Diskussion Mütze

Befund

  • mlat.

    • almucium 'Pelzumhang der Geistlichen, bedeckte Kopf und Schultern' Niermeyer 35

    • almutia, almutium = caputium Hab-Gr 13

      • caputium 'Öffnung in einem Mantel, durch die der Kopf gesteckt wird. Koller, Kragen, Kapuze' Hab-Gr 49

    • Dief 25 wichtigste Nebenformen:

      • almucium, -tium, -tia

      • amucius, -tia

      • armucia, -ossa

  • mhd.

    • almuz (keine Textbelege)

      • chorkappe d. geistlichen Lexer 1,41

    • armuz, aremuz (2 Textbelege)

      • eine kopfbedeckung BMZ 1,61a

        • ein vehez aremuz ûf sînem hâr = ein aremuz aus Feh auf seinem Haar

      • eine kopfbedeckung Lexer 1,95

    • mütze, mutze  (keine Textbelege)

      • ursprünglich eine kopfbedeckung der geistlichen, bald auch der laien. BMZ 2,280b

      • mütze Lexer 1,2260

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 3,351

    • ... Nicht, wie Frisch will, von dem folgenden mutzen, stutzen, weil die Mützen aus den abgestutzten Kappen an den Kleidern entstanden wären, welcher Ursprung selbst schon unerweislich und unwahrscheinlich ist, sondern mit dem Lat. Mitra und Griech. μιτρα aus Einer Quelle, nehmlich zunächst von dem alten Zeitworte muzen, bedecken, bekleiden, welches schon bey dem Notker vorkommt, und bey den ältern Franzosen musser lautet, so wie im Angels. mithan bedecken, verbergen ist.
  • Diez (1897-89 / 1969) 14

    • Almusa pr., fr. aumusse, altfr. aumuce (daher mndl. almutse, amutze). sp. almucio ... pg. mursa; dimin. pg. almucela, altpg. almucella, almocella, sp. almocela...

    • Der arab. sprache gehören sie nicht, wenn sie auch, wie viele andere, zum theil den arab. artikel an sich gezogen haben: sie sind offenbar identisch mit unserm mütze, ndl. mutse, das man aus dem vb. mutzen (abstutzen) erklärt.

    • Vgl. unten mozzo.

      • 218 mozzo it... stumpf, verstümmelt; vom ndl. mots, schwz. mutz abgestutzt, ndl. motsen, mutsen abstutzen, nhd. mutzen...

      <> Ndl. mots ist wegen des ts kaum ursprünglich.

  • Grimm 12,2839 (1885)

    • das mittellatein. almucium, almucia, aumucia, mit nebenformen armutia, amicia, und dem dim. almucella bezeichnete eine geistliche kopftracht, die zugleich die schultern mit bedeckte, und wird seit dem 11. jahrh. in spanischen, italiänischen und französischen quellen erwähnt...

    • der name hat arabischen klang, und sein frühes vorkommen in Spanien könnte auf solche herkunft deuten; doch wird sie bezweifelt (Diez wb. der roman. spr. 1, 17).

    • im deutschen kommt das wort vor als neutr. almutz, aremutz, seit nachweisbar dem 13. jahrh., als tracht der geistlichen wie auch modischer leute: mitra, almucz Dief. nov. gloss. 254b;

  • Pfeifer (1995 / 2005) 903 f

    • Die weitere Herkunft ... ist ungewiß.

    • Knobloch in Diachtronica 2 (1985) 263... ein germ Wort... eine Art 'verkürzter Umhang, Überwurf' ... [zu] dt. mutzen 'beschneiden, kürzen, stutzen'... Die zuerst im Mlat. auftretende Vorsilbe al- entspreche dem lat. ad-, sodass mlat. almucium als 'Zugeschnittenes zu erklären wäre.

      • Meyer-lübke hat von 173a-187 nur einen Fall, wo lat. adm- > alm- geworden ist: 182 *admordium 'Frühstück' > Sp. almuerzo, pg. almoço. Häufiger ist > arm-

      • Aber hätte ein Lateiner *admutium gesagt, das doch wohl eher das 'Drangeschnittene' wäre? Vom Deutschen her gedacht.

