Diskussion Gnade

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • Grimm (1958) 8,505

    • gnade, f. herkunft und form. 1) nordisch und westgerm. (mit ausnahme des engl.) belegt.

    • ahd. gi-nâda, ge-ke-nâda, ka-nâda; gnâda, knâda 'ops, propitiatio, humanitas, misericordia, miseratio'; altostfränk. ge-, ginātha 'misericordia, miseratio'; alts. nâtha, gi-nâtha 'gnade, clementia, misericordia';

      • mhd. genâde, gnâde; nhd. gnade;

    • mnd. g(e)nâde 'gnade, gunst, guter wille, privileg';

    • mnld. genāde ds. sowie 'ruhe, bequemlichkeit, hilfe, willkür, demut, dankbarkeit'; nld. genade;

    • afries. nēthe, nāthe 'gnade, nutzen, privileg, ruhe, schutz, sorgfalt';

    • spätanord. nāð, f.; plural nāðir 'gnade, sorge für, hilfe; (im pl.) ruhe, frieden';

      • dän. naade (daraus norw. naade, m., aber in Telemarken naair, pl. = an. nāðir, s. Torp 452),

      • aschwed. naþ, meistens pl. naþir 'ruhe, freude, vorteil, glück, hilfe, schutz, gunst, gnade, willkür', schwed. nåd.

      ob die skandinav. wörter aus dem mnd. entlehnt oder nur in ihrer bedeutung weitgehend durch mnd. g(e)nâde bestimmt sind, ist nicht mit sicherheit zu entscheiden, am wahrscheinlichsten ist noch der pl. nāðir mit seiner speziellen bedeutung einheimisch. die ableitungen, das adj. und verb, sind im nordischen aus dem deutschen entlehnt: dän. naadig, schwed. nådig 'gnädig'; dän. naade 'gnaden'.

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 2,375

    • Die Gnade, plur. inus. in einigen Fällen, besonders im gemeinen Leben, plur. die Gnaden, sing. inus.

      • ein Wort, welches von nahe, nahen, nieder und neigen abstammet, und ehedem die Neigung im eigentlichsten Verstande bedeutete.

      • Daher sagte man ehedem, die Sonne geht zu Gnaden, oder wie es bey dem Kaisersberg lautet, zu Naden, d. i. gehet unter, der Tag neiget sich. In dieser Bedeutung ist es im Hochdeutschen völlig veraltet, wo man es nur in folgenden figürlichen beybehalten hat.

  • DEt (1893) 156

  • Kluge (1894) 142

  • Pfeifer (1995 / 2005) #

    • Gnade f. 'verzeihende Güte, Nachsicht, Schonung, herablassende Gunst, Strafnachlaß',

    • in der christlichen Religion 'Barmherzigkeit Gottes, Sündenvergebung',

      • ahd. gināda 'göttliches Erbarmen, Gottes Hilfe, Wohlwollen, Gunst' (8. Jh.),

      • mhd. g(e)nāde 'das Sichniederlassen, um auszuruhen, ruhige Lage, Glück(seligkeit), Gunst, Huld, Gottes Hilfe und Erbarmen',

      • asächs. (gi)nāða, mnd. genāde,

      • mnl. ghenāde, nl. genade,

      • anord. (aus dem Asächs. oder Mnd.) nāð 'Gnade, Frieden, Ruhe'

    • sind dehnstufige Feminina zu einem nur in got. niþan 'helfen' belegten Verb unbekannter Herkunft.

    • Eine Verbindung zu aind. nā́thatē 'sucht Hilfe, fleht' und griech. oninánai (ὀνινάναι) 'nützen, helfen' ist zweifelhaft.

    • Als Ausgangsbedeutung für das Verb wird 'sich in Ruhelage begeben, sich niederlassen, um auszuruhen' und für das Substantiv entsprechend 'Ruhe, ruhiges Leben, Friede, Glück' angenommen (vgl. spätmhd. diu sunne gēt ze genāden 'die Sonne geht unter, begibt sich zur Ruhe').

    • Gnade im Sinne von 'huldvolles Zugeneigtsein' wird in der süddeutschen Mission Übersetzungswort für kirchenlat. grātia und auf das Verhältnis Gottes zu den Menschen bezogen.

  • Kluge 2002

    • Gnade (8. Jh.), mhd. g(e)nāde, ahd. gināda, ginādī, as. ginātha ...

    • Aus g. *(ga)næþōn f. "Wohlwollen, Gunst",

    • auch in anord. náđ (möglicherweise entlehnt, dann ist das Wort ursprünglich nur deutsch), afr. nēthe. Kann ein Verbalabstraktum sein zu einem Verb, das nur in gt. niþais "du mögest unterstützen" bezeugt ist (möglicherweise steht in diesem nur einmal bezeugten Wort gt. i für gt. e, wie auch sonst gelegentlich. Sonst würde Ablaut vorliegen).

