Diskussion Pferd

Befund | Theorien | Diskussion | Klärung | Erklärung

Befund

  • lat.

    • reda 'vierrädriger Reisewagen für mehrere Personen' 519f

    • veredarius 519f

      • Ein Regierungsbote, der die Staatsdepeschen in einem leichten mit raschen Pferden bespannten Wagen überbrachte (veredi), für die an den Hauptstraßen Relais angebracht waren (Sidon. Ep. V.7; Festus s. v. Veredus; Suet. August. 49. Einen solchen Courier stellt wahrscheinlich vorstehende Abbildung dar, nach einem Basrelief an dem Monumente zu Igel.

      Dasselbe Fahrzeug ist 154 als cisium abgebildet.

    • veredus 'Pferd'

    • nkelt.

      • cymr. go-rwydd [-ui] Pferd, Renner, Zelter 207

      • gael. fo-rth-an Gestüt 167

      • Manx fo-raad unterwegs 76

    • lat. 3a paraveredus 'Beipferd, das Gepäck trug'

      • > mgriech. 5a" βεραιδος veraidos 'Zugpferd'

      • roman. 6231 'Zelter'
        mit Dissimilation r-r > l-r

        • afrz. palefroi, -freid 'Verstärkungspferd, Marschpferd, Paradepferd' 467

          • frz. palefroi 'Paradepferd, Zelter' 643

            • > engl. palfrey 'Zelter'

        • prov. palafrén 'Zelter' 274

        • kat. palafré 'Zelter'

        • it. palafreno 'Zelter'

        • span. palafrén 'Zelter'

        • port. palafrem 'Zelter'

      • sgerm.

        • mnl. 12" peret 'Pferd'

          • ndl. paard 'Pferd'

        • mnd. pert 'Pferd, Hengst' 274

        • ahd. (7a") pharafrid, parfrit, pherfrit, pereth 'Pferd'

          • mhd. phert 'Reitpferd'
            pfert ist der regel nach immer das reitpferd, das streitross dagegen ros oder ors.

            • nhd. Pferd 'Equus caballus'

Theorien

  • DWB (1889) PFERD, n. equus.         I.Formen und herkunft.

    • 1) ahd. parafrid, parevrit, parefret, parfrit und (seit dem10.jahrh.) verschoben pherfrit, pferfrit .... mhd. phert, pfert mit älteren nebenformen pferift, pferft, pferht, pfærit, pferit, pferet ...; nhd. pferd (in oberd. mundarten dafür lieber ross oder gaul), im 15. jahrh. auch noch pfärid...; ohne Umlaut pfard; oberpf. pfard und apokopiert

    • 2)das wort ist wahrscheinlich im 8. jahrh. entlehnt aus dem frühmlat. mischworte paraveredus, parafredus, parafridus (zusammengesetzt aus griech. παρά neben und mlat. veredus pferd, das sich im cymr. gorwydd wieder findet, welches einheimisch aber auch ein frühes lehnwort sein kann, ...; auf die mlat. nebenformen palafredus, palafridus und (umgedeutet auf frenum) palafrenus ... gehen zurück die romanischen formen portug. palafrei, franz. palefroi, span. palafren, ital. palafreno, der zelter.

  • Holder (1896/1961)

    • 3,206 vĕ-rēd-os, m. ein cisalpinisches wort, ein an einer rēda gehendes pferd, ein jagd-, post- courrierpferd; nach Ernault gebildet mit präfix ṷĕ-, vĕ-, en bas...; nach Brugmann und Stokes ṷĕ-, vĕ- weg von, ai. va, ava...

      • aind. अव áva ab, herab

    • 2,929

    • pără-vĕrēdus, hybrides compositum (halb griechisch, halb celtisch) aus griech. praepos. παρά [pará], cf. πάριππος [párippos], und *vŏ-rēd-os, lat. vĕrēdos beipferd, zelter. in der spätlateinischen postsprache neben dem pferde des courriers und dem des postillons das dritte pferd, welches das felleisen zu tragen hatte.

  • Kluge (1894) 283

  • LewPed (1937) 10

    • Ir. riad- 'ride', 3 sg. pres. rét, dé-riad 'two-wheeled chariot' G. rēda 'cart' W. gorwydd 'horse' G. para-uerēdus 'spare horse', ... OHG. ritan 'to ride' ...