      • Sehr zweifelhaft.

  • Kluge 2002

    • Mütze ... (14. Jh., Form 15. Jh.), mhd. mutze, mütze, mhd. almutz, mndd. mutze, musse, mndd. malmuse, mndl. muts(e), mutsche, muts, älter auch mhd. almutz, mndl. a(l)mutse u.ä. Entlehnung. Älter auch mhd. almutz, mndd. malmuse, mndl. a(l)mutse u.ä. Entlehnt aus ml. almucia, das eine Art Kapuze bezeichnet. Vermutlich als "abgeschnittenes, kurzes Kleidungsstück" zu früh-rom. *muttius "abgeschnitten", geminiertes Kurzwort zu l. mutilus "verstümmelt" (u.ä.). Im Gegensatz zu der Entwicklung in der Hochsprache bedeutet obd. Mutze in der Regel "Wams, Jacke".
      Ebenso nndl. muts, nschw. mössa.

Diskussion

  • Mutzen 'beschneiden' kann auch roman. / lat. sein (mutilare).

  • Ahd. muzen 'bekleiden' gibt es nicht, KöblerA 241 hat nur mūzi-giwāt(i) 'Umziehkleid, Wechselkleid'

  • Mitra kommt nicht in Frage.

  • Alle diese Deutungen ignorieren das al- und kommen deswegen nicht in Frage.

  • Knoblochs Ableitung von lat. ad-m- nimmt das al- wenigstens ernst.

  • Es könnte auch der Stamm *alm- oder *arm- sein.

    • Zu Hermelin (Meyer-lübke 656 log. gall. arminu 'Hermelin, den die Geistlichen im Winter tragen'), germ. Stamm *harm-.

      • Die Deutung lat. *armenius als 'armenisch' ist sachlich unzutreffend, da das Pelztier, das Große Wiesel, in ganz Eurasien lebt. Ich habe es mit seinem weißen Winterpelz selbst gesehen. Frz. hermine ist mit seinem h- deutlich eine Weiterbildung aus dem germ. Wort mit der Bedeutung 'Hermelinpelz'.

      • Ein lat. mus Armenius konnte ich nicht nachweisen, das ist wahrscheinlich ein Zirkelschluss der Etymologen: Man versuchte den Namen des Großen Wiesels als "Armenius" zu erklären und beruft sich seitdem auf ein lat. mus Armenius, dass es womöglich gar nicht gab.

      • Die katholische almutia war aber mit Eichhörnchenpelz besetzt. Diesen nennen wir heute Feh. Die mhd. "vehez aremuz" BMZ 1,61 scheint schon darauf hinzudeuten, sie war nicht einfach 'bunt' (so die Grundbedeutung), sondern mit Feh besetzt. Der Pelz stammt aus Nordeuropa (oder Osteuropa) und wurde über den Vorderen Orient in die Mittelmeerländer exportiert. Petit-gris (écureuil) - Wikipédia

      • Man hat offenbar Hermelin und Feh früh verwechselt: Stieler 1,830 übersetzt hermlein ('Hermelin') mit 'mus Moscoviticus / Sarmaticus (Moskauer, sarmatische Maus), mustela Scythica (skythisches Wiesel), aliàs Veh. Man bezog also die Felle beider Tiere aus dem Osthandel und fing sie nicht mehr selbst.

    • Die Anfügung -utium auch in cucutium 'Art cucullus' (Georges 1,1785), könnte auch hier eine Analogiebildung zu caput-ium sein bei ähnlichen Kleidungsstücken (Kapuze, die auch die Schultern bedeckt)

    • Bei Mhd. habe ich den Eindruck, dass armuz die reguläre Form ist.

  • Man darf al-, ar- nicht ignorieren, muss aber auf erklären, warum die erste Silbe geschwunden ist:

    • Die mit einem Vokal anlautende erste unbetonte Silbe kann schwinden:

Erklärungein vehez aremuz

  • zu Hermelin und Analogiebildung zu caputium.

zurück

 

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Email:

Aktuell: 10.02.2019