Diskussion putzen

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

 

Befund

  • mhd. Dief (1857) 371

    • mundare '... schon machen und seubern'

    • mungere ... liecht ab-butzen ...

    • 401 ornare '... aufmutzen... schoen o. vnsuber machen

  • fnhd. 14b" butzen, 'schmücken, säubern, ausschneiden (unklar)'

    • 15a" putzen 'schmücken'

    • 16° butzen '(Docht) schnäuzen; (Raum) reinigen; (Geflügel) ausnehmen'

    • Alberus (1540/ 1975) KK ij

      • Ich butz / Mungo, & con schneutz / brech ab. Emungo, ich butz wol. Emungo lucernam, nasum. Exscipio narium excremen rastrophio, ich schneutz mich mit schneutz thůch

      • = 'Ich putze'

      • Mungo, commungo 'schnäuze, breche ab

      • Emungo 'ich putze gut.

      • Emungo lucernam, nasum 'ich putze das Licht, die Nase' = Exscipio narium excremen rastrophio 'ich schnäuze mich mit dem Taschentuch'

    • Maaler (1561)

      • Butz, (der) Rotz, Mucus, Myxa, myxæ.
        Butzen / aufbutzen, Seübern. Comere [kämmen, schmücken]
        Die nasen Butzen ode schnützen. Emungere

    • Schönsl  (1618 / 32)

      • Butzen / purgare [reinigen], tergere, detergere [(ab)wischen], arma tergere waffen butzen

  • nhd.

    • Adelung (1793-1801) Putzen, verb. reg. act. einem Dinge ein zierliches, ein angenehmes Ansehen von außen geben.

      • 1) Überhaupt und eigentlich, durch Wegnehmung dessen, was dem Auge unangenehm ist, und zwar zunächst durch Wegschneidung dessen, was dem Auge mißfällt oder demselben überflüssig zu seyn scheinet. In diesem Verstande putzt der Gärtner die Bäume, wenn er die untauglichen, verdorbenen oder überflüssigen Zweige wegschneidet. Das Licht putzen, durch Wegnehmung des überflüssigen ausgebrannten Dochtes. Den Bart putzen, ihn scheren, mit dem Schermesser wegnehmen...

      • 2) In noch weiterer Bedeutung, das Ansehen eines Dinges durch Wegschaffung alles dessen, was das Auge beleidiget, verschönern, diese Wegschaffung bestehe nun in einem Reiben, oder in einer andern Handlung. Die Schuhe putzen. Sich die Nase putzen, sich schneutzen. Das Gewehr putzen, es glänzend reiben. Kupfergeschirr, Silbergeschirr u. s. f. putzen, wenn man es glänzend reibet. Die Schuster putzen die Absätze durch Glätten. Die Mäurer putzen ein Haus, eine Wand ab, durch Ebenung des Mörtels oder Gypses u. s. f.

      • 3) Figürlich und in engerer Bedeutung putzet man, theils wenn man die Theile eines Ganzen in eine dem Auge angenehme Lage bringet, theils auch, wenn man das Äußere eines Dinges durch hinzu gesetzte Zierathen verschönert ... In dem letzten Falle ist es besonders von Kleidungsstücken üblich, und da putzt man sich, wenn man zierliche Kleider anlegt, und sie durch äußere dem Auge angenehme Nebendinge verschönert. Ein geputztes Frauenzimmer. Sie sind ja heute recht festlich geputzt. Daher das Putzen.

Theorien

  • Adelung (1793-1801)

    • Anm. Im Nieders. gleichfalls putzen, im Schwed. putsa. Das tz zeiget schon, daß dieses Wort ein Intensivum oder Frequentativum ist, dessen Stammwort puten lauten würde, und, wie aus den ersten Bedeutungen erhellet, schneiden bedeutet haben muß.

    • Wir haben wirklich ein Zeitwort, welches ehedem beiten, batten, lautete, schneiden, stechen und schlagen bedeutete, und mit dem Franz. battre, dem Latein. battuere und putare in amputare, genau verwandt ist, ... Von diesem ist unser putzen ohne Zweifel das Intensivum.

    • Das veraltete mutzen, für putzen, ist auf ähnliche Art das Intensivum von dem ehemahligen meiden, schneiden, so wie unser schneutzen, welches nur noch von dem Lichte und der Nase gebraucht wird, das Intensivum von schneiden seyn kann, wenigstens so fern es von dem Lichte üblich ist.

    • Im Nieders. ist peit sauber und nett gekleidet, welches mit dem Lat. putus genau überein kommt.

      • Adelung wusste noch nicht von Lautverschiebungen, daher irrelevant.