    • = Ir. riad- 'fahren', 3 Sg. Präs. rét, dériad 'zweirädriger Streitwagen'; gall. rēda 'Karren'; cymr. gorwydd 'Pferd'; gall. para-uerēdus 'Ersatzpferd', ... ahd. ritan 'reiten' ...

  • Pokorny (1959/2002)

    • reidh- 'fahren, in Bewegung sein'

      • ... gall. rēda vierrädriger Reisewagen'; ir. dē-riad Zweigespann' (idg. *reidhā); aisl. reið f. Reiten, Reiterschar, Wagen', and. brande-rēda Brandbock'; ags. rād f. Reiten, Zug, Reise; Musik'; engl. road Weg'; ahd. reita, mhd. reite Wagen, Kriegszug, kriegerischer Anfall' (germ. *raidō, idg. *roidhā);

        • falsch, richtige ist *raidha-

        • vgl. hierzu gall. rēdārius Lenker einer rēda'; ON Еро-rēdia, PN Epo-rēdo-rīx; cymr. ebrwydd schnell' (*epo-rēdi-);

      • reidhi- ... acymr. ruid, ncymr. rhwydd leicht, frei';... lett. raids bereit'.

      • reidho- in ir. rīad Fahren, Reiten'; cymr. gorŵydd Pferd'; mlat.-gall. ve-rēdus, para-ve-rēdus (aus *vo-rēdos) Beipferd'...

      • zu reidh- auch das Abstraktsuffix cymr. -rwydd m.: air. Kollektivsuffix -rad in air. ech-rad f. Pferde' (*ek̂u̯o-reidhā);

    • upo, up, eup, (e)up-s- 'unten an etwas heran'

      • ... Präverb und im Kompositum gall. vo- (Voretus u. dgl.), ve- (gr.-kelt.-lat. parave-rēdus 'Extrapostpferd', woraus nhd. Pferd);

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • entlehnt aus spätlat. paraverēdus ‘Postpferd für besondere Fälle, Extrapostpferd’, eigentlich ‘Nebenpferd’, einer Bildung zu gall.-lat. verēdus ‘Post-, Kurier-, Jagdpferd’. Das Kompositum ist wahrscheinlich dem gleichbed. griech. párippos (πάριππος), aus παρα- ‘neben, bei’ (s. ↗para-) und ἵππος ‘Pferd’, nachgebildet. Gall.-lat. verēdus ist, wie entsprechend gebildetes kymr. gorwydd ‘Pferd’, eine präfigierte kelt. Bildung zu dem unter ↗reiten (s. d.) behandelten Ansatz ie. *reidh-, vgl. gall.-lat. rēda ‘vierrädriger Reis

    • ewagen’.

  • TH 02.11.2020 zu ve- 'unter'

    • Erklären lässt sich das zur Not mit der Deichsel. Beim alten Ochsengespann lag das Joch auf dem Nacken der Tiere und daran war die Deichsel befestigt. Wie der veredos angeschirrt war, weiß ich nicht. Der Streitwagen Tutanchamuns war eher mit Riemen mit den Pferden verbunden, ohne Nackenjoch.

      • wie bei griech. ὑποζúγιον hypo-zýgion 'unterm Joch > Zug-, Lasttier' 1707

Diskussion

  • Übersicht

    • Holder

      • nach Ernault gebildet mit präfix ṷĕ-, vĕ-, en bas...; nach Brugmann und Stokes ṷĕ-, vĕ- weg von, ai. va, ava...

        • = aind. अव áva ab, herab

      • veredos, m. ein cisalpinisches wort, ein an einer rēda gehendes pferd

      • in der spätlateinischen postsprache neben dem pferde des courriers und dem des postillons das dritte pferd, welches das felleisen zu tragen hatte.

        • cisalpinisch = aus dem keltischen Norditalien

          • Für Post oder Kurier habe ich einen einzigen Hinweis gefunden, im Codex Theodosianus, den man wohl nicht verallgemeinern kann.

        • Holder scheint sich am alten deutschen Postwesen zu orientieren, wo ein Postreiter das verschlossene Felleisen mit Einzelsendungen von einer Station an die andere brachte. Er hieß teils Postknecht, teils Postillon (beritten!). Der Kurier begleitete dagegen Personen.

          • Das Felleisen war ein verschlossener Behälter, der hinter dem Reiter auf dem Pferd lag. Ein besonderes Saumpferd scheint nicht nötig gewesen zu sein.

