Diskussion Mahr

Befund

  • Adelung (1793-1801) 3,33

    • Der Mahr, des -es, oder -en, plur. inus. eine besonders in den Niedersächsischen und mitternächtigen Gegenden üblich Benennung derjenigen nächtlichen Beschwerung, welche im Hochdeutschen unter dem Nahmen des Alpes am bekanntesten ist, S. dieses Wort, welche der große Haufe dort so wie hier einem bösartigen Geiste zuschreibt. Von dem Mahr oder Mahren geritten, oder gedrückt werden.

    • Anm. Im Nieders. Maar, Moor, Holländ. Nagtmerrie, Engl. Nightmare, Angels. Schwed. und Isländ. Mara, Böhm. Müra, Franz. Cauchemar, Chaucemar, der ersten Hälfte nach vermuthlich von calcare, treten.

    Grimm (1885) 12,1466

    • mahr, m. incubus, nachtgeist, alp;

    • mhd. mnd. mar, ags. mara, engl. mare in night-mare; auch als weiblich gedachtes wesen, altnord. ahd. mara, mnl. mare, niederd. mare und môr,

    • wie auch poln. mora, böhm. můra alp und abendschmetterling,

    • vgl. mythol. 433.

    • incubus mare, nachtmære, nachtmer Dief. 293b; lamia mar 316c; effaltes mare, ist ein trugnusse des menschen und kumpt von seinem plut, lebern und lungen wen im dʒ auf seinem herzen ligt. 205c; auch in zusammensetzung mit alp: procubus alpmor 462a; in zottiger gestalt: pilosi, incubi, monstri maere. alte glossen in Pfeiffers Germ. 1, 116;

  • germ.

    • anord. mara f. 'Mahr, Alp' 406

    • aengl. mare f. 'Alpdrücken, Ungetüm' 230

    • mnd.

      • mare, mâr m./f. 'Alp, die Menschen im Schlaf quälendes Gespenst' 219

      • nachtmâr 'Alp, der des Nachts die Menschen reitet' 240

    • mnl.

      • 12m" mare 'nächtlicher Spuk, nächtlicher Quälgeist' #

      • nachtsmare, nachtmere, nachtmeer, nachtmerie, nachtmerry (volksetymologisch auf Mähre gedeutet) #

        • ndl. nachtmerrie 'Albdrücken' 263

    • ahd. mara f. 'Mahr, Alb' 228

      • mhd.

        • mar m., mare f. 'quälendes Nachtgespenst' 1,2041

        • nachtmare 'incubus, incuba' 2,26

        • nhd. Mahr, Nachtmahr m. 'Gespenst, das schlechte Träume verursacht'

  • slaw.

    • osorb.

      • Mara 'Todesgöttin' 225

      • mór mora 'Pest' 247

    • tschech.

      • máry 'Totenbahre' 63

      • mor 'Pest, Seuche' 66

      • můra 'Albdrücken' 69

    • slowak.

      • mor 'Pest, Seuche' 67

      • můra 'Albrücken' 69

    • poln. mara 'Traumbild' 61

    • russ.

      • мара mará, aruss. 'Ekstase', neu 'Lockung, Träumerei, Vision; Art Hausgeist' 2,97

      • мари máry 'Totenbahre' 2,101

      • мор mor 'Pest, Seuche' 2,156

    • ukr. 74

      • мара mará 'Gespenst'

      • мари máry 'Totenbahre'

    • slowen. môra 'Albdrücken' 69

    • kroat. nọcnā mọra 'Albtraum' 76

    • serb. мора mòra 'Albtraum' 99

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 3,33

    • Weil diese Beschwerung eine würgende, erstickende Empfindung verursacht, so scheinet dieses Wort zu Mord, morden, würgen zu gehören.

      • siehe unten móros 'Tod'

    • Die Araber sollen sie um eben deßwillen Albedilon und Alcraton nennen, von ähnlichen Stammwörtern, welche würgen bedeuten.

