Diskussion φίλος pʰílos

Befund

  • griech. φίλος pʰílos 'geliebt, lieb, freund, befreundet, wert, teuer; Umschreibung des Possessivpronomens (demjenigen lieb); Freund, Geliebter; Pl. Verwandte, Angehörige; liebend, freundschaftlich, hold, wohlmeinend' JaSei 1755 f

  • Beleg: κατεπλήγη φίλον ἦτορ kateplḗgē phílon êtor = er erschrak im lieben = seinem Herzen. Pape 2,1285

Theorien

  • Frisk I (1960) 1019f

    • "Da für pʰílos von einem objektiv-sozialen Begriff 'eigen, zugehörig' und nicht von einer subjektiv-gefühlsmäßigen Vorstellung 'lieb' auszugehen ist... ist die formal mögliche Anknüpfung an ein kelto-germanisches Adj[ektiv] für 'angemessen, gut usw.' in ir. bil... aufzugeben.

      • <> Zirkelschluss: Die "objektve' Bedeutung 'eigen, zugehörig' ist nicht zu erkennen. 'Verwandte, Angehörige' nur im Plural. Frisk wertet nach seiner Vorentscheidung den Befund.

    • Wegen der auffallenden Übereinstimmung mit lyd. bilis 'sein, ihr' (von bi- 'er') sieht Kretschmer... in pʰílos ein protoidg. Substratwort. Für Verwandtschaft mit bilis aber als Parallelbildung dazu vom Reflexiv σφι [spʰi], lak. φιν [pʰin]... ; ei[gene] Bede[utung] somit 'der Seinige' wie germ., z. B. in got. swes 'ἴδιος [ídios], eigen', ahd. swās 'eigen, vertraut', a[lt]w[est]nord[isch] svāss 'lieb, traut', die sich vom Reflexivum *sṷe... nicht trennen lassen...

    • Abzulehnen Machek... zu slav. milъ [milŭ] 'lieb' mit idg. Wechsel bh- : m-.

    • Nach Windekens... uralisches L[ehn]W[ort] (zu ung. fél ~ fele- 'Vertrauter, Genosse, Freund' usw.), aus historischen Gründen ganz unwahrscheinlich."

      • <> Fél 'Freund' fehlt bei LH 284, aber finn. veli 'Bruder' KleRek 1012

        • Databases: Veli ist nur finn., estn., sam., also Fremdwort:

          • alb. vëllá, Pl. vëllézër 'Bruder' albWb 614

            • < sṷe + loudha 'Sippengenosse' Pokorny 882+695 ???, oder zu:

  • Hofmann (1966) 398

    • "... idg. Anlaut *bh- wird durch mak. Βίλιππος (= Φιλ-) [Bílippos (= Pʰil)] erwiesen, weitere Anknüpfung unsicher (viell[eicht] zu lak. φίν = σφίν, σφός [pʰín = spʰín, spʰós] 'sein, eigen', s. σφεῖς [spʰeîs]; Suff[ix] -l- in Possessivfunktion, vgl. entl[ehnt] lyd. bilis 'sein'?)."

      • <> Bilippos ist eher die eingelautete Form von Philippos. Es ist unwahrscheinlich, dass die Makedonen dieselben, nur umständlich zu erklärenden Vokabeln für 'Freund' und 'Pferd' hatten.

      • *Bʰ- ist nicht unwahrscheinlich, aber auch nicht sicher erwiesen und wenn es so wäre, hilft es auch nicht weiter.

      • Lak. (s)pʰ-, lyd. b- kann auch für *sʊ- stehen.

        • Hofmann 345 σφεῖς spʰeîs: Schwundstufe zu *se- in lat. sibi

  • Pokorny (1959/2002) 154

    • bhili-, bhilo- 'ebenmäßig, angemessen, gut, freundlich'.

      • Mir. bil (*bhi-li-) 'gut', gall. Bili- in PN, ahd. bila... 'gütig' ...

Diskussion

  • Natürlich kann aus einem Verwandtschaftswort ein Wort für 'lieb' abgeleitet werden

    • amma 'Mutter > amare 'lieben' > 'amicus 'Freund'

    und umgekehrt:

    • Freundschaft > Verwandtschaft

    • mhd. minne 'Liebe > Mutter'

  • Für ein ursprüngliches Adjektiv 'lieb' spricht die überwiegende Mehrzahl der Bedeutungen.

  • Gegen eine ursprüngliche Verwandtschaftsbezeichnung spricht, dass es keinen direkten Vergleichspunkt außer dem Possessivpronomen gibt.

    • Die Umschreibung des Pronomens durch φίλος pʰílos beweist nichts. Man kann ja auch "den lieben langen Tag" umschreiben mit "seine Zeit", die er vertrödelt.

  • Hält *bʰil- 'ebenmäßig', was es verspricht?

    • mir. bil 'gut, glücklich, sicher' DIL 73

    • akelt. und ahd. Bil- nur in Namen, die man auch anderes deuten kann. Holder 1,318 ff, FörstP 303 ff

    • mhd.

      • billich 'gemäß, geziemend' Lexer 1,276

      • billunc 'Schläger: Neider, Neid'

      • bilwiz 'Kobold' Lexer 1,277

        • hierher? aengl. bilehwit, bilewit 'unschuldig, rein, einfach, aufrichtig, ehrlich; ruhig, freundlich, barmherzig, gnädig; glaubwürdig' Hall 48

          • < kelt. belos 'weiß' + germ. 'weiß'

      • unbil 'ungemäß' Lexer 2,1771

      • widerbil, -bîl 'Streit, Trotz'

      Fazit: eine sehr unsichere Basis, die keineswegs auf 'lieb' weist.

  • Alternative:

    • japhet. *bʰydʰ- 'jemand zureden, zwingen', Med. 'sich einreden lassen, vertrauen' Pokorny 117

      • dazu: griech. mit regulärer Hauchdissimilation *bʰydʰ- > *pʰeitʰ > *peitʰ-

        • πείθειν peítʰein 'überreden, überzeugen, bitten, erbitten, besänftigen, zureden'; Pass., Med. sich überzeugen lassen, glauben, gehorchen, glauben, vertrauen' JaSei 1278 f

        • πιθανός pitʰanós 'mit Überzeugungsgabe ausgestattet, redegewandt, geschickt; sachlich: glaublich, wahrscheinlich, überzeugend; leicht zu überreden, leichtgläubig; gehorsam, folgsam, willig' JaSei 1322

      • umgekehrt wie bei griech. χαλκός kʰalkós :: kret. καυχός kaukʰós 'Kupfer, Bronze'

        • vgriech. *bʰid-éıe-

          • mit Wandel d > l wie bei Ὀλισεύς Oliseús / Ὀδυσσεύς Odysseús zwischenvokalische Lenition, vgl. shess. Leder > Lɛððɛʳ [lɛŕɝ], roman. fata > frz. *féde > fée 'Fee'

            • > griech. φιλεῖν pʰileîn 'lieben; gutheißen, billigen, gern haben; küssen, herzen; gern / gewöhnlich tun, zu tun pflegen' JaSei 1749, φίλος pʰílos 'lieb'

            Damit ließe sich erklären,

            • wovon das Verb abgeleitet ist: < *bʰydʰ- 'zureden, vertrauen'

            • warum pʰílos keine Endbetonung hat: Es wäre dann ein abgeleitetes Nomen wie λέγειν legein 'sprechen' > λόγος lógos 'Wort', also 'der Vertraute'.

        • Die "falsche" Anwendung der Hauchdissimilation und der Wandel d > l verweist auf vgriech. Einfluss.

      • weniger wahrscheinlich: auf vgriech. Stufe *bʰyd-los 'vertraut' wie lat. fīdĕre 'vertrauen' > mit Schwundstufe: fidēs 'Glaubwürdigkeit, Vertrauen' > fidēlis 'zuverlässig, treu'

        • Dann müsste man griech. !pʰitalós erwarten.

Erklärung

  • Es gibt nur zwei Möglichkeiten:

    • 1. eine unbekannte Wurzel anzunehmen

      • Bei einem "Fremdwort" sollte man die Quelle nennen können, sonst kann es auch Erbwort sein.

      • "Substratwort" ist Verlegenheitsauskunft. Auch hier müssten die Herkunft bekannt sein.

    • 2. um die Ecke denken und eine komplizierte Lautentwicklung annehmen: *bʰydʰ- > *bʰid-éıe- > *pʰiɖéıe- > *pʰiléein 'lieben', *pʰílos 'der Liebe, Freund; lieb'

      • Das läuft letztlich auf vgriech. Einfluss hinaus, der aber nicht nur vermutet, sondern an anderen Beispielen zu belegen ist.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019