Diskussion Leuchse, lünse

Befund

  • lünse

    • aengl. lynis 'Achsnagel'

      • engl. linchpin 'Achsnagel'

    • ahd.

      • lun, lon, luna, lona 'Riegel, Achsnagel'

      • luning, lunis 'Achsnagel'

      • luno 'Pflock'

      • mhd.

        • lun(e), lan, lon, löne 'Achsnagel'

        • 13" luns(e) 'Achsnagel'

    • and. lunis 'Achsnagel'

  • Leuchse

    • mhd. 14" liuhse 'Leuchse'

      • änhd. Leuchse 'Stütze Achse und Runge / Wagenleiter'

      • Pfalz

        • Leichs (laigs), Leuchs (lǫigs)

        • Leunchs (lǫings)

        • Leins (lains)

        • Leis (lais, -ḁ-), Leus (lǫis), Leisel, Laas, Pl. Leise, Lies (līs)

      • shess.

    • slawisch

      • russ. люшня́ ĺušńá 'Leuchse'

      • ukr. лю́шня ĺúšńa 'Leuchse, Runge'

      • tschech. lišně 'Leuchse'

      • slowak. l᾽ušňа 'Leuchse, Runge'

      • poln. luśnia 'Leuchse, Runge'

    • lit. lušìs 'Achsennagel'

Belege

  • Adelung (1793-1801) 2,2133

    • Die lünse, plur. die -n, eine Benennung des Achsnagels, oder desjenigen dicken Nagels, welcher vor dem Rade eines Wagens durch die Achse gestecket wird, damit es nicht von derselben ablaufe. In den gemeinen Mundarten bald Lunse, Lönse, Linse, Lunze, lünsch, bald nur Lehne, Lihn, Lien, Leine, Lan, bald gar Leuchse, im Engl. Linspin, im Schwed. Lunta, Luntsticka, im Holländ. Londse, im Böhm. Launek. ... Eine lünse mit einem breiten blechernen Kopfe zur Abhaltung des Kothes, heißt eine Decklehne, oder Decklünse. In einigen Oberdeutschen Gegenden führet die lünse den Nahmen des Kipfes.

  • BMZ (1854/1866)

    •  II 1, 297b lunnagel stm. achsennagel am wagen. humerulus, clavus in extremitate axis, ein lonen nayl

    • I 1051 a LUN f. achsnagel am wagen; mundartlich noch 'lünse'. obex est clavus in axe ante rotam e i n  l ö n e

  • Hall  (1855-2004) 223

    • aengl. lynis 'Achsnagel'

  • Lexer (1872-78 / 2002)

    • 1,1941 liuhse f. stemmleiste, lahnstange. liuchse, leuchse trabale

    • L1,1982 lun, lon, lan stf. lune, löne swf. achsnagel, lünse, obex, opex, paxillus, limo

    • L11984

      • lun-nagel stm. achsnagel, humerulus GL. vgl. lunsnagel.

      • lunse, luns f. dasselbe. furcale (auch lonse). obex, opex (lonsche). lunsche

  • Grimm (1885)

    • 12,826 Web Leuchse 'stemmleiste, lannstange, runge eines leiterwagens'

      • österreichisch; bair. leuchsen, leusten; schwäb. leuchsel

    • 12,1306 Web lünse 'achsnagel'

      • ahd. lun(a)

        • lan, laun, lon, lünne, lönne, lehne

        • lunse, lonse, lenze, lunsche

        • ndl. luns, lens

        • engl. linch-, link-pin

        • dän. lunt-stikke

  • HoltAs (1954) 49

    • and. lunis 'Achsnagel'

  • Die Stütze zwischen Wagenleiter und Achse heißt nach ShWb 4,311 (1978)

    • Leuchse:

      • laigsə

      • Lois, Leusch

      • lēs(ə). līs, Liss, līsə. līš, līšd

      • Leser, Lieser

    • lünse

      • Lens(e), Lehns(e), Lēⁿs. lins, linš

    Der  Achsnagel heißt nach ShWb 4,441 f (1978)

    • Lun(en)

  • Köbler ATW (1994) 223

    • lun, lon, luna, lona 'Riegel, Achsnagel'

    • luning, lunis 'Achsnagel'

    • luno 'Pflock'

  • Kluge 2002

    • mhd. 13" luns(e), and. lunis 'Achsnagel'

    • 14" liuhse 'Leuchse'

  • Pfälzer Wörterbuch online

    • Leichs (laigs), Leuchs (lǫigs)

    • Leunchs (lǫings)

    • Leins (lains)

    • Leis (lais, -ḁ-), Leus (lǫis), Leisel, Laas, Pl. Leise, Lies (līs)

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 2,2133

    • Vermuthlich als ein Geschlechtsverwandter von Lahn, Lanze, lang u.s.f. einen langen, dünnen Körper zu bezeichnen.

