Diskussion räss / rezent

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Befund

  • räss

    • Adelung (1793) 940

      • Räsch, -er, -este, adj. et. adv. welches im Oberdeutschen am üblichsten ist, wo es in doppeltem Verstande vorkommt.

        • 1) Von harten Körpern, welche einen solchen Grad der Härte haben, daß sie im Zerbrechen oder Zermalmen rauschen oder knirrschen, sagt man, daß sie räsch seyn ...

        • 2) Von Dingen, welche einen scharfen Geschmack haben, sagt man im Oberdeutschen gleichfalls, daß sie räsch seyn oder räsch schmecken, wo es auch wohl räß, reisig lautet; bey dem Hornegk raz.

    • DWB 14,154-56 räsz

      beiszend, durchdringend Stalder 2, 259

      • schwäb. räs, was die zunge reizt, frisch, thätig, streng, sehr geputzt Schmid 425

      • bair. räsz, scharf, heftig, mutig Schm. 2, 137 Fromm.

      • tirol. rass, von scharfem geschmacke, und bildlich, heftig, beiszend Schöpf 535

      • fränk. räsz, scharf, herb Fromm. 6, 469

      von schriftstellern dieser gegenden bis ins frühe 18. jahrh. auch in der schriftsprache verwendet. 

      • 1) räsz, beiszend, stechend, vom gebisz und ihm ähnlichen

      • 2) scharf, beiszend, stechend auf der zunge, scharfen geschmacks, von gewürzen und damit versehenen speisen und getränken

        • z. B. von Wein, Essig, Gewürze, Käse

      • 3) scharf, beiszend, auf der haut

      • 4) scharf, schneiden ins ohr

      • 5) räsz, scharf, bitter, heftig, von worten und handlungen

      • 6) von Personen: schneidig

    • Schweizerisches Idiotikon digital 6,1269ff

      • rāss (bzw. rōss I), rāz, rä̂ss, râz

        • 'scharf: scharf geschliffen, schneidend; ätzend; vom Geschmack: sauer, gewürzt, gesalzen, von Käse; uneigentlich 'gepfeffert, gesalzen'; von Wind, Hieb, Ton, Worte, Hund; streng, resolut, unfreundlich; sehr lüstern; [rasch,] eilig, schnell; Töne: rau, tief, dumpf'

    • WDW (2004 ff) räß Adj.:

      • 1.a. gärend (v. Most) ...

      • b. streng schmeckend (v. nicht mehr süßen u. noch nicht fertig vergorenen Most) ...

      • c. scharf (v. Most im Endstadium der Gärg.) ...

      • d. Eigenschaft des zu 80-90% vergorenen Mosts ...

      • e. den Geschmack des Mosts bezeichnend, der vor dem Auspressen lange auf der Maische gegoren hat Georg. ...

      • 2.a. Eigenschaft des tw. vergorenen Mosts, der aus der Presse rinnt ...

      • b. den Geschmack des zuletzt mit hohem Druck gepressten Mosts bezeichnend ...

      • c. geschmackl. Eigenschaft des Mosts gegen Ende der Gärung ...

  • ahd.

    • rāsēn 'wahnsinnig sein' 258

    • rāzi 'heftig, wütend, wild, grimmig' 259

    • mhd. ræze,  rēze 'scharf von Geschmack, herb, ätzend; hell (Ton); bissig, wild, wütend; schneidig, heftig, wild, keck; rau, heiser'

    rezent

    • DWDS (2018)

      • rezent Adj. ‘gegenwärtig bestehend, aktuell, frisch’, Entlehnung (18. Jh.) zuerst in die Fachsprache der Biologie (für die in der Gegenwart existierenden Tier- und Pflanzenarten), dann der Medizin (für neuerliche Infektionen oder Verletzungen)

    • Schweizerisches Idiotikon digital 6,1921f

      • rezë´nt, auch ressënt 'scharf von Geschmack, pikant, prickelnd, von Wein; stark, von Wein und Schnaps, Früchte, Speisen; auffahrend, empfindlich, aggressiv, spitz'

        • DC (1883-1887) recentatum vinum 'durch Zusätze verbesserter alter Wein'

    • WDW (2004 ff) rezent Adj.:

      • wohlschmeckend (v. Wein)

Theorien

  • räss

    • DWB 14,154

      • mit sanskrit. wz. rad kratzen, ritzen, hacken, nagen, rada zahn, lat. radere, rodere zusammengestellt ...

    • WDW (2004 ff) räß Adj.:

      • Etym.: mhd. raeze, (md.) rēze 'scharf von Geschmack, herb, ätzend', ahd. rāzi, weitere Herk. unklar.- In Kluge u. Lexer wird Verw. mit lat. radere, rāsum 'schaben, kratzen' ... od. lat. rōdere, rōsum 'nagen' ... für denkbar gehalten; wegen des Umlts. ist aber ein i-haltiges Etym., vgl. *rōdicāre 'dass.' ... vorauszusetzen, falls überhaupt Entl. vorliegt

  • rezent

    • DWDS (2018)

      • von lat. recēns (Genitiv recentis) ‘frisch, neu, jung, unlängst’. Allgemein auch (aus der Apothekersprache) ‘erfrischend, pikant, säuerlich’.

    • nicht < frz. récent, it. recente, die beide nur 'neu' bedeuten.

Diskussion

  • Rezent als Geschmacksrichtung deckt sich auffallend mit räss:

    • nur süddeutsch

    • räss 'scharf', schwäb. 'frisch', fränk. 'herb' - rezent 'erfrischend, pikant'

    • von Käse und Wein

  • In der "Apothekersprache" bedeutete recent 'frisch geerntet, nicht getrocknet', daher noch aromatisch.

    • In der Schweiz vermischen sich die Bedeutungen von räss 'scharf schmeckend, resolut' und rezent 'scharf schmeckend, aggressiv'.

    • Vgl. rasend 'schnell' x rasant 'entlang bewegend an > schnell'

  • ahd. rāzi  'heftig, wütend, wild, grimmig' und ræze,  rēze 'scharf von Geschmack, herb, ätzend; hell (Ton); bissig, wild, wütend; schneidig, heftig, wild, keck; rau, heiser' führen zu *rati- 'beißend'. Die Geschmacksrichtung ist also sekundär, die Ähnlichkeit mit rezent Zufall.

  • Verblüffend ist die Ähnlichkeit mit and. wrêt 'gedreht > wild, heftig, streng... herb, sauer, bitter...' 596, das aber auf *wreid- zurückgeht. 1169f  

Erklärung

  • vgerm. *ʊrēdios 'beißend' > räss

  • recens 'frisch, nicht trocken'

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Aktuell: 10.02.2019