Diskussion Luft

Befund

  • germ. *luftus, *luftis, *luftjan

    • got. luftus 'Luft'

    • anord.

      • lopt n. 'Luft, Luftraum Höhe; Luftloch, Öffnung; Obergemach, Bodenkammer; Söller, Balkon'

      • lypta 'emporheben, in Bewegung setzen, beginnen'

      • lypting f. 'erhöhtes Deck im Achterschiff'

    • aengl.

      • lofte 'in der Luft'

      • lyft f., m., n. 'Luft, Himmel, Wolke, Atmosphäre'

        • Scots lift 'Himmel', Verb 'aufnehmen, aufheben, tragen, sammeln, erheben, aufstehen, dienen zu, klauen'

        • engl. lift 'erheben, klauen, rückgängig machen, steigen'

    • mnl. locht, lucht 'Luft'

      • ndl.

        • lucht 'Luft, Himmel, Geruch'

        • luchten 'lüften'

    • and. luft 'Luft'

      • mnd.

        • lichten, luchten 'emporheben'

        • lucht f. 'das obere Stockwerk eines Hauses, Boden, Speicher

        • lucht f. 'Luft, Geruch, Duft'

        • luft f. 'Luft'

        • ndt. lucht, luft 'Luft'

    • ahd.

      • luft, luht 'Luft, Himmel'

        • mhd.

          • luft m., f. 'Luft'

          • lüften 'emporheben'

          • nhd.

            • Luft 'eine Gasmischung, leichter Wind, Atmosphäre, Spielraum'

            • lüften 'anheben'

            • schwäb. lupfen, lüpfen 'anheben'

            • lüften 'Luft hereinlassen, der Luft aussetzen'

  • dazu auch?

    • obd. lupfen, lüpfen 'emporheben', mit Konsonantenverschärfung wie bei schnaufen / Schnupfen
      vgl.
      Grimm (1885) 12,1310

  • nicht hierher?

    • ndt. Luv, ndl. loef, engl. luff, schwed. lov 'Windseite des Schiffes'

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 2,2122 f

    • Anm. 2. Bey dem Kero, Ottfried und Notker Luft, Lufte, im Dän. und Schwed. gleichfalls Luft, im Angels. Lyfe, im Isländ. Left, im Schottländ. Lift. Es ahmet ohne Zweifel den Schall einer gelinde bewegten Luft nach, und gehöret auch zu dem Geschlechte der Wörter leicht (wegen der Beweglichkeit) und locker, weil die Hauch- und Blaselaute sehr gern in einander übergehen. Es erhellet solches noch deutlicher aus dem Nieders. und Holländ. wo Lucht so wohl die Luft, als auch das Licht, und den ob or sticht. Im Oberdeutschen ist es sehr häufig männlichen Geschlechtes, der Luft. Im Bergbaue ist die Luft unter dem Nahmen der Wetter bekannt.

  • Grimm (1885) 12,1237

    •  beziehungen des wortes zu urverwandten sprachen sind bis jetzt nicht aufgestellt. da die in der alten sprache häufigste bedeutung von luft der zugwind ist, wie noch heute in mundarten, ags. lyft sogar so viel wie windsbraut, sturm heiszen kann: hû þät gestûn and se storm and seó stronge lyft brecað brâde gesceaft. crist 991; so darf man vielleicht daran denken, dasz luft aus der vorstellung des packenden oder ungestümen heraus sich entwickelt habe und dasz verwandtschaft zu sanskr. rabh-as ungestüm, gewalt, griech. λάβρος heftig, ungestüm, vorliege. kärnthnisch heiszt lüftig rasch, schnell Lexer 181; ebenso bairisch lüftig, liftig schnell, flink Schm. 1, 1452 Fromm.

  • Pokorny (1959/2002) 690 f

    • leup- und leub-, leubh- 'abschälen, entrinden, abbrechen, beschädigen'

      • ... unklar ist der Labial (b, bh oder p) in mir. luchtar 'Boot' (aus Rinde), ahd. lo(u)ft 'Rinde, Bast', aisl. lopt n. 'Zimmerdecke, Dachstube' und 'Luft' ('Himmel als obere Decke'), got. luftus f., ahd as. luft m. f., ags lyft m. f. n. 'Luft, Himmel', mnd. lucht 'Oberstock, Bodenraum'; ...

  • Pfeifer (1995 / 2005) 815

    • ... Die Herkunft ist ungewiß. Wenn man der vorgenannten Zusammenstellung der germ. Ausdrücke folgt und annimmt, daß die Bezeichnungen für 'Luft' und 'oberes Stockwerk, Dachstube' aus einer gemeinsamen Vorstufe hervorgegangen sind, dann darf eine ursprüngliche Bedeutung 'Bedeckung, Rinden- oder Schindeldach' vermutet werden, aus der sich Luft als 'nach oben abschließende Decke', gleichsam 'Dach der Welt', entwickelt haben könnte. Als Verwandte wären vergleichbar Laub, Laube und die unter Rotlauf (s. d.) genannten Formen ...

  • Online Etymology Dictionary

      lift (n.)
      late 15c., "act of lifting," from lift (v.). Meaning "act of helping" is 1630s; that of "cheering influence" is from 1861. Sense of "elevator" is from 1851; that of "upward force of an aircraft" is from 1902. Meaning "help given to a pedestrian by taking him into a vehicle" is from 1712.
      lift (v.)
      c.1200, from O.N. lypta "to raise," from P.Gmc. *luftijan (cf. M.L.G. lüchten, Du. lichten, Ger. lüften "to lift;" O.E. lyft "heaven, air," see loft). The meaning "steal" (as in shop-lift) is first recorded 1520s. Related: Lifted; lifting.

Diskussion

  • Es ist damit zu rechnen, dass Luft als Lehnübersetzung von griech. / lat. aër verbreitet wurde, ausgehend  vielleicht vom Bibelgotischen. Dort ist luftus = griech. ἀήρ aḗr:

    • 1Kor 9,26 der leere Raum, in den man schlägt, wenn man nicht trifft

    • Eph 2,2 der Bereich zwischen Himmel und Erde, in dem der Teufel waltet

    • 1Thess 4,17 der Bereich über der Erde, in dem die Wolken sind und durch den man zu Christus gelangt

  • Von daher ist die alte Bedeutung nicht 'Gas' oder 'Hauch', sondern 'Atmosphäre', der Raum zwischen Erde und Wolken bzw. sogar die höheren Regionen über unsern Köpfen.

    • Das wäre griech. τὰ μετέωρα tà metéōra 'hochgelegene Orte, Luft- und Himmelserscheinungen, überirdische Dinge'

  • Da bietet sich als Vergleich engl. heaven 'Himmel' an, das zu heben gehört.

    • Luf-tus ist ein Verbalnomen, dessen Grundwort im spät überlieferten lupfen nachklingt.

    • Dann wäre vgerm. *lüb- 'oben sein'

      • germ. *leupan 'oben sein'

        • Kausativum germ. *lupjan > obd. lupfen, lüpfen 'emporheben'

        • Verbalnomen *lup-tus > germ. luftus > Luft 'was über unsern Köpfen ist'

  • Alternativen:

    • Lat. lutra 'Fischotter' scheint zu umbr. utur 'Wasser' zu gehören mit unorganischem l, vielleicht *ʊ̟- missdeutet als *ł = [w]

      • So auch *lup- = *łup- < *ʊ̟p- = Präp. upo 'von unten heran'?

      so unwahrscheinlich wie die Erklärung von lutra, das auch zum Flussnamen Lauter gehören kann.

    • alb. lubí 'Sturm, siebenköpfiger Drache; luftón 'kämpfen', luftë 'Kampf'

      • luft- < kelt. lucht- = lat. luctari 'ringen', kommt also nicht in Frage

      Lubí und Luft könnten Anlautmutationen von τυφῶν typʰôn 'Wirbelsturm, mythisches Ungeheuer', deutsch Duft < japhet. *dʰeubʰ- sein.

      Das würde lubí erklären, aber nicht die nachgewiesenen Bedeutungen von Luft.

Erklärung

  • also doch besser: vgerm. *lüb- 'oben sein'

    • germ. *leupan 'oben sein'

      • Kausativum germ. *lupjan > obd. lupfen, lüpfen 'emporheben'

      • Verbalnomen *lup-tus > germ. luftus > Luft 'was über unsern Köpfen ist'

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 28.08.2021