  • Kluge (1894)

    • 236 † Leuchse F. 'Wagenleiste, Runge', ein baier .-schwäb. Wort (auch thüring. lisse, likse, hess. lîse, lichs, an der Schwalm Lichsstätzel) aus gleichbed. mhd. liuhse : wohl urverwandt mit den gleichbed. czech. lušně, poln. luśnia, russ. ljušnia.

    • 243 lünse F. 'Achsnagel' aus gleichbed. spät mhd. lune lunse; vgl. asächs. lunisa, ndl. luns, lens. Dafür ahd. lun luna, mhd. lun lune F. , auch ahd. luning, mhd. lüninc, lüner 'lünse'; vgl. angls. lynes, M., engl. linchpin... Die neueren Ma. zeigen zahlreiche Lautformen, die schriftsprachliche Form ist ndd.; dafür thüring. lunn, baier. Loner und Lonnagel. Man hat die Sippe zu der unter verlieren besprochenen idg. Wz. lu- 'lösen' gezogen, so daß lünse eigtl. 'Pflock zum Lösen des Rades' wäre ; vgl. noch angls. álynnan 'loslösen'. Andere vergleichen skr. an̟i 'lünse' (aus alni?)

  • Vasmer (1953) 2,80 Web

    • люшня́ [ĺušńá] 'bogenförmige Stütze am Ochsenwagen', ukr. лю́шня [ĺúšńa] 'lüßstock, Runge', tschech. lišně, mähr. dial. l᾽ušňа 'Stemmleiste', slk. l᾽ušňа, poln. luśnia, dial. luszniа 'Wagenleiste, Runge'. || Übers Poln. entlehnt aus mhd. liuhse, nhd. dial. (bayr. schwäb.) leuchse, hess.. lîse, liehs 'Wagenleiste'... Die Annahme von Urverwandtschaft des im Südslav. fehlenden slaw. Wortes mit dem deutschen... ist nicht wahrscheinlich.

  • Pokorny (1959/2002) 307 f

    • 8. el-...'biegen', olina 'Ellenbogen'

      • B ai. āṇí-ḥ m. 'Achsennagel, Beinteil über dem Knie' (*ārni-, idg. *ēlni- oder *ōlni-)...

      • germ. ablaut. *luni- in ahd. as.. mhd. lun 'Achsennagel, lünse'...

      • lit. lušìs 'Achsennagel'

    • > Kluge 2002

      • lünse "Achsnagel" (14. Jh.), spmhd. luns(e), as. lunis m. Das neuhochdeutsche Wort hat sich also vom Niederdeutschen aus verbreitet, das echt hochdeutsche Wort liegt vor in mhd. lun(e), lan, lüner, ahd. lun(a), luning. Entsprechend ae. lynies m. und ae. lyni-bor. Das Wort scheint eine Entsprechung in ai. āní- m. "lünse, der unmittelbar über dem Knie liegende Teil des Beins" zu haben: Dieses kann auf (ig.) *ēlni- zurückgehen, das germanische Wort auf *l̟ni-. Weitere Zugehörigkeit zu der Sippe von Elle ist denkbar. Falls diese von "biegen, krümmen" ausgeht, könnte der Achsnagel als "der Krumme" benannt sein (der Achsnagel wird umgebogen, damit er nicht herausfällt).

Diskussion

  • Leuchse und lünse sind zwei sehr spezielle Ausdrücke für Wagenteile, die wohl nur bei einer kleinen Personengruppe gebräuchlich waren. Ich selbst kannte diese Bauelemente ohne zu wissen, wie sie hießen. Umgekehrt werden manche Etymologen die Vokabeln behandelt haben, ohne die Sache zu kennen. Bei diesen Spezialausdrücken ist es schon mal erstaunlich, dass die Namen in älteren Sprachzuständen überhaupt überliefert sind.
    Erschwerend tritt hinzu, dass die Sache nicht beschrieben, sondern nur mit regionalen Synonymen erklärt wird, und dass es in der Wagenkonstruktion Unterschiede gab. Ferner muss man auch eine historische Entwicklung in derselben Gegend annehmen. Es ist also kaum zu sagen, wie Leuchse und lünse ursprünglich beschaffen waren.