        • Die römische Post (cursus publicus) beförderte Güter und Personen, d. h. mit Fahrzeugen. Seit dem 4. Jh. gab's auch einen cursus velox , der wohl hauptsächlich aus Reitern bestand. Diese könnten für kleinere Sendungen und ihr Gepäck ein Saumpferd dabei gehabt haben.

    • Kluge (1894) 283

      • mlat. Zwischenstufe paredrus wie poledrus Fohlen

        • vermutete Zwischenstufe :: belegtes poledrus 'Fohlen, Pferd' 294

      • das zum Dienst auf Nebenlinien bestimmte Postpferd

        • Para- kann man verstehen als Neben- :: Haupt- oder seitlich.

        • Kluge (2013) 697 'Beipferd zum Postpferd auf der Nebenlinie'
          verbindet die Korrektur "Beipferd" mit der alten "Nebenlinie".

      • verêdus Kurierpferd (zu kelt. rêda Wagen)

    • LewPed

      • para-uerēdus 'spare horse = Ersatzpferd'

    • Pfeifer

      • Gall.-lat. verēdus ist, ... eine präfigierte kelt. Bildung zu dem unter ↗reiten (s. d.) behandelten Ansatz ie. *reidh-


  • ve-

    • Holder: nach Ernault gebildet mit präfix ṷĕ-, vĕ-, en bas...; nach Brugmann und Stokes ṷĕ-, vĕ- weg von, ai. va, ava... = aind. अव áva 'ab, herab'

    • TH

      • wie griech. ὑποζúγιον hypozýgion 'unterm Joch > Zug-, Lasttier', vgl. Lydos

  • veredos

    • Etymologie:

      • Festus 2": quod veherent redas = weil sie die Kutschen zogen

      • Isidor 6": quod vias publicas currant 'weil sie auf den Straßen liefen

      • abweichende Schreibung veraedus, βεραίδος veraidos legt nahe, dass reda 'Kutsche' zu reiten gehört.

    • Bedeutung:

      • Codex Theodosianus: paraveredorum onere = Last der Beipferde

        • Man muss wohl 'Traglast' verstehen , sonst sollte man redarum onere 'Wagenlast' erwarten. Oder ging's um die Last = Fracht, die die Pferde ziehen müssten?

      • Ausonius: cisium aut pigrum cautus conscende veraedum | non tibi sit reda, non amor acris equi. = Steige vorsichtig auf ein Gig oder einen faulen Gaul, du verdienst keine Kutsche, keine Liebe eines schnellen Rosses.

        • Ausonius gebraucht cisium und veredus parallel zu reda und equus.

        • Man kann daraus schließen, dass reda und equus was Besseres waren,

        • aber nicht, dass veredus ein Reitpferd war. Es ist wohl einfacher einen Ackergaul zu reiten als ein Reitpferd vor einen Wagen zu spannen.

      • Johannes Lydos: wie Veredarios 'Reiter' bis heute genannt wird. Veredi scheinen aber bei den Weströmern die Pferde unterm Joch zu sein, die die Wagen ziehen.

        • Johannes kennt nur veredarios 'Reiter' und erschließt aus der Etymologie, dass veredus ein Zugpferd gewesen sei.

      • LewPed (mitgeführtes) Ersatzpferd (zum Wechseln),

        • war beim cursus publicus nicht nötig, da es Stationen zum Pferde wechseln gab, wohl aber bei privaten Reisen.

        • ⒢ Para- deutet nur die Position oder Richtung an, nicht 'anstatt'. Man muss übersetzen 'Beipferd', wozu es diente, kann man ohne Quellenbeleg nur raten.

      • Niermeyer:

        • Parafredum onustum saumate 'Saumpferd'

        • sedens in palefrido 'zu Pferd'

    • Veredus war wohl ein vulgäres Wort wie unser Gaul und veredarius der Reiter (wie lat. equus / eques, cheval / chevalier).

  • nkelt. Entsprechungen:

    • Kluge, Pfeifer: cymr. gorwydd Pferd, Renner, Zelter 207

      • gor- < gwer- < kelt. ver- über,

      • cymr. gorwydd *[goruið] < [ruið] 'Pferd', nicht [gorwəð]

    • weiteres nkelt.:

      • gael. fo-rth-an 'Gestüt' 167

      • Manx fo-raad 'unterwegs' 76

      • zu vereda 'Weg, Straße'? 2,205

        • span., port., kat. vereda 'Fußsteig, Pfad'

  • *be- oder ve-?