    • Im Bretagnischen ist Mor ein kurzer, oft unterbrochener Schlaf, und mori auf solche Art schlafen.

      • bret. CornBret 235

        • morc'hed 'Beklemmung, Bangigkeit; Reue, Gewissensbisse, Pl. Skrupel, Bedenken'

        • mored 'Schäfrigkeit', moriñ 'schlummern, dösen'

  • GrimmM (1835 / 1981) 2,1041

    • zitiert einen Text, in dem von gespenstischen Pferden die Rede ist, die von nymphae (matres deae, mairae) [Feen (Muttergöttinen, mairae)] geritten werden

    • "Aus diesem maira nocturna [nächtliche maira], sei es nun mit matrona [Dame, Göttin]... oder gar μοῖρα [moîra 'Schicksalsgöttin] verwandt, möchte man wohl den namen nachtmar, engl. nightmare leiten,

    • läge uns eine andere deutung nicht noch näher": (zu Mähre)

      • bezieht sich auf den Glauben, dass der Mahr auch die Pferde quält (wohl aus der Ähnlichkeit von Mahr / Mähre erschlossen)

      • also Zirkelschluss bei Grimm

      • Da ahd. marah 'Pferd' = kelt. marcos, kommt es nicht in Frage.

  • etymologiebank.nl

    • zitiert E.H. Meyer, Mythologie der Germanen (Straßburg, 1903)

      • Trotz einer lautgesetzlichen Schwierigkeit wird das vielgestaltige Wort wohl auf althochdeutsches marren, hemmen, hindern, altnordisch merja, pressen, zurückgehen und die Presserin bedeuten.

        • Das ndl. nachtmerrie legt diesen Gedanken nahe.

    • J. de Vries (1971), Nederlands Etymologisch Woordenboek

      • ... Men verbindt het woord gewoonlijk met de idg. wt. *mer- ‘stukwrijven; pakken, roven’, waarvoor zie: murw. Indien Güntert, Kalypso 1919, 69 eerder aan verband met de groep van moord denkt, dan is dit formeel wel te verdedigen, daar de wt. *mer ‘sterven’ wel identiek zal zijn aan *mer ‘stukwrijven’; maar het is minder waarschijnlijk, dat de maar tot de ‘doodsdemonen’ zou moeten worden gerekend; eerder is het een kwel- of drukgeest, evenals de incubus. — Uit het germ, is nog fra. cauchemar ontleend, waarin het 1ste lid afkomstig is van lat. calcare ‘trappen, drukken’ (Valkhoff 87).

      • Man verbindet das Wort in der Regel mit der idg. Wurzel *mer- 'aufreiben, packen rauben', ... Wenn Güntert, Kalypso 1919, 69 eher an einen Zusammenhang mit Mord denkt, dann lässt sich das formal gut begründen, da die Wur zel *mer 'sterben' wohl identisch ist mit *mer 'aufreiben'; aber es ist weniger wahrscheinlich ist, dass der Mahr zu den Todesdämonen gehören soll. Er ist eher ein Quäl- und Druckgeist, wie der Incubus. ...

         

  • Pokorny (1959/2002) 736

    • 5. mer-, merə- 'aufreiben, reiben' und 'packen, rauben'

      • morā f. 'Alp': air. mor-Ⓡīgain 'lamia', eigentlich 'Alpkönigin' (mōrrīgain angelehnt an mōr 'groß'), aisl. mara, ahd. mara, ags. mare (nhd. Mahr, Nachtmahr m.) 'übernatürliches weibliches Wesen, das sich in der Nacht den Schlafenden auf die Brust setzt', skr.-ksl. mora 'Hexe', klr. mora 'Alp, Drude, Nachtmännchen' usw.

