Diskussion Hammel

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • anord. hamla 'verstümmeln' 966

  • aengl.

  • afries. håmelia 'verstümmeln, zerstören' 38

  • ahd. D108

    • ham = lat. claudus 'lahm, hinkend'

    • hamal = (frangere 'brechen'), mutilus 'verstümmelt', multo 'Art Schaf'

    • hamalōn = trucidare 'abschlachten'

  • mhd.

    • hamel adj. 'verstümmelt'

    • hamel stm.

      • hamel, muto, castrinus 'Widder, Kastrat' 1482.

      • abgehauener stein, klotz, stange

      • schroff abgebrochene anhöhe, klippe, berg

Theorien

  • Adelung (1793-1801)

    • Anm. Dieses Wort, welches im Nieders. Hamel lautet, stammet gewiß nicht, wie Frisch will, von heim, heimlich her, einen durch das Verschneiden zahm gemachten Schafbock zu bezeichnen,

    • sondern, wie schon Wachter behauptet hat, von einem veralteten Zeitworte hammen, hammeln, Angels. hamelan, verstümmeln, abschneiden, wovon Hamme im Holländ. ein abgeschnittenes Stück, hamma und hamm bey dem Ulphilas lahm, verstümmelt, und Hamalsteti bey dem Tatian den Richtplatz bedeuten, weil die Übelthäter daselbst gleichsam verstümmelt werden. ....

    • In einer 1486 zu Augsburg gedruckten Deutschen Übersetzung des Evnuchus des Terenz heißt es; Evnuchus das ist in teutsch Hemling.

    • Woraus denn erhellet, daß Hammel eigentlich ein verschnittenes Thier bedeutet. Aus eben dieser Ursache wird vermuthlich auch die Nachgeburt im Nieders. Hamel genannt.

    • Übrigens wird ein Hammel in Niedersachsen auch Bötel, Bötling genannt, welches Wort aber auch ein verschnittenes Pferd, einen Wallach bedeutet, ohne Zweifel von Bötel, Beitel, ein Meißel, und böteln, mit dem Meißel abschlagen, ... Dän. Beede. Im Osnabrück. heißt er auch Wär, welches mit dem Dalmat. Beran, und der ersten Hälfte des Latein. Vervex und mittlern Latein. Berbix überein kommt, und im mittlern Latein. Mennonus, Ital. Menno.

    • S. auch Neidhammel.

  • Grimm (1877)

    • 1) der begriff den wir heute mit dem worte verbinden, scheint ihm nicht von alten zeiten her eigen und noch im mhd. nicht bezeugt...

    • 2) auf einen verschnittenen und so verstümmelten schafbock wird das wort erst, soviel ersichtlich, im spätern mittelalter bezogen ...

    • 4) indes hat sich der begriff des wortes nicht durchgängig in der oben 2 genannten weise festgesetzt, ...

    • 5) (weiter)

  • Kluge (1894) 154

  • Pokorny (1959/2002) 929

    • *(s)k̂em- 'verstümmelt', auch 'hornlos'

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • Hammel m. ‘kastrierter Schafbock’, ahd. hamal (um 1100), mhd. hamel, mnd. mnl. hāmel, nl. hamel

    • ist Substantivierung eines in ahd. hamal ‘verstümmelt’ (um 1000) vorliegenden Adjektivs; vgl. dazu ahd. hamf (8. Jh.), ham (9. Jh.) ‘gebrechlich’, got. hamfs ‘verstümmelt’ und die Verben ahd. hemelen (11. Jh.), mhd. hamelen, aengl. hamelian, anord. hamla ‘verstümmeln’.

    • Herkunft ungewiß.

      • Vielleicht im Hinblick auf die alten Kastriermethoden mit de Vries Nl. 233 auf die Wurzel ie. *kem- ‘zusammendrücken, -quetschen’ zurückzuführen.

      • Verschiedentlich wird auch Anschluß an die Wurzel ie. *k̑em- ‘hornlos’ vertreten (s. ↗Hinde).

    • Hammel ist die am weitesten verbreitete Bezeichnung des Tieres. Nur im Omd. und im Öst. hat sich das aus dem Slaw. entlehnte ↗Schöps (s. d.) behauptet.

  • DEt (2012)

    • Hammel: Das Wort für »kastrierter Schafbock« (mhd. hamel, spätahd. hamal)

    • ist eigentlich das substantivierte Adjektiv ahd. hamal »verstümmelt«, vgl. ahd. hamalōn »verstümmeln«, aengl. hamola »Verstümmelter«, hamelian »verstümmeln, lähmen«, aisl. hamla »verstümmeln«.

    • Die germ. Wortgruppe geht wohl samt got. hamfs »verstümmelt« auf idg. *kam‹p›- »biegen, krümmen« zurück.

    • Zur Benennung des kastrierten Schafbockes beachte frz. mouton »Hammel« zu lat. mutilus »verstümmelt«.

  • Kluge (2013)

    • Hammel (12. Jh.), mhd. hamel, ahd. hamal, mndd. hamel, mndl. hamel "verschnittener Schafbock"

    • ... Substantivierung des Adjektivs ahd. hamal "verstümmelt" zu dem auch g. * hamlō- Vsw. "verstümmeln" in anord. hamla, ae. hamelian, afr. hamelia, homelia, ahd. hamalōn gehören.

    • Weitere Herkunft unklar.

