrechte, die ihre Wurzeln in der Bibel und nirgendwo anders haben. Ein Staat, der die Menschenrechte in seiner Verfassung hat, verfolgt damit christliche Ziele.

    • Wichtiger ist mir jetzt, dass es ja auch Politiker gibt, die Christen sind, oder Christen, die in die Politik gehen. Die Trennung von Kirche und Staat lässt sich zwar auf dem Stadthaus oder in Berlin verwirklichen, nicht aber im Herzen des Politikers. Es ist sogar wünschenswert, dass christliche Politiker nicht nur sowohl Parteibuch als auch Gesangbuch haben, sondern dass sie bewusst versuchen, in ihrem politischen Handeln christliche Grundsätze zu beherzigen. Was sind das für Grundsätze?

     

  • "Nicht herrschen, sondern dienen."

    • Jesus sagt: Ein Christ darf weder nach Macht streben noch Macht ausüben, sondern wer der größte sein will, der soll aller anderer Diener sein.

    • Das hört sich an, also könne ein Christ kein Politiker werden, weil es ja in der Politik um die Macht geht. Auch ein Christ muss erst mal einen Wahlkampf führen und gewählt werden, bevor er Politik machen kann. Und wenn er soweit ist, muss er drum kämpfen, dass er an der Macht bleibt und wieder gewählt wird. Wenn er will, dass seine christlichen Ideen verwirklicht werden, muss er sich durchsetzen. Das geht aber immer nur ganz unchristlich auf Kosten anderer Politiker.

    • Ich glaube nicht, dass Jesus das so gemeint hat. Er wollte nicht die bestehenden Spielregeln durch seine eigenen ersetzen, sondern die bestehenden Spielregeln verbessern und humaner machen. Es ist doch schon viel damit gewonnen, wenn ein Politiker sich klar macht: "Ich tu das nicht zu meinem eigenen Vorteil, sondern für die anderen. Die Bürger sind nicht nur Steuerzahler und Stimmvieh, die mir und meiner Karriere dienen, sondern sie haben mich gewählt, damit ich ihre Interessen wahrnehme. Eigentlich bin ich es, der zu dienen hat."

    • Wer etwas für die Allgemeinheit tut, der darf nicht von tausend kleinen Egoisten dran gehindert werden. Er muss die Möglichkeit haben, seine Aufgabe auch auszuführen. Nicht mehr und nicht weniger ist Macht. Auch ein Christ, der ein öffentliches Amt hat, braucht solche Macht, sonst kann er das Amt nicht wahrnehmen. Er darf aber die Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil missbrauchen, sondern muss sich immer bewusst bleiben, dass er nicht Herrscher, sondern Diener ist.

     

  • "Liebet eure Feinde."

    • Jesus meint damit nicht: "Liebe diejenigen, die du nicht leiden kannst, die du hasst." Das geht nicht. Vielmehr sollen wir überhaupt keinen Hass aufkommen lassen, sondern auch diejenigen verstehen und wenigstens anständig behandeln, die was anderes wollen als wir und die damit uns Schwierigkeiten machen. Mit solchen Menschen hat es ein Politiker aber dauernd zu tun, besonders in unserer Demokratie, die eine Vielzahl von Meinungen zulässt. Gerade die Politik ist also ein großes Übungsfeld für Feindesliebe.

    • Das wäre z. B. eine Frage, wie politische Auseinandersetzungen geführt werden: Als eine Art Boxkampf, bei dem auch Tiefschläge erlaubt sind? Als Schlammschlacht, bei der man versucht, den anderen mit möglichst viel Dreck zu bewerfen und selber sauber zu bleiben? Als ein Showgeschäft, bei dem allein der primitivste Geschmack der Zuschauer zählt? Oder als ein faires Ringen um die Wahrheit, bei dem auch die Menschenwürde auch des Gegners erhalten bleibt?

    • Wenn uns Jesus immer wieder zur Vergebung mahnt, dann meint er damit nicht, dass wir immer bloß nachgeben müssten und keine eigene Meinung vertreten dürften. Er hat ja mit seinen eigenen Gegnern auch hart diskutiert und nicht nachgegeben. Aber er besteht trotzdem auf Vergebung und Kompromissbereitschaft. Es kann ein Zeichen von Schwäche, aber auch von Seelengröße sein, wenn jemand auf den anderen eingeht oder eigene Fehler eingesteht.

    • Ich glaube, dass einzelne christliche Politiker und eine ganze christliche Partei eine ganze Menge bewirken können, was den Stil und Umgangston politischer Auseinandersetzungen anbetrifft.

     

  • "Eure Rede sei: Ja, Ja, Nein, Nein; was darüber ist, ist von Übel."

    • Jesus wendet sich damit gegen die Unsitte der damaligen Zeit, dauernd zu beteuern, dass man die Wahrheit sagt. Dass klingt so, als ob man es sonst mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.  Dagegen Jesus: Redet so, dass man bei euch immer weiß, wo man dran ist. Sagt eindeutig Ja oder Nein und verklausuliert euch nicht in undurchsichtigen Formulierungen. Steht auch zu eurem Wort, so dass euer Ja wirklich ein Ja und euer Nein ein Nein bleibt.

    • Mit Worten und Reden haben es auch die Politiker zu tun. Politik besteht fast ausschließlich aus Worten. Wie halten wir's da mit der Wahrheit und der Ehrlichkeit? Wer dauernd Reden halten muss, kommt leicht in Gefahr, leeres Stroh zu dreschen, zu sagen, was die Leute hören wollen, oder um sich selbst und seine Partei ins rechte Licht zu setzen.

    • Christliche Politiker werden sich vor einer Inflation des Wortes hüten und dazu beitragen, dass das Ja ein Ja und das Nein ein Nein bleibt.

     

  • Es ließe sich noch viel mehr dazu sagen. Christliche Ziele wie Frieden, soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung sind in aller Munde. Ich wollte aber auf ein paar wichtige Grundsätze aufmerksam machen, die auch für die Politik gelten und leicht in Vergessenheit geraten.

   

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Datum: 1995 / 2016

Aktuell: 22.10.2019