      • "Ablaut": wie got. giban 'geben' / gēbum 'wir geben' 326 < ĕ / ē

    • Außergermanisch vergleicht sich ai. nathate "sucht Hilfe, fleht", auch mit anderem Auslaut ai. nadhamāna- "hilfesuchend"; wohl erweitert aus ig. (eur.) *one-, das in gr. onínēmi "ich nütze", g. *ann (gönnen) vorliegt. ...

Diskussion

  • DEt (1893), Kluge (1894, 2002), Pfeifer: zu got. niþan 'unterstützen'

  • Kluge (1894): germ. *nēþ < idg. nĕ̄th 'neigen, sich neigen' > 'Ruhe'

  • KIuge (2002): got. i < e

  • Kluge 2002: *one- = noach. *ḫën- 'wohlwollen'

  • Pokorny 754: *nā- 'helfen, nützen'

    • aind. नाथ् nāth 'Hilfe suchen, bitten, flehen um'; नाथ nāthá 'Zuflucht, Hilfe, Beschützer, Gebieter, Gatte'

      • Infrage käme auch नति nati 'Senkung, Verneigung, Demut...' (zu nieder?)

      • Da vgerm. tʰ wie t > þ, kann nāthá wie nati = wgerm. -d- entsprechen.

    • griech. ὀνίνημι o-ní-nē-mi (Futur ὀνήσω onḗsō) 'nütze' (redupliziert?)

      = JaSei 1163: akt. 'nützen, helfen, fördern, frommen, einen Vorteil bringen'; med. 'Nutzen, Vorteil haben, Unterstützung finden, Freude / Genuss haben von, genießen'

    Grundbedeutung ist eher 'sich neigen' > aind. 'sich verneigen vorm Gebetenen, griech. 'sich dem Bittsteller zuneigen' (wie nati 'Senkung, Verneigung, Demut...')

    • -tus / -tis: Nati lässt sich mühelos als idg. *nátis identifizieren, vgl. gáti 'das Gehen'. Stamm wäre *në-, das doch wohl = *në 'hinab, unten'.

    • -th- in *nāth- ist eine unerklärte (verbale?) Stammerweiterung, vielleicht wie griech. -tʰē- in Futur / Aorist passiv 56 oder germ. -ða, dt. mach-te im Präteritum. Die Funktion dieser Stammerweiterung ist schwer zu erkennen.

    • Immerhin besteht die Möglichkeit, das na-ti und nā-th- zu *në 'hinab, unten'  gehören.

    • Anders wäre es, wenn beide Wörter zu noach. *hån- 'wohlwollen' gehörten:

      • 'Flehen' bedeutet  auch hbr. תחנון tª-ḥannûn, gehört also auch zum Bedeutungsspektrum von 'wohlwollen'.

      • Dann ließen sich nati und nāth- erklären als:

        • *ḫnë́ḫëtis > *nátis

        • *ḫnëḫtá > nāthá mit Nachklang des Laryngals.

        • Das 2. ḫ müsste Stammerweiterung sein.

          • unwahrscheinlich, da das ähnlich gebildete aind. jñā 'kennen, wissen' zu jñātá 'bekannt' führte (nicht !jñāthá)

          • Bei nāth- 'Hilfe suchen' ist th kein Suffix, sondern gehört zum Stamm.

      • Es gibt zu *hån- keine Formen die germ. *nēþ- entsprechen.

    • Es bleibt also nur eine Anknüpfung an aind. nati 'Senkung' < *në 'hinab, unten'.

      • Gerade im Aind. ist die Dehnung (Vriddhi) ein häufiges Mittel der Wortbildung. Eine Entsprechung zu nati ist aber nicht nachweisbar.

      • aind. नति nati 'Senkung, Verneigung, Demut, Umwandlung eines Dentalen in einen Cerebralen' < *nm̥tís (764) < नम् nam 'sich neigen, sich beugen, sich unterwerfen, zielen auf mit, neigen, beugen, biegen, cerebralisieren'

    • Germ. *nāþa lässt sich verstehen als *nanþa < *namta (oder *nēþa < *nenþa).

      • KraheG 1,116: Ausfall des n vor þ nur angfries. und and.  

      • Dann müsste Gnade Missionswort < aengl. sein und ausgerechnet da fehlt eine Entsprechung.

      • Oder, da die Bedeutung 'Ruhe' im Hdt. fehlt, früh entlehnt < afries. nēthe, nāthe 'Nutzen, Privileg, Ruhe, Schutz, Sorgfalt' (Rest einer profanen Bedeutung).

