Diskussion nüchtern

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • ahd. 9° nuohtarn, -urn 'mit leerem Magen' 249

    • mhd. nüehtern 'mit leeren Magen; nicht trunken; nicht dem Trunk ergeben; was des Morgens genossen wird' 2,1118

      • nhd. nüchtern 'ungegessen, ungetrunken; ohne Promille; besonnen, nicht schwärmerisch, sachlich'

Theorien

  • Forschungsgeschichte: Grimm (1889) 13,968f

    • 3) die versuche, das wort etymologisch zu erklären, beginnen mit Stieler (1323), der es von nächten ableitet ('ieiunus, qualis nimirum quis est mane, post noctem elapsam'), zur erklärung des ü-lautes aber das mnl. nuchte, nuchtens (Kil. 340b) beizieht, das er mit nächten zu identificieren scheint;

    • auf diese Stielersche geht auch die Adelungsche etymologie des wortes zurück (vergl. W. v. Humboldt 3, 209, wo nüchtern geradezu von nacht hergeleitet wird).

    • Steinbach 2, 123 setzt eine form nicht für nacht an (wol nach engl. night, ags. nyht) und läszt nichtern (wie er schreibt) davon abgeleitet sein.

    • Frisch 2, 23a nimmt entlehnung aus lat. nocturnus an ('nüchtern kommt vom lat. nocturnus von der mönchen andacht, die zu nacht und im winter, da es noch nacht ist, in die kirche gehen, da sie zuvor nichts gegessen noch getrunken'), was auch gramm. 2, 338. Weigand 2, 243 u. a. für möglich oder wahrscheinlich gehalten wird.

      • darnach müszte man aber ahd. nohturn (nicht nuohturn) erwarten, womit in Notkers ps. 76, 5 in der that das lat. nocturnus glossiert wird: die wachun (vigilias) heiʒʒen wir nu nocturnas, darüber nohturnâ. da aber lat. nocturnus und das daraus entlehnte ahd. nohturn nur 'nächtlich' bedeutet,

    • so nimmt Wackernagel im altd. handwb. 217a bezugnahme auf uohta (s. 4) an, um nohturn mit nuehternîn zu vermitteln und laut und bedeutung des letztern zu erklären (vergl. die Stielersche erklärung).

  • Stieler (1691/ 1968) 2,1323

    • Nüchtern / adj. & adverb. jejunus, à Nächten/ qualis nimirum qvis est mane, post noctem elapsam: Belgis enim Nuchte/ & Nuchtens est manè, matutinò tempore, Westphalis etiam Uchten/ & Uchtenwerk / maturinus labor est. Sed Nüchtern/ metonym. est abstinens, continens, moderatus, temperans.

    • = Nüchtern, Adjektiv und Adverb, 'mit leerem Magen', von Nächten, wie man ja morgens beim  Aufstehen ist. Ndl. nuhten, nuchtens ist nämlich 'morgens, zur Morgenzeit', wfäl. auch uchten, und uchtenwerk ist 'Arbeit am Morgen'. Im übertragenen Sinn ist nüchtern 'enthaltsam, gemäßigt'.

  • Adelung (1793-1801) 3,536

    • Anm. Schon bey dem Notker in der ersten Bedeutung nuchtarnin, im Schwabenspiegel ohne n am Ende nuhter, in einem alten Vocabulario aus dem 15ten Jahrhunderte nucther, im Nieders. nogtern, im Schwed. nyckter.

    • Frisch leitet es von dem Latein. nocturnus her;

      • Johann Leonhard Frisch 1666-1743 Grimm 33,273

    • aber warum nicht lieber von dem Deutschen Nacht, oder vielmehr von dem noch jetzt Holländ. und Nieders. Nucht, Ucht, die frühe Morgenzeit?

    • Die Sylbe -er ist eine sehr gewöhnliche Ableitungssylbe, welche in vielen Fällen ein n nachschleichen lässet, wie in albern, eisern, ehern, ströhern u.s.f. Nüchtern hat also eigentlich morgendlich bedeutet, und figürlich, des Morgens noch ungegessen.