        • >< willkürliche Zuordnung. Der Mahr "reibt" nicht, sondern reitet oder drückt

  • Kluge 2002 Mahr

    • "Alp(traum)" (9. Jh.), mhd. mar(e) m./f., ahd. mara f Stammwort. Aus g. *marō(n) f. "(Nacht)Mahr", auch in anord. mara, ae. mære, mare. In den verwandten Sprachen erscheint air. mor-rígain (Name einer Schlacht- und Leichendämonin, zweiter Bestandteil "Königin"), russ. kikímora f. "Gespenst, das nachts spinnt", in den übrigen slavischen Sprachen z.B. ukr. móra f. "Alp(traum)". Frz. cauchemar m. hat seinen zweiten Bestandteil aus dem Germanischen entlehnt. Alles weitere ist unklar.

  • The Morrígan - Wikipedia, the free encyclopedia (05.02.2014)

    • There is some disagreement over the meaning of the Morrígan's name. Mor may derive from an Indo-European root connoting terror or monstrousness, cognate with the Old English maere (which survives in the modern English word "nightmare") and the Scandinavian mara and the Old Russian "mara" ("nightmare"); while rígan translates as 'queen'. This can be reconstructed in Proto-Celtic as *Moro-rīganī-s. Accordingly, Morrígan is often translated as "Phantom Queen". This is the derivation generally favoured in current scholarship.

    • In the Middle Irish period the name is often spelled Mórrígan with a lengthening diacritic over the 'o', seemingly intended to mean "Great Queen" (Old Irish mór, 'great'; this would derive from a hypothetical Proto-Celtic *Māra Rīganī-s). Whitley Stokes believed this latter spelling was due to a false etymology popular at the time.

    • There have also been attempts by modern writers to link the Morrígan with the Welsh literary figure Morgan le Fay from Arthurian romance, in whose name 'mor' may derive from a Welsh word for 'sea', but the names are derived from different cultures and branches of the Celtic linguistic tree.

    • = Es besteht eine gewisse Uneinigkeit über die Bedeutung des Namens Morrígan. Mor kann kommen von einer idg. Wurzel mit der Bedeutung 'Schrecken, Furchtbarkeit, verwandt mit aengl. maere (die nengl. "nightmare") und ngerm. mara und aruss. "mara" ("Albtraum"); rigan "Königin" Dies kann rekonstruiert werden als akelt. *Moro-Rigani-s . Dementsprechend wird Morrígan oft übersetzt als "Gespensterkönigin". Diese Deutung wird in der heutigen Forschung bevorzugt.

      • >< Man kann nicht aus einem Gespensternamen eine Bedeutung rekonstruieren, die nicht durch vergleichbare Vokabeln gedeckt ist.

    • In der mir. Zeit wird der Name oft Mórrigan geschrieben mit langem o, wahrscheinlich als 'Große Königin' zu verstehen (air. mór "groß", das wäre akelt.* Māra Rigani-s ). Whitley Stokes glaubte dass letztere Schreibung wegen der falschen Etymologie zu dieser Zeit beliebt war.

      • mór 'groß' kommt wegen der Vokallänge definitiv nicht in Frage.

    • Es gab auch Versuche moderner Autoren, die Morrígan verknüpfen mit der cymr. Fee Morgan  aus dem Artusroman. Hier kann "mor" vom cymr. für "Meer" stammen, aber diese Namen kommen aus verschiedenen Kulturen und Zweigen des Keltischen.

Diskussion

  • Mahr ist ein germ. Wort mit eindeutigen Parallelen nur im Slawischen mit der bekannten Gleichung germ. a = slaw. o.

  • Morrígan enthält zwar auch diese Silbe, muss aber zunächst außen vor bleiben.

  • Analyse der slawischen Formen:

    • Nach Bräuer 1,75 sind entstanden

      • mara < mārā / mōrā

      • máry < f. Pl. mār-āns / *mōr-āns (2.1,106)

      • mor < mar / mor

    • 1,110 d: Nach Schwund von ъ (ŭ) wurde das ŏ der vorausgehenden Silbe durch Ersatzdehnung > ō (> uo > ů [u:])

      • Můra, môra ist also wohl moviert < *mŏrŭ

      • Kann man auch mara < mārā / mōrā als Movierung mit Dehnung verstehen (wie idg- *kano 'Hahn' > kānom 'Huhn)?'

