Diskussion Los

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • vgerm. *kleúdana, *klaúdos, *klud(i)ós

    • germ.

      • *ħleutan

      • *ħlautaż

      • *hlut(j)aż

      • got. hlauts 'Los, erloster Anteil' 437

      • anord.

        • hlaut 'Los, Anteil' 179; 'Opferblut' 262

        • hljóta 'durch Los zugeteilt bekommen; als Anteil erhalten; erfahren, erleiden; gezwungen sein, müssen' 261

        • hlutr 'Los, Amulett; Schicksal, Lage, Stellung, Angelegenheit; Anteil; Stück, Teil, Gruppe, Schar' 262f

      • aengl.

        • hléotan 'Lose werfen, erlosen' 185

        • hlot 'Teil, Anteil' 186

        • hlyte 'Anteil' 187

      • afries. hlotja 'losen' 44

      • and. 35

        • hliotan 'davontragen, aufnehmen'

        • hlôt 'Los'

      • ahd.

        • hliozan 'Wahrzeichen deuten' 219

        • hlōz 'Schicksal, Anteil, Spruch, Stand' 222

        • hluz 'Anteil' 224

          • nhd. Los 'wahllos ermittelter Anteil; Gutschein darauf; Schicksal'

  • Die auffallenden Übereinstimmungen mit lat. sors lassen vermuten, dass ein Teil der germ. Bedeutungen entlehnt sind.

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 2,2100

    • Da indessen die Stäbe die ältesten Werkzeuge des Losens waren, und auch das besonders im Niederdeutschen übliche Kabel, das Los, allem Ansehen nach von Kafel, ein Stab, abstammet, so stehet es dahin, ob unser Los nicht auf ähnliche Art von Leiste, Latte, Lode u. s. f. welche insgesammt einen langen dünnen Körper bedeuten, entstanden seyn könne.

      • lübben (1888 / 1980) 169: kavele 'zum Loosen zugerichtetes Holz, gew. mit runenartigen Zeichen versehen; dann überh. Loos; Loosteil., bes. vom Holz gebraucht (auch von stehenden Stämmen)

  • Kluge (1894) 241

    • Dieser Verbalstamm war in heidnischgerm. Zeit wahrscheinlich ein Opferterminus (vgl. mhd. liezen 'wahrsagen', anord. hlaut 'Opfer'; dazu Tacitus Germ. 10)

      • Tacitus: Schicksalsbefragung durch Los durch gezeichnete Stäbe, Beobachtung von  Vögeln und Pferden.

      • Von Opfern ist in diesem Zusammenhang keine Rede.

  • Kluge 2002

    • Das Wort hat keine klaren außergermanischen Entsprechungen. Vielleicht gehört es zu lit. kliudýti "anstoßen, treffen, hindern", das ein Intensivum zu lit. kliū́ti "hängenbleiben, anstoßen, hindern" ist und akslav. ključiti sę "passen, zutreffen", aber die Bedeutungsverhältnisse sind nicht ausreichend klar.

  • Pfeifer (1995 / 2005) 811

    • Die Germanen versuchten, aus der Lage geworfener Runenstäbe zu weissagen. Geht man daher für das germ. Verb von einer Bedeutung ‘an-, festhaken’ (von einem geworfenen Stäbchen) aus und vergleicht lit. kliū́ti ‘hängenbleiben, anstoßen, hindern, in den Bereich von etw. kommen’, so ist Verwandtschaft mit den unter schließen und Schloß (s. d.) genannten Formen und Anschluß an die dort genannte Wurzel ie. *klē̌u-, *klāu- ‘Haken, krummes Holz oder Astgabel, Pflöckchen, an-, verhaken (sich anklammern), durch einen vorgesteckten Haken, Riegel, ein Pflöckchen verschließen’ möglich.

      • gewaltsamer Erklärungsversuch. Die Runenstäbe hatten doch keine Haken!

      • Von der Lautung her scheint allerdings nur "*klē̌u-, *klāu-" in Frage zu kommen.

      • Pokorny 604 belegt aber nur 'Haken, Riegel, Verschluss, Nagel' und 'Hindernis, Gebrechen, Schicksal'

Diskussion

  • Grundsätzlich: Was ist die Grundbedeutung?

    • 'Staborakel'

      • lt. Tacitus 10 ein Mittel die Götter zu befragen

        • 10,3 eingeleitet durch ein Gebet),

          • nicht um zu ermitteln, wer was bekommt.

        • Von 'Orakel' her > mhd. liezen 'wahrsagen, zaubern' 1,1039b

      • Das Losorakel war in der Antike allgemein gebräuchlich,
        nicht als "Zufallsprinzip",  sondern um den Willen der Gottheit zu erkunden, im Prinzip also nichts anderes als bei der Zeichendeutung (Vogelflug, Eingeweide der Opfer, Sterne) oder Befragung eines Mediums (Pythia,  Prophet)

    • 'Zuteilung, Anteil'

      • Beim Verteilen ungleichmäßiger Stücke kann man die Interessenten direkt blind zugreifen oder Symbole ziehen lassen.

    • 'zerteilen, hacken, schneiden'

      • vgl. japhet. *śkël- 'schlagen, hauen, stechen, schneiden, abbrechen'

      • Dazu würde passen *kol-ëʊ-d- > *klüd- 'abhauen' // dem einfachen kelt. *cladios 'Spaten, Schwert', vgerm. *kl̥dóm > germ. *ħultam > ahd. holz, nhd. Holz 'Material vom Baum'.

      • Der germ. Ablaut -eu- / -au- / -u- und das vollstufige und offenbar anfangsbetonte *klaúdos zeigen, dass es sich um ein Verbalsubstantiv 'das Abhauen' und nicht um ein Adjektiv wie *kul̥dóm 'Abgehauenes, Holz' handeltet.

      • Hierher gehören wohl auch

        • lat. clāvis 'Kloben, Schlüssel, Türriegel, Stöckchen, mit dem man Spielreifen in Bewegung setzt', claudĕre 'schließen'

        • vgriech. *klāʊids > ion. κληΐς klēḯs, att. κλείς kleís / -ídos 'was zum Verschließen dient: Schlüssel, Torriegel, Öse; Meerenge; Schlüsselbein; Ruderbänke'

        • Die Grundbedeutung 'Haken' (Pokorny 604 f) trifft für diese beiden Wörter nicht zu und ist eher 'abgeschnittenes Holzstück, Riegel, Stock'. Auch die balt.-slaw. Wörter für 'Haken, haken' lassen sich verstehen  als 'abgeschnittenes Holzstück', denn sie waren aus einer Astgabel geschnitten und sind in Museumshäusern heute noch zu sehen. 'Krumm' ist also nur aus der bezeichneten Sache abzuleiten, auch 'hemmen' (mit Riegel oder Schranke).

  • Alternative: Da durch das Los der Wille der Gottheit erkundet werden sollte, kann man Los auch verstehen als 'göttliche Stimme, Orakel'.

    • Darauf verweist die Ähnlichkeit von griech.

      • κλῆρος klêros 'Los' 874

      • und κλῆσις klêsis 'Ruf, Zuruf; Hilferuf; Einladung, Vorladung; Bürgerabteilung; Benennung'; biblisch auch 'Nationalität, Religion, Kaste' 1Kor 7,18-23
        < *kël- 'rufen' 548

        • >> modern Beruf 'Arbeit, Dienst, Gewerbe'

    • So lässt sich auch lat. sors 'Los' 1070f verstehen:

      • *śʊër- '(vor Gericht) sprechen', *śʊërts 'Orakel'?

    • Geht das auch bei germ. *ħlaut, -eu, -u-?

      • *clëʊ- 'zu Gehör bringen, hören' mit dem erforderlichen -ëʊ-.

        • griech. κληδών klēdṓn, Homer κλεηδών kle(w)ēdṓn 'Rufen, Ruf, Name' mit dem erforderlichen -d-. 148

      • *cleudana > *ħleutan wäre dann nicht 'zugeteilt bekommen', sondern erst mal 'aufs Orakel hören'

      • Das Losorakel war Sache von Spezialisten. Der Laie sah nur die "Lose" und erfuhr das Ergebnis, z. B. die Zuteilung.

    • Gegenprobe:

      • Zur Deutung auf 'zerteilen' passt

        • κλῆρος klêros 'Los',

          • das Hofmann 148 mit air. clár 'Brett, Tafel' vergleicht

          • und Pokorny 545 zu kel- 'schlagen, hauen' stellt.

        • Das geht aber bei lat. sors 'Los' nicht,

          • nach Walde 727 mir lat. sero 'reihe, füge' erklärt, "indem in alter Zeit die Lose in Italien aufgereiht werden.

          • Dagegen erklärt Walde 702 sermo 'Rede' mit *śṷer- 'sprechen, reden' und vergleicht dazu osk. sverruneí 'dem Sprecher, Wortführer'.

      • Die Deutung als 'Orakel' passt für alle drei Vokabeln

      • und hat Vorteil, dass man beim Germanischen nicht mühsam der Einschub von ëʊ erklären muss.

      • Diese Erklärung hat auch den Vorteil, dass sie von der Normalstufe des Verbs auf -eu- ausgehen kann und nicht  von einem Verbalnomen auf -au- / -u-, das nur mühsam einem vgerm. Verb zugeordnet werden kann. Dann ist also das ablautende *ħleutan > ahd. hliozan 'Wahrzeichen deuten' wie zu erwarten, Primärverb. Ein abgeleitetes schwaches Verb hätte -jan, -ēn oder -ōn.

Erklärung

  • japhet. *clëʊ- 'zu Gehör bringen, hören'

    • vgerm. *cleudana > *ħleutan 'aufs Orakel hören'

      • deverbal ahd.

        • hlōz 'Schicksal, Anteil, Spruch, Stand'

        • hluz 'Anteil'

zurück

 

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Email:

Aktuell: 10.02.2019