Diskussion hantieren

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • aengl. (ge)hámettan 'wohnen (*daheim sein*), Schuldner heimbringen' 168

  • anord. heimta 'heimholen, zu sich rufen; an eine andere Stelle bringen; (Schuld, Steuern einziehen'; refl. 'sich begeben' 243

  • isl. heimta 'fordern, verlangen' 74

  • dän., norw. hente 'holen' 66, 74

  • schwed. hämta 'holen' 169

  • spmhd. 14a" heimsen 'heimbringen, an sich nehmen'

  • nhd. 16e" heimen, heimtschen 'ernten, die Ernte einbringen', einheimsen 'die Feldfrüchte ernten' 820

  • nhd. einheimsen 'eifrig an sich nehmen, als Ernte heimbringen'

     

  • afrz.

    • hant 'Unruhe, Besessenheit; häufiger Umgang, Besuch'

    • hanter 'verfolgen'

    • se hantir 'sich stürzen auf'

  • Greimas 329

    • 11e" hant 'häufiger Besuch, Beziehung'

    • 11a" hanter 'wohnen, häufig besuchen'

  • frz. hanter 'oft, häufig besuchen, verkehren, aus- und eingehen; heimsuchen, keine Ruhe lassen, quälen; (spuken)' 272

  • mnl. 12b" hant(i)eren 'umgehen mit, häufig besuchen, tun, vorführen, ans Werk gehen'

  • mengl. 12a" haunt 'ständig üben, sich beschäftigen mit, teilnehmen an'; 13° 'häufig besuchen; Geschlechtsverkehr haben; umgehen, spuken'

  • engl. haunt 'verfolgen, heimsuchen, jem. nachgehen; spuken; frequentieren, oft besuchen'

  • mhd. hantīren 'Kaufhandel treiben; verrichten, tun, handeln'

  • nhd. hantieren 'wirtschaften, geschäftig sein; ein Werkzeug benutzen; arbeiten, tätig sein an'

Theorien

  • Grimm (1877) 10,466

    • Die schreibungen handthieren, handieren, die seit dem 16. jahrhundert platz greifen, suchen eine beziehung des verbums zu hand manus auch äuszerlich geltend zu machen. allein unrechtmäsziger weise, da hantieren etymologisch überhaupt nichts mit hand zu thun hat, und ein verhältnismäszig erst spät aus dem französischen entlehntes fremdwort ist.

    • das franz. hanter mit der bedeutung oft besuchen, hin und her ziehen, welches seit dem 12. jahrh. belegt ist ... und welches Diez ... auf das altnord. heimta fordern, einfordern, dän. hente holen zurückführt,

    • dringt zunächst in das mittelniederländische ein...

    • die bedeutung geht auf einen kaufmann, der das land mit seinen waaren durchzieht, wandernd handel treibt, und so wird das wort auch in das hochdeutsche übernommen, wo es aber vor dem 15. jahrh. nicht nachweisbar ist;

    • von da aus dringt es ins dänische (haandtere) und ins schwedische (handtera) ein.

    • eine erweiterung des sinnes lag, da bei hantieren an hand gedacht wurde, nahe; man bezeichnete später damit den betrieb einer beschäftigung, eines gewerbes, die vornahme einer handarbeit überhaupt, sofern diese nur, und soweit blickt auch hier die alte bedeutung immer durch, mit gröszerer beweglichkeit seitens des ausführenden geschieht.

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • hantieren Vb. ‘herumwirtschaften, sich mit etw. befassen, handhaben’.

    • Das Verb ist nicht, wie Lautähnlichkeit und heutige Bedeutung nahelegen, von Hand abgeleitet, sondern entlehnt aus afrz. frz. hanter ‘häufig aufsuchen, Umgang haben’. Der Entlehnungsweg geht über mnl. mnd. hantēren zu spätmhd. hantieren ‘Handel treiben, einem Geschäft nachgehen, tun, verrichten’;

    • damit wird hantieren zu einem Ausdruck der Kaufmannssprache. Aus dieser Funktion wird es später durch handeln verdrängt und infolge des Anklangs an Hand auf das unmittelbare handgreifliche Geschäftigsein festgelegt.

    • Afrz. hanter wird mit Vorbehalt auf anord. heimta ‘heimholen, (ein)fordern’ (vgl. vielleicht auch aengl. hāmettan ‘beherbergen’) zurückgeführt und wäre dann verwandt mit Heim (s. d.). – Hantierung f. ‘Handel, Geschäft, Beschäftigung, Handhabung’ (15. Jh.).

Diskussion

  • hām statt heim ist aengl. und fries. Ein afries. *hâmta *heimsuchen* würde problemlos frz. hanter erklären. Von anord. heimta 'heimbringen' führt kein Weg zum Frz. Wort, weder in Lautung noch in Bedeutung.

  • engl. haunt // aunt 'Tante' < afrz. ante < lat. amita 'Vaterschwester'

    • würde haunt / hanter erklären als *hamiter

  • Die dt. Form von *ħaimatjan wäre !heimazzen > !heimzen (iterativ 'immer wieder oder intensiv 'eifrig'). (3,260f)

    • Lenition ts > s auch in mukazen > mucksen 3,260f

    • Dafür spricht auch 16e" heimtschen 820

    • damalige odt. Aussprache s [ʃ], vgl. ung. s [ʃ], sz [s]

Erklärung

  • hantieren < frz. hanter < afries. *hâmta *heimsuchen* < germ. *ħaimatjan 'zuhause sein, nach Hause bringen'

  • altdeutsch 'Handel treiben' < 'Kunden besuchen'; neu 'arbeiten' durch Deutung auf Hand.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019