    • Beta wird seit byzantinischer Zeit [v] gesprochen, aber im Lateinischen und Deutschen immer noch mit b wiedergegeben. Das entspricht den westlichen Aussprachegewohnheiten, dass b am Wortanfang als Verschlusslaut gesprochen wird.

      • Ein griech. βέρεδος wäre also nicht als veredus ins Lat. übernommen worden, wie CNRTL annimmt.

      • Damit entfällt auch meine Anknüpfung an βερεδ- ausreißen.

    • Umgekehrt ist Beta Lautersatz für das verlorene Ϝ [w]. Bέρεδος ist also westliches Lehnwort im Griech. und nicht umgekehrt.

  • Wegen para- nicht kelt. TH

    • deutliche Lehnübersetzung von párippos.

      • griech. παρά pará 'daneben, dabei'; Präp. + Gen. 'von, bei, neben; + Akk. 'neben, bei, an; wider, gegen, entgegen, zuwider; außer, darüber ... hinaus; im Vergleich mit, im Wechsel mit'; als Präfix: 'neben, bei, nebenher; hin, hinan, hinzu; daran vorbei, darüber hinaus; ein Verfehlen, Übertreten; Übertreffen; fehlerhaft, irrig; Widerstreiten, Verneinen; Umänderung' 1233f

      • Aber warum para? 'Beipferd' hätte man im Lat. nicht so prägnant ausdrücken können und mit additus / subsidiarius / auxiliarius umschreiben müssen.

    Grundbedeutung von paraveredus:

    • AWB: paredrus est vilis equus 'pareveredus ist ein minderwertiges Pferd'

      • zum Ziehen zu schwach, also Warmblut :: veredus 'Kaltblut'?

      • verächtlicher Ausdruck, vulgäres Wort der Unterschicht?

      • Bauernpferd ("Gaul")?

      • nicht rassenrein

      • aus parà- 'fehlerhaft' erschlossen?

    • Ich hab mich schon immer gewundert, dass ein so spezielles Wort in Mitteleuropa zum Gattungsnamen werden konnte. Das wäre etwa so, wie wenn man alle Fahrzeuge "Beiwagen" nennen würde.

    • 'Beipferd' (wie Beiwagen beim Motorrad)

      • ⒡ wörtliche Übersetzung von parhippus,

        aus der sich aber nicht die konkrete Bedeutung ergibt, die man nur aus dem Kontext erschließen kann.

        1. Zelter 'Passgänger' kann man ja auch verstehen als 'Camper'.

        2. und umgekehrt kann man aus der Bedeutung nicht erschließen,

          1. was ein Zelter-Pferd ist und wozu man es verwendet

          2. warum der Camper in einem Zelt wohnt.

    • Zugpferd "unterm Joch"

    • 'Passgänger'

      • ⒡ die durchgängige romanischen Bedeutung

      • Zelter-Pferde eignen sich besonders zum Reiten, also auch als Kurierpferde.

      • Für die Grundbedeutung 'Zelter < Reitpferd' spricht

        • der mhd. Sprachgebrauch: "pfert ist der regel nach immer das reitpferd, das streitross dagegen ros oder ors."

  • Warum veredus und nicht epos oder equus?

    • Der ererbte Tiername war inzwischen durch kelt. marcos, roman. caballus bzw. germ. hros ersetzt worden.

    • also wohl eine Spezialisierung, die durch die bisherigen Vokabeln nicht abgedeckt war:

      • reiten :: fahren

      • Kutsche :: Ackergaul

      • Post :: zivil :: militärisch

      • Tölt :: Trab

Klärung

  • ve-redos > βεραιδος ve-raidos (Holder, Pokorny)

    • also zu reiten

  • Verwendung:

    Damit scheint klar zu sein,

    • veredus 'Zugtier' (Kaltblüter)?

    • paraveredus 'Pferd, das neben dem Wagen bzw. nicht vorm Wagen läuft, als Reit- oder Lasttier' (Warmblüter)?

Erklärung

  • Es spricht nichts gegen ve-redos.

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HeinrichTischner

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Datum: 2019 | Aktuell: 17.11.2020