      • Vom Lautstand her gesehen am ehesten zu hemmen.

      • Zu beachten sind die Bezeichnungen für verschnittene Tiere, die auf (ig.) *(s)kap- zurückgehen (Kapaun, Schöps). Lautlich ist dieses aber kaum mit * kam- zu vermitteln.

    • Vgl. noch anord. hamalkyrni "Korn ohne Grannen".

Diskussion

  • Alle sind sich einig, dass Hammel zu einem Wort für 'verstümmeln' gehört,

    • wobei verstümmeln nicht nur 'Körperteile abtrennen', sondern auch 'verunstalten' bedeutet.

    • Die mhd. Bedeutung bezog sich auch auf abgebrochene Gegenstände und Steilhänge.

  • weitere Aspekte:

    • Grimm: hammel wird auch der unverschnittene schafbock, widder genannt: 

      • in Baiern heiszt hämmel neben vervex ['Hammel'] auch ein männliches schaf das keine hörner hat, es sei verschnitten oder nicht. ..., wie lat. mutilus zugleich verstümmelt und hörnerlos bezeichnet;

      • im Oldenburgschen ist das wort mit verändertem stammvocal hummel auf hörnerloses rindvieh bezogen

      Für einige kastrierten männlichen Haustiere gibt's eigene Ausdrücke:

      • Standardsprache: Hammel (Schafbock), Ochse (Stier)

        • Grundbedeutung von Ochse ist 'männliches Rind' (Konkurrenzwort zu Stier)

        • Warum sollte nicht auch Hammel ein allgemeiner Tiername gewesen sein und sekundär auf das  homonyme 'verstümmelt' bezogen?

          • Viele spezielle Tierbezeichnungen sind wenig bekannt, nur fachsprachig und mundartlich, vgl. die shess. Synonyme: Schwein.

      • Fachsprache: Barg (Eber), Kapaun (Hahn), Wallach (Hengst, Esel)

    • Im Ahd. ist kein Wort für 'kastrieren' zu erkennen.

      • KöblerD (1993) 154: bihamalōn* ... nhd. verschneiden, verstümmeln, niederhauen; ...  lat. caedere [abhauen]? Gl, mutilare [verstümmelln] Gl, (occidere [totschlagen]) (V.) (1) Gl, (trucidare [abschlachten]) Gl, truncare [stutzen] Gl; Q.: Gl (nach 765?); ... mhd. behameln, sw. V., verstümmeln, aufhalten, gefangen nehmen; nhd. (ält.) behammeln, sw. V., umfasst halten, hindern, fassen...

  • weitere Herkunft:

    • < *kem- ‘zusammendrücken, -quetschen’, Kastriermethode (Pfeifer), wozu auch zu hemmen (Kluge 1894, 2013)

      • fragwürdige, sehr allgemeine Wurzel, von PIE-databases  sehr verkürzt.

    • < *k̑em- ‘hornlos’ (Pokorny, ???Pfeifer)

      • Kastrierte Ochsen haben Hörner. Warum sollten Hämmel keine haben? Auf Bildern sind Hämmel nicht als solche zu erkennen.

    • zu got. hamfs ‘verstümmelt’ (Pfeifer, DEt) < *kam‹p›- 'biegen, krümmen' (DEt)

      • hamfs bedeutet in Mk 9,43 'mit nur einer Hand'

      • Pokorny ist sich nicht sicher, ob kam-p- oder ka\m/p-. Nasaleinschub scheint mir eher wahrscheinlich: *kap- 'Hand' > *kep- 'krümmen' > *kå\m/ʙ- 'biegen'.

      • hamfs *körperbehindert* < 'verkrümmt' (z. B. Missbildung oder Wirbelsäulen-Schaden). 'Verstümmelt = amputiert' wäre Bedeutungsentwicklung, kaum denkbar.

    • zu Bezeichnungen für verschnittene Tiere, die auf (ig.) *(s)kap- zurückgehen (Kapaun, Schöps) (Kuge 2013)

  • Die Beurteilung der Wurzeln wird durch die Pauschalübersetzung 'verstümmelt' erschwert. Ein eindeutiger Bezug auf 'kastriert' ergibt sich nirgends.

  • Die einfachste Erklärung ist 'hornloses Tier; das sind in der Regel die weiblichen Schafe.

    • Wenn man ein männliches Lebewesen "entmannt", nimmt er in der Regel weibliche Eigenschaften an (weniger aggressiv, hohe Stimme bei Eunuchen, der verschnittene Eber ist in seiner Gestalt kaum von einer Sau zu unterscheiden).

  • Zusammenhang mit dem hornlosen Kamel?

    • nur hbr. 143f

      • גמד gomäd ein Längenmaß'

        • vgl. aind. शम्या śámyā 'Stock, Zapfen, Stützholz; ein best. Längenmaß' < *ścëm- 'stutzen'

      • גמל gámál 'Kamel'

      • mhbr. Wb8f

        • גמד gámôd 'zusammenziehen, verkürzen', nhbr. 'einschrumpfen, klein machen' 98

        • גמל gámál 'Kamel'

        • גמם gomem 'bis zur Wurzel abschneiden'

Erklärung

  • 'hornloses Tier > Art Schaf hamal 'abgebrochen, verstümmelt'

  • Hammel = russ. комолый kɑmólyj 'hornlos' 1,609

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 28.08.2021