  • Grimm (1860) 2,594f

    • jenes butze (larva) suchte ich früher mit bôʒen, stoszen zu verbinden, und nahm zu diesem ende ein bieʒen bôʒ buʒʒen an ...,

    • welche annahme ich ... umsoweniger Lachmann hätte zur last legen sollen, als der verhalt von butzen: bôʒen durch den analogen von stutzen: stôʒen bestärkt zu werden scheint. ist nun stutzen ein abstoszen, so darf auch butzen ursprünglich ein abboszen gewesen sein und butze ein stoszender, boszender, bochender geist.

    • der vorstellung des reinigens, schmückens und kleidens träte man dadurch wieder nah, dasz auch dem reinigen ein abstoszen des unrats zum grunde liegt und sehr auffallend heiszt stutzen in kleidern prangen, stutzer ein sich putzender, zierender.

    • freilich die starken verba bieszen bosz, stieszen stosz werden sich niemals aufzeigen lassen und sind durch die reduplicationen boszen biesz, stoszen stiesz längst verdrängt.

    • der analogie von butzen und stutzen kommt zu statten, dasz auch im identischen mutzen, mutilare [verstümmeln, stutzen; vermindern, verkürzen] ein stutzen zu erkennen war ... und wenn es für murzen steht, das unter 11 erwähnte butzen = burzen doch herangezogen werden darf.

    • verwandtschaft zwischen butzen und dem lat. putare, amputare wird sich nicht leugnen lassen, dahin gestellt bleiben musz eine mit posse, nnl. poets ... altn. bûta truncare.

  • DEt (1894) 219

    • putzen, früher butzen, mhd. butzen; vielleicht von butze = Unrat, Wertloses, also zunächst [soviel wie] den Unrat beseitigen.

  • Wasserz (1922) 189

    • putzen, [mdt.] butzen, [vielleicht urverwandt lat.] puto 'reinigen ]...

  • DEt (1963)

    • 92 Butzen m „Klumpen, Unreinigkeit, Kerngehäuse des Obstes, Kerzenschnuppe": Das bes. südwestd. Wort, zuerst im 15. Jh. belegt, gehört wohl mit niederd. butt „stumpf, plump" zu dem im Nhd. untergegangenen Verb mhd. bōzen, and. bōzan „schlagen, stoßen, klopfen" (vgl. Amboß) und bedeutet eigtl. „abgeschlagenes, kurzes Stück". Wahrscheinlich verwandt ist der zweite Bestandteil von Hagebutte (mhd. butte „Hagebutte")...

    • 540 putzen: Das seit dem 15. Ah. bezeugte Verb, das früher auch 'butzen' geschrieben wurde, ist von dem unter Butzen „Unreinigkeit, Schmutzklümpchen, Klumpen" behandelt Wort abgeleitet. Es bedeutete demnach urspr. „den Butzen (am Kerzendocht, in Nase) entfernen". Aus diesem Wortgebrauch entwickelten sich die allgemeinen Bed. „reinigen, säubern, schmücken" und spezielle Bed. „Wände mit Mörtel bewerfen." An die letztere Bedeutung schließen an Putz m „Mörtelverkleidung, Mauerbewurf" (18. Jh.) und verputzen „Wände mit Mörtel verkleiden", dazu Verputz „Mauerbewurf". Von der Bed. „reinigen, saubermachen" gehen aus verputzen ugs. für „aufessen, völlig verzehren", herunterputzen ugs. für „derb zurechtweisen, ausschimpfen" (beachte auch ab-, ausputzen und Putz es „das Säubern, Schmuck, Zierrat" (17. Ah.), beachte z. B. die Zus. Hausputz und Putzmacherin.

  • Kluge|2002

    • putzen Vsw std. (15. Jh.), fnhd. butzen "schmücken", älter "sauber machen" Nicht etymologisierbar. In älteren Formulierungen wie Bäume putzen oder den Bart putzen geht das Wort offensichtlich auf l. putāre, amputāre "ausschneiden, putzen" zurück. In der weiteren Bedeutung (das Haus putzen usw.) konkurriert die Möglichkeit der Ableitung von butz "Unreinigkeit", also "Unreines entfernen". Vielleicht sind hier auch Sekundärmotivationen mit im Spiel. Der Übergang zu "schmücken" ist denkbar, aber nicht nachzuweisen; vielleicht handelt es sich um ein anderes Wort. Putz "Oberflächenmörtel" geht wohl von "schmücken" aus.

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • putzen Vb. ‘reinigen, säubern, glänzend machen, (sich) schmücken, festlich kleiden, schönmachen’.

    • Die Herkunft des seit dem 15. Jh. nur im Dt. bezeugten Verbs (schwed. putsa, nl. poetsen sind Entlehnungen aus dem Nhd.) ist ungeklärt.

    • Allgemein wird frühnhd. butzen, putzen als Ableitung von obd. Butze(n) m. ‘abgeschlagenes, kurzes Stück, zähe Masse, Schlacke, Klumpen, Schmutzklümpchen’, speziell ‘verhärteter Schleim der Nase, Eiterflocke, Schnuppe der Talgkerze, Kerngehäuse des Obstes’ (15. Jh.) aufgefaßt und als verwandt mit nd. butt ‘stumpf, plump’ und vielleicht mit mnd. böten, ahd. mhd. bōʒen ‘stoßen, schlagen’ (s. Butzenscheibe) angesehen.

