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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

Heiden

 dt.  'Andersgläubige'

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Bibel

Germanisch

Gotisch

Andere germanische Sprachen

Woher kommt das Wort?

'Ungläubige' im Islam

 

 

Bibel:
Hebräisch גוים
 gôjîm 'den Israeliten fremde Völker' hatten immer auch eine andere Religion, daher die Bedeutung 'Ungläubige, Heiden'.
Lehnübersetzungen:
Griechisch: τὰ ἔθνη ta éthnē 'die Nationen', Sg. ἐθνικός ethnikós, (eigentlich Adjektiv) 'fremdvölkisch'
Lateinisch: gentes 'Geschlechter, Stämme', Sg. gentilis 'fremdstämmig'
außerbiblisch auch paganus 'Landbewohner' (die ersten Christen waren Städte)

Germanisch:
Gotisch:

Ulfila übersetzt den Plural mit þai þiudo 'die (andersgläubigen) Nationen', das Adjektiv mit þiudisko (ἐξ ἔθνων ex éthnōn, ex gentibus, Gal. 21,14). Þiuda bedeutet normalerweise 'Volk', þiudisko entsprechend 'völkisch, volkstümlich'. Beide Wörter sind also Lehnübersetzungen.
Das unserem Heide entsprechende Wort kommt nur an einer Stelle vor: qino haiþno (Mk 7,26 γυνὴ Ἑλληνίς Συροφοινίκισσα gynê Hellēnìs Syrophoiníkissa 'eine griechische Frau aus dem Libanon'). Als griechisch sprechende Libanesin hatte diese Frau nicht nur einen anderen Glauben, sondern sie lebte auch in einem anderen Land, was in der biblischen Erzählung deutlich gesagt wird. Got. haiþns bedeutet also nicht 'heidnisch', sondern 'ausländisch'. Wenn Ulfila 'heidnisch' gemeint hätte, hätte er þiudisks übersetzt.

Andere germanische Sprachen:
Das Althochdeutsche folgt diesem Sprachgebrauch:

  • diota 'die Heiden' (gentes, Tatian 39,6)

  • heidan, -in 'ausländisch, heidnisch' (Sg. wîb heidin 'griechische Frau' Tatian 85,2)
    Pl. heidanî man (ethnici, Tatian 32,7).

  • diutisc 'volkstümlich' hat im Ahd. die Bedeutung 'deutsch' angenommen.

Auch die anderen germ. Sprachen haben dieses Wort:

  • and. hêðin, aengl. hǣðen, fries. hêthin, anord. heiðinn.

Da auch die Angelsachsen schon früh Christen geworden sind, kann ihr hǽðen kaum aus der gotischen Missionssprache stammen, sondern das zugrunde liegende germ. *haiþenaż muss schon in vorchristlicher Zeit existiert haben. Jedenfalls ist got. haiþns 'ausländisch' wegen der altertümlichen Endung ohne Bindevokal wohl ein älteres Wort; für eine Neubildung wäre !haiþeins zu erwarten.

 

Woher kommt das Wort?

  • Eine naheliegende Ableitung von got. haiþns von haidus 'τρόπος trópos, modus' Art, wie man etwas macht' kommt aus semantischen Gründen nicht in Frage. Das scheint aber im Gotischen eine Sonderentwicklung zu sein.
    Wie ist es in den anderen germanischen Sprachen? Ahd. heit, aengl. hád bedeutet 'Person, Gestalt, Geschlecht, Stand', and. hêd 'Stand, Würde', anord. heiðr 'Ehre, Würde'. Grundbeutung ist wohl 'Beschaffenheit eines Menschen (lat. natura)' und nicht 'Herkunft (lat. genus, gens), wie man bei einer Lehnübersetzung von gentilis erwarten müsste.

  • Kluge ²² 300 und Pfeifer, Et.Wb. 522 sehen in dem gotischen Wort [χɛ:θns] von griech. ἔθνη, zu Ulfilas Zeit [εθne:] gesprochen. Dagegen spricht das anlautende gotische /h/, das viel rauer als unseres gesprochen wurde. Außerdem bedeutet got. haiþns nicht 'die Heiden', sondern 'heidnisch', ἐθνικός ethnikós, wörtlich übersetzt þiudisks 'fremdvölkisch'.

  • Schon Adelung hat eine Ableitung von Heide erwogen. Germ. *ħaiþenaż wäre dann eine Lehnübersetzung von lat. paganus. Ein Stamm, der Heide bewohnte, heißt bei Ptolemäus Χαιδεινοι Haiðīnoi, aengl. Hǣðnas (Göschen 1218 b 109), also germ. *Haiðīna, *Haiðena. Es spricht also alles für die alte These, dass Heiden 'Heidebewohner' eine Bedeutungsübertragung von lat. pagani ist. Wie der Stammesname zeigt, gab es das Wort schon vor der Christianisierung und hatte vielleicht damals schon die abschätzige Bedeutung 'wild, barbarisch', vgl. got. haiþiwisks (Mk 1,6 ἄγριος ágrios vom 'wilden' Honig, den Johannes aß).

'Ungläubige' im Islam
Die semitischen Sprachen, auch das Arabische, kennen keine negierten Substantive wie 'Ungläubiger'. Stattdessen sagen die Muslime:

  • وثنى waṯṯani 'Götzendiener' < وثن waṯṯan 'Götzenbild'

  • كفر kufr > pers. كفر kofr 'Gottesleugung', kurd. kifri 'Gotteslästerung', < كفر kafar, nhbr. כפר kápôr 'leugnen'

    • dazu كافر kâfir > pers. كافر kâfar, kurd. gawir,  türk. kâfir 'Heide' 

      • > port. cafre 'Barbar' > Kaffer 'südafrikanischer Neger'

      • nhbr. כפירה kefîráh 'Ketzerei'
        nicht hierher: Kaffer 'Dörfler, ungehobelter Kerl'.

  • مشرك mušrik > türk. müşrik  'Heide, Polytheist' < شرك šarak 'teilnehmen', شرك ašrak 'sich (den Götzen) beigesellen'
    شرك
    širk > pers. شرك šerk, türk. şirk  'Polytheismus'

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

 

 

Begriffe: Glaube. Unglaube, Andersglaube

 

Datum: 2005

Aktuell: 17.02.2019