kaufen

Befund

  • lat.

    • caupo, cōpo 'Schenkwirt, der auch beherbergt und über die Straße verkauft' Georges1,1038

    • cōpa 'Wirtin' Georges1,1679

    • caupōna, cōpōna 'Wirtin; Schenke' Georges1,1039

    • caupōnāri 'schachern, feilschen' Georges1,1039

  • germ.

    • lat caupo > *kaupa(n) 'Händler'

      • aengl. cíepa 'Händler' Hall 68

      • ahd. koufo 'Kaufmann, Händler, Erlöser' KöblerA 204

    • *kaupaż 'Kauf'

      • aengl. céap m. 'Vieh; Kauf, Verkauf, Handel; Geschäft, Gewinn; Preis, Wert; Eigentum; Markt' Hall 65

      • afries. kāp m. 'Kauf, Kaufwert', Verkauf' HoltAfr 54

      • and. kôp m. 'Kauf' HoltAs 43

      • ahd. kouf m. 'Kauf, Geschäft, Handel, Tausch' KöblerA 204

        • nhd. Kauf 'Erwerb gegen Bezahlung'

    • *kaupan 'handeln'

      • got. kaupon 'Handel treiben' Ulfilas 444

      • anord. kaupa 'kaufen, handelseins werden, eine Angelegenheit  in Ordnung bringen  Baetke 321

      • aengl. céapian 'handeln, kaufen, bestechen' Hall 66

      • and. kôpon 'kaufen, erhandeln; büßen' HoltAs 43

      • ahd. KöblerA 204

        • koufen 'käuflich erwerben, handeln'

        • koufōn 'kaufen, verkaufen, handeln verhandeln'

        • nhd. kaufen 'gegen Bezahlung erwerben'

    • *kauping 'Handelsplatz'

  • apr. kaupiskan (Akk.) 'Handel' Ness 68

  • aslaw. kupiti 'kaufen' SaAi 49

Theorien

  • Grimm (1873) 11,323 f

    • stellt kaufen neben die balt. und slaw. Wörter und caupo (offenbar an ein  Erbwort gedacht)

    • dagegen: Ein Erbwort müsste germ !ħauf- lauten, bzw. vgerm *gaub-.

  • Vaniček (1874) 31f caupo < kap greifen, fassen, haben

    • au ≠ a

  • Walde (1910) 145

    • lat. caupo 'Schankwirt, Inhaber einer Herberge', cōpa, cūpa 'Schenkmädchen'

    • unsicherer Herkunft

    • nicht zu gr. καπηλός [kapēlós] 'Kleinhändler, Höker'

      • das vortonige a kann ein reduzierter Vokal sein, aber nicht au, bei dem u zu erwarten wäre

    • nicht ursprünglich ō, so dass au Hyperurbanismus wäre

      • bedenklich, dass die Lehnworte

        • got. kaupōn 'Handel treiben', ahd. koufōn usw. 'kaufen'

          • > ab. kupiti 'kaufen', apr. kaupiskan 'Handel'

        nicht auf der volkstümlichen Form beruhen sollten.

    • Auch Verwandtschaft mit cōcio ist kaum möglich

    • ? zu cuppa 'Becher', vgl. cūpa 'Schenkmädchen' und nhd. Krug = 'Wirtshaus'.

  • Georges (1913 / 2004)  1,1038

    • lässt, abgesehen von seiner eigenen Übersetzung, aus dem lat. Sprachgebrauch folgendes erkennen:

      • caupones patagiarii 'c. Bortenmacher (Pl.)' Plaut.

      • propolae et caupones 'Krämer und c. (Pl.)', Salv.

      • copo de via Latina 'c. von der Via Latina' Cic.

      • malignus perfidus 'boshaft, treulos' Hor.

      • callidus 'verschlagen' Mart.

      • stabularii aut cauponis hospes 'Gast des Wirts oder c.' Sen.

      • ad cauponem (coponem) devertere 'beim c. einkehren', Cic.

      • coponem defraudare 'den c. betrügen', Varr. fr.

      • copo, computemus, Wirt, wir wollen zusammenrechnen, Corp. inscr. Lat. 9, 2689.

      • der Verhöker, sapientiae atque facundiae 'der Weisheit und Beredsamkeit', Tert. de anim. 3.

    • Der caupo war also propola 'Krämer' und stabularius 'Gastwirt' und galt wie seine späteren Berufsgenossen als Gauner. Dass er auch beherbergte, ist aus den Zitaten nicht zu erkennen.

Diskussion

  • Wegen derselben Lautung ist dass germ. Wort sicher ein Lehnwort < caupo. Die genaue Entsprechung ist ahd. koufo 'Händler'

  • Es gab zwei Verbformen:

    • kaupōn, ahd. koufōn, abgeleitet von kaupa, nicht von lat. cauponari 'feilschen'

    • kaupjan, ahd. koufen, fnhd. keuffen, das könnte das Faktitiv von kaupōn gewesen sein

  • Woher kommt caupo?