    • Hierzu möglicherweise auch obsächs. Eiter-, Erd-, Grasbatzen, die dann freilich unter Veränderung des Stammvokals an Batzen (s. d.) angeschlossen sein müßten.

    • Frühnhd. butzen, putzen bedeutet danach eigentl. ‘von Butzen befreien’, bes. (in den frühesten Belegen) ‘die Nase, eine Kerze säubern’, daraus die allgemeinere Bedeutung ‘von Schmutz reinigen, säubern, blank machen’, auch ‘schmücken’ (alle 16. Jh.), später die spezielle Bedeutung ‘(Mauerwerk) mit Putz, Mörtel bewerfen’ (18. Jh.; dafür auch abputzen).

    • Anders Bach in: ZfdSpr. 22 (1966) 78 ff., der putzen zur Wortgruppe von Buße, büßen (s. d.) im Sinne von ‘Besserung’ bzw. ‘bessern’, damit auch zu besser (s. d.) stellen will. Er setzt lautgesetzlich zu erwartendes mhd. *bü(e)tzen und für den Stammvokal (germ. ō, ahd. uo) westmd. ū voraus, das vor Doppelkonsonanz gekürzt frühnhd. butzen, putzen ergeben habe. Danach seien die frühesten Bezeugungen als ‘(eifrig, mit Nachdruck) besser machen’ aufzufassen; ein Licht putzen (mit der Lichtputzschere) bedeutet danach ‘seine Leuchtkraft bessern’, die Nase putzen ‘den dem Besitzer nicht behaglichen Zustand der triefenden Nase bessern’, Mauerwerk (ver)putzen ‘es gegen die Einflüsse der Witterung wiederstandsfähiger machen, seinen Zustand bessern’, woraus sich ‘reinigen, schmücken’ ergeben habe.

    • Ganz anders de Vries Nl. 535, der Substantiv und Verb an frühnhd. posse, bosse ‘Zierat, Beiwerk’ (s. Possen) anknüpfen möchte.

    • Putz m. ‘Mörtel, Wand-, Deckenbewurf aus Mörtel, Mörtelverkleidung’ (19. Jh.), älter, heute selten ‘schöne Kleidung, schöne Frisur’ (Anfang 18. Jh.), ‘Gegenstände zum Schmücken, schmückendes Beiwerk, Zierat’ (Ende 16. Jh.). Verputz m. ‘auf Mauerwerk (Wände, Decken) aufgetragene Mörtelschicht’ (19. Jh.); verputzen Vb. ‘mit Putz versehen, mit Mörtel bewerfen’ (19. Jh.), landschaftlich ‘gierig (auf)essen, schnell verbrauchen, vergeuden, (Geld) ausgeben’.

     

Diskussion

  • zu den Theorien:

    • butzen / mutzen (Adelung, Grimm)

      • Grimm (1885)

        • mutzen = mutilare 'verstümmeln, stutzen' > 'Kleider kürzen > schmücken'

        fragwürdig

    • zu lat. putare 'schneiden' (Adelung, ?Grimm, Wasserz)

      • nur Sonderbedeutung 'Pflanzentriebe kürzen' und amputare, deputare

      • b/p wie in bunt < punctus

    • wie stoßen / stutzen zu bōzen 'stoßen' (?Grimm)

      • Die überlieferten Bedeutungen weisen nicht auf 'schlagen, stoßen'

    • zu Butze 'Unrat' (DEt 1894, DEt 19639, Pfeifer)

      • 'Unrat' ergibt sich aus 'reinigen'; Butze ist eher 'Klumpen'.

    • mehrere Stämme putare, Batz / Butz (Kluge 2002)

      • Das wurde auch bei putare vermutet: 1. 'reinigen', 2. 'erforschen, verständig sein', 3. 'schlagen'

    • zu büßen 'bessern' (Bach)

      • Dagegen spricht b / p, das doch eher romanisches / nwgerm. p ist,

      • Buße < buoze < bōta, mhd. büezen, bützen,

        • nicht 'schönmachen und säubern', sondern 'ausbessern, reparieren (Grimm)

    • zu bosse, posse 'Zierwerk' (de_Vries)

      • < frz. bosse 'Buckel, Höcker, Beule, Relief, erhabene Arbeit, Gipsabguss', zu bōzen (Pfeifer)

  • Bedeutungsentwicklung:

    • die ältesten Belege haben:

    • Das führt also eindeutig zu putare 'Pflanzentriebe > Bart kürzen' wie Adelung zeigt.

Erklärung

  • < lat. putare 'bereinigen, in Ordnung bringen; (Bäume, Weinstöcke) beschneiden'

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019