  • Die Vermengung von Leuchse und lünse (Adelung, ShWb) lässt vermuten, dass es sich um dasselbe Wort handelt. Denselben Eindruck machen auch poln. luśnia 'Leuchse, Runge' / lit. lušìs 'Achsennagel'.

  • Deutungsversuche

    • zu Lanze (Adelung)

      • ein Zusammenhang mit lat. lancea 'Lanze' (Adelung) ist kaum wahrscheinlich, da die überlieferten Formen von lünse kein *k haben (aber von Leuchse).

    • zu aind. an̟í- 'lünse' (Kluge 1894) bzw. *el- 'biegen' (Pokorny, Kluge 2002)

      • An̟í- < *arni- < *alni-, ist plausibel.

      • Da das aind. und dt. Wort dieselbe Bedeutung haben, könnten beide verwandt sein.

        • aber nicht zwingend anzunehmen

      • Die erschlossene Grundbedeutung 'biegen' er gibt sich aus der Annahme, dass die lünse ein Metallnagel ist, der umgebogen wird, damit er nicht herausfällt (Kluge 2002).

        • Das ist aber ein Trugschluss, denn lünsen brauchte man schon in der Steinzeit und nahm dafür hölzerne Pflöcke (Bild, Rekonstruktion). Dafür sprich auch ahd. luno 'Pflock' und lun 'Achsnagel, Riegel'.

    • zu *leu- 'loslösen'  (Kluge 1894) bzw. zum selben leu- 'abschneiden, trennen, loslösen'... lŭ-no- 'geschnitten' (Pokorny 681 Nr. 2)

      • dazu passt die ahd. Bedeutung 'Riegel, Pflock'

      • Formen mit -n bei Pokorns 881 f:

        • ai. lunâti 'schneidet, schneidet ab'

        • ai. lūná- 'abgeschnitten, geschnitten'

        • mir. lon 'Hammel, Schöps'

        • got. lun 'Lösegeld', us-luneins 'Erlösung'

        • ags. á-lynnan 'erlösen'

      • dazu die Formen mit -s, die zu den baltoslawischen Wörtern für 'Leuchse' passen könnten:

        • germ.*leus- 'lose'

        • cymr. llost 'Speer', llosten 'Schwanz'

      möglich, aber nicht wirklich überzeugend

    • Die alten Formen luna, liuhse, baltoslaw. *ĺuš- erinnern an leuk- 'leuchten', louksn- 'Leuchte, Mond'

      • Bei dem Modell "Gedeckter Wagen (Wikimedia Commons)" sind die Räder nicht durch Pflöcke, sondern durch an den Achsen befestigte Scheiben gesichert, die man vielleicht als "Monde" verstehen kann, wahrscheinlich nur eine ungenaue Darstellung. Denn zwischen Nagel bzw. Splint und Nabe befand sich noch in unsrer Zeit eine lose sitzende Lochscheibe, welche die Reibung mit dem Splint verminderte.

      • Ähnlich bei Keltischer Wagen aus Hochdorf (Wikimedia Commons) mit auf die Achse gesetzten Buchsen.

      • Es ist allerdings der Lichtstrahl nach einem hölzernen Stab benannt, nicht umgekehrt (lat. radius, dt. Strahl).

    • Die Leuchse am Leiterwagen ist im Unterschied zur Runge nicht fest in der Wagenkonstruktion verankert, sondern unten mit einer Öse an der Achse und oben mit einem Ring am oberen Leiterbaum befestigt, sitzt also "lose" oder "locker", weil die Leitern nur für die Heut- und Getreideernte gebraucht wurde, an Stelle der aus Brettern bestehenden Seitenwände.

      • also wie locker, schlackern 'wackeln' zu (s)leu- 'schlaff' (Pokorny 962)?

Erklärung

  • Am wahrscheinlichsten dünkt mir die gemeinsame Herkunft von lünse und Leuchse mit der Grundbedeutung 'abgeschnittenes Holzstück' als 'Riegel, Pflock' und 'Strebe'.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 28.08.2021