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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

ledig

nhd. 'noch nicht verheiratet, leer, frei'

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  • Befund:

    • afries. lethich, lethoch 'frei'

    • mndl. ledec 'unbeschäftigt'

      • ndl. ledig, leeg 'leer'

    • and. 9" lethigôn 'an einem Feiertag frei haben' (Köbler, and. Wb. 173)

      • mnd. leddich 'frei; unbeschäftigt; leer, eitel, nichtig; zur freien Verfügung stehend'; ledigen 'los, leer, nichtig machen; befreien, eine Stadt entsetzen; sich frei machen, sich Zeit nehmen für; von Verpflichtungen frei machen; eine Schuld tilgen'

    • mhd. ledec, lidic 'frei, ungehindert, arbeitslos, unverheiratet, leer, durch den Tod des Besitzers herrenlos geworden'

      • nhd. ledig 'noch nicht verheiratet, leer, frei'

        • shess. leððiǵ 'unverheiratet, († locker, lose, leer)'

    Deutungen und Diskussion

    Erklärung:

    • Ledig 'seiner Pflichten entbunden' könnte zurückgehen auf die Freilassung eines Sklaven. Es gab im Frühmittelalter den Stand der Halbfreien, für die es drei ähnliche Benennungen gab:

      • afries. lêt. mnd. lat. 'Halbfreier', ahd. lâz 'Freigelassener'

      • mlat. letus, litus 'Halbfreier'

      • and. lido, ahd. lide 'Halbfreier, ahd. lid 'Diener'

      Diese aus der Antike übernommene Rechtsform ist im fränkischen Recht seit dem 6" bezeugt, später auch in anderen Stammesrechten, und zwar als mlat. litus, letus, lidus, lidis, ledus, liddus, lito, liddo (Niermeyer, Mediae Latinitatis Lexicon minus), zunächst als 'Halbfreier', nach 1000 auch als 'Landpächter'.

    • Lat. letus ist das wgerm. *lêt wie im Afries. Im Sgerm. wurde daraus lât (mnd. lat), durch die Lautverschiebung ahd. lâz.

    • Lat. litus geht zurück auf die ogerm. Aussprache von /ê/ als /î/ (vgl. in Namen: -mêrus = -mârus = -mîrus).

    • Sgerm. lid- < *liþ scheint das rückentlehnte lat. litus zu sein, entstanden in einer Zeit, in der die Entsprechung lat. /t/ = germanisch /þ/ noch geläufig war.

    • Im Mlat. waren wie im Romanischen die alten Längen nicht mehr zu erkennen, /î/ wurde als /i/ verstanden und im Ndt. zu /e/ gebrochen (lübbe, Mnd. Grammatik 18f): lêt > letus > litus > liþ > led.

    • Ledig ist das daraus abgeleitete Adjektiv 'freigelassen > befreit'. Das ist ganz deutlich bei afries. lethogia 'befreien' < lethoch 'ledig'. So setzt auch das älteste Wort dieser Familie, and. lethigôn 'am Feiertag nicht arbeiten' ein älteres *lethig 'frei habend, müßig, unbeschäftigt' voraus.

    Diese Argumente haben zwei kritische Stellen:

    1. Der Lautwandel lêt > letus > litus > liþ > led mit Entlehnung ins Lateinische und Rückentlehnung ins Deutsche ist reichlich kompliziert, wenn auch begründbar.

    2. Der litus 'Halbfreie' war ja nur relativ frei und blieb seinem früheren Herrn weiter verpflichtet. Ledig kann also nicht bedeutet haben 'überhaupt nicht mehr verpflichtet', sondern 'von einigen Verpflichtungen frei', also ohne zeitliche Begrenzung dienen zu müssen. Das kann sein: im Moment dienstfrei haben, eine Arbeit "erledigt" haben / nicht einer möglichen Bindung unterliegen, z.B. in einer Ehe.

    Stammbaum:

    japhet. *lēi- 'kraftlos werden'

    • japhet. *lēd- 'kraftlos werden'

      • germ. *lêtan 'nicht festhalten'

        • ogerm. (got.) lêtan, leitan (-î-) 'lassen'

          • > mlat. litus 'Freigelassener, Halbfreier'

            • rückentlehnt als afrk. *liþ 'Halbfreier'

              • and. lido, ahd. lide 'Halbfreier, lid 'Diener'

              • and. *liþig > *leþig 'freigelassen'

                • lethigôn 'frei haben'

                • > ndl., fries. deutsch. ledig

        • sgerm. *lêtan > *lâtan 'lassen'

          • afries. lêt 'Halbfreier'

          • mnd. lat 'Halbfreier'

          • ahd. lâz 'Freigelassener'

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

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Datum: 2010

Aktuell: 10.02.2019