  • germ. Part. *nɐ-nð-s 'wagend', *nē-þiż 'Wagemut'
    passt zu afries. nētha 'wagen', nēthe, nāthe 'Gnade, Nutzen, Privileg, Ruhe, Schutz, Sorgfalt'

    • got. ana-nanþjan 'wagen, Mut fassen' 401

    • anord.

      • náð f. 'Ruhe, Frieden, Nachtruhe; Schutz; Gnade, Barmherzigkeit' 436

      • nenna 'Lust haben / das Herz haben zu' 443

      • nenning 'Tatkraft , Energie' 443

    • aengl.

    • afries. 76

      • nēth 'Eifer, Sorgfalt'

      • nētha 'wagen'

      • nēthe, nāthe 'Gnade, Nutzen, Privileg, Ruhe, Schutz, Sorgfalt'

    • anl.

      • 11° natha 'Entgegenkommen'

      • ginatha 'Barmherzigkeit, Mitgefühl; Güte; Hilfe, Heil, Heilung; Stand der Gnade; Gunsterweis, Gnadengabe'

      • mnl. ghenade 'Wohlwollen, Gunst; Hilfe, Unterstützung; Barmherzigkeit, Vergebungsbereitschaft; Verfügungsgewalt; Vergebung; Zustimmung; Ruhe, Leichtigkeit, alles, was das Leben versüßt; Mitleid'

        • ndl. genade 'Gnade' 147

    • and. 54

      • PN -nāth, -nōth

      • ginātha 'Gnade'

      • nātha 'Gnade'

      • nāthian 'streben, sich wagen'

      • mnd. gnade 'Ruhe; gnädige Gesinnung eines höheren gegen einen niederen; Gunst, Vergünstigung, Privileg' 126  

    • ahd.

      • gināda 'Gnade, Barmherzigkeit, Versöhnung, Erbarmen, Güte, Gabe' 125

      • nand 'Frechheit', nandung 'Anmaßung' 243

      • nenden 'wagen, sich erkühnen, sich wenden an, sich heranwagen, sich erheben gegen, vermessen sein' 244

      • mhd. g(e)nāde 'Niederlassung um auszuruhen, Ruhe; ruhige Lage, Behagen, Glück, Glückseligkeit; Neigung zu; Herablassung um einem niedrigerem beizustehen, helfende Geneigtheit, Unterstützung, Gunst, Huld, Gnade, Gottes Hilfe und Erbarmen'

        • nhd. Gnade 'Entgegenkommen, Gunst, Wohlwollen; Erbarmen, Mitgefühl; Nachsicht, Verzeihung; Amnestie, Straferlass' D

    • Bedeutungsentwicklung:

      • japhet. *ḫon- 'wohlwollen'

        • *ḫonë- > griech. ὀνίνημι o-ní-nē-mi (Futur ὀνήσω onḗsō) 'nütze' (redupliziert wie ti-tʰē-mi 'platziere')

          = JaSei 1163: akt. 'nützen, helfen, fördern, frommen, einen Vorteil bringen'; med. 'Nutzen, Vorteil haben, Unterstützung finden, Freude / Genuss haben von, genießen'

          Inf. ὀνινάναι oninánai

          *onātis > ὀνήσις onḗsis, dor. ὀνάσις onásis 'Nutzen, Vorteil, Genuss, Glück' 1162

          ὠνήθην ōnḗtʰēn Aor. med. 'ich fand Hilfe'

        • *ḫonë- 'wohlwollen > sich einsetzen für, beschützen'

          • *nɐ-nts 'eifrig, engagiert'

          • *nē-tis, akt. 'Wohlwollen, Eifer des Beschützers', med. 'Nutzen des Beschützten'

    • Die Formen mit und ohne n lassen sich nur im Hdt. unterscheiden.

    • ahd. nenden 'wagen, ... sich wenden an, sich heranwagen..." zeigt den Übergang 'wagen / um Hilfe bitten'.

    • Auch im Heth. das Nebeneinander von 'wagen' und 'schützen'

      • Partizip -ant- kommt hier nicht infrage.

      • ḫandalliıa- 'wagen'

      • ḫandatt- 'Treue'

      • ḫantiıāi- 'betreuen, hegen, versorgen'

      kann auch zu ḫant- 'Vorderseite' gehören (wagen = nach vorne gehen, betreuen = vor jemand stehen)

      bleibt besser unberücksichtigt

    • aind. नाथ् nāth 'Hilfe suchen, bitten, flehen um'; नाथ nāthá 'Zuflucht, Hilfe, Beschützer, Gebieter, Gatte' lässt sich als *nē- einreihen.

Erklärung

  • *ḫonë- 'wohlwollen > sich einsetzen für, beschützen'

    • *nɐ-nts 'eifrig, engagiert'

    • *nē-tis, akt. 'Wohlwollen, Eifer des Beschützers', med. 'Nutzen des Beschützten'

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019