    • Bey dem Notker kommt nohturna wirklich noch für nächtlich vor. Die Angelsachsen umschrieben diesen Begriff, und nannten einen noch nüchternen Menschen onnihtnestig, von on, nicht, niht, frühe, und nest, Speise, Nahrung, und Ihre zu Folge, ist das Schwed. nyckter und unser nüchtern eine bloße Zusammenziehung dieses Ausdruckes. ...

  • Grimm (1889) 13,969

    • versucht nüchtern durch falsche Abtrennung von ahd. *en uohta 'früh am Morgen' zu erklären.

  •  Kluge 2002

    • nüchtern (11. Jh.), mhd. nüehter(n), ahd. nuohturn, mndd. nuchtern, nochtern, mndl. nucht(e)ren, nuechteren u.ä.

    • Das Wort ist zunächst ein Wort der Klöster, und deshalb liegt die Annahme nahe, es sei aus l. nocturnus "nächtlich" entlehnt. Dem widerspricht allerdings der Langvokal;

    • außerdem ist gr. nephō "ich bin nüchtern", arm. nawt‘i "nüchtern" möglicherweise auf (ig.) *nāgʷh-t- zurückzuführen, das dem deutschen Wort lautlich genau entsprechen könnte.

    • Es ist deshalb nicht auszuschließen, daß ein Erbwort sekundär an l. nocturnus angeglichen wurde...

  • TH 21.01.2015

    • zu idg. *nāğʰ- 'nüchtern' 754

    • aarm. նաւթի naʊtʰi 'hungrig, nüchtern' 200

    • griech. 1104

      • νήφειν nḗpʰein 'nüchtern sein / leben, keinen Wein trinken; mäßig, vorsichtig, besonnen sein'

    • wegen des ahd. uo und der abweichenden Bedeutung nicht zu lat nocturnus 'nächtlich' < nox.

      • Nocturnus 'nüchtern' ist im Mlat. nicht nachzuweisen. Bei Dief 382 nur 'nächtlich', bei Niermeyer 219 f nur in Bezug auf das liturgische Nachtgebet und den nächtlichen Fischfang.

Diskussion

  • Es kommt weder nocturnus 'nächtlich' noch uohta 'früher Morgen' infrage.

  • Pokorny 754 führt nur arm. naut‘i 'nüchtern' und griech. νήφω [nḗpʰō] 'bin nüchtern' an, nicht nüchtern. Das ist für die Rekonstruktion einer Wurzel nicht ausreichend. Es ist auch nicht zu erkennen, wie er auf nāgh- kommt.

  • Eher sollte man griech. νήφειν nḗpʰein 'nüchtern sein' mit νῆστις nêstis 'nüchtern' verbinden:

    • griech. Hofmann (1966) 218 griech. νῆστις nêstis 'nüchtern' s.

      • 217 νη-, dor. νᾱ- (nē- / nā-): ... = lat. ne... 'nicht'

      • 69 ἔδω édō... 'esse'

      also *ne-ẖedtis 'nicht gegessen'

    • Νήφειν nḗpʰein 'nicht getrunken haben' lässt sich aber nicht daran anschließen, wohl aber als *ne... 'nicht' an lat. LS 364.1063 ēbrius 'betrunken' :: sōbrius 'nicht betrunken'

      • Walde-Hofmann (1938) 387f: keine überzeugende Etymologie

      • ēbrius < *eḫbrios < *eḫb- < *ḫëba 'Wasser'

      • nḗpʰein < *ne-eḫb-; Aspiration als Nachklang von ḫ

      • ahd. nuohtarn < *nāħtra- > *ne-ḫaćtós < *ḫać- 'essen' Pokorny  18

Erklärung

  • ahd. nuohtarn < *nāħtra- > *ne-actós < *ac- 'essen' (Pokorny  18)

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019