Diskussion Adel

Befund

  • germanische PN zur Zeitenwende:

    • Adala, Sugamber m. Monumentum Ancyranum

    • Adalfrida, Brukterer w. Inschrift

  • germanisch

    • *aðala, *eðilja

      • anord. aðal- 'Haupt...'; aðalborinn 'ehelich geboren', aðaliga 'vollständig, ganz und gar', aðal-tré 'Baumstamm :: Krone', aðild 'Recht oder Pflicht zur Führung einer Rechtssache', aðili 'wer zur Führung einer Rechtssache zunächst zuständig ist'
        eðli 'Natur, natürliche Beschaffenheit, Eigenart, Wesen, Geschlecht, Herkunft, Stellung'

      • norw. mda. adel 'Kern, Kernholz'

      • afries. ethele 'vollbürtig, frei'

      • aengl. æðelu 'vornehmer Stand, Familie, Herkunft, Natur, Kultiviertheit, Genie, Überlegenheit,  Ertrag, Wachstum'
        æðele 'adlig, edel, hervorragend, berühmt, glänzend, kostbar, munter, jung, angenehm, duftend, natürlich, sympathisch, passend'

      • and. athali 'vornehmer Stand'
        ethili 'vornehm'

      • ahd. adel 'Geschlecht, Abstammung', adali, edili 'vornehme Herkunft, Vortrefflichkeit, Geschlecht'
        edilî 'vornehm, hervorragend, bedeutend, berühmt'

        • nhd. Adel 'privilegierter Stand, Zugehörigkeit dazu, Adelstitel, vornehme Eigenschaften'
          edel 'von Adel, vornehm, vorzüglich'

    • Dehnstufe ōðala

      • anord. óðal 'Grundbesitz einer Familie, Heimat, Vaterland'

      • got. haim-oþli 'Grundbesitz'

      • afries. êthel 'Erbgut'

      • aengl. éðel 'Heimatland'

      • and. othil 'Heimat'

      • ahd. uodil 'Besitztum, Heimat'

    • toch. A ātäl 'Mann'

Diskussion

  • Germ. *aðal- ist schon in römischer Zeit bezeugt, also nicht hunnisch.

    • germ. Ōðal-  eindeutig erst seit 7-"

    • Adala, Adalfrida weisen auf ein nicht anfangbetontes *at- > að-

    • Das Nebeneinander von got. Aþal- und Aþan- erweckt den Eindruck, dass -al-, -an- Suffixe sind, keine Kompositionsglieder.

    • *ōðala ist von *aðala abgeleitet, nicht umgekehrt. Adel bedeutet also nicht 'Familie mit Grundbesitz'

    • Auf Island und in Friesland gab es keinen Feudalismus, daher haben die anord. und afries. Wörter wohl noch die ursprüngliche Bedeutung 'frei geboren, im Besitz aller Rechte'

  • Vergleichsmöglichkeiten:

    • griech. ἀταλός atalós 'kindlich, jugendlich'

    • orientalisch:

      • čečen. Іедал ʕedal 'Macht, Gewalt'

      • osemit. eṭlu 'junger Mann, Krieger', ass. edlu 'Herr, Ritter, Mann'

      • hbr. PN עתל־ ʕátál-, griech. Γοδολ- Godol- = *Ġ- = [ɣ] (keine Grundlage im Semitischen)

      • merkwürdig ähnlich semitisch

        • hbr. אציל  áṣîl 'vornehm'

        • arab. أصىل ʔaṣīl 'echt, original, reinrassig, edel, verwurzelt' < أصل ʔaṣṣala 'fest verwurzeln'; ʔaṣl 'Wurzel, Herkunft, Ursprung, Original'

      • hurr. aduḫlu- 'Kommandant'

      • ägypt. jdnw 'stellvertretender Leiter (von Behörden und Truppen)'

      Aus dem Vergleichsmaterial ergibt sich nur, dass ein ähnliches Wort schon vor 4000 Jahren im Orient in Gebrauch war, aber nicht wovon es abgeleitet ist.

  • Ableitungsversuche:

    • Grimm Wb. 1,177 zu at- 'gehen ' > 'wachsen'

    • P77 zu atos, atta 'Vater'

    • Pfeifer, Et. Wb. d. Dt. 13 < idg. *atalo- 'Nachkommenschaft ' < Präp. at(i) + *al 'wachsen nähren'

  • Benennungsmotiv

    • Der Adel war ein erblicher Stand, in den man hineingeboren wurde, also eine Art Kaste, daher die Ableitungsversuche mit der Bedeutung 'Nachkommenschaft, Familie'

      • So könnte man auch das griech. atalós 'kindlich, jugendlich' verstehen als 'zum Vater gehörig, dem Vater unterstehend'.

      • Es gibt aber auch den PN Attalos, Attalus in Kleinasien (Dynastie von Pergamon) und Gallien. Das klingt eher wie "Patrizier" als Angehöriger eines alten Familie oder "Patron" als Vaterfigur.

    • Das anlautende /e/ in osem. etellu weist auf ʕ- wie bei hbr. ʕátál- und heutigem čečen. ʕedal, im Hbr. sogar auf verlares ġ [ɣ], das nicht zu atta 'Vater' passt,

      • eher aber zu hbr. גדול gádôl 'groß', arab. جزىل ğazīl 'reichlich, viel' - auch hier unterschiedliche Lautung, die den Eindruck erweckt, als handle es sich um Fremdwörter.

      Es gibt aber sonst keine Beispiele, wo hbr. ʕ und g gewechselt hätten. Auch ist zweifelhaft, ob die griech. Schreibung Γοδολ- Godol- einen Rückhalt in der hbr. Aussprache hat.

      Grundbedeutung des orientalischen Wortes könnte 'mächtig' gewesen sein.

  • Wenn das germanische und orientalische Wort eins wären, wie soll man diesen Zusammenhang erklären?

    • Die Indogermanen brachten einen kaukasischen Ausdruck mit nach Mitteleuropa.

      • Da die Indogermanen das europäische Gesellschaftssystem tief greifend umgestaltet haben, müsste man sich wundern, warum dieser Ausdruck nur im Germanischen überliefert ist.

    • Rest eines vormals weit verbreiteten vor-idg. Wortes.

      • Damit kann man alles erklären, was man nicht versteht.

Erklärung

  • Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass Adel von atalós 'väterlich' kommt, u. zw. in der Bedeutung 'vollberechtigte Familie'.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019