    • lat. -o(n), germ. -a(n) KraheG 3,91 ff

      • individualisierende Funktion, d.h. für Personenbezeichnungen

        • oft Nomina agentis < Verben

          • lat. rapo 'Räuber, ahd. loufo 'Läufer '

          Da könnte auch caupo auf ein Verb zurückgehen, also 'Bewirter / Händler'

    • ein ähnliches Benennungsmotiv wie bei taberna 'Hütte > Kneipe', Spelunke 'Höhle > primitive Kneipe / Unterkunft'

      • vgl. dt.  Gaube / K- / -p- 'Dacherker' Hof, Schuppen, Koben 'kleiner Stall, Verschlag': Grundbedeutung 'Wölbung = konvexer Haufen / konkaves Gewölbe'.

      • Die Bedeutung 'Überdachung' ist im Germ. reich entfaltet. Die Mittelmeersprachen kennen nun die Bedeutung 'Gefäß'.

      • Dem widerspricht der lat. Befund: Caupo 'Wirt', moviert caupa 'Wirtin', Ableitung caupona 'Wirtschaft'.

      Das Problem bei allen Erklärungsversuchen: Es ist kein lat. Grundwort überliefert, von dem caupo abstammen könnte.

    • wie Walde zu lat. cūpa 'Fass'

      • Das späte cuppa 'Gefäß, Becher' kommt kaum in Frage.

      • Im n-dt. Sprachgebrauch vergleichen sich Krug 'Gefäß > Wirtschaft' und Krüger 'Wirt'.

      • Aber: Die bei Pokorny 588 ff breit dargestellte Familie 2. keu- hat kaum Diphthonge, nur in germ. Haufen und einigen baltischen Wörtern.

    • zu widg. *kap- 'ergreifen' mit langvokalischem Ablaut.

      • passend zu griech. καπηλός kapēlós 'Kleinhändler, Höker'.

      • Dann wäre das vglat. cōpo die ursprüngliche Form und caupo überfeinert.

      • Waldes Einwand wiegt so schwer nicht. Caupo ist zwar älter als cōpo, war aber kaum ein Wort der gehobenen Sprache und könnte von den Autoren überfeinert worden sein. Im offiziellen Sprachgebrauch, z. B. beim Militär, könnte sich caupo durchgesetzt haben. Das würde erklären, warum die Germanen au und nicht o gehört haben.

        • u könnte Vorwegnahme des ursprünglich labialisierten k (ǩ) sein, also *ǩëǩ- > *ǩëp̆- > *kopʊ- > *koup- > caup-.

      • Der Einwand ist aber nicht schlüssig widerlegt und das Benennungsmotiv ist schwer zu erkennen.

    • zu coquus 'Koch', griech. ἀρτοκόπος, -πόπος arto-kópos, -pópos 'Brotbäcker' JaSei 218

      • Die  verwandten Wörter gehen auf *ǩëǩ- zurück mit den Varianten *pëk-, *quëk-, *këk- *këp-.

      • Das führt zu *kŏp- oder *kōp, aber nicht zu *kaup-.

      • Das wäre ein klares Benennungsmotiv mit denselben lautlichen Schwierigkeiten. Trotzdem wohl die plausibelste Erklärung.

      • Caupona 'Schenke' ist gebildet wie popina 'Schnellimbiss' Georges 2,1778 und splat. coquina 'Küche' Georges 1,946. Caupo wäre dann rückgebildet aus caupona.

      • unwahrscheinlich, da caup- für 'kochen' sonst nicht bezeugt.

    • wie  bei engl. store 'Lager > Kaufladen zu *cŏ-ŏpia > cōpia 'Vorrat, Lebensmittel' Georges 1,1679ff

      • *cŏ-ŏpo > cōpo / *coupo > caupo 'Wirt, Krämer', bzw. rückgebildet < caupona, das man vielleicht als 'Weinkeller' verstehen kann', dann caupona wie Keller 'Weinausschank' und Kellner 'Schenk, Wirt'. Falls der caupo auch noch andere Sachen gelagert hatte, wurde er zum 'Krämer'.

        • Es ist doch eher so, dass caupona < caupo und nicht umgekehrt.

        • Caupo und nicht !caupus lässt sich erklären als Weiterbildung aus copia 'Vorrat'

      • Damit wird der Waldes Einwand entkräftet. Der Denkfehler war, dass man copo für eine vulgärlateinische Kontraktion < caupo hielt. Wenn coop- die Grundlage ist, stehen Diphthong (au) und Kontraktion (o) gleichberechtigt nebeneinander.

Erklärung

  • am einleuchtendsten zu copia 'Vorrat'

zurück

 

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Email:

Aktuell: 28.08.2021