  • Welche Erklärungsmöglichkeiten bieten sich bei Pokorny?

    • 1. mer- 'flechten, binden, Schnur, Masche, Schlinge' (733)

      • semantisch und phonetisch unbefriedigend

    • 2. mer- 'flimmern, funkeln' (733 f)

      • dazu russ. mórok 'Finsternis, Nebel, Gewölk; mérek 'Phantasieren, Erscheinung; böser Geist'

      • Bedeutung 'Geist' bezeugt

      • 'Flimmern' könnte auch eine Verbindung zu Alb 'der Weiße' herstellen.

    • 3. (mer-). mor(u-) 'schwärzen, dunkle Farbe, Schmutzfleck' (734)

      • nichts Passendes

    • 4. mer-, merə- 'sterben' (= 5. mer- aufgerieben werden, 735)

      • móro-s 'Tod' in ai. mara- 'Tod, lit. mãras 'Pest', aksl. morъ d[as]s[elbe].

      • könnte dann ein Erbwort sein, das im Slaw. die Bedeutung verschob und im Germ. nicht nachweisbar ist.

      • Mahr ließe sich verstehen als personifizierte Todesangst.

    • 5. mer-, merə- 'aufreiben, reiben' und 'packen, rauben' (735 ff)

      • semantisch unbefriedigend und keine vergleichbare Vokabel

    • 6. mer-, mer-s 'stören, ärgern, vernachlässigen, vergessen' (737 f)

      • semantisch und phonetisch unbefriedigend

    • mori, mōri 'Meer' (748)

      • phonetisch passend, semantisch fragwürdig.

      • War der Mahr ein Wassergeist?

    • mormo(ro)- 'Grausen, grausig, bes. von Gespensterfurcht? (749)

      • nur griech. und lat.

      • offensichtlich eine Weiterbildung - aus moros 'Tod'?

    • (s)mer- 'gedenken, sich erinnern, sorgen' (969)

      • kommt wegen der abweichenden Formen und Bedeutungen kaum in Frage.

    nähere Auswahl:

    • 2. mer- 'flimmern, funkeln' (733 f)

      • dazu russ. mórok 'Finsternis, Nebel, Gewölk; mérek 'Phantasieren, Erscheinung; böser Geist'

    • 4. mer-, merə- 'sterben' (= 5. mer- aufgerieben werden, 735)

      • móro-s 'Tod' in ai. mara- 'Tod, lit. mãras 'Pest', aksl. morъ d[as]s[elbe].

    Diskussion:

    • 2. Phonetisch unwahrscheinlich.

    • 4. *Móros, aslaw. моръ mórŭ wäre germ. *maraż, exakt die Grundform von Mahr mit passabler Bedeutung.

      • Druck auf der Brust und das Gefühl, dass jemand auf einem sitzen würde, kann Zeichen eines Herzinfarktes sein (Myokardinfarkt – Wikipedia), der oft zum Tod führt.

  • Der ursprüngliche Charakter der irischen Göttin Morrígain lässt sich aus den überlieferten Mythen (Wikipedia engl.) kaum noch erkennen:

    • Sie tritt wie die keltischen Matronae in Dreifaltigkeit auf.

    • Sie erscheint als junge und als alte Frau.

    • Sie hat auch ein zwiespältiges Wesen und verkörpert wie die mesopotamische Ischtar Liebe und Tod.

    • Die indische Kali ist "schwarz". Vielleicht kann man Morrígain als 'schwarze Königin' verstehen (zu 3. mer' schwärzen, dunkle Farbe, Schmutzfleck, Pokorny 734)

    • Liebe und Tod könnten auch die zwei Erscheinungsformen jung und alt verständlich machen.

Erklärung

  • Es lassen sich alle Formen als Ableitungen von 4. mer- 'sterben' erklären.

  • Die slaw. Wörter für 'Albtraum' mit der unregelmäßigen Dehnung stammen aus